Ausgabe 16

  • 13/12/2025

Vorwort #16

Liebe Leserin,
falls du schon länger die Ausgaben der KLW verfolgst, wirst du bei dieser merken, dass wir uns ausgiebig bemüht haben, keinen Text ganz alleine stehen zu lassen, sondern stets von der zugehörigen Autorin zu sich selbst und dem literarischen Stück noch weitere Informationen zu erfragen. Falls dies die erste KLW ist, die du in den Händen hältst: Danke, dass du uns eine Chance gibst, auch du wirst ebendiesen Aspekt vermutlich bemerken. Für uns ist das eine Notwendigkeit: Der Versuch, gegen die Anonymität anzukämpfen, die uns in dieser digitalen Welt so ständig umgibt und ein wenig mehr Menschlichkeit und Kontakt in diese Seiten einzupflegen.
Ob es die Zeitschrift verbessert? Das kannst im Endeffekt nur du uns sagen.
Mein Rat zum Lesen ist aber erstmal derselbige, wie zum Schreiben:
Hab Spaß!

HINWEIS: IN DIESER ONLINE-AUSGABE BEFINDEN SICH NUR PRIMÄRTEXTE. FÜR DEN GENUSS EINER GEDRUCKTEN UND VOLLSTÄNDIGEN AUSGABE (mit Autor:innen-Interviews, Hintergrundinformationen, grafischen Elemente, Rezensionen, etc.) KONTAKTIEREN SIE UNS PER MAIL (autorenseelsorge@literatur-wuerzburg.de) ODER BESTELLEN SIE EIN EXEMPLAR AUF liberladen.org.


Mut zum Aufbruch

Eine Bekannte hat mich letzt gefragt,
Ob ich nicht mal was veröffentlichen mag.
Nicht so ne olle Büttenrede, was mit Stil,
Über Emotion, Gedanken und viel Gefühl.
Ohne Saufen und ohne Sex,
ein literarisch hochwertiger Text.
»Schreib‘ doch mal was für die KLW!«
Damit ich mal in der Zeitung steh.

Also hab ich mich an den Text gesetzt,
und ich muss sagen, ich mag ihn jetzt.
Das Thema heißt ja diesmal „Aufbruch“,
Und reimt sich schonmal ganz gut auf Saufspruch.
Aufbruch kann Veränderung heißen,
heißt Diskussion in vielen Kreisen.

Ich mein‘ nicht, dass sich alles ändern muss,
doch das ein oder and’re, wäre schon ’n Plus.
Ich geb nochmal einen Tipp für die Fährte,
politische und gesellschaftliche Werte.
Wie eine Nussschale beim Knacken aufbricht,
stünd‘ uns so ein Aufbruch schon gut zu Gesicht.
Und wenn Markus Söder von »Damenunterleib« spricht,
seh ich mich zur Aufklärung wohl in der Pflicht.

Aufbruch ist mit Hoffnung verbunden,
Und um das Gedicht noch abzurunden,
will ich euch diese Ängste nehmen,
Äußert euch auch zu unbequemen
Dingen und politischen Themen.
Für Meinung braucht sich hier keiner schämen!


Mir träumte mich holte ein Bus voller Queers

Mir träumte mich holte ein Bus voller Queers. Er kam aus Köln und fuhr gen Süden Richtung Großbritannien, ich stieg ein und man lachte auf den Fahrsitzen mit scheckigen Mustern plüschig, die gelben Haltestangen ein Schilfmeer mit Perlenketten, zweckentfremdet. Von hier aus versuchten wir, die Welt zu re-interpretieren, wir fuhren auf problematischen Autobahnen, auch wir mussten uns an die Verkehrsregeln halten aber alles in allem war das die Fahrt meines Lebens.

Bis hierher kannte ich nur die Kleinstadt in ganz absurder Konstellation, man konnte nur von seiner Parzelle ausschwärmen und die gab mir die Scham mit

sie hatte sich breit gemacht zwischen Adamsapfel und Magenschleimhaut,
gleich als ich zum ersten Mal in einem Raum voll Menschen stand, sie umzingelten mich
zu körperhaft

und als mich später doch mal welche verlegen machten, verlangte man gleich Rechenschaft, dass sich das nicht analysieren ließ in Exemplare eines spezifischen Phänotyps,

und die Umwelt gespickt mit Sehnsuchtsobjekten in schwindelerregender Karusselfahrt –

und ich lese immer wieder von Feigenblättern.

Man stellte fest, dass ich nie einen Beitrag leistete, nicht zur Erhaltung der Art und weniger noch zur Vermehrung des Kapitals,

es verstrichen die Jahre in denen ich nach sinnvollen Pflichten suchte, gänzlich erfolglos,

bis ich schließlich an einem friedlichen Sommertag las, dass uns – Zitat – kulturhistorisch der weibliche Tunichtgut fehlt, und ich beschloss, einer zu werden. Ich wollte keinen Tag mehr Geld verdienen und das auf feministische Weise,

ich musste altern, um zu atmen.

Auch jetzt wird mir die Luft manchmal dünn zwischen Auftragskunst und Antragslyrik,

im Call mit Frau Heinzmann vom Arbeitsamt die mich auch nicht wird eingliedern können, als modernes Subjekt bin ich wie die meisten hier

moderat befreite Schönheit,

eine Phase, die sich zuspitzt.


Ins Nirvana – ein Antiaufbruch

Es gibt ein Sprichwort im Norden: In der fettesten Pflaume sitzt die Made. Bedeutet: Was süß aussieht, fault. Das hier ist die hohlste Frucht von allen. Ich denke, spielt den gleichen Song nochmal, tipptipp, Herz verschenkt, so schnell geht’s. Sonst verschenke ich nichts so schnell.

»Mama zuhause« leuchtet auf, ich wische sie weg mit einem Zungenschnalzer. Alle wollen sie was. Fuck. Massentierschreien – kurz erschrocken. Ich schaue nicht in die Mitte des Bildschirms, nein, ich mache nicht, was ihr sagt, also nicht sofort. Jemand sagt etwas Schlaues, was ich schon lange dachte. Endlich. Hierfür habe ich hart gekämpft. Aller Content ist erst mal gut, solange – hey, Unendlichkeit, Hellau, Alaaf, Kölle. Sweet Vogelnest auf deinem Kopf, trinkt was für mich mit. Nein, du nicht mehr, du hattest genug.

Mein Hirn zersetzt sich hier auch langsam. Weiß ich selbst am besten, wann es reicht. Wo es diesig wird, ist meine neue Heimat, abseits der Realität. Aber was ist schon real? Reels sind real, deshalb heißen sie so. Bling, Geburtstagseinladung. Keine Zeit, bin beschäftigt.

Selenskyj ist hot, war er, bevor der Krieg ausbrach. Seine Augenringe, damn, sad. Weine nur fast, weil anstrengend. Bekomme davon Kopfschmerzen. Und was soll’n der Weltschmerz? Lasse Liebe in den Kommentaren, viele Emojis mit wenigem Tippeln, für das Zeigen von Emotionen, die wenige Sekunden dauern und in Viertelsekunden überscrollt werden. Schon auch stressig, liegen und wischen, Hand wird kalt.
Ich sollte mich um meine Wäsche kümmern, die nass in meiner Maschine mit jeder Stunde gammliger wird. Trump wieder. Witz oder nicht? Schon Lachyoga probiert? HAHAHA, HAHAHA. Hilft instant. Breiiges Hirn kickt. German Brainrot. Kartoffelpüree ist Werkeinstellung. Können das nur Deutsche. Krasser Skill, direkt stolz.

Das bedeutet deutsch sein: teutonisch getrieben auf der Suche nach falschen Antworten auf berechtigte Fragen durch die heilige Bubble scrollen. Mein Tinnitus meldet sich. „Entspannung“, sagen sie. „Atmen“, sagen sie. Den Körper spüren. Ich will nichts spüren. Das hier ist meine Gönnung. Essen brauche ich nicht. Ob wir uns in unserer Simulation nur durch Licht ernähren können? Wer weiß das, wenn nicht die Leute in meinem gechippten Kopf. Jetzt Chips.

Ich quäle mich auf, mit dem Handy in der Hand ins Bad. Bildschirm schwarz, dunkle Pause. Mein Mund im Spiegel zieht einen komischen Winkel und schmiegt sich grau um mein Kinn. Ich fühle mich stumpf. Tütensuppe machen zu aufwendig. Energie reicht noch fürs Zähneputzen. Wieder heftet mein Blick am Bildschirm.

Ich schlurfe ins Schlafzimmer, sinke ein. Intellektuell ist mein Hirn Teil der Matratze, angenehm passiv. Im Rausch des Berieselns dämmern, alles Empfinden surreal. Müsste mal wieder Rücken machen. Hartes Training. Lohnt sich das noch wegen der Apokalypse? Aber jetzt reicht auch erstmal auf die andere Seite wälzen. Und unter uns, von Kartoffel zu Kartoffel: Wie hoch ist eigentlich deine Screentime? Oh, wow. ASMR, fühl ich krass, aber was er labert –

Dummheit, bestes Stilmittel. Wenn die grauen Zellen verrotten, sind sie dann sich selbst kompostierender Biomüll? Sind wir schon da?

Was ich weiß: Meine Wahrheit ist richtiger. Der Algorithmus ist die Muttergottes. Zeichen und Muster sehe ich nach dieser Hirnwäsche, während meine Wäsche –
Meine Augen geküsst, wir wissen so vieles. Realität ist biegsam wie Schlangenmenschen. Wir alle eins, einer Art. Sind wir da?

Fünf Uhr früh und Schlafparalyse. Dopamin im Trinkwasser, die Wolken geimpft rosa.

Du ziehst mich an der Hand durch die Massen, vorbei an Straßenkünstlern, verhüllten Gestalten, weit raus, als hinge Leben davon ab. Nichts aus dir kam erwartbar. Schönes Chaos. Es schmilzt unter unseren Sohlen. Du und ich auf schlüpfrigem Gebiet, kreiseln, bis nichts als Verschwommenes übrig ist, einig. Ich blicke in ein waberndes Gesicht. Es sagt: »Nichts Besonderes hier außer dir.«

In mir ein langes Sehnen, ein einziges Seufzen. Am Morgen des fünften Sonntags nach Trinitatis rufe ich Muttern an. Im Haus hinter der Gardine sorgt sie sich. »Mein Liebes, fahre hinaus, wo es tief ist.«


Pony am Hof

Ein Pony am Hof,
einsam und mutterseelenalleine,
Rauchschwaden sammeln sich vor mir.
Ich stehe auf und warte,
solange bis Wolken aufbrechen wie eine antike Vase,
die sich nach ihrem Fall entzweit.

Das Licht legt sich langsam auf den Raufrost der Gräser,
das Pony läuft zu seiner Mutter;
Wir sind zu zweit alleine.
Ein Pony am Hof,
ich stehe da und weine.


Plastikmond

In letzter Zeit denke ich öfter an Mikroplastik. Mein Freund hat mir erzählt, es sei mittlerweile überall, in fast jedem Organismus der gesamten Erde, auch in unseren Herzen und Hirnen. Dass es fast alle Barrieren durchdringen kann. Ironisch, finde ich, da es ja ursprünglich hauptsächlich als Barriere verwendet wurde, das Plastik. Darüber denke ich nach. Und über meinen Freund. Ich dachte nicht, dass ich durch ihn viel lernen würde, aber dieses Gelernte durchdringt langsam, bewegt, es ist schwerer benennbar als das andere Wissen, feinstofflicher.

Auf meinem Weg zur Arbeit liebe ich ihn am meisten, keuchend, auf dem Fahrrad, ich schreibe Liebesbriefe in meinem Kopf, wenn die Sonne kommt, ist das alles greifbar.

Wenn die Sonne scheint, ist es leichter zwischen uns, besonders im Frühjahr oder im Herbst, wenn unsere Körper nicht dazwischenstehen, wenn sie nichts verlangen an diesen Tagen. Dann ist die Zärtlichkeit zwischen uns ein besonderes Geschenk.

»Wie alt warst du, als du keine Angst mehr hattest vor Mitternacht?« Er fragt mich das, nachts, wir sitzen am Meer. Es ist Ebbe, über unseren Köpfen der Mond, er ist voll, der Strand ist leer, und mein Freund hatte noch nie Angst im Dunkeln. Nicht mal als Kind. Nicht mal um Mitternacht. »Ich weiß nicht, ob es jemals aufgehört hat. Es ist weniger die Uhrzeit geworden, als das, was die Gedanken hervorbringen, in der Nacht.« Er antwortet, dass er auch manchmal Albträume hat, aber das verknüpft er weniger mit der Uhrzeit, sondern wenn schon eher mit dem Bett, oder dem Schlaf, aber eigentlich schläft er immer trotzdem ganz beruhigt ein. »In letzter Zeit träume ich zum Beispiel andauernd vom Weltuntergang.«

Ich denke an meine Mutter, wie sie mich Ende 2011 manchmal im Arm halten musste und in den Schlaf wiegen, weil meine Angst vor 2012 so groß war. Und wie sie mich tröstete bei großen Unwettern. »Du brauchst keine Angst zu haben, solche Regentage gab es früher auch schon. Das hört immer wieder auf.« – »Aber, was wenn nicht?« – »Dann gibt es irgendwo im Tal einen See, und dann können wir dort schwimmen gehen.«

Ich erzähle ihm davon nicht. Seine Weltuntergänge sind etwas anderes als meine. Aber wir beide haben bisher alle überlebt. Ich kann spüren, wie mein Angstpegel sinkt, wenn ich seine Hand greife.

Dann gehen wir über zur Mondbeobachtung. Wir tauschen Informationen aus über ihn und wie er Ebbe und Flut macht, von so weit weg denken wir nach darüber.

In der Küstenstadt nämlich, wo wir Wellen und Wolken betrachten, dort gebe ich meinen rechten Kopfhörer in sein Ohr und lege meine rechte Seite an seine linke. So liegen wir Wange an Wange, lassen die Musik unsere beiden Köpfe durchqueren und fangen das Rauschen des Meeres zwischen unseren Ohrmuscheln ein.

