Ausgabe 17

  • 04/07/2026

Vorwort #17

Liebe Leserinnen und Leser und alle Lesenden!

Jetzt also ist es soweit, die neue KLW endlich in den Händen, wollt ihr es euch gemütlich machen mit Kaffee, Kippe, Kuchen, euch packen lassen von neuen Texten und allerlei Gereimtem und Ungereimtem. Vielleicht zittert ihr vor Aufregung und könnt die Buchstaben schon nicht mehr lesen. Jetzt nur noch das Vorwort, denkt ihr euch, warum immer dieses Vorwort.

Doch bevor ihr diese Seite überspringt, möchte ich euch eine Frage stellen:
Was ist eigentlich eine Flaschenpost?
Wann habt ihr das letzte Mal eine Flaschenpost ins Meer geworfen?
Wann habt ihr das letzte Mal eine Flaschenpost gefunden?

Okay, das waren drei Fragen.
Also der Reihe nach. Das Prinzip einer Flaschenpost ist schnell erklärt: du schreibst einen Brief, stopfst ihn in eine Flasche und wirfst ihn ins Meer. Ob die Flasche jemand findet, weißt du nicht, nach drei Tagen ist dir das auch egal. Habt ihr das jemals gemacht? Wahrscheinlich nicht. Leider gehen von Jahr zu Jahr weniger Menschen der Leidenschaft des Flaschenpöstelns nach.
Wahrscheinlich habt ihr noch nie eine gesehen.

Diese Ausgabe ist unser bescheidener Versuch, die Flaschenpost wieder relevant zu machen. Vielleicht inspiriert es euch, den Stift in die Hand zu nehmen oder Sonntagmorgen ein paar Stunden am Ufer zu sitzen.
Gleichzeitig ist die KLW natürlich selber eine Art Flaschenpost, immer schon gewesen, und eigentlich ist das ja auch die Literatur.

Denkt drüber nach. Und jetzt, gut gemacht, ist das Vorwort vorbei und ihr könnt endlich anfangen zu lesen.

Viel Spaß wünscht
Euer Timon,
stellvertretend für
die Kollektive Literaturzeitschrift Würzburg

HINWEIS: IN DIESER ONLINE-AUSGABE BEFINDEN SICH NUR PRIMÄRTEXTE. FÜR DEN GENUSS EINER GEDRUCKTEN UND VOLLSTÄNDIGEN AUSGABE (mit Autor:innen-Interviews, Hintergrundinformationen, grafischen Elemente, Rezensionen, etc.) KONTAKTIEREN SIE UNS PER MAIL (autorenseelsorge@literatur-wuerzburg.de) ODER BESTELLEN SIE EIN EXEMPLAR AUF liberladen.org.


Scherben am Strand

Er schaukelt unaufhörlich, kippt von links nach hinten und danach über rechts nach vorne. Ein kleiner Junge, er kann bereits laufen, bewegt sich jedoch in kurzen Sprüngen fort. Ihn belustigen die Bewegungen der Wellen, die das Boot überträgt: Der schmale Flaschenhals durchbricht die Wogen des Meers; der runde Bauch humpelt hinter ihm her. Der Kleine lacht ein zögerliches, quietschendes Lachen, es dringt zwischen den Körpern der anderen hindurch zu mir. Unsere Haut klebt aneinander. Es ist heiß auf dem Meer und es würde nur mäßige Erleichterung bringen, die Hände über den niedrigen Rand des Boots zu strecken und die Finger durch die Wellen gleiten zu lassen. Wir versuchen alle so gut es geht trocken zu bleiben, schließlich haben wir noch eine lange Strecke vor uns. Die Frau, auf deren Schoß der Junge sich einrollt, sieht müde aus, abgekämpft. Sie lehnt sich an die schmale Reling des Boots, Lackbrösel haften an ihrer Haut. Ich bin auch müde. Bald werden wir alle schlafen, die Sonne steht schon tief. Vielleicht sehen wir noch einen Sonnenuntergang.