Seine Augen glänzen im Licht, wenn ich nah an seiner Brust liege und ihn beobachte. Es haben seine Augen ein bisschen was von dem, was auch Wale in ihren Augen haben, ein Blick so, als hätte er schon einmal eine Welt untergehen sehen, eine andere, größere, und damit Frieden gefunden.

Ich versuche, dort am Meer die Wellen beim Wandel zwischen Ebbe und Flut zu beobachten, und den Mond auf seiner Bahn, den Sternenhimmel in seiner Drehung und die Temperatur meiner Füße beim Sinken und … antworte diesen Unmöglichkeiten immer mit der Hoffnung, dass es irgendwann gelingen könnte. Manchmal kann ich den Regen kommen riechen.

Seine Hand fühlt sich rau an und ein bisschen staubig, besonders hier in dem Sand. Und sie zu halten ist manchmal ein bisschen anders, jetzt zum Beispiel, manchmal nehme ich ihre Maße auf eine andere Art wahr als sonst, ein Verzerren, ein Dimensionsspiel. Dann fühlt es sich so an, als hätten wir zum ersten Mal seit langem unsere Nitrilhandschuhe abgenommen und einander Hände gefunden. Ein ganz neues, echteres Gefühl. Obwohl ich seine Hand doch so gut kenne. In diesen Momenten fühle ich mich ganz besonders klein und geborgen in seiner.

Es geht darum, denke ich dann, egal was ist, immer wieder dahin zurückzukommen. Das, was dazwischenliegt immer wieder abzunehmen, auszuziehen, zu durchdringen, und seine Hand zu halten, seine echte Hand zu halten. Ja, darum geht es, dann wird alles gut.

Nachts denken wir gemeinsam an den Mond, denken nach darüber, ob ich als Frau wohl mehr lebe nach seinem Rhythmus als nach dem Rhythmus der Sonne, oder nach beiden gleichermaßen, ob ich wohl manchmal zerrissen werde zwischen diesen beiden Himmelskörperrhythmen oder gehalten werde von ihnen. In der klaren Nacht finden wir keine Antworten, nur gerade so noch den Weg zu unserem Bungalow, schlaftrunken und ein bisschen ausgekühlt. Wir tragen Sand mit uns hinein, er knirscht unter den Türen.

Stunden später singen Frühmorgensvögel, ich ziehe mich an zu dem Rhythmus seines Atems, ich putze die Küche dazu, (sie ist klein und in einer Ferienwohnung,) sein Schlafgeruch parfümiert den Raum. In der Ferne kreischen Kinder, lachen, ein Hund bellt. Es gibt keine Uhrzeit.

Zum Frühstück essen wir das Innenleben von einander Brötchen, schenken einander Nahrung und Liebe: Ich ihm einen Bissen von meinem, er mir dasselbe, die Worte »ich liebe dich«, danach der Erdbeerkuss extrasüß. Ich höre diese Worte und versuche, sie wirklich aufzunehmen. Ich bitte ihn grinsend, sie nochmal direkt in mein Ohr zu sagen, dann kommt es besser an, dann ist weniger Luft dazwischen und weniger Staub und weniger Zweifel.

Tagsüber achte ich auf die kleineren Dinge, ich breite eine Handvoll Sandkörner in meiner Handfläche aus und versuche, Glas- und Plastikteilchen von echten Steinchen zu unterscheiden. Ich finde drei Teile, die entweder Insekten oder Insektenüberbleibsel sind und drei, die eindeutig menschgemacht sind, der Rest sind Steine, oder Irgendetwas, es ist wirklich schwer, das alles zu unterscheiden, ich verliere die Lust an dem Spiel und werfe am Ende alles wieder zurück ins Meer, auch das Plastik, auch das Glas.

Von ganz nah beobachte ich seine Barthaare beim Wachsen und sein Körperfett beim Schwinden, seine Klamotten, wie sie langsam von dem Zahn der Zeit zerfressen werden – und wenn ich ganz fest daran glaube, spüre ich auch meine Liebe für ihn wabern, mal wird sie kleiner, mal größer. All das in seinem Schoß, dort am Meer, wo er meine Augen vor der Sonne schützt.

Wir essen halb geschmolzene Schokoriegel, die Verpackungen legen wir zwischen uns, damit sie nicht wegwehen. Ein paar Sandkörner kleben am Ende daran, auch überall sonst, der Sand findet überall hin. Auf dem Weg zurück zum Bungalow begegnen wir einer Katze, sie gehört zu dem Grundstück, denken wir, oder vielleicht ist sie weggelaufen. Sie kommt zuerst auf ihn zu, dann auf mich, dann streift sie im Achtergang um unsere Beine. Katzen machen das immer so mit uns. Ich schicke dieser Katze Liebe durch die Luft, und es ist nicht so wichtig, ob sie ankommt oder nicht. So liebe ich ihn auch, denke ich mir. Ich liebe ihn so, wie ein Tier. Bedingungslos in meinem Leben, und auf eine Art, die mit einbezieht, dass er nicht für mich da ist, sondern einfach so, ganz zufällig. Ich denke das mit Hoffnung, vielleicht ist das ja die Lösung, einfach ein bisschen sanfter lieben, leichter, …

Vormittags gehen wir in der kleinen Stadt spazieren. Am Rand finden wir einen Sexshop neben dem Aldi Nord, ein Auto parkt davor. Kurz denke ich an meine letzte Beziehung, dass wir dort auch kurz vor der Trennung in so einem Laden waren, Spielzeuge kauften, ein letzter Versuch, wieder Freude miteinander zu teilen, aber dieses Mal ist anders, ja, wir gehen bloß ohne Ziel umher. Bereits der Parkplatz stellt einen Ort dar, an dem die Welt schon einmal untergegangen ist. Drinnen ist es mehr so. Wir schauen uns die Lack- Korsetts an, und die Zeitschriften, wir staunen gemeinsam über die großen Dildos, dann findet er bei den Kondomen eine Packung Lecktücher, die er mitnimmt. Nur so aus Neugierde, hat er gesagt, aber ich habe die Hoffnung, dass wir darin vielleicht irgendwie etwas entdecken können, etwas das uns neu antreiben könnte, irgendwas …

Wir probieren es zuhause aus, er nimmt ein Tuch aus der Packung und küsst mich damit. Das hat uns die Verkäuferin erzählt, dass man das auch machen könnte, bei Herpes zum Beispiel. Ich hab ihn dann angeschaut, aber er hatte gerade keine Bläschen auf den Lippen, also daran kann es nicht gelegen haben, dass sie es gesagt hat, sie sagt das wahrscheinlich einfach immer dazu.

Abends küsst er meine Füße in der Badewanne, die schon ganz schrumplig geworden sind, ich denke mir da, er würde mich noch lieben mit 80, wenn er so schrumpelige Füße küssen kann, dann kann er mich noch lieben mit 80.

Liege mit ihm im Bett so nah, dass er alle meine grauen Haare sehen kann, wir wussten das beide gar nicht, dass es sie da gibt, ich frage mich, wie lange sie wohl schon dort warten, auf einen Prinzen, der sie entdeckt, in einer Art Rückwärtsdornröschenschlaf.

Er lässt mir die Wahl, ob er sie reißen soll; ich bitte ihn, sie nur zu zählen, und danach mich zu küssen und mich endlich zu sehen, ganz. Danach massiere ich seinen Schädel, er brummt. Ich denke mir, so liebevoll können wir miteinander sein, ja.

Ich spüre eine Veränderung in dem, was zwischen den Dingen liegt, dort, im Kleinen, in dem dazwischen ohne Namen. »Sag mal, dieses Mikroplastik, sind da schon Effekte nachgewiesen worden im menschlichen Körper?« Aber er ist eingeschlafen, er reagiert nur mit einem Raunen und einem Schmatzen und ich schaue sein Gesicht an (sein Schlafgeruch ist sogar schon da, so sehr schläft er schon) und ich schaue jedenfalls sein Gesicht an und denke mir, dass ich glücklich bin.

Seine Wut kommt wie ein Windstoß beim Durchlüften, taucht auf, bringt neues, verwüstet, verschwindet, knallt die Türen oder stößt sie auf und manchmal bin ich ein ganzer Körper in diesen stürmischen Räumen, an dem das alles nicht rüttelt, manchmal aber auch nur ein Stück Papier, und dann fühlt es sich so an, wie ich mir das Gefühl beim Erleben einer Naturkatastrophe vorstelle. So groß, so unbeeinflussbar ist dann alles.

Obwohl ich noch nie die Entstehung eines Kratzers beobachtete (in der Wand, im Parkett), ist klar, wie sie entstehen, und dass es unabsichtlich passiert, und auch dort oben am Meer … da hat etwas einen Kratzer gemacht in irgendeine übersehbare Stelle meiner Haut, die ich später erst spürte, jetzt nämlich, wo es im Salzwasser brennt, vielleicht ist es tief.

In diesem Ozeanmoment, da zwischen den Wellen kann ich das Wetter beim Umschwung beobachten, die Luftfeuchtigkeit steigen riechen und den Regen in der Ferne; den Wind, wie er aufkommt, denke an meine Mutter vor Jahrzehnten, an diesem besonders stürmischen Nachmittag: »Du brauchst keine Angst zu haben, solche Regentage gab es früher auch schon, das hört immer wieder auf.« – »Aber, was wenn nicht?« Wie ich es ihr nie glauben konnte. – Denke: »Dann gibt es irgendwo im Meer einen See, und dann können wir dort schwimmen gehen.«

Als er mir entgegenschwimmt, sind seine Haare länger und ein wenig blonder, was mir erst auffällt, als sie nass sind, nicht mehr ganz lockig und nicht mehr dunkelbraun vom Wasser nur noch hellbraun, fast länger als meine …

Meine Lippen küssen seinen Körper, der langsam
unter ihnen unspürbar wird,
genau wie meine Liebe,
in Mondgeschwindigkeit
wabert das alles davon,
es ist so viel leichter, denke ich da,
eine Katze zu lieben, oder einen Menschen aus sicherer Distanz.

Es ist so staubig in unserer Ferienwohnung, es ist, als läge sich der Staub auf unsere Haut, auf unser Händehalten, auf unsre Blicke unsre Worte unsre Liebe, und überall ist dieser Sand, von dem ich nicht einmal klar sagen kann, woraus er besteht.

Abends ein Gewitter, uns ist vollständig entglitten, dass wir uns lieben und auch, wie sich einander Hände anfühlen. Selbst als ich an seiner Schulter liege (ein Experiment in der aktuellen Spannungslage), liege ich eher an meiner Erinnerung an sie als an ihr.

Wir haben den Sonnenuntergang verpasst. Er wäre eh nicht so schön gewesen an dem Abend, später fliegt eine Motte ins Zimmer, schlägt mit den Flügeln gegen das Glas der Tiffany-Lampe, erst von außen, dann von innen, dann verstummt sie.

Ich habe Angst, dass du gegen mich verlierst, wenn wir streiten.

Wir streiten nachts, schieben es auf den Mond, sagen »Der Vollmond ist dieses Mal wirklich heftig.« – »Es war noch nie so oft Vollmond wie mit dir.« (es endet unentschieden)

War da ein Lecktuch zwischen unseren Lippen beim Trotzdem- Gute-Nacht-Kuss?

Wenn die Sonne aufgeht, wird das alles leichter.


Allein im Bett, der Urlaub ist vorbei, das Glück, allein zuhause …

Die Brötchen, die ich zum Frühstück esse, sind eine Art Stein. Ich suche einen Ort, um meine Füße zu waschen und zu Peitschen und einen Arzt, der mir sagen kann, wie deformiert sie sind und ob noch Hoffnung besteht für eine Heilung.

Nachts halten sie einander, sie streifen sich die Socken ab und halten aneinander fest, was mich überrascht im Halbschlaf, denn dieses Verhalten kenne ich von ihnen nicht.

Halbschlaffluvialgedanken
Greifen nicht mehr möglich
Vielleicht schläfst du (auch) schon
Dort, wo du jetzt … liegst
Ich liege, es entgleitet mir
Lege mich im Kopf auf seine Brust
Heimathautlos
Die Brötchen, die ich zum Frühstück esse, sind eine Art Stein …

Ich denke in letzter Zeit öfter nach über Mikroplastik, und wie die Sache in meinem Gehirn aussieht, ich stelle mir ein mikroskopisch kleines Plastikteilchen vor, das sich irgendwo zwischen meine Synapsen klemmt, und Dinge fehlerhaft weiterleitet. Affekte, Gefühle, Entscheidungen. Ein bisschen wie diese Mikrochips, gab es da nicht mal so eine Sache?

Ich suche einen Ort, um meine Füße zu waschen und zu peitschen und einen Arzt, der mir sagen kann, wie deformiert sie sind und ob noch Hoffnung besteht für eine Heilung.

Nachts halten sie einander, streifen die Socken ab und halten aneinander fest, was mich überrascht im Halbschlaf, denn so kenne ich sie nicht und es gibt mir ein wenig Hoffnung, dass doch noch nicht alles verloren ist mit ihnen, dass ihnen noch etwas Warmes innewohnen kann etc.


[aber später]

ich hatte diese vorstellung: von radkappen & maschinen
öl von masse mal energie hatte nach der schule
kein interesse an dingen
die die peergroup lovely fand: ich wollte
nicht als au pair nach paris wollt kein interrail
& wollt um keinen preis
gleich an die konrad wolf oh boy

wie uns der schweiß lief als wir den toten
motor austauschten du old fashioned mit muskel
shirt ich bloß mit blasen an den händen
mit denen ich nach dem sommer
im propädeutikum saß & mir wann immer ich
was nicht verstand sagte: aber später
werden wir den pit stop übernehmen in rothe erde
oder in herzogenrath


Aufbruch zum Friedwald

Die Literaturzeitschrift der jungen Leute hat Mitte 2025 als Parole für das nächste Heft »Aufbruch« ausgerufen. Was soll ich sehr alter Mensch damit anfangen? Doch mir kommt eine Idee, und die steht in der Überschrift.