So matt wir alle sind, wenn uns die Sonne tags austrocknet, so rastlos werden die anderen in der Dämmerung. Noch sind wir nicht angekommen; mich klebt die Sorge an meinen Platz fest. Das Ziel liegt hinter dem Horizont und er sperrt uns unter dem Himmel ein. Einen anderen Weg haben wir nicht, wir müssen irgendwo ankommen. Wenn wieder Nacht ist, werden die anderen laut werden. Weinen und Schreien begleitet das spärliche Licht der Sterne. In der Dunkelheit bewegen sie sich und geraten in Panik. Dem Nichts kann keiner entkommen. Bei brennender Sonne scheint sich der Horizont etwas zu nähern, aber nachts sind wir ausgeliefert. Wir werden vom Boot bewegt, wie das Boot von den Wellen, und wissen nicht wohin. Das Boot kippt dann unkontrollierter, die kleinen Lecks finden wir nicht und unsere Füße werden nass. Die Kälte kriecht die Beine hinauf und in den Hals, auch wenn wir nicht sinken. Oft kann sich jemand vor Panik nicht halten, springt auf, bringt alles aus dem Gleichgewicht, die Lecks lecken, mehr Wasser läuft in das Boot. Gepfercht sitzen und kauern und hängen wir aneinander und hoffen, dass wir nicht kentern. Nach vorne hin wird das Boot schmaler. Vor ein paar Tagen rannte einer über diesen Flaschenhals hinaus, hielt es nicht länger aus. Das Meer verschluckte den Körper sofort. Die Reling ist die einzige Grenze, alle anderen nehme ich nicht mehr wahr.

Ich will runter von diesem Boot. Das Boot will uns auch nicht haben. Es wackelt und windet sich, wir sind ihm zu schwer. Bleiben können wir so nicht viel länger. Wir werden nicht gesucht, müssen aber gefunden werden, bevor wir von Bord können, sonst treiben wir einfach weiter gen Horizont und werden irgendwann zu Meeresgrund. Meine kribbelnden Beine spüren die Bewegung zuerst. Es knackt und dann ist es nass. Der Himmel über uns birst. Scherben reflektieren das Mondlicht, als alles um uns herum zerbricht. Das Boot schwankt nicht mehr, das Boot ist weg. Oben und unten drehen sich, es zieht meinen Körper in verschiedene Richtungen. Das Wasser hatte ruhig gewirkt, solange ich noch nicht mit den Armen gerudert und beim Strampeln anderer Menschen Köpfe getroffen hatte. Der Bauch der See versucht mich zu verdauen. Ihre Zähne beißen in meine Lungen, in meine Augen. Ich sehe nur noch Umrisse. Wir waren über Tage in der Hitze zu einem Körperklumpen zusammengeschmolzen, jetzt strecken sich meine Gliedmaßen, herausgebrochen aus dem Klumpen, im Kampf hilflos aus. Für einen Augenblick greift meine Hand eine kleine. Ich reiße die Augen auf, um in dem schwarzen Tumult im Wasser etwas zu erkennen, da wischt eine Welle die kleine Hand wieder fort.

Unendliche Stunden, in denen ich Luft suche. Später spüre ich, wie mich manchmal der Meeresboden berührt. Ich komme irgendwo an, werde aus dem Wasser gepflückt wie Müll. Auf mich hat hier wohl niemand gewartet. Ich bin unangenehm, unerwünscht, abstoßend. Wir sind hier hereingebrochen, wir und unsere Schiffsscherben, und sie schneiden sich bereits an uns, ohne einen von uns zu berühren. Wir sind gekommen als Nachricht. Der kleine Junge vom Boot liegt schon an dem Strand, an dem ich abgeladen werde. Er hat eine Menge Wasser in seiner Lunge mitgebracht. Um ihn herum sind triefende Müllreste im Sand verstreut. Seine kurzen Finger strecken sich nach den Scherben aus.


wie er neu geworden sein wird

der kindliche kaiser kennt seine füße. der pfad
ist hölzern und roh. er ist aus dunkelklaren bohlen.
diese art, vorwärts zu kommen gleicht dem irren flug
der schwalbe, wenn ihr blähtonnest beginnt zu bröckeln.
er nimmt den mann in sich an die leine: der mann soll
männchen machen — der kindliche will
lachen. dies ist die schneise, gerodet aus glück.
denn er lächelt beim töten und bricht ast wie
genick. der kindliche kennt seine hände. die
tautrinker werden ihm zeigen, wie das
scirocco-mädchen den tod betrog. er wird
verstehen und fasten. er hat die haut&adler ge-
sehen, was also noch?
der kindliche kaiser weint aus den sohlen
seiner nackten füße. süßsalze bäche gebärt er.
das wort sehnsucht: in seinem mund silbenlos.
er hat rogen im haar,
denn ihm gewährten die götter.

was er am strand anstellt, frei

krebszucht im sandburghotel
der mannkrebs ist klar erkennbar
das hilft immens
zuvor: er baute
das krebsen — sehnt sich nach watt
dort wird anständig gekrebst

das brüchige schaufelein im teint seines glases
des unterlippenglases
auswurf spröder entsinnungen
damit erbaute er, ver und
traute heimseen für kleine wesen
die mutter schreit aus schlabberndem
fleisch: heraus das pinke! ihr sonniges
schreien baut schlösser aus kalksander lerntegut,
jedoch: das krebsen
unberedtes krebsen,
heilsam warmer ranz
flechtensuche im quarz des meeres
das netz spinnt und rankt anland
die korallen haben beine und
salutieren, und er, ja,
er sucht
den mann&krebs aus see und seide