Der Baum im Wald

2014, kaum in Würzburg wieder angekommen, pflanzen wir einen Baum im Friedwald in Iphofen. Der friedvolle Wald liegt auf dem Schwanberg, innerhalb eines Keltenwalls, der sicher nicht aus keltischer Zeit stammt. Aber sie waren dort, wie fast auf jedem besseren Hügel in Mitteleuropa und handelten mit Eisenwaren. Da sie nicht schreiben konnten oder wollten, hatten sie meist eine schlechte Presse (z.B. bei Julius Caesar). Zum Baum kommt ein Schild, bei Bedarf mit selbst gewähltem Spruch. Um unseren Beruf u.a. als Deutschlehrer kenntlich zu machen, wählen wir diesen:

Sicher ist nur das zweite Futur:
ich werde gewesen sein,
wir werden gewesen sein.

So isses!

Notizzettel

Ab und zu besuchen wir unser Bäumchen, um ihm beim Wachsen zuzusehen. Erfahrungsgesättigt ist folgender Notizzettel:

Schwanberg:
Regenschirm
Autan
Fernglas
Unterfrankenkarte
Makroobjektiv
Gaststätte eher für Kuchen (Kartoffelsalat ist Konfektion)
Gartenschere
Friedwaldbaumkarte

Also beruhigend, noch sind wir sehr irdisch unterwegs!

Die Sammlung

Ein heimlicher Beobachter sieht den greisen Kardinal Mazarin ein letztes Mal durch seine Sammlung schreiten, und der führt ein Selbstgespräch: »Il faut quitter tout celà.« Er hielt nach jedem Schritt inne, denn er war sehr schwach, und wandte sich erst zur einen Seite, dann zur anderen, sah an, was immer sein Auge traf, und sagte aus der Tiefe seines Herzens: »Ich muss all dies verlassen.« Und dann, sich umdrehend, sagte er: »Auch dies. Was für Beschwerlichkeiten ich auf mich genommen habe, um all diese Dinge zu erwerben! Kann ich sie ohne Bedauern hinter mir lassen? Da, wo ich hingehe, werde ich sie nie wiedersehen.«

Mazarin als Sammler hatte insofern Glück, weil seine Kollektion zur Keimzelle des Louvre wurde.

Nun war ich auch als Jäger und Sammler unterwegs, das steckt als DNA wohl noch in vielen von uns. Seit 1970 sammelte ich alte LEICAs nach einem sehr spezifischen Programm, das hier nicht interessiert. Die Nachfahren schert das, trotz mancherlei Versuche, natürlich nicht die Bohne. Warum sollte es mir auch besser gehen als meinem lieben Herrn Papa, der mit Teppichen, religiösem Kitsch und Thüringer Porzellan gleich dreimal falsch lag? Herzlos habe ich, schon weil in unserer kleinen Wohnung kein Platz war, (fast) all das irgendwie verscherbelt und verschenkt. Meiner Sammlung soll das nicht widerfahren, es gibt ein detailliertes Inventarverzeichnis mit lockenden $$$-Zeichen – hoffentlich lesen sie es!

Andere Hinterlassenschaften

Das mächtige Familienerbstück interessiert da schon mehr: Ein sehr schönes expressionistisches Gemälde, das auf wirren Wegen bei uns gelandet ist: ein Großonkel hat dem damalsnoch nicht so geschätzten Maler hin und wieder ein Paket Zigarren vorbeigebracht und dann aus Dankbarkeit Bilder bekommen – sie hingen bei ihm neben der Ehrenurkunde des Geflügelzüchtervereins! DAS BILD geriet per Tausch zum Großvater, wurde dann durchaus als wertvoll erkannt, und als schließlich auch die Großmutter gestorben war (die dritte Leiche, die ich als Zehnjähriger gesehen habe, damals war man noch nicht so zimperlich), musste meine Mama das Erbe unter den fünf Geschwistern aufteilen. Da sie Spielerin war, wurden fünf Lose verteilt: Das BILD, die Möbel, das Zinn (damals noch was wert), das Porzellan und der Rest. Die blinde Großtante würfelte: zunächst eine 6, also nutzlos, dann eine 3 – und da meine Mama das dritte Kind war, konnte sie das BILD aussuchen. Unkompliziert bin ich Einzelkind daran gekommen und sehe es jeden Morgen nach dem Aufwachen – so hängt es. Und wer soll es erben? Sie werden wohl würfeln müssen.

Die Nachkommen

Zwei Söhne. Wir führten einen fernsehfreien Haushalt, dafür spielte ich samstags Kasperltheater. In der Schule haben sie schnell gelernt, dass man über Fernsehserien sprechen konnte ohne sie zu kennen. Beide sind Leseratten geworden. Wenn sie mit nur halbwegs guten Zeugnissen heimkamen, habe ich als ehedem sehr schlechter Schüler fein die Klappe gehalten. Beide sind geraten, ein großes Glück, wenn wir links und rechts zur Seite blickten. Beide verheiratet, einer mit zwei Enkeln. Ein guter Opa bin ich allemal, in der Coronazeit habe ich viele Geschichten für sie erfunden, und das Kasperltheater funktionierte immer noch.

Glaube, Liebe, Öffnung

(das ist von Ernst Jandl aus männlicher Sicht, aber in Erinnerung an mein Heranwachsen doch sehr viel überzeugender als die christliche Variante.)

Katharina hat eine Domführung entdeckt: in den Hochchor, ist doch interessant. Wir gehen hin, und schnell stellt sich heraus: sie hat Empore erwartet, und wir haben Hochchorbekommen, vorn beim Altar. Die Dame, die uns führt, war Pastoralreferentin, ist sehr ansehnlich angezogen, sehr zugewandt und sehr fromm. Sie fragt uns, ob wir einheimisch oder auswärtig sind – Katharina sagt in einer Trotzreaktion: auswärts, und ich ergänze: aus Bremerhaven. Ob wir uns abseilen sollen? – aber schließlich haben wir 16 € bezahlt, und der Tisch in der BABETT ist erst ab 19.30 bestellt.

Also: auf los gehts los!

Auf mich wirkt alles unecht und hanebüchen – wie nämlich der Hochchor modern in Anlehnung an die Bibel gestaltet wurde. Allein der doppelt falsche Superlativ »Allerheiligste Dreifaltigkeit« lässt mich erschauern – entweder ist etwas heilig oder eben nicht, der Super-Superlativ wirkt albern, wie auch all die andern biblisch- kirchlichen Konstrukte und ihre weiß-goldene Umsetzung in halbabstrakte Formensprache. Und die Stories – dass die Apokalypse des Johannes eine Geheimschrift gegen das Römische Reich gewesen sei, das ja nun mit Gottes Hilfe auch zusammenbrach – ob es den Christen in der Völkerwanderungszeit, als zwei Drittel der Bevölkerung Mitteleuropas verreckte – wohl besser ging? Hat da der liebe Gott nicht richtig aufgepasst? Oder um gleich im Hause zu bleiben: Da steht ohne jede Erklärung das imposante barocke Grabmal des Bischofs von Ehrenberg, des übelsten Schlächters auf dem Kiliansthron, der hunderte von Menschen jeglichen Geschlechts und Alters als Hexen/Hexer foltern und verbrennen ließ (und ihr Vermögen beschlagnahmte). Nee Rolfi, die brauche ich auch in meinem letzten Stündlein nicht!

Die Liebste

18.12.1970, Weinstube Buhl in Würzburg
»Ich mag dich!«
»Glaub ich nicht!«
Trotzdem währt es immer noch.

Wege ins Licht

Wie die atheistische Himmelfahrt aussehen könnte? Eine Idee sind die Lichtröhren, die bei Hieronymus Bosch gelegentlich auftauchen, auf seinen wenigen optimistischen Altarflügeln (z.B. in der Academia in Venedig). Da geht es schräg nach oben, von Engeln geleitet, durch Röhren ins Helle. Mag sein. Wahrscheinlicher ist das Entschwinden ins Nirgendwo, und mit diesem Gedanken kann man sich angesichts der Zipperlein (und der Zipper), die beim Älterwerden aufkreuzen, ja auch anfreunden.


Sneaker im Aufbruch

Fire and Ice – aber Gewitterdonner und Hagelschlag sind irgendwann vorbei. Der Himmel bricht auf, die Morgensonne strahlt – wir müssen jetzt mal raus. Fire and Ice – meine neuen Sneaker strahlen mit: »Hey Digga!, come on!«, trappeln sie ungeduldig. »Unser Auftritt – lass sehn, was sich hier Neues tut !« Wir drei, also meine beiden Sneaker und ich, brechen auf, dahin, wo um diese Zeit viel Volk ist.

Gegenüber der Tankstelle auf der riesigen Reklamewand klebt ein frisches Werbeplakat: Strammer Bursche – lederne Kniebundhose, kariertes Hemd, Trachtenhut mit Gamsbart und ein Huhn auf dem Arm – nebst Riesen-Sprechblase: »Aufbruch jetzt! Zu meinem Bergbauernhof! Hol dir meine frischen Henderl!« Daneben ein Gehöft mit Geranien auf dem Balkon und dicken Steinen auf dem Dach auf satt-grüner Almwiese vor gezackter Bergwelt und Himmel weiß-blau. Unterzeile: »Frische Kräuter in bester Bergluft – volle biologische Kraftnahrung für meine Tiere.« Und dann kleingedruckt: »Sonderangebot! Nur 100.000 Stück bundesweit in ausgewählten Verkaufsstationen unserer Kette verfügbar.«

»Mhm, so’n Hühnerschenkel in meiner Pfanne könnte lecker sein«, denke ich und biege mit meinen Sneakern auf den Parkplatz ein. Die Schrift des Kleingedruckten glotzt mich aus der Nähe groß an: »100.000 Stück.« Nicht Tausend, nicht Zehntausend, sondern Einhunderttausend. Wie passen denn solche Scharen von Hühnern auf die kleinen Bergwiesen? Beim ersten Auftritt dieser Masse von Tieren sind doch all die frischen Kräuter sofort platt getrampelt oder aufgefressen. »Seit wann lebt unser liebes Federvieh nur von Kräutern?«, krittelt Ice, mein rechter Sneaker.

Aber Fire, mein linker Sneaker, hört schon auf anderes: lautes Hupen auf der gegenüberliegenden Tankstelle. »SUPER, 95 ROZ, heute nur 1,189 Euro/Liter«, lockt noch ein großes Werbeplakat. Abgebildet ist ein belegtes Brötchen, dem die drei Buchstaben BIO wie eine Fahne im Herbstwind hinterherflattern. »Was steht da so kleingedruckt drunter?«, will Fire wissen und schleicht näher. »To sneak« heißt nämlich auf Englisch »schleichen«. Wir lesen: »1,189 Euro/Liter, für die ersten 10 Liter Superbenzin, sofern Sie dazu zwei Super-Bio-Burger zu 5,98 Euro pro Stück verzehren.« Und ganz klein rechts unten: »Die schmackhafte Boulette kann Spuren oder Bestandteile von Hühner- oder Pferdefleisch enthalten, das nicht durchgehend biologisch großgezogen worden ist.«

»Sind das etwa die Reste der 100.000 Henderl vom smarten Bergbauern auf der Reklamewand gegenüber?«, fragt Ice sofort. »Ist das Brötchen vielleicht mit einem Schuss Superbenzin geschmacklich verfeinert?«, erfrecht sich Fire. Ich rufe beide zur Ordnung.

Ordnung erfordern auch die zwei Autoschlangen auf der Straße und auf der Tanke. »Was soll dieses Herumgehupe nützen?«, meckern beide Sneaker und führen mich automatisch näher zu den immer wieder aufblökenden Signalhörnern zweier Fahrzeuge: Neben der Säule mit dem großen Super-Werbespruch steht ein gigantischer Geländewagen. Tiefschwarzer Mattlack kontrastiert zu monströsen Rädern in maximalem Chrom-Glanz, wetteifernd mit ebenso strahlend verchromten Rammschutz-Bügeln.

»SUV, natürlich: Ess you wie!«, assoziiert Ice ungefragt. »Kann der Typ aus dem SUV-Auto nicht endlich entscheiden, ob er die beiden Brötchen von der Tankstelle mampfen oder den Gummiadler aus dem Supermarkt fressen möchte oder alle drei hinunter würgt?«, kommt das Echo von Fire.

»Ruhe!«, kommandiere ich. »Ich will mitbekommen, was an der Säule abläuft.« Dem schwarzen SUV entsteigt ein gestandener Bursch, lederne Kniebundhose, kariertes Hemd und steifer Gamsbart am Trachtenhut. »Ach, fast der Bio-Bergbauer von gegenüber!«, freut sich Fire. »Will der jetzt statt der 100.000 Hühnchen von der Reklamewand die beiden Benzin-Brötchen auf seinen Diätplan setzen?« – »Für sein Doppelkinn und die feiste Wampe wärs das geringere Übel!«, gähnt Ice und will schon wieder umkehren.

Doch es kommt Action auf. Gegen das hoch aufragende, schwarze Auto rummst beinahe ein flaches weißes Fahrzeug. Obercool in vielen Windkanalstunden stromlinienförmig zurechtgeschliffen, kontrastiert es in schillerndem Perlmutt-Metallic- Weiß. Leicht geschwungene, dynamische Kanten der wind-schlüpfrigen Abdeckungen wirken irgendwie erotisch.