Fasanenland

Wenn man am Wasser lebt, lernt man, das Grau zu lieben, sagt mein Vater. Wir stehen auf dem Deich, vor uns erstreckt sich menschenleer das breite Wattenmeer. In den feuchten Sand haben sich die letzten Wellen eingeschrieben. Ebbe. Erst jetzt sind wir richtig angekommen. Die lange Autofahrt, das schale Gefühl, das der Raststättenkaffee hinterlassen hat, und eine vage Anspannung diffundieren in die Weite der Landschaft. Der Wind atmet mit uns aus. Wir sind lange nicht mehr hier gewesen. Das Haus meiner Großeltern steht mittlerweile leer, aber es zieht uns trotzdem noch ab und zu in den Norden. Heimatgefühl nun ein Phantomschmerz.

Zwischen den Dörfern ziehen am Autofenster Wald und Felder an mir vorbei, Gutshöfe, Mühlen, Gemüsezuchten und immer wieder Pferde und Kühe, auf die wir uns abwesend hinweisen. Im Schleswig-Holstein meiner Kindheit hat man auch ab und an noch Fasane auf den Wiesen gesehen, rostrot und grün, fast wie ein Fabelwesen. Mein Großvater hat mir damals ihre langen Federn gezeigt. Er war Jäger und Handwerker, und wenn er an seinem Schreibtisch in jenem großen Backsteinhaus Rechnungen schrieb, ertönte ausnahmslos klassische Musik, die so laut in alle drei Stockwerke dröhnte, als säße man mitten im Orchestergraben. Sinfonien ergriffen das Haus wie eine Naturgewalt, während Oma unten ihre Einkäufe vom Schlachter auspackte. Wir Kinder verbrachten ganze Nachmittage in seiner Kommandozentrale aus dunklem Nussbaumholz, kletterten über das Millimeterpapier hinweg zwischen die Spitzengardinen und überblickten von dort die ganze Straße bis hin zum großen Landwirtschaftsbetrieb. Aus dem unerschöpflichen Fundus an Stempeln und Papierbögen bastelten wir Programmhefte für Modenschauen, die wir regelmäßig in Omas Kleidern in der Stube aufführten. Danach reichlich gebutterte Schnittchen zu Exklusiv – Das Starmagazin, in dem Oma Tratsch aus der Bunten verifizierte, die Beine übereinander geschlagen, stets in hochhackigen Hausschuhen. Draußen wehte zwischen Fuchsien und Geranien die Dithmarscher Flagge, die nur geradezu zeremoniell gehisst wurde, wenn wir zu Besuch waren, und wir fühlten uns auch ein wenig prominent.

In den Sommerferien ging es für uns auf geliehenen Fahrrädern mit drei Gängen an den Strand. Unsere Körper schlaksig, braungebrannt, nachlässig aufgetragene Sonnenmilch auf der Haut. Manchmal hatte es am Wasser so stark geweht, dass man sich mit ausgebreiteten Armen an den Wind lehnen konnte, und er stemmte dagegen, hielt uns aufrecht, ganz kurz schwerelos. Auf dem Rückweg Sand in den Schuhen und zwei Kugeln Eis mit Lakritzstreuseln in der Eisdiele an der Ecke. Der Inhaber ist Papas Schulfreund. Man kennt uns dort, und oft sollen wir nichts zahlen. Die Tür klingelt fröhlich, als wir wieder hinausströmen, und aus dem Schaufenster blickt uns ein buntes Schild hinterher: Kiek mol wedder in, gibt es uns mit auf den Weg, Schau mal wieder rein. Danach Sommergewitter auf warmem Kopfsteinpflaster, wir klingeln prustend bei Oma und Opa Sturm, aber eigentlich macht es uns nichts aus, zusammen im Regen zu stehen. Drinnen beschallt der NDR 1 die kleine blaue Küche, in der Omas tüchtige Hände unablässig arbeiten. Sie kochen Erdbeermarmelade ein, wenden Pfannkuchen und Bratkartoffeln mit Speck, pulen unter dem aufmerksamen Blick ihres roten Katers am Küchentisch Krabben und zuckern großzügig Blaubeeren in großen Porzellanschalen. Omas Hände pflanzen gelbe und blaue Stiefmütterchen vor dem Haus und fegen energisch Laub auf dem Bürgersteig zusammen, damit alles schön schier aussieht. Sie halten unsere Kinderhände fest, wenn wir die Straße überqueren, auch wenn kein Auto in Sicht ist, schütteln kräftig Federbetten und legen unsere Schlafanzüge auf die Heizung, während wir in der Badewanne liegen. Omas starke Hände bleiben immer weich, riechen nach Nivea und hinterlassen Fingerabdrücke auf dem Telefon, bis die Zahlen auf den Tasten kaum noch zu sehen sind; allen voran die Nummern ihrer beiden Söhne. Onkel wohnt direkt nebenan, die Dächer beider Häuser über einen schmalen Steg verbunden. Wir öffnen die einander zugewandten Fenster im dritten Stock verschwörerisch mit Parole Emil, stehen auf den Zehenspitzen und winken ihm übermütig gute Nacht, bevor wir kichernd in unsere Betten verschwinden. Am Wochenende fährt er mit uns zum Wald beim Flugplatz, wir trinken Brause und toben endlos über die hügeligen Flächen der Geest. Roter Anorak und sandige Heide. Auf der Rückfahrt kurbeln wir die Fenster runter, sehen dabei zu, wie das Grün kühler wird und ins Blau fließt. Die ersten Rehe wagen sich aus dem Wald. Oma deckt bereits den Tisch, Opa hat Erdbeeren gekauft. An warmen Juniabenden sitzen wir auf weißen Plastikstühlen und gestreiften Polstern auf dem Hinterhof, und es ist der beste Ort der Welt.