Dem weißen Fahrzeug entstöckelt eine Blondine mit halbmeterlangem Pferdeschwanz auf 10 Zentimeter hohen High-Heels lasziv. Unendlich lange Beine sind – trotz der bereits herbstlichen Temperatur – mit einem winzigen Lederrock mehr ent-deckt als be-deckt. »Ich war als erste hier!«, schrillt das blonde Wesen. »Könnten Sie Ihren Karren vielleicht mal einen Meter zurücksetzen, damit ich an die Säule kann? Sie Gamsbart Sie, bekommen Sie das vielleicht fahrerisch zuwege?«

»Das ist ja die schiere Dreistigkeit!«, baut sich die Kniebundhose auf. »SIE müssen mir Platz machen, denn ICH war vor Ihnen da. Gefälligst vorsichtig, damit das glimmerige Make-Up von Ihrer Visage und von ihrem Flachwagen nicht abbröckelt und hier die Umwelt verschmutzt.« Doch Blondchen giftet voll zurück: »Kommen sie mir hier bloß nicht mit Umweltschutz. Mein neues Elektroauto ist das umweltfreundlichste, das es überhaupt gibt. Bei Ihrer fetten Kiste kann man doch zugucken, wie die Gifte in Wolken aus ihrem Auspuff kommen!«

Der SUV-Fahrer pöbelt zurück: »Und ich gucke jetzt nicht mehr lange zu, wie Sie sich vor dem Rückwärtsfahren drücken. Falls es Ihnen noch nicht aufgefallen sein sollte: das Teil ihres Fahrzeugs, an das Sie sich gerade anlehnen, das ist das Vorderteil. Und Sie müssen jetzt in die andere Richtung fahren, nämlich in die Richtung, in die Ihre beiden Hinterbacken zeigen – RÜCKWÄRTS!«. Seine Stimme wird schrill: »Von Umweltverschmutzung, da müssen Sie Modepüppchen mir nichts erzählen. Mein brandneuer Tobota, hat einen so super fortschrittlichen Dieselmotor mit einem so gewaltigen SCR-Filter, dass, wenn die Luft mit diesem Kohlen-Mono, also mit diesem Kohlen-Mono-Dingsda schwer belastet ist, nach der Verbrennung weniger von dem Gift in der Luft ist als vorher.« Die Sneaker werden unruhig. »Ist das so?«, zweifeln sie.

»Sie toller Tobota-Typ«, ätzt die Dame, »dann torkeln Sie jetzt fix in ihren Traumwagen. Ob Sie trotz des Ess-Zeh-Err-Filters in Ihrem dämlichen Donner-Diesel noch etwas von den hier angebotenen Burgern essen können, das ist voll Ihr Problem. Aber sicher ist, dass Ihre gewaltig großen Hinterbacken IHNEN jetzt Ihre Fahrtrichtung weisen.«

Die Wampe des tobenden Tobota-Typen schwabbelt so heftig, wie die aufgetakelte Dame elegant hin und her tänzelt. Fire warnt sehr, mich nicht in die Diskussion einzumischen, aber Ice hat mich schon längst zu besagter Super-Säule schleichen lassen:

»Meine Dame, mein Herr, entschuldigen Sie bitte, wenn ich mal ganz kurz unterbreche. Obwohl es Sie offensichtlich nicht wirklich zu interessieren scheint, aber an dieser Säule gibt es nur Superbenzin, das sie weder für den Dieselmotor ihres Tobotas nutzen noch bei Ihrem Teslala in die Batterien einfüllen können. Ich brauche es übrigens auch nicht, denn mein linker Sneaker Fire – sehen sie die rote Sohle? – hat sozusagen Feuer unterm Hintern.« – » Meine weiß-blaue Sohle löscht, wenn Du mal wieder durchbrennst«, ergänzt Ice souverän.

»Nix wie weg hier!«, unterbricht Fire panisch, »bevor die ihre Wut an uns auslassen!« – »Wart doch erst mal ab!«, beruhigt Ice. »Hinter dieser grotesken Situation muss irgendwas stecken.« Und tatsächlich kommt es ganz anders als befürchtet. Anstatt auch mich wütend anzukreischen, wendet sich das blonde Gift auf seinen langen Beinen mir zu und lächelt mich freundlich an: »Guten Morgen und herzlich willkommen! Mein Name ist Anja Neugereuther von der Werbeagentur AAA – Avantgardistisch, Alternativ, Attraktiv.« Ehe ich mich noch recht besinnen kann, verpasst mir die Dame ein Bussi links, ein Küsschen rechts und weist mit schwungvoller Geste auf den beleibten Herren: «Darf ich Ihnen jetzt meinen Chef vorstellen? Mr. Cash!«

Der Träger des Gamsbartes streckt mir seine Hand zur Begrüßung hin: »Auch von mir einen schönen guten Morgen! Mein Name ist Cash, Frank Walter Cash von AAA. Sicher werden Sie sich schon gefragt haben, was dieser Auftritt hier eigentlich bezwecken soll.« Vollkommen überrascht von dieser Wendung, fällt mir als Antwort nur mein eigener Name ein: »Steilmeier, wie geil, aber mit Ess-Tee am Anfang.« Und Mr. Cash spricht gleich weiter: »Es ist gut, dass auch ihre Sneaker kein Superbenzin benötigen, ebenso wenig wie der Dieselmotor meines Fahrzeugs oder der Elektromotor des Dienstwagens meiner Assistentin Anja. Denn die Tankstelle öffnet erst in anderthalb Stunden wieder, um Benzin auszuschenken. Bis dahin haben wir sie gemietet und ein paar Statisten engagiert.«

Mr. Cash weist auf die scheinbar wartenden Autos, die immer mal wieder hupen. »Um auf dem derzeit fast restlos leer gefegten Personalmarkt für engagierte Werber die besten Leute zu akquirieren, muss man sich etwas einfallen lassen. Unsere Firma hat den Suchauftrag einer großen Werbeagentur für besonders einsatzfreudige und unkonventionelle Texter, die im Home Office für Großkunden aus den verschiedensten Branchen herausragende werbliche Ideen und dazu passende Texte ersinnen und verfassen sollen, die sich aus dem derzeitigen Main-Stream herausheben und sogar mit selbstironischen Anspielungen Persönlichkeiten gewinnen, die bisher auf konventionelle Weise nicht ansprechbar waren.«

Mein verblüffter Fire muss zugeben, dass er eine derartige Ansprache von der zuerst nicht so ansprechenden Lederhose nicht erwartet hatte. Ehe Fire sich für seinen Irrtum richtig entschuldigen kann, fährt Mr. Cash fort: »Damit die Anwerbung die richtigen Leute anspricht, sind wir mit einem passenden Beispiel vorangegangen, das übrigens auch kaum teurer ist als eine konventionelle Werbeaktion mit Google und Facebook. Sie, Herr Steilmeier, haben auf diese Werbung angesprochen. Ihr Outfit mit den Sneakern Fire and Ice auf verschiedenfarbigen Sohlen gefällt mir. Sie sind unser Mann!«, sagt er und drückt mir seine Visitenkarte in die Hand: »Haben Sie heute Abend zwischen 17.00 und 20:00 Uhr schon etwas Interessantes geplant? Wenn nicht, dann kommen Sie in unser Assessment-Center in der Schillerstraße 27. Der Straßenname passt zu unserem Anspruch: Wir suchen die besten Texter. Übrigens, wir bewirten Sie heute Abend nicht nur mit den hier versprochenen Brötchen und Bouletten, sondern auch mit einem schönen Büffet. Sind Sie dabei?«

Es antwortet wieder Fire: »Zu der Einladung zum Abendessen habe ich soeben deinen Magen intensiv zustimmen gehört.« Derart überstimmt zeige ich meinen Sneakern den Weg in die Schillerstraße. Seither dürfen sie jedes Mal zuhören, wenn ich mit viel Phrasenklang und Wortgebimmel die Tastatur meines PCs werblich klappern lasse.


Wie schweigt man auf Deutsch?

»Schweigen«, sagt der Kursleiter.

»Schweigen«, wiederhole ich im Geiste. Ich drehe mich um und gucke aus dem Fenster hinaus. Der Himmel ist bewölkt und es regnet. Auf der Gasse gehen die Passanten ruhig aneinander vorbei. Unter den grossen Regenschirmen sieht man lediglich ihre Beine. Die Schweizerfahnen hängen an den Fassaden, sie bewegen sich langsam im Wind. Die Tauben fliegen von einem Gesims zum anderen. Vielleicht haben sie von dort einen besseren Blick auf die roten Fahnen mit weissem Kreuz, vielleicht auf die Regentropfen.

Ich drehe mich vom Fenster weg und lege die Ellenbogen auf den Tisch. Ich fuchtle mit dem Stift herum, während die anderen bereits angefangen haben. Sie beugen sich über die geöffneten Notizbücher oder verstecken die Köpfe hinter den Laptopbildschirmen. Die Stifte drücken sanft auf das Papier, die Finger klopfen auf die Tastatur. Ab und zu ächzt ein Stuhl.

»Schweigen«, wiederhole ich im Kopf.

Wir schreiben Texte über Schweigen.

Wie schweigt man auf Deutsch?

Meine Muttersprache ist Polnisch und ich versuche auf Deutsch zu schreiben. Ich versuche auf Deutsch zu schweigen. Deshalb bin ich in diesem Kurs: dem Schreibworkshop für Migrantinnen und Migranten, die sich in deutscher Sprache versuchen wollen. Wir treffen uns ein paarmal pro Jahr in Bern. Wir schnitzen, hauen, formen und schleifen in der Sprache, die nicht unsere Muttersprache ist. Wir kommen aus verschieden Ländern und haben verschiedene kulturell-literarische Hintergründe. Es verbindet uns, dass wir erst als Erwachsene in die Schweiz gezogen waren und dass wir alle auf Deutsch schreiben wollen.

Im Raum herrscht Stille. Nur die Kugelschreiber drücken sanft aufs Papier und die Laptoptasten hüpfen wie verrückt. Ich stütze den Kopf auf die Hand und versinke in Gedanken.

Ist mein Deutsch ausreichend, um auf Deutsch zu schreiben?

Merken alle, wenn ich den falschen Artikel verwende oder den Kasus verwechsle?

Nehme ich die Realität auf Deutsch anders wahr als auf Polnisch?

Wer bin ich auf Deutsch und wer bin ich auf Polnisch?

Sind die Satzzeichen international?


Ich versuche mich zu konzentrieren. Schlussendlich bin ich freiwillig und für mich selbst hier. Ich gebe mir Zeit, mache was ich kann, aber wenn ich das nicht schaffe, dann schaffe ich das nicht. Die Welt geht nicht unter, wenn aus dem Schweigen ein leeres Blatt entsteht. Das ist kein Wettlauf, keine Prüfung, keine Ausschreibung. Das ist ein Schreibworkshop. Ein Schreibworkshop auf Deutsch für diejenigen, die sich in ihrer zweiten Sprache versuchen wollen.

Auf einmal kommt mir eine der Schreibtechniken in den Sinn. Ich beuge mich über das Blatt und schreibe in die Mitte in grossen Buchstaben: »SCHWEIGEN«. Aus dem »SCHWEIGEN« zeichne ich eine Linie. Ich hebe den Kopf und schon wieder gucke ich auf die anderen. Die Teilnehmerin, die neben mir sitzt, schaut den Laptopbildschirm an und beisst auf den Stift.

Ich kehre zurück zu meinem Heft. »Sei still«, notiere ich den ersten Gedanken auf die Mindmap und dann geht es von allein weiter. »Sei still, wenn die Städte fallen«, schreibe ich auf das Blatt; erste Zeile, zweite Zeile. Dritte und Vierte. Ich überlege nicht, die Worte kommen auf das Papier, sie wissen, sie dürfen. Nach vier Zeilen höre ich auf, nehme das Notizbuch in die Hand und lese alles im Geiste. Ich schaue nicht mehr auf die Strasse hinter dem Fenster hinaus, auch nicht auf die anderen. Ich beuge mich wieder über das Heft und tauche in meine Welt ein. Ich tauche in die zweite Sprache ein, weiter und tiefer.

An diesem Tag habe ich drei Gedichte geschrieben. Sie sind nicht die ersten Gedichte, die ich je geschrieben hatte, aber sie sind die ersten Gedichte, die ich auf Deutsch verfasst habe. Perfekt sind sie nicht und müssen sie auch nicht sein. Noch lange könnte man an ihnen arbeiten: schnitzen, hauen, formen, schleifen. Aber heute geht es nicht darum.

Ob sie gut sind? Darüber kann man streiten.

Ob sie meine sind? Das ist unbestritten.

Also ist es möglich.

Ein Gedicht auf Deutsch ist möglich.

Schweigen auf Deutsch ist möglich.

Ein Gedicht auf Deutsch über Schweigen ist möglich.

Alles auf Deutsch ist möglich.


Bin alleine in meiner Wohnung. Beschließe, nackt zu sein. Lege mich nackt auf den Boden. Ein komisches Gefühl. Ich stehe auf und ziehe die Jalousien zu, dann lege ich mich wieder hin. Das komische Gefühl ist weg.

Der Boden ist kalt, und wenn ich mich auf die Seite lege, muss ich aufpassen, nichts von den Sockenfusseln einzuatmen. Fusseln sind schlecht für die Gesundheit. Klamotten sind schlecht für die Gesundheit.

Sitze nackt am Tisch und notiere meine Erlebnisse. Wenn ich mich aufrichte, zieht sich mein Penis zusammen. Wenn ich mich zurücklehne, bekommt er wieder seine volle Größe. Das ist mir neu. Ich ruckel auf meinem Stuhl vor und zurück, um meinen Penis beim Wachsen und Schrumpfen zu begutachten. Ich besitze einen wundervollen Penis.

Stehe nackt vor dem Spiegel. Das Aussehen macht nicht viel her, und wenn ich so an Werbung denke, weiß ich auch, warum: Ich setze mich nicht in Szene.

Nach einigen Versuchen, mich in Szene zu setzen wird mir klar, dass die Szene wohl nichts für mich ist. Lege mich wieder nackt auf den Boden.

Mein Penis geht mir nicht aus dem Kopf. Setze mich nackt an den Tisch.

Es gibt Blutpenisse und Fleischpenisse. Bei einem Blutpenis wird man zuerst enttäuscht und dann überrascht. Das Internet ist voll von Penissen. Sitze nackt vor meinem Laptop und begutachte Penisse. Über Sexualität lässt sich reden.


Wändepunkte

Zwei mit Wachstischdecke auf dem Küchentisch. Zwei mit Speisekammer, mit Regal, auf dem die Cornflakes stehen, dem sie irgendwann auf Augenhöhe begegnen konnte. Vor der Augenhöhe immer Zucker darüber gestreut. Dass sie sich freut.

Zwei mit „Alles-hat-seinen-Platz“-Leben. Das fängt an mit linker Wand und letztem Küchenschrank: Kaugummis, Zahnstocher mit Fähnchen, Lippenpflegestift, ein Glas mit Murmeln und Perlen, das gute Geschirr, auf dem sich trotz Tür Staub bildet. Kleine Figuren aus Ü-Eiern, Ü-Eier, in denen man ausgefallene Zähne sammelt und auf Watte einen Ring bettet. Unten: Geschirr für Bowle, vielleicht. Die Tür macht niemand mehr auf.

Wie in jedem Raum der beiden halten sich Wände an den Händen, halten zusammen. Nächste Wand: Kein Schrank versteckt die Raufasertapete, ein Stuhl, auf dem nie jemand sitzt, lehnt an ihr. Ein Wäschekorb darunter, der zum Papierkorb wurde, als der Griff brach, weil er zu schwer getragen wurde. Eine hat einen Riss davongetragen. Über der Lebenslinie eine wulstige Linie des Lebens. Im Korb: Fernsehzeitungen, Rentnerreiseangebote und immer Pappe aus den Strumpfhosenverpackungen, die eine jeden Tag unterm Rock trägt. 40 DEN, Champagner, aber eine nennt sie Hautfarbe, obwohl das nicht hinkommt. Einer nimmt davon die Pappe, wenn er etwas zu notieren hat. Die Einlagepappe, um die die Strumpfhose gewickelt wird, ist dick genug und eignet sich für eine Liste. Immer Einkaufsliste. Die Pappe der eigentlichen Verpackung ist zu dünn und hat ein Fenster, durch das man die Strumpfhose im Laden befühlen kann. Ob sie weich ist oder fest genug. Der Tisch ist fast bis an die Wand gerückt. Hat einer der zwei Geburtstag, kann man ihn vorziehen, wenn sich jemand ankündigen sollte. Letztes Jahr kam jemand vom Gemeindevorstand zum Gratulieren. Da hat eine die belegten Brötchen nicht selbst gemacht, sondern kommen lassen.

Vor dem nächsten rechten Winkel steht der kleine Kühlschrank. Alle müssen sich bücken. Zum Beispiel um Joghurt mit der Ecke (den von der Aldi-Eigenmarke) herauszufischen. Eine sagt weißer Joghurt mit Kirschgrütze in der Ecke und will, dass man den mit den Schokoperlen nimmt. Denn das sei Bourbon-Vanille und fein. Im Kühlschrank sind auch Milch und Kondensmilch, Butterkäse, Bierschinken und Kochschinken, Salami und Xalatan, NovoRapid.

Die zwei mit ihrem Küchenfenster in der Wand zwischen Kühlschrank und Speisekammer. Links neben dem Fenster eine Schrotflinte, mit der einer auf Spatzen zielt, die am Gemüse Unruhe stiften. Unter dem Fenster eine Heizung, darauf jeden Mittwoch ein Stück heiße Fleischwurst in Alufolie eingewickelt, für sie warmgehalten. Die zwei bringen sie vom wöchentlichen Einkauf mit. Einer muss im Supermarkt den Wagen schieben, weil er lange schon sein rechtes Bein hinter sich herzieht. Beim Bäcker und beim Metzger bleibt einer im Auto und eine geht allein. Es ist abgesprochen, was, wann, wo gekauft wird. Einlegepappe hilft zu erinnern. Zwei haben eine Geldbörse.

Rechts vom Fenster hängt oben der Allibert. Darin eine Haarbürste mit sogenannten synthetischen Wildschweinborsten und das Rasier-Equipment. Ein Elektrorasierer. Der Rasierpinsel mit echten Wildschweinborsten nur zur Reinigung des Gerätes und der Wachstischdecke notwendig. Eine von zwei steht jede Woche daneben, wenn einer fast fertig ist und wartet darauf, dass ihr das Kinn entlang gefahren wird. Letzte Wege führen die schwarze kleine Maschine mit den drei ineinandergreifenden Rasierrädern immer zuletzt über seine lange, weiß schimmernde Narbe, die wie eine Kette den gesamten Hals schmückt und eine Grenze zwischen Leben und Tod markiert. Eine sorgt seit dem Eingriff dafür, dass zu Hause keine Partikel Schaden anrichten und so wird nach ihrer kurzen, mal mehr mal weniger liebevollen Rasur sauber gemacht. Die Wachstischdecke von potenziell gefährlichen Überresten befreien, weil hier ein Ort der Ruhe und Ordnung sein soll. Gleichzeitig dreht einer sich um, um ein Kneipchen aus der Schublade zu holen. Kartoffeln schälen, die zuvor aus dem Keller und davor selbst vom Acker geholt wurden. Die Plastikschale, in der einmal Suppengemüse nach Hause getragen wurde, dient den besonders dreckigen, nach Keller und Grab riechenden Schalen als Auffangbecken.

Letzte Wand: Spüle und Gasherd mit den einzelnen Kochplatten, auf denen immer schon ein zum Teil abgebranntes Streichholz liegt. Das nutzt eine, um mit dem Feuer der einen Platte eine neue zu entfachen. Sparsamkeit und weil die steifen Finger nicht mehr fest zu packen können. Rechts neben dem Herd auf dem Boden stehen River-Limonaden und Justus-Brunnen-Classic-Flaschen. Es gibt keine Cola bei den zweien. Nur grüne und gelbe Limo. Das sei gesünder, meint eine. Orange und Limette.

Zwei mit ihrem „Alles hat seinen Platz“. Auch das Herz, nämlich den rechten. Das hat sie erst viel später verstanden, weil schon früh gelernt wurde, dass das Herz links sitzt, eher in der Mitte, aber eben auf der linken Seite. Sie hat lange gedacht, dass das, was draußen gelernt wird, nicht mitgebracht werden kann. Sie dachte, es hätte keinen Platz, weil alles schon seinen Platz hat. Sie wollte nichts verstellen, in den Raum stellen oder jemanden bloßstellen.

An einem Montag: eins plus eins ergab 1967 zwei und 1970 drei. Zwei Jahre später, vier und 22 Jahre später ergaben eins und eins wieder drei und fünf Jahre später vier und diese Nummer vier ist fast groß und verbringt ab und zu Zeit bei zweien. Dann sind zwei plus vier, drei.

Drei essen Mittag um 12. Es gibt Suppe, dann Pellkartoffeln mit Stippe. An diesem Tag noch Schokopudding mit Eischnee. Eine fragt nicht und gibt die dicke, dunkle Haut, zwinkert währenddessen. Sie beißt sich da durch, lächelt schief und kneift zusammen, statt zurück zu zwinkern. Drei spülen gemeinsam, stellen die Gläser, aus denen fast alle die grüne Limo getrunken haben, direkt hinter der Spüle ab. Sie sehen aus wie kleine Bierhumpen. Früher war mal Senf drin. Sie haben einen Henkel, durch den keiner einen Finger stecken kann. Einem fehlt dank der Stanze seit gut 30 Jahren ohnehin der Zeigefinger. Manchmal streckt er den Stumpen hoch in die Luft, wenn er was sagen will. Kein Ton, kein Wort, nur ein halber Finger und alle sind sofort still.

Als letztes geht eine mit dem gelben Lappen über die Wachstischdecke und der aufgewärmte Raum wird noch ein paar Stunden nach Stippchensoße und Spülmittel riechen.

Einer macht einen Mittagschlaf, sie geht fernsehen, eine bleibt in der Küche, um Socken zu stopfen, oder was nähen, ein paar Minuten im Fernsehprogramm stöbern.

Der Nachmittag frisst die Zeit, die früher die Arbeit sich nahm und nun machen drei sich trotzdem auf, in dem alten roten Renault, der immer nach Pups riecht, eine zur Arbeit zu bringen. Denn es reicht nicht, obwohl alles seinen Platz hat.

Zwei Orte weiter halten drei unter einer Autobahnbrücke gegenüber einer großen Firma. Es ist so heiß heute, dass die Hitze von den Lkw abprallt und sichtbar Wellen in die Luft entlässt. Eine steigt aus, winkt noch zweimal, dann wird ihr leicht gebeugter, schwankender Gang immer kleiner, dann kräuseln sich die kleinen weißen Dauerwellen-Locken in die Wellen der Hitze über den Lkw und alles verschwimmt zwischen Parkplatz und Ruhestand. Vor dem Aussteigen sagt eine noch stolz „bis gleich!“, später nur kurz nach dem Einsteigen, dass mit einem Fernfahrer gefeixt wurde, obwohl beide nicht die gleiche Sprache sprechen. Jede Toilette hat ihren Platz. Die Reihenfolge ist täglich die gleiche, außer eine Toilette ist gerade besetzt. Dann muss abgewichen werden, aber auch dafür gibt es einen Plan. Die Ordnung hält das Chaos zusammen.

Eine weiß einfach, wie das alles zu nehmen ist: der Ischiasnerv, das Kochen, die Besitzer des Kartoffelackers, die nicht gesprochene Sprache, seine nicht heilenden Wunden an den Beinen, die Scheißerückstände in den Klos der Logistikfirma, dass sie immer seltener da ist, die Hitze, die Kälte, die Erinnerungen, alles. Nämlich ruckartig auf die Brust umsetzen, tiefer Atemzug und dann mit Schwung aus den Beinen über den Kopf. Eine hält alles so lange über sich, mit durchgestreckten Armen, bis der ganze Körper anfängt zu zittern.

Viermal haben zwei die zwei Ortschaften heute durchkreuzt, zweimal waren sie drei und als sie wieder kommen, wie an ihren Platz gestellt, gibt es schon bald darauf Abendbrot. Eine kocht seit einiger Zeit auf neue Art Tee. Nicht mehr nur eine Sorte, sondern ein Beutel Pfefferminze und einen Früchtetee. Während zwei sich umarmen, steigt eine Mischung aus Schweiß und scharfen Reinigern in die Nase. Jeder bekommt zwei Süßstofftabletten, die schön sprudelnd an der Oberfläche vergehen.

Graubrot und Bierschinken, Graubrot und Butterkäse, Graubrot und Kochschinken und drei sind satt.

Wenn sie dabei ist beim Abendessen, dann stellen sie alles auf den Wohnzimmertisch und schauen Fernsehen beim Essen. Geordnet. Kein Teller verlässt zum Essen den Tisch. Unterm Stövchen brennt eine Kerze.

Diese Wohnung hat mehr als einen Raum. Wände schauen immer nur zu. Wenn jemand kommt, bleibt, geht. Sie mischen sich nicht ein. Sie fassen ein. Nach Hause will heimgekommen werden von allem.


Irgendwann viel später: reden drei nicht mehr. Einer ist tot, lange gelitten. Sie schiebt die Entfernung, die der neue Job zwischen die drei brachte, vor, um klarzumachen, dass sie nicht kommt. Eine hat jetzt lange weiße Haare am Kinn.


Sie hatte heftig geklingelt, die Augenbrauen zusammengezogen, Ringelsocken in braunen Schlappen, das Gesicht wie eine Spitzmaus.

»Sie spielen das ganz falsch!«

Höchstens eins fünfzig war sie groß, Demir hatte sie sich größer vorgestellt, weil sie im Treppenhaus so stampfte. Die Stimme, die kannte er, die hörte er ständig, diese kindlich wütende Stimme, gehetzte Stimme, ohne Pause, am Telefon mit wer weiß wem, ging immer einer dran, und hörte sich ihre Beschwerden an, über die Männer, die sie mitbrachte, und die sich im Treppenhaus zuvorkommend leise verhielten. Demir hörte auch zu, zwangsweise, dem trotzig vorgetragenen Unglück, durch die Wände, durch die Decke. Und das Vorspiel dieses Unglücks, das Stöhnen, das Gezeter, geknallte Türen, das Stampfen, Einschlag der Wohnungstür, hastiger Abgang über die Treppe, schnaufend, dann unten die Haustür, und weg. Von oben ein Aufheulen, schleppende Schritte ins Schlafzimmer, Stille, dann ein Telefonat, oder zwei, oder drei.

Sie sah ihn an, angriffslustig, direkt ins Gesicht, musterte nicht den Körper, den unförmigen, den überquellenden. Sah ihm direkt in die Augen, ließ die Augen nicht los, schaute nicht den Stoppelbart, nicht die gelben Zähne, Schwarzteezähne, nicht die fettigen Haarsträhnen.

»Hören Sie nicht? Sie spielen das ganz falsch, und immer das Gleiche, können Sie denn nichts Anderes spielen?«

Demir zuckte zusammen. Sie hörte ihn. Dass sie ihn auch hörte, daran hatte er nicht gedacht. Was hörte sie wohl? Keine Telefonate, kein Gezeter, Stöhnen, Schluchzen. Keine Schritte runter in den Waschkeller, die Maschine hatte er in die Küche gebaut. Was hörte sie also? Das Klingeln des Lieferfahrers, die Toilettenspülung, das Brummen der Waschmaschine, und dieses blöde Klavier. Das Klavier, das seine Schwester in der Wohnung gelassen hatte, und er hatte sich nicht getraut, etwas zu sagen. Wie damals mit dem Wirsing, auf dem Marktplatz, Stückpreis ein Euro neunundsiebzig. Demir hatte sich einen großen, fleischigen Kopf ausgesucht und die Verkäuferin hatte ihn entgegengenommen, zum Einpacken, hatte er gedacht, aber sie wog ihn. Und, als sei das ganz normal, hatte diese Verkäuferin mit der gelangweilten Mine und der genervten Stimme einer Verkäuferin gesagt »Acht Euro Zweiundvierzig, bitte«. Demir hatte die Verkäuferin angeschaut, die Zahl auf der Kasse, die Kohlköpfe in ihren Körben, und das Schild, auf dem er, in kleinen roten Lettern, dann endlich gelesen hatte pro Kilo. Preis in Schriftgröße zwanzig, wichtiger Hinweis in Schriftgröße neun. Demir hatte sich umgeschaut, hatte schon während des Wiegevorgangs die Ungeduld der anderen Käufer im Nacken, lächelte dann so ein halbes Demirlächeln, kramte in seinem Portemonnaie, und kaufte den Kohlkopf, als sei es das Normalste der Welt, einen Kohlkopf für Acht Euro Zweiundvierzig zu kaufen. Und so war das mit dem Klavier auch gewesen.