Jetzt steht das Backsteinhaus still und ausgehöhlt vor uns da. Für einen Moment regt sich in mir so etwas wie Mitleid darüber, dass es hier alleine ist. Darüber, dass immer etwas übrig bleiben muss, dass sich nicht alles tragen ließ, was uns etwas bedeutet. Dass wir kein Licht anlassen konnten für die Fragmente von uns, die dort verwoben sind. Manchmal vergesse ich, dass es diesen Ort noch außerhalb von mir gibt. In meinen Träumen laufe ich nachts hindurch, hunderte Kilometer entfernt, bis ich nicht mehr weiß, wo mein Körper endet und das Haus beginnt. Im Halbdunkel meiner Erinnerung verschachteln sich die Räume ineinander, bis sie mir nicht mehr vertraut vorkommen. Ich träume vom Heizungskeller, der im Grunde ein großer Abgrund mit einer Leiter und einem Vorratsregal ist, für das sich Oma immer auf die Zehenspitzen stellen musste, Drahtseilakt mit sauren Gurken. Von der Werkstatt, die nach Kernseife und Motoröl riecht, in der gutmütig gegrölt wurde, von Opas Wollpullover, auf dem ich einen Nachmittag lang Marienkäfer gesammelt habe, und wie er dabei gelacht hat, ganz gepunktet. Von Butterkuchen mit Schlagsahne auf rosa Geschirr und dem Knarren der zweiten Stufe nach dem Absatz mit den Regenschirmen auf dem Weg nach oben. Vom weichen, drehbaren Lederhocker im Badezimmer, auf dem ich saß, wenn ich mir die Zähne geputzt habe, auf der Ablage Kölnisch Wasser. Ich ziehe mich immer weiter zurück in unwirkliche Räume mit gedämpftem Licht. Geruch von senfgelbem Teppichboden und gestärkten Hemden. Auf langen Fluren immer noch Angst im Dunkeln, aber der Geist im Haus bin ich selbst. 

Ich stehe am Deich. Vor mir graues Meer und das, was mein Vater ehrliches Wetter nennt. Der Regen wie Gischt. Ungeschönt und geradeheraus. Ich breite meine Arme aus und lasse ein Stück meiner Kindheit an der Nordsee zurück. Flaschenpost an mich selbst. Und ich weiß, dass sie hier auf mich warten wird. Kiek mol wedder in, verspreche ich mir. Wiedersehen im Fasanenland.


Stillleben

Dieses Schwarzweißvideo, das fühlt sich beinah an wie eine Erinnerung, wie meine Erinnerung, obwohl ich nicht dabei war. Eine Familie, im Hintergrund ein Haus, alle winken, alle lachen. Vielleicht sonnig, ich kann es nicht erkennen. Der Himmel ohne Farbe, weiß gleißend.

Nächster Ausschnitt, der meine Veilchenoma zeigt, die ich Veilchenoma nenne, weil im Frühjahr immer ein Teppich von Hornveilchen über ihre Beete rollt. Und diese Blumen kringeln sich auch im Video neben der Veilchenoma, während sie, die damals noch ein Kind war, fröhlich schaukelt. Kniestrümpfe und geflochtene Zöpfe. Die Schaukel hängt am Türrahmen zwischen Scheune und Draußen. Hinter ihrem Rücken ein dunkles Viereck. Sie schaukelt in die Dunkelheit hinein, schaukelt sich aus der oberen linken Ecke des Bildes hinaus, kehrt ins Bild zurück. Alles in Bewegung, zwischendrin, halb im Himmel hängend. Ihr Kinn zur Seite. Der kleine Kragen ihres Kleides flattrig. Sie und ihre Schwestern trugen immer die gleichen Kleider nur mit unterschiedlichen Kragen, um die Kleidchen auseinanderzuhalten. Runder Kragen mit Muschelsaum, zwei lange Dreiecke, zwei kleinere Dreiecke mit Bestickung, ein Kragen mit zackiger Borte. Weiß. Aus Baumwolle. Sie schaukelt, die Veilchenoma, mehr passiert nicht. Meine Veilchenoma sitzt neben mir und sieht zu, wie sie schaukelt.