Vor drei Tagen, da hatte er das Klavier angesehen, das Klavier, mit dem staubigen Deckel und dem Hocker mit dem aufgeplatzten Lederimitat, auf dem die Schwestern immer gesessen hatten, und da hatte er sich davorgesetzt und den Deckel angehoben und über sich selbst gestaunt. Er hatte das eine Stück gespielt, das von damals, aus dem Musikunterricht, den er so gemocht hatte, denn die Lehrerin war eine nette gewesen und weil sie so nett gewesen war, hatten die Anderen sich in dieser Stunde nicht getraut, ihn zu ärgern. Hatten ihm keine Zettelchen zugesteckt, von angeblichen Geliebten, hatten nicht angestimmt zum Stinkemir, Hinkemir, hatten die Gesichter nicht weggedreht, nicht gekichert, wenn er etwas gesagt hatte. Es war sein Fuß gewesen, der Fuß in dem klobigen Schuh, dem hässlichen, maronenbraunen vom Orthopäden, weil die Eltern sich kein anderes Modell hatten leisten können. Und es war der Knoblauchgeruch, der ständige Knoblauchgeruch von Mantı und Cacık, das Demir eigentlich mochte, und außerdem hatte die Mutter behauptet, der Knoblauch sei gesund. In der fünften Klasse Realschule war der Knoblauch nicht gesund gewesen.

Sie musterte ihn jetzt doch, die Frau von oben links, sah das Fleisch über dem Hosenbund, die fleckigen Hausschuhe, zu groß, für den Klumpfuß, sah nicht das entzündete Zahnfleisch, über das er rasch die Lippen schob, sah die haarigen Hände nutzlos an den Seiten baumeln. Keine Mine verzog sie, sah bloß wieder zu den Augen hoch, die Augen waren in Ordnung, hellbraun und hinter hübsch gebogenen Wimpern, ela, haselnussfarben, hatte die Mutter gesagt, und gelächelt, wenn das Licht hineinfiel.

»Ich kann mir das nicht mehr anhören, seit drei Tagen die gleiche Melodie, und dann ganz abgehackt, und ohne Gefühl! Das ertrag ich nicht. Warten Sie, ich zeigs Ihnen«, schob sie sich rein, an ihm vorbei, ins Wohnzimmer, als sei es ihre Wohnung.

Müllsäcke auf dem Balkon, dachte Demir. Sich nicht getraut, die rauszubringen, je mehr es wurden, desto schlimmer, muss es nachts machen, heimlich. Keine Bilder von der Familie, dachte er, von Freunden, von irgendwelchen Menschen eben. Fleckendecke auf dem Sofa, dachte er, Klopapier und Gläser auf dem Couchtisch, Pizzakartontürme, blöder senfgelber, klobürstenresistenter Strich in der Kloschüssel, dunkle Haare auf den fettigen Fliesen. Er drehte sich um, sah, wie zum ersten Mal, wie dreckig der Flur, wie alt der graue Teppichboden, blickte Richtung Wohnzimmer, traute sich nicht hinterher. Da hörte er das F, die Noten hatte er sich noch einmal anlernen müssen. Und dann spielte die Frau von oben links, spielte Bruder Jakob, und scherte sich nicht um den Schmutz.

»Kommen Sie jetzt, oder was?«, unterbrach sie ihr Spiel.

Demir setzte sich in Bewegung, machtlos gegen diese Dreistigkeit, gespannt vor einen Karren namens Scham.

»Nehmen Sie sich einen Stuhl«, sagte sie, spielte weiter, drehte nicht den stoppelkurzen blonden Kopf nach ihm.

Folgsam griff er einen Stuhl vom Esstisch, Kernbuche furniert, fünf Kinder und die Eltern hatten daran sitzen können, und der Vater hatte sich immer zuerst genommen. Und dann brachte sie es ihm bei, schnippisch, aber emsig, nahm seine Hände, legte die richtig auf die Tasten, summte zur Melodie, und Demir ließ es geschehen, und Demir spielte und spielte, spielte Bruder Jakob, und hörte die Glocken.

»Das reicht für heute«, stand sie auf, zog den Vorhang ein Stück auf, sah aus dem Fenster, auf die Kirche, auf den großen Baum, drehte sich wieder um, und ging zur Tür.

Demir schloss den Deckel, obwohl er nicht aufhören wollte, schloss den Deckel leise und lief ihr hinterher.

»Hören Sie, ich muss Ihnen noch was sagen, und zwar stinkts hier ganz schlimm, und staubig ists auch. Nächsten Sonntag komm ich wieder runter, fünf Uhr, dann haben Sie aber gelüftet und gesaugt.«

»Ich hab Sie ja nicht reingebeten«, setzte er an, schämte sich ordentlich, wollte noch mehr sagen, doch die Stimme klang ihm ganz neu, war eine fremde.

»Deshalb tu ichs ja selbst, und Sie solltens mir danken, weil, wenn Sie hier mal ne andere Frau einladen, meinetwegen auch n Kerl, und dann stinkts hier und sieht aus wies eben jetzt aussieht, dann kommen die nicht mehr wieder. Also, bis dann«, stapfte hoch.

Er sah ihr nach, Ringelsocken, klatsch, klatsch, klatsch, knallten die Fersen der braunen Schlappen auf die Treppenstufen. Demir schloss die Tür, geräuschlos, heimlich, wie er das immer tat. Langsam einen Spalt formen, den Riegel gefühlvoll gleiten lassen, mit einem kaum hörbaren klick rastet er ein, und wieder drin, wieder sicher. Er legte sich ins Bett, früher das große Schlafzimmer, das der Eltern, in den Spalt zwischen den Matratzen, und sah an die Decke. Er spürte die kleine, feste Hand auf seinem Handrücken, und fasste sich selbst daran, legte die Hände aufeinander, auf den Bauch, schloss die Augen, spürte dem Gefühl des Sprechens auf der Zunge nach.


Am Sonntag kam sie wieder, schwarze Leggings mit Loch am linken Knie, großer bunter Wollpullover bis auf die Oberschenkel, lila

Wollsocken in braunen Schlappen. Sie gähnte.

»Ham Sie Kaffee? Hab nämlich keinen mehr«, spähte schon in die Küche.

»Ich trink leider kein Kaffee«, leider, warum eigentlich leider, »schwarzen Tee könnt ich machen.«

»Auch gut«, ging ins Wohnzimmer.

Diesmal hatte Demir den Rattanstuhl schon hingestellt. Er hatte gelüftet. Beim Lüften drang nicht nur die Luft ins Zimmer, auch die Geräusche, eigentlich drang das ganze Draußen ins Zimmer rein. Demir hatte das lüftende Zimmer sofort verlassen, doch später, beim Fensterschließen, nach den empfohlenen zehn Minuten, da hatte er hinausgeschaut. Die Kirche hatte zur halben Stunde geläutet, ding, dang, und der Verkehr unter ihm war gleichmäßig dahingerauscht. Im Gebäude gegenüber, gleicher roter Backstein, da hatte er eine Frau gesehen. Die stand auf einem der Balkons und rauchte, dunkle Locken über einem grauen Bademantel, und beim Rauchen betrachtete sie sich selbst in einem riesigen Spiegel ohne Rahmen. Kurz hatte Demir sein Gesicht in dem Spiegel gesehen, ganz klein, und dann das graue Gesicht der Frau. Ihm war kalt geworden, und er hatte das Fenster wieder geschlossen. Und gesaugt hatte er, alter Vorwerksauger der Mutter, irre laut. Ein neues Geräusch, das aus seiner Wohnung drang, für die von oben links, peinlich, doch es hatte ihm Freude gemacht, wie die Krümel verschwanden, Freude gemacht, wie die kurzen Haare des Teppichs sich aufstellten. Jetzt sagte sie nichts, und er war froh darum.


Am vierten Sonntag erklärte sie: »Wir brauchen ein Metronom«.

Sie übten immer noch Bruder Jakob, waren eben fertig geworden, und jetzt stand sie in der Tür und sah aus, als hätte sie gerade eine Weltformel gelöst.

»Das gibts auch online, als App«, Demir hatte sich an seine Stimme gewöhnt.

»Das ist nicht das Gleiche, man muss es richtig ticken hören, und sehen, wie die Nadel schwingt«, nickte mehrmals heftig mit dem Kopf, »morgen um Drei, da klingel ich, ziehn Sie sich was Warmes an und bringen Sie Geld mit«.

»Aber«, setzte er an, und ihm fiel nichts ein.

»Bis dann«, klatsch, klatsch, klatsch.


Rausgegangen war er nie gern, und seit zwei Jahren musste er auch nicht mehr. Die vielen Menschen und ihre Gedanken. Die Gedanken, die er dachte, und von denen er dachte, dass die Anderen sie dächten, und dann wurde es kompliziert. In der Wohnung saß er, in den knarzenden Rattansesseln, am Esstisch, auf dessen Querstreben man die Füße stellen konnte, wo ihm alles bekannt war, das Unglück wie das Glück. Und jetzt allein, die Eltern zurück in der Türkei, die älteren Brüder auch, die Schwestern in den Vororten, und er in der alten Wohnung, und kein Kontakt. Nur noch die Ritze vom Bett, der Tisch, die Fleckendecke, die nach Mutter beim Häkeln roch. Seit zwei Jahren kein Kontakt, schleichend war das gegangen, nach der Kündigung. Der Job im Containerhafen, der hatte die fehlende Ehefrau entschädigt, ein bisschen jedenfalls, dem Vater war es trotzdem nie genug gewesen, und vor zwei Jahren dann keine Stelle mehr, keine Entschädigung, Scham und bei jedem Klingeln des Telefons in die Bettritze gelegt. Entschuldigung, hatte was zu tun, und irgendwann gar kein Klingeln mehr.


Am Montag schloss Demir die Tür von außen, formte den Spalt, schloss ihn wieder, stand draußen. Er ließ sich nichts anmerken, hoffte er jedenfalls. Den Fuß in den besten Schuhen, die hatte er sich bestellt, sah man kaum. Rasiert, die Haare gewaschen, zur Sicherheit trotzdem unter der grauen Mütze mit Ohrenklappen, von damals, von der Arbeit. Sie ging voraus, raschen Schritts, in die Stadt, er kannte die Wege, sah aber alles neu, alles hochgesättigte Farben, alles roch irgendwie, alles machte irgendein Geräusch. Nichts anmerken lassen, dachte Demir, dachte es rauf und runter, versuchte, nicht daran zu denken, was die anderen dachten. Die Frau von oben links lief schräg vor ihm her und quasselte, beschwerte sich, über irgendeinen Thomas, und er war dankbar darum, hörte zu, dachte nur noch nebenbei, hob den Blick, hob ihn nach und nach, sah sich um, sah, was es alles gab, viel mehr, als in der Lieferapp vom Supermarkt, es gab so viele Menschen, so viele von ihnen. Eine Frau kam ihnen entgegen und sah ihn an, er erschrak, Augen wieder auf die Schuhe, auf den Bordstein, auf den Hinkefuß. Nicht auf den Schweiß achten, nicht auf den Bauch achten, Lippen über die Zähne gepresst. Da drehte sie sich um, die Frau von oben links, und blieb stehen, er lief ihr fast hinten auf. Sie musterte ihn, schluckte eine Frage herunter, ging dann weiter, jetzt neben ihm, wurde still, sagte dann:

»Wissen Sie, man kann alles machen, alles sagen, ist ganz egal. Ich kann rausgehen, und irgendeiner spricht mich an, eine piekfeine Dame mit so einem kleinen Hündchen vielleicht. Sie steht neben mir an der Haltestelle Stresemann, bei uns da, und es schüttet und ist grau und so, und die Alte macht einen Kommentar. Was für ein Wetter, oder so ähnlich, sagt sie, will ein Gespräch anfangen. Ich könnte sagen, jaja, schrecklich, oder sowas. Aber ich könnte auch sagen, ach, ich liebe es, wenns so schneit und alles ganz weiß ist. Nur es schneit gar nicht, sondern es regnet, verstehn Sie? Die Frau wird nicht mehr antworten, wird mich für verrückt halten, klar, aber wissen Sie, was dann passiert? Na? Na, dann vergisst sie es! Vielleicht erzählt sie es noch ihrem Mann, beim Abendbrot, oder der Gisela, oder wie ihre Freundinnen heißen, aber danach vergisst sie es. Man kann sich gar nicht jeden verrückten Typen auf der Straße merken. Deshalb ists auch egal, deshalb muss man sich keine Gedanken machen. Oder wissen Sie etwa noch, welche verrückten Typen Sie vor drei Jahren auf der Straße gesehen haben?«

»Naja«, setzte Demir an, wollte etwas sagen, ihm fiel nichts ein.

Da war das Musikgeschäft, und sie steuerte die Kasse an. Wieso die Kasse, wieso nicht selbst suchen, wieso überhaupt ins Geschäft gehen, wieso nicht bestellen? Ein gelangweilter Typ, Mitte dreißig vielleicht, schwang auf einem Drehstuhl hinter dem Tresen hin und her, starrte auf das Handy in seiner Hand. Demir stand hinter ihr, halb versteckt, die Augen auf ihren Stoppelkopf gerichtet.

»Haben Sie Metronome?«

»Klar, was suchen Sie denn?«, seufzte.

»Ein gutes halt, ist für meinen Freund hier, der ist nämlich ganz schön aus dem Takt gekommen, wissen Sie«, das war so blöd, aber sie verzog keine Miene.

Der Verkäufer starrte sie an, die Frau von oben links grinste, der Verkäufer grinste nur halb, verzog den Mund, die Winkel nach unten, wollte nicht, sie schnaubte zuerst, der Verkäufer ihr hinterher. Demir spürte ein Kribbeln im Zwerchfell, spürte es hochsteigen. Demir verzog den Mund, gluckste. Demir hörte die Glocken.



Alpennebel

Ich erinnere mich noch genau, wie du damals an der Haltestelle standest und rauchtest. Die Straßenbahn sollte erst in einigen Minuten kommen und du genossest die Pause mit geschlossenen Augen. Eine ältere Frau kam zu dir und räusperte sich. Offenbar erwartete sie, dass du die Augen öffnen und sie ansehen würdest. Dass du es nicht tatst, verunsicherte sie.