Sie spazieren zusammen, lachen und winken in die Kamera. Da ist ihre Mutter, schwarzes Kleid mit Knopfleiste, hageres, schönes Gesicht. Ihr Vater, die Schwester, die andere Schwester, noch eine Schwester. Ihre Großeltern, die Oma der Veilchenoma. Der Opa stupst der Oma auf die Nase. Die Veilchenoma sitzt neben mir und brüllt aufgeregt Namen und Lebensgeschichten.
Hier, das ist der, der mal im Knast war. Das ist die mit dem grünen Ring, du weißt schon, du weißt schon, sagt sie.

Dann lange Einstellung. Totale. Standbild, Stillleben. Das Haus und dahinter Felder. Das geliebte Haus der Veilchenoma. Das Haus ihrer Schwestern, das Haus ihrer Großmutter. Ihr Haus.
Unser Haus, sagt die Veilchenoma.
Eines dieser Bauernhäuser mit riesigem Dach, mit vielen maroden Holzzäunen. Vor dem Haus die Leutchen, aus der Distanz zappelig wie winzige Spielzeugfiguren.
Ist es nicht seltsam, dass das Haus heute weg ist?, frage ich.
Weißt du, ich habe so ein gutes Gedächtnis daran, als würde ich gerade drin sein. In der Stube und in der Küche und ich sehe alles. Na gut, es ist zwar weg, aber irgendwie ist es auch noch da, sagt sie.

Nahaufnahme. Das Fenster ganz oben wird geöffnet. Ihre Schwester steckt den Kopf nach draußen, grinst. Da oben, hinter diesem Fenster, schliefen sie. Die Laken rochen immer nach der Holzvitrine. Die Veilchenoma lächelt kurz, hier neben mir, nicht im Video. Und von weit weg hörte sie die Maschinen, wenn sie abends im Bett lag, Nacht für Nacht näher und lauter. Es tuckerte und quietschte.
Gruselig war das, sagt sie.
Mich gruselt das Video, wie alle so bizarr und lebendig herumwuseln, leise und fremd. Kleine schwarze Punkte und Flecken grieseln über die Oberfläche wie aufgescheuchte Motten.

Dann die Veilchenoma neben ihrem Vater. Sie blickt wieder zur Seite, gehobene Nase, Stirn kraus.
Ich war eine sture Kuh, sagt sie.
Sie ließ sich nicht gern filmen.
Dörfler huschen herum, immer mehr Dörfler. Lippen bewegen sich stumm.
Eigentlich haben wir gesprochen, aber damals gab es noch keinen Ton in den Filmen. Nicht, dass du dich wunderst, sagt sie.

Der Sohn der Nachbarsfrau hatte was mit Filmen am Hut und kehrte in sein Heimatdorf zurück. Abschiedsfilm. Als Erinnerung. Das war was! Dass da jemand mit so einer großen Kamera ankam. Das sprach sich schnell durchs Dorf, alle wollten die große Kamera sehen.

Eine Katze, die ihr Bein von sich streckt, sich putzt und plötzlich aufspringt, das Bild hält sie fest, verfolgt sie, während sie sich geschickt durch Beine und noch mehr Beine windet.
Ein Einkaufsladen im Bild.
Der Konsum, sagt die Veilchenoma.
Dort gab es lecker Pfirsicheis. Sonst kam der Eisverkäufer oft auf dem Fahrrad vorbei. Es kam viel auf Rädern. Auch der Friseur.
Wieder die Seitenansicht der Veilchenoma, die der Kamera ausweicht, auf ihren Schuh blickt. Ihr Opa mit Stock. Kinder, die mit Puppen spielen.
Wir haben damals immer gepuppt, die ganze Zeit gepuppt, sagt sie. Oh, und gemurmelt bis in die Nacht rein, sagt sie, während ihre Finger zucken, sie murmelt mit keiner Murmel in der Hand.

Abgedeckte Dächer, kein Putz an den Wänden. Dorfmitte und Dorfplatz mit Holzskeletten der Fachwerkfassaden, überraschenderweise noch gut in Schuss. Schwarzes Brett, Strommast im Hintergrund und im Hintergrund vom Hintergrund Schornsteine. Felder und Felder. Die Veilchenoma erinnert sich, dass der Himmel knallblau war. Bei diesem ganzen Schwarzweiß vergesse ich manchmal, dass es damals schon Farben gab.
Das ist ein bisschen wie bei der goldenen Gans, sage ich. Da kommen immer mehr Leutchen und ziehen durchs Dorf. Aber nicht genug Leutchen, um die Maschinen aufzuhalten. 

Landschaftsaufnahme, breite wellige Felder, am Horizont ein Bagger. Dann ein kurzer Riss im Film wie eine böse Vorahnung, dann der Teich. Die Veilchenoma erinnert sich an ihre Knie im Gras. Ihre Schwestern und Freundinnen. Wie sie Papier der Tageszeitung falteten. Sie halbierte das Blatt, halbierte es nochmal, runtergeklappte Dreiecke, knickte überstehende Kanten. Viele Papierboote auf dem Teich, wogen sich in der Schwebe. Der Rumpf ihres Bootes weichte zu schnell auf. Schiefes Segel und Buchstaben, die zerflossen. Nasstriefend fiel ihr Boot in sich zusammen, zersetzte sich sinkend. Spiel verloren. Sie ärgerte sich, wenigstens waren die Fische am Zeitunglesen. Oder im Winter. Diese Winter damals. Auf dem kleinen Teich liefen sie und ihre Schwestern Eisschuh. Die Veilchenoma sagt nie Schlittschuh, Eisschuh, das sei das schönere Wort. Unter ihren Kufen gefrorene Wasserpflanzen, Eiszeit. Im Video liegt der Teich nur still und leise.

Im Dorf meiner Oma wuchsen die Teiche zu Seen heran.

Ich habe es selbst gesehen. In Echtzeit. Heute ist da alles See. Nur noch See.
Wir stiefelten eine Anhöhe hinauf, die Veilchenoma und ich. Oben angekommen alles grün und blau. Grüne Landschaft, blaues Gewässer.
Also das ist nun wirklich nicht mehr wie in meiner Erinnerung, scherzte die Veilchenoma.
Ihr Zeigefinger glitt über den See. Drei Dörfer waren mal hier. Ein Dorf da drüben, dort das andere und hier, ja hier, lag ihr Dorf. Ihr Finger tippte immer wieder aufgeregt gegen Luft. Sie löste sich, von mir und diesem öden Stausee, kehrte zurück, flimmernde Motten vor den Augen. Hier war der Konsum, sagte sie. Weißt du, wir haben gemurmelt und gepuppt. Und hier, hier war das Haus.
Da waren Versionen ihrer selbst wie Gespenster, wie Postkarten in flaschengrünem Glas. Sie mit Muschelsaum und sie mit glitzernden Murmeln in der Hand. Als sie damals gegangen war, als sie ihnen den Rücken zugekehrt hatte, hatte sie alle zurückgelassen. Und wie sie hier stand und auf das Wasser blickte, klaubte sie sie auf, vom Grund des Sees, zog an langen Fäden, auf der Wasseroberfläche schwimmende Buchstaben, und fügte sie in sich ein.
Heute Abend zeige ich dir das Video von meinem Dorf, sagte sie.
Mir gefällt der See nicht, sagte ich.
Aufgeschlitzt, ausgehöhlt und Gras drüber gewachsen. Schmetterlingsfreundlich. Alle umgesiedelt in Straßen, die die Namen ihrer weggebaggerten Dörfer trugen. Mir gefiel der See wirklich nicht. 

Eine längere Sequenz, ein Stein wird über den Teich geflitscht. Der Teich am Zittern, liegt nicht mehr still und heimlich. Ein Hund vor einem sonderbar krummen Baum. Und die Oma in Schürze. Dann nochmal meine Veilchenoma auf der Schaukel wie rückwärtsgespult, doch es ist Abend, der Himmel dunkler. Die Hornveilchen kringeln sich immer noch neben ihr. Die Hornveilchen, die hat sie sich nicht nehmen lassen, die hat sie mitgenommen, verpflanzt von diesem verschwundenen Ort.

Dämmriger Himmel. Ihre Familie, sie stehen nebeneinander, im Hintergrund ein Haus, unser Haus, sie winken, sie lachen. Ende. Ich spule zurück, halte das Bild an. Alle in der Bewegung erstarrt, wie in angehaltener Luft. Die winkenden Hände in der Regungslosigkeit schleierhaft verwischt. Nur die Veilchenoma ohne Schleier, sie blickt direkt in die Kamera, sie winkt nicht.