Ein Zittern hatte sich in ihre Stimme gemischt. »Hören Sie, das ist ja krank! Das können Sie doch nicht machen. Wissen Sie nicht, dass das schädlich ist? Heute weiß man das doch.«

Du ignoriertest sie so lange, bis sie verächtlich schnaubte und sich etliche Meter von dir entfernte hinstellte – um dir bis zur Ankunft der Bahn giftige Blicke zuzuwerfen. Während der ganzen Szene hattest du dir über den Bauch gestreichelt, seine beruhigende Wärme gespürt und in dich hineingelächelt.


An dem Tag, an dem du vom Arzt zurückkamst und sagtest, du seist schwanger, hast du dich stundenlang ans Fenster gesetzt und hinausgeschaut. Anschließend bist du aufgestanden, hast dir den beigefarbenen Mantel von der Garderobe genommen und bist zum Kiosk um die Ecke gegangen, um eine Stange Zigaretten zu kaufen. Eine der unbekannteren Marken. »Die Schachteln sollen möglichst bunt sein«, sagtest du zum Verkäufer. Das war der Tag, an dem du angefangen hast zu rauchen.

Du hast dir in der Küche eine kleine Ecke eingerichtet. Dein Heiligtum, in dem du jeden Morgen das gleiche Ritual zelebriertest. Eine Tasse Tee, zwei Tassen Kaffee, drei Marmeladentoasts und vier Zigaretten. »Eins, zwei, drei, vier«, lachtest du immer. Das mit den Marmeladentoasts sei wichtig, sagtest du. Du wolltest, dass sich dein Kind an den Geschmack gewöhnt, weil Marmeladentoast gut für Kinder sei. Du habest sie früher auch gegessen. Zwei Scheiben und grundsätzlich mit Erdbeermarmelade, obwohl du Himbeere eigentlich lieber mochtest. Aber Himbeere sollte etwas Besonderes bleiben. Und wenn du irgendwo zu Besuch warst und es dort Himbeermarmelade gab, konntest du strahlend verkünden, dass das die leckersten Brote seien, die du je gegessen habest.

Vor der Schwangerschaft hattest du beim Frühstück Zeitung gelesen oder Radio gehört, jetzt schautest du nur noch hinaus auf die Birken, die sich im Wind bewegten. Die Birken hinter dem Haus waren der Grund gewesen, warum wir uns damals für die Wohnung entschieden hatten. Es waren deine Lieblingsbäume – weil sie es dir erlaubten, schwarz-weiß zu sehen, ohne die lästigen Grautöne dazwischen.


Als dein Bauch dicker wurde, fragten dich immer mehr deiner Freunde, ob du schwanger seist. Du antwortest fröhlich mit »Ja«. Ob du nicht mit dem Rauchen aufhören solltest. Wegen des Babys. Du schütteltest dann den Kopf und erklärtest, dass du ein behindertes Kind haben wollest, weil man behinderte Kinder lieber haben könne als gesunde. Gesunde Kinder, meintest du, würden mit der Zeit grausam – sie quälten Tiere und hänselten ihre Altersgenossen. Bei deinem Kind würde das anders sein. Es würde immer Kind bleiben, seine Unschuld nie verlieren und auch mit über zwanzig noch in die Arme seiner Mutter gerannt kommen, um zu weinen oder zu lachen.

Deine Freunde brachten stets das Argument des Kindeswohls an und dass dieses an erster Stelle stehen müsse. Du ließest das Argument nicht gelten. Um es zu entkräften, brauchtest du bloß eine Tageszeitung mit all ihren Katastrophenmeldungen. Ein Kind, das all das nicht verstand, musste glücklicher sein als eines, das begriff, wie brutal die Welt war – und sah, wie seine Eltern daran zerbrachen.

Nach und nach wandten sich immer mehr Freunde von dir ab. Es machte dir nichts aus, denn bald würdest du eine Freude im Leben haben, die dir niemand nehmen und die dich bis zu deinem Tod begleiten würde.

Während der Schwangerschaft hattest du mehr Lust auf Sex. Das liege aber nicht an den Hormonen, beteuertest du, sondern an der Zigarette danach. Weil das so romantisch sei und weil die großen Schauspielerinnen nach dem Sex alle rauchten. Zumindest auf der Leinwand. In den fünf Minuten danach konntest du dich fühlen wie ein Filmstar.

Einmal lagst du nackt auf dem Bett. Deine gespreizten Beine waren leicht angewinkelt und dein Bauch wölbte sich zur Zimmerdecke. Du hobst den Kopf und stießt einen Rauchschwall aus. Der Rauch floss in Wirbeln um deinen Bauch herum, bis er ihn ganz umhüllte – nur der Nabel ragte heraus. »Wie ein Berg in den Alpen«, hattest du gelacht. »Im Frühnebel.«

Dann ließest du dich zurück auf die Matratze sinken.

»Gerade wird darüber diskutiert, dass die meisten Kinder glauben, Kühe seien lila«, meintest du, ohne mich anzuschauen. »Wegen der Milka-Kuh. Alle sagen, dass es schrecklich sei, dass Kinder nicht mehr wüssten, wie echte Kühe aussehen.«

Du fandest, dein Kind solle an lila Kühe glauben dürfen. Erwachsene glaubten schließlich auch an Dinge, die es nicht gab – sichere Atomkraft oder Frieden durch Waffen. Wenn ein Kind sich Wunschdenken hingab, litt wenigstens niemand darunter.

Dann blicktest du auf deinen Alpengipfel, um den längst kein Rauchnebel mehr lag, und dachtest laut nach. »Ich glaube, wenn das Kind auf der Welt ist, höre ich auf, politisch zu sein«, sagtest du. »Ich brauche das dann nicht mehr. Vielleicht fange ich auch jetzt schon an, damit die Umgewöhnung später leichter fällt.«


Drei Wochen später kam Linus zur Welt. Es sei der schlimmste Tag deines Lebens gewesen, meintest du später. Die Geburt war kompliziert und die Ärzte rieten dir zum Kaiserschnitt, aber du lehntest entschieden ab. Das sei geschummelt, sagtest du. Als Linus Stunden später auf deinem Bauch lag, warst du fast zu schwach, um ihn zu halten.

Am selben Tag hörtest du mit dem Rauchen auf.

Linus war ein stilles Kind, das sich stundenlang küssen und drücken ließ, ohne zu protestieren. Auch nachts schlief er durch.

Doch je älter er wurde, desto nervöser und unsicherer wurdest du. Eigentlich hatte der Arzt es dir schon bei der Geburt gesagt, aber du hattest es nicht wahrhaben wollen. Was sollte ein Mann, der selber keine Kinder zur Welt bringen konnte, schon wissen. Aber er hatte recht gehabt und je älter Linus wurde, desto weniger ließ es sich leugnen, dass er gesund war – vielleicht etwas langsam im Kopf, aber weit entfernt von jeglicher Behinderung. Nachts vor dem Einschlafen weintest du heimlich. Auch Linus spieltest du etwas vor, überhäuftest ihn mit Geschenken und Aufmerksamkeit, um zu verbergen, dass du ihn nicht so sehr liebtest, wie du es wolltest.

Er wurde wie die anderen Kinder, spielte die gleichen Spiele, las die gleichen Comics und gab die gleichen Widerworte. In der Schule war er schlechter, als du es gewesen warst, aber die mittlere Reife schaffte er. Zu dieser Zeit lernte er ein Mädchen kennen. Juliane hatte fleischige Hände und trug eine blaue Brille, die ihr nicht stand, aber eigentlich war sie ganz nett. Kurz nach seinem siebzehnten Geburtstag kündigte Linus an, dass die beiden zusammenziehen würden. Du nahmst einen Schluck aus deiner Kaffeetasse, nicktest stumm und drehtest dich weg – hin zum Fenster und den Birken dahinter.


JEDES KIND KANN SCHLAFEN LERNEN

TEIL 1: DER WEG

Dem Kind wurde schon sehr früh eingebläut, dass es immer die Wahrheit sagen sollte.

Aber die Wahrheit war etwas Unbegreifbares. Sie war splitterhaft. Sie bestand aus tschechischen Märchen und Marzipanschokolade. Aus blauer Bettwäsche, einem kleinen Malteser und aus einem Haselnussbaum. Aus den Anzugschuhen, die jedes zweite Wochenende im Spalt unter dem hohen Gartentor erschienen.

Wer vor dem Tor auf das Kind wartete, änderte sich ständig. Mal waren es Männer, mal waren es Frauen, alle unwahrscheinlich unterschiedlich. Die einzige Gemeinsamkeit war ihr Beruf: UM- GANGS-PFLE-GER. Das hatte man dem Kind erklärt, beim ersten Mal – als das erste Paar Schuhe unter dem Tor auftauchte, als das Tor das erste Mal geöffnet wurde, als das Kind das erste Mal mitgehen sollte.

Bis zu diesem Zeitpunkt war das Kind äußerst aufgeschlossen gewesen. Es war kontaktfreudig und freundlich. Ein Sonnenschein. Jetzt würgte es seine Mutter. Aus Angst, um nicht gehen zu müssen.

Natürlich brachte das nichts. Kinderhände sind viel zu klein, um den Hals einer Erwachsenen zu umfassen, geschweige denn kräftig genug, um mehr auszulösen als Verwunderung. Also löste die Mutter die Kinderhände von ihrem Hals, küsste sie und übergab sie dem Fremden. Man redete gut auf das Kind ein, trat heraus zur Straße, verabschiedete sich. Man schloss das hohe Gartentor, machte sich gemeinsam auf den Weg. Man lächelte fromm hinab. Der Mann. Und das Kind, das schrie. Es schrie, bis der Putz sich von der Hausfassade löste. Bis die Pflastersteine unter seinen Füßen bebten und die Bäume ihre Blätter fallen ließen. Es schrie, bis die Ampellichter durchbrannten und die Tankstelle explodierte. Es schrie so lange, bis sie das Haus erreichten, auf der anderen Seite der Stadt. Vielleicht aber auch nur ein paar Straßen weiter. Es schrie, bis die Stufen zur Haustür erreicht waren, bis der fremde Begleiter die Klingel drückte. Bis sich die Tür öffnete.

Dann war es still, das Kind. So sollte es noch lange gehen. Es würde schreien, bis es heiser war, bis zwischen dem ersten und dem letzten Schrei sechs Jahre lagen. Bis es längst keine Stimme mehr hatte.

Die Wahrheit also: Die Wahrheit war, dass es die Wohnung im Dach gab. Diese Wohnung im Dach. Diese Dachgeschosswohnung. Darin ein Kinderzimmer, das keines war, aber so verzweifelt versuchte, eines zu sein:

Dort gab es eine quietschgrüne Wand mit vielen Postern – Ponys, die das Bett umzingelten – und Puppen, denen das Kind die Haare ausgerissen hatte. Ein Doppelbett mit fremdriechender blauer Bettwäsche.

Nichts davon hatte das Kind selbst ausgesucht oder sich gewünscht. Es zerstörte das neu gekaufte Spielzeug und riss die Pony-Poster von der Wand. Doch auch das nützte nichts. Beim nächsten Besuch würden da neue Puppen liegen und er würde neue Poster an die Wand gehängt haben: Vielleicht keine Ponys mehr, stattdessen Bären oder Pinguine. Es war kein Kinderzimmer. Da war ein Zimmer, eingerichtet für ein Kind. Für irgendeins.


Eine Küche, ein Wohnzimmer, ein dunkler Speicher im Dach. Ein weiß gefliestes Bad. Eine Badewanne und ein Plastikhocker vor dem Spiegel. Rasierschaum im Wandschrank und Hundeshampoo auf dem Badewannenrand. Es gab ein Handtuch am Haken. Es gab eine Nagelschere. Ein Handtuch am Haken. Und hier gab es das Kind, jedes zweite Wochenende, immer dann, wenn es sich im Badezimmerspiegel sah. Die Wahrheit war, dass es hier kein Innen und kein Außen gab. Bloß über oder unter Wasser.

Die meiste Zeit war es hier furchtbar still.

Eines Abends, gut ein Jahr nach dem ersten Mal, erschien Frau Wöll vor dem Gartentor. Das Kind sagte der Mutter einmal, dass es Frau Wöll hasse. Wöll, Gewölle – das ist Eulenkotze, erwiderte die Mutter darauf. Das Kind nickte. Das ergab Sinn. Ab jetzt nannte es sie heimlich nur noch so: Frau Eulenkotze. Manchmal sang es den neuen Namen, wenn es auf dem Trampolin sprang, grinste bei jedem Sprung in der Luft und ließ die Silben auf dem Netz aufprallen. Wie die nackten Füße: Wöll. Ge-Wöll Eu-len-kot-ze.

Dabei biss es sich lachend auf die Zunge.

Frau Wöll lachte nie. Sie streckte erst der Mutter, dann dem Kind die starre Hand entgegen. Diese Hand musste das Kind den ganzen Weg lang halten. In der Dachgeschosswohnung angekommen, blieb Frau Wöll länger, als es die ersten Umgangspfleger getan hatten, sagte, sie wolle sich vergewissern, dass das Kind auch rechtzeitig schlafen gehe. Sie stand über dem Bett und sah zum Kind hinab. Es sagte: Ich kann nicht schlafen.

Es sagte: Ich kann hier nicht schlafen.

Frau Wöll kräuselte den Mund. Sie zog dem Kind die blaue Decke bis zum Kinn und legte die kalte Hand über seine Augen. Sie sagte: Jedes Kind kann schlafen lernen, schaltete das Licht aus und schloss die Tür.


TEIL 2: DIE BEFRAGUNG

Herbst. Der Himmel hängt tief. Merkwürdiges Licht. Blau leuchtend. Dunkel, aber man kann die Wolken noch ziehen sehen. Ein großes altes Gebäude. Schwere Türen.