bis du mich liest

unter kalten klingen trenne ich
zehen und fersen von mir, schiebe
quetsche
breche
die hüfte knackt kaum merklich
über dem zu engen glas
doch die schmale taille schlüpft
fast von selbst hinein
die rippen biegen sich
bald gespalten, schieben sich
feine scherben hinter den schulterblättern
in die mitte und
brechen doch das behältnis nicht
ich dehne und zerre mich, lang
zieht sich mein hals in die länge
wendet sich nach dir
als der schädel fast
berstend verschwindet
da drücke ich mich
gegen die harte wand
bringe mich ins rollen
bis die wandernden wellen mein
krustiges salzhaar wiegen
sehne mich dir entgegen
auf der handfläche zucken noch
zeilen aus losen liebesliedern, ich
bete, die botschaft möge dich finden
während ich warte
auf glänzenden sandkörnern
bis du mich liest


wenn glas und licht in gewichtigen blau-grün-schattierungen, algenumwobenes schillern, prosa zwischen fischschuppen treibend; aber es sind keine wünsche, die von den lippen der flasche abgehen; grenzen sind es, die im beinah grenzenlos geworfenem, schmutzig grün gewaschenem wasser wandern und sich absetzen, auftreiben, beinah untergehen, weil ich sie in feigen nächten aufsetzte und sie nie hätte vorlesen können; jetzt liest du, liegend, vielleicht gebückt mit halbnassen füßen die zeilen und fragst dich „was, er?“ oder ähnliches, aber ich ertrinke an feigheit und dem mut, den das gekostet hat.


An den Tischen vor dem Hasi-Bäck am Pennyparkplatz sitzen die alten Herren. Karohemden von der Baywa, ein blauer Parka mit Firmenlogo, eine beige Weste. Später gehen sie ins Oldies Pub. Aber noch scheint die Abendsonne auf ihr Gespräch, ihr Haferl Kaffee. Der Einbeinige rollt wieder vorbei in kurzen Hosen, das macht es leichter für ihn. Ins Oldies Pub wird er nicht hineinkommen, vermutet sie. Sie war auch noch nicht drin, ahnt aber, wie es darin aussieht. Wie in den Bars, die sie schon lang nicht mehr besucht hat. Sie schaut die alten Herren an, ohne sie anzusehen, ein Trick, damit sie sie nicht ansprechen. Das macht sie mit der ganzen Welt, aber alte Herren mag sie noch weniger als den Rest davon.
Schnell in den Supermarkt, bis das Kind abgeholt werden muss. Sie rafft Weintrauben, Cracker, Joghurt und Eiswürfel zu einem schwankenden Turm, einem Alibi für ein ziehendes Bedürfnis, das sie jetzt jeden Abend immer deutlicher spürt. Primitivo Rosé. Kostet 7,99, aber einen Dornfelder für 2,99 zu nehmen, bringt sie nicht über sich, das wäre zu billig. Ihre Mutter hat auch jeden Abend ein Bier oder einen Wein getrunken. Das war überhaupt nie ein Thema, warum sollte es das bei ihr sein. An der Kasse lässt sie den jungen, verwahrlosten Mann im nach Spliff stinkenden Anorak vor. Wieviel muss man kiffen, um wie eine Plantage zu riechen, fragt sie sich. Man muss sich imprägnieren, sich zum Frühstück einen anzünden, man muss nur eine Jacke haben, die im Einzimmerappartement am Haken hängt vor dem Raum mit Küchenzeile, wo die Bong steht, die Playsie, das fleckige, graue Sofa mit der Polyesterdecke von Ysk für zwei Euro. Brandlöcher darin. Eine staubige Heizung, überall Aschenbecher, leere Colaflaschen. Der junge Mann in Jogginghose ist am Rauchen, am Zocken, bis der nächste Tag kommt in seinem Logistikunternehmen. Vielleicht ist er für die Regalbefüllung zuständig. Sie ist Sachreferentin für IT, aber trotzdem ist sie noch individuell und trägt Vintage. Sie nimmt den Primitivo Rosé, zwei davon, das sind vier Tage, es hat keinen Zweck, es hinauszuzögern. Deshalb hat sie kein Problem. Ihr Vater trank immer einen Liter Milch nach der Arbeit, wenn er heimkam. Sie hasst Milch. Er trug auch immer ein Flanellhemd, bespritzt mit Gips und Beton, mit seinen rauen, mit Verputz beschmierten Händen. In den tiefen Furchen steckte der Mörtel, selbst während der Arbeitslosigkeit im Winter. Er nahm Glycerincreme, aber die Hände blieben steinhart, was sie kurz anrührt, aber lange hält das Gefühl nicht, auch jetzt nicht, in Momenten des Erinnerns an ihn an Supermarktkassen überwiegt der Gedanke an seine Härte. Seine Hände konnten steinhart sein beim Aufprall in ihrem Gesicht. Die Eiswürfel brennen.
Was muss passieren, dass man sich so aufgibt wie der Kassierer, fragt sie sich. Seine halblangen Haare hängen fettig bis zum Kinn. Sieht er das denn nicht im Spiegel? Sieht er seine fettigen Haare morgens und sagt sich, dass das noch geht? Dass das niemand sieht? Aber sie sieht die Schuppen auf seinem Karohemd, sie sind überallhin gerieselt. Hat er eine Schuppenflechte? Aber dann wären die Haare nicht unbedingt so fettig, sein Hemd ist auch fettig, sein Bart. Der ist verwuchert, im leeren Raum zwischen Lippe und Nase sind Pickel, vielleicht hat er Akne. Sie hatte Akne. Als Jugendliche. Das sah man sich zuhause einige Zeit an, bis entschieden wurde, etwas dagegen zu unternehmen, der Arzt fragte, ob sie schwanger sei, sie sagte: „Nein“. Dann wurde ihr eine Schälkur verabreicht. Eine Pille, so giftig, dass sie sie schälte. Ihr die Haut abzog.
Sie stand auf dem Pausenhof, allein, am Ausgang zur frischen Luft und die Haut fiel ihr aus dem Gesicht, in Flocken, in Schuppen, rieselte ihre Haut auf ihren Anorak und sie gewöhnte sich an das Gefühl innerer Freiheit. Wenn man es einmal akzeptiert hatte, alleine mit abfallender Gesichtshaut, gemieden am Rande von allen zu stehen und es nicht einmal mehr zu verstecken, sich nicht einmal mehr zu verstecken, weil es nichts mehr zu verstecken gab, dann fühlte man diese Freiheit immer wieder. Das war sicher nicht das Schlimmste.
Es ist gut, dass die Weintrauben in Plastik eingeschweißt sind, denkt sie, als der Kassierer sie über den Scanner zieht. Dann den Primitivo. Sie wird sich einen Eiswürfel hineinwerfen oder zwei, sie schmeckt schon den erfrischenden, süßlichen Geschmack und fragt sich, wann sie anfangen kann. Das Ziehen in ihr ist ihr bekannt, sie kann es deuten, sie weiß, was es ihr sagt. Aber ist es nicht auch egal? Noch hält es sich im Rahmen, aber schon kann sie sich nicht vorstellen, sich nicht diese Entspannung und leichte Erheiterung zu gönnen, die so einfach zu bekommen ist. Vielleicht schon beim Kochen. Als die Nudeln im Topf sind, macht sie sich ein Glas mit Eiswürfeln voll und gießt mit Wein auf. Mehr Eiswürfel als Wein. Als die Soße heiß ist, nimmt sie sich ein zweites Glas mit an den Tisch. Ihr Tochter streitet sich mit dem Sohn an der Playsie, sie schreit ihn an: „Wiederbelebe mich! Jetzt!“ Er schreit zurück: Da! Nimm ein Leben, so einfach ist diese Welt nicht, renn!“ Die Kleine kreischt auf: „Ich weiß nicht, was ich machen soll!“ „Spring!“, stößt der Junge aufgeregt hervor, „Gleich kommt das nächste Level!“ Das rührt sie. Wie sich die Kinder hineinsteigern in ihr Spiel. Leben ist kein Spiel, immer geht es darum, das nächste Level zu erreichen und dass sie sich noch ein viertel Glas eingießt, heißt nicht mehr oder weniger, als dass sie sich eine Pause von diesem Kampf gönnt. Eine Pause von Vintage, von gesitteter Logik mit Gemüsesticks. Sie kann sich kurz fühlen wie eine Hedonistin. Am Tisch geben sich die Kinder weiter Tipps zum Überleben in virtuellen Welten. So viele Level kann man aufsteigen. Das hat sie auch getan, sie trinkt aus Riedel Sommeliers Gläsern, aus der Phase, als sie noch echt teure Weine gekauft hat.
Nach dem Essen spielen die Kinder Pokémon im Wohnzimmer, ständig verwandelt eines sich in etwas anderes, Entwicklungsstufen werden durchdekliniert, Leben aufgezählt, die man je Angriff gewinnen oder verlieren kann. Ihr Mann werkelt im Keller. Er spricht nicht viel. Dafür die Kinder umso lauter. Sie spürt, dass ihr etwas heiß ist, sie ist angenehm müde und wird sich oben kurz hinlegen. In ihrem Zimmer hört sie die Kinder immer noch schreien. Jetzt schon Ohrstöpsel zu benutzen wäre zu früh, dann hätte sie wieder ab vier Uhr morgens ihre üblichen Alpträume. Also steht sie wieder auf und geht die Treppe hinunter. Es wäre übertrieben zu sagen, dass sie nicht ganz gut auf den Beinen ist, denn es waren immer nur viertel Gläser und ein paar mit vielen Eiswürfeln. Auf dem Antritt verschwimmt kurz der Holzboden, das Licht ist diffus, ihr