Sicherheitsschleuse. Alles bekannt. Das Kind ist elf, fast zwölf, doppelt so alt wie beim ersten Mal. Es hängt an der Hand der Mutter. Das Kind kennt den Ablauf. Es wird auf Waffen untersucht. Es räumt die Taschen leer: Ein Haargummi, zwei fusselig klebrige TicTacs, eine Haselnuss. Der Mann hinter der Glasscheibe winkt das Kind vor. Es tritt in die Schleuse. Ein metallisches Geräusch, es klickt, dann leuchtet es grün. Der Mann hinter der Glasscheibe nickt. Das Kind tritt in den Bauch des Gebäudes.


Es ist kalt hier. Sehr viele Stufen. Alles aus Stein, alles weiß. Dritte Etage. Von oben kann ich runterschauen auf ein Mosaik ganz unten. Ich kann auch runterspucken. Könnte. Mama lässt mich nicht.


Die Mutter setzt sich. Das Kind zählt die Schritte bis zur Treppe. Es setzt einen Fuß vor den anderen.


Zwei. Drei. Vier. Heute ist es ein bisschen anders als die letzten Male. Fünf. Sechs. Sieben. Wir sind hierfür in die Großstadt gefahren. Acht. Neun. Zehn. Es ist ein noch größeres Gericht als zuhause. Elf. Zwölf. Ein bisschen wie ein Schloss. Zwölf. Zwölf Schritte.


Ein großer Mann im Anzug kommt auf die Mutter zu. Man gibt sich die Hand. Der Richter heißt Herr –

Schmidt.

Doktor Schmidt.

Er spricht zur Mutter. Das Kind sitzt auf den Treppenstufen, regungslos. Es starrt die weißen Marmorstufen hinab.

Stein schlägt auf Haut, schlägt auf Knochen, nimmt mich fort – Mama sagt, ich muss jetzt mitgehen.

Das Kind steht auf. Kein Widerstand. Es hat längst keine Zähne mehr. Es folgt dem Richter den Gang hinunter und sieht sich nochmal nach der Mutter um. Die wirft ihm einen Kuss zu. Das Kind fängt ihn auf und steckt ihn in die Hosentasche. Der Richter hält dem Kind die Tür zu seinem Büro auf. Es tritt herein, der Richter folgt. Er schließt die Tür:

Vermerk über die Anhörung des Kindes L. D. am 20.08.2013:
Das Kind kam mit seiner Mutter. In einem kurzen gemeinsamen Vorgespräch wurden sie über den Zweck und den Ablauf der Anhörung informiert. Die Anhörung fand in meinem Dienstzimmer in Gegenwart der weiteren Senatsmitglieder Grommes und Fleischhauer sowie der Verfahrensbeiständin, Frau Wendorff, statt.

Fleisch-Hauer. Fleiiiiiisch-HAU-Er. Das klingt fies. Aber er ist viel kleiner als Mama und hat einen lustigen Schnurrbart. Er sieht aus wie ein Hamster.

Das Kind macht – zumindest zunächst – einen entspannten Eindruck.

Sie haben dir gesagt: Du darfst nicht lügen. Du musst die Wahrheit sagen. Die Wahrheit. Schließ die Augen, geh auf die Suche.

Es hat seinen Vater nach dem Termin beim Amtsgericht in B. noch einmal in der Stadt gesehen, aber nicht mit ihm gesprochen. Es vermisse ihn auch nicht, denn –

Ich habe mich nie wohl gefühlt bei ihm.

Es vermisse den Hund, den es früher gehabt habe und der nach der Trennung der Eltern beim Vater zurückgeblieben sei.

Ich weiß aber nicht, was jetzt mit Cisco ist. Weiß nicht, ob er noch lebt.

Als die Eltern noch zusammen lebten, habe sich vorrangig die Mutter um das Kind gekümmert, während der Vater seine Zeit vor dem PC verbracht habe. Es verbinde mit ihm nur unangenehme Erinnerungen.

Einmal, da …

habe der Vater in der Gegenwart des Kindes die Muttergetreten.

Und immer wenn ich da war …

habe er dem Kind die Fingernägel so kurz geschnitten, dass es weh getan habe.

Ich will nicht mehr erzählen.

Jetzt versuche der Vater zwar gelegentlich nett zu sein, respektiere aber nicht die Wünsche des Kindes, nicht geküsst oder umarmt zu werden. Auf den Hinweis, dass dies für einen Vater doch nicht so ungewöhnlich sei, bricht das Kind in Tränen aus.

Das Kind weint lautlos. Es schaut zum Fenster. Draußen nur Dunkelheit.

Ich sitze auf einem Stuhl. Ich atme ein, bis es nicht mehr geht. Ich schaue auf die Uhr und kann sie nicht lesen. Ich bin klein und Uhren sind sinnlos. Ich sitze hier. Ich warte, dass etwas passiert. Ich atme ein, bis es nicht mehr geht und dann noch ein Stück. Das Büro ist kalt. Der Stuhl ist zu groß für meinen Körper. Meine Beine sind zu kurz, um den Boden zu berühren. Mir ist kalt. Ich will nach Hause. Es ist kalt hier. Dunkel. Blau. Ich will hier weg.

Die drei Anzugträger Grommes, Fleischhauer und Schmidt sitzen hilflos da. Frau Wendorff legt dem Kind die Hand auf die Schulter. Es wischt sich übers Gesicht, fängt sich. Richter – Doktor – Schmidt fährt fort:

Wir besprechen mit dem Kind die Frage eines Kontaktes per Telefon und/oder Brief. Telefonieren möchte es mit dem Vater nicht, aber es schließt nicht aus, ihm zu schreiben. Es sei dem Kind allerdings egal, ob der Vater ihm antworten würde. Vielleicht würde es später einmal wieder Kontakt zu ihm haben wollen –

Vielleicht irgendwann. Aber nicht jetzt.

Die Befragung ist vorbei. Man bedankt sich bei dem Kind, man gibt ihm die Hände. Man wünscht alles Gute, öffnet die Tür. Und das Kind, das rennt. Es rennt den kalten Gang hinab, wird schneller, immer schneller, rennt auf die Mutter zu. Doch das Kind ist viel leichter als vor ein paar Stunden. Es ist wie aus Papier. Es rennt und rennt und der Wind greift ihm unter die Arme, bis es den Boden unter den Füßen verliert. Das Kind steigt auf, zum Fenster hinaus und in die dunklen Wolken. Der Wind trägt es sanft. Höher, immer höher. Es donnert. Das Kind beginnt dem Wind zu flüstern:

Die Wahrheit also. Ich habe keinen Körper. Es gibt nur einsame Knochen. Es gibt ein Handtuch am Haken. Es gibt Fingernagelsplitter auf dem Boden und wunde Fingerspitzen. Es gibt Küsse. Es gibt Knochen. Das weiß ich, weil ich sie zertrümmern will. Es gibt kein Außen und kein Innen. Es gibt Auftauchen und Abtauchen. Luft anhalten gibt es immer. Es gibt keine Farben, es gibt nur rot. Es gibt eine Buntstiftzeichnung in der Hand meiner Lehrerin. Es gibt eine rote Sonne in der Ecke des Bildes und andere rote Dinge in anderen Ecken. Es gibt ihren Mund, der sagt: »Ich bin verpflichtet dich das Folgende zu fragen:« Es gibt kein Außen, es gibt kein Innen. Es gibt keine Farben, es gibt nur rot. Es gibt etwas Wahres. Es gibt Lügen. Es gibt eine Wohnung im Dach. Es gibt Dinge, die ich nicht erzählen darf. Es gibt Übelkeit, jeden zweiten Montag. Und Schmerz, den gibt es. So lange, wie es Väter gibt. Und Väter gibt es zumindest manchmal. Wenn sie dir rote Mäntel schenken und wenn sie dir sagen: »Du wächst da rein.« Es gibt keine Väter, nur manchmal, nur dann, wenn es keine Mutter gibt. Es gibt kein Kinderzimmer. Es gibt kein Kinderbett. Es gibt zerdrückte Motten an der Wand. Es gibt einen Vater, bis du ihn vergisst.

Der Wind hört zu. Er nimmt das Kind in die Arme, trägt es höher, bis ihm blaue Federn wachsen. Bis der Himmel es verschluckt. Es donnert. Ein Wolkenbruch. Endlich. (Regen.)


TEIL 3: DAS ENDE

Ich bin kein Kind mehr. Ich werde immer eines bleiben. Ich bin eine Frau, manchmal, meistens aber ein Mädchen aus Papier. Etwas Durchsichtiges, Zerknittertes. Etwas Zerrupftes, etwas mit Federn. Etwas mit wackeligen Zähnen. Sommermorgen. Es ist warm. Blauer Himmel, keine Wolken. Der Anruf kommt aus dem Nichts. Ich beeile mich nicht. Ich fahre langsamer als sonst. Während ich mich dem Krankenhaus nähere, überlege ich immer wieder einfach weiterzufahren. Doch etwas scheint mich in seine Richtung zu ziehen, ohne dass ich den Weg kenne. Ich biege an den Kreuzungen richtig ab, fahre um die richtigen Kurven und parke in der richtigen Straße. Wie ein Zugvogel, der einfach zu wissen scheint, wo es im Winter warm ist. Aber je näher ich komme, desto kälter wird mir.

Ein modernes Klinikgebäude. Schiebetüren. Eingangshalle. Es riecht nach Desinfektionsmittel. Ich frage am Empfang nach Station C, Zimmer 315. Ich nicke, ich bedanke mich, ich gehe zum Aufzug. Keine Stufen, drei Etagen. Alles geht viel zu schnell.

Die Aufzugtüren öffnen sich.

Leere Krankenbetten stehen auf dem Gang. Eine Krankenschwester lächelt mir zu. Ich laufe durch die Station, sehe ein Schild, das mich in den richtigen Gang weist. Drei. Vier. Fünf. Ich zähle die Schritte. Sieben. Acht. Neun. Ich setzte einen Fuß vor den anderen. Elf. Zwölf. Dreizehn. Ich sehe auf. Zimmer 315. Ich atme ein, ich atme aus, ich klopfe an. Ganz hinten am Fenster liegt etwas. Es riecht nach aufgeweichter Haut. Nach nassen Wunden. Der Fernseher hängt oben an der Decke. Skispringen lautlos. Da liegt es. Ganz hinten. Weiße Haut und schwarzes Haar, gefärbt. Der graue Ansatz schon weit herausgewachsen. Die Augen vernebelt von Schmerz. Nicht mehr grün, sondern grau. Nicht mehr beißend, sondern müde. Zwei Augen, ein Mund. Der Eckzahn, der immer schon leicht zwischen den Lippen hervorguckte. Es bewegt sich kaum. Es könnte die Zähne nicht mehr fletschen, selbst wenn es wollte. Es ist zu krank. Es ist alt und hat ein Gesicht. Es erinnert mich an etwas. Es flüstert, ich solle näher kommen. Ich trete an das Ding im Bett. Es riecht vertraut. Selbst nach all den Jahren macht sich meine kindliche Biologie über mich lustig. Sie meutert meinen Körper, lässt mich zittern, lässt mich fallen, dem Urbiest, dem Betrüger meiner Kindheit vor die Füße. Mein Leben lang hatte ich versucht, diesen Höhenunterschied zu vergessen. Ich sinke für niemanden auf die Knie und habe die Hornhaut meiner Kindheit über die Jahre weich gecremt. Jetzt falle ich freiwillig.

Ich lege meinen Kopf auf die Matratze und drücke meine pochende Schläfe an sein Bein. Sein Atem über mir, irgendwo, leise, kratzend. Hier, dem Ursprung meiner Ängste so nah, verstehe ich, dass ich in meinem Leben nur zwei Worte kenne. Mein Herz erinnert sich schmerzhaft, verkrampft, schreit heraus: Lieb mich! Lieb mich! Ich hasse ihn. Lieb mich, lieb mich, lieb mich! Herz-Muskelkater. Ich fühle mich fiebrig. Es gibt kein Innen und kein Außen. Ich hasse ihn. Ich drücke meine Stirn noch fester an sein Bein. Er flüstert meinen Namen. Seine Stimme ist gealtert. Er atmet flach. Meinen Namen, noch einmal, meinen Name, leiser.

Dann nicht mehr. Dann nie wieder.

Etwas verändert sich. Etwas scheint die Welt ganz wesentlich zu verändern. Etwas bricht auf.Das ewige Treiben scheint ein Ende zu haben. Es ist vorbei und das ist die Wahrheit, zumindest in diesem Augenblick. Es gibt keine großen und keine kleinen Körper mehr, keine trennenden Häute, keine einsamen Knochen. Nur Härte und Hitze und Pochen. Nur ein Bett und ein sterbendes Wesen und eines, das endlich leben darf.

So bleibe ich knien, an seinem Bett, eine ganze Weile wohl. Ich – hier unten, lebendig, atmend. Er – da oben, reglos, tot, aus Stein.

Es ist das erste Mal, dass ich in seiner Anwesenheit einschlafe.


Irgendwann streicht er mir sachte übers Haar. Ich zucke. Ich hebe den Kopf und spüre die Rillen in meiner Stirn, die seine Cordhose dort hinterlassen hat. Über mich gebeugt steht eine Krankenschwester, ihre Hand noch sanft auf meinem Kopf. Sie sagt irgendetwas.

Mir ist, als sei ich auf einer anderen Seite meines Lebens aufgewacht. Sie sagt irgendetwas. Dieses andere Leben scheint immer schon da gewesen zu sein, scheint auf mich gewartet zu haben.

Ich sehe zum Bett hinauf. Da liegt etwas. Etwas Altbekanntes, Fremdes. Etwas wie aus einem alten Traum. Ich sehe es mir ganz genau an. Ich vergewissere mich, dass es wirklich tot ist.

Es atmet nicht mehr.

Hier, jetzt gerade, ist die Wahrheit so klar wie noch nie. Die Wahrheit also, ein letztes Mal: In diesem Zimmer gibt es keine gute alte Zeit. Hier gibt es keine Vergebung, keine zweite Chance. Hier gibt es einen toten Vater. Und hier gibt es so etwas wie ein Kind.


Ich ziehe mich auf die Füße, ich öffne das Fenster. Der Sommerwind zieht sachte an mir, ich steige hinaus, es ist so hell, ist so warm, ist so blau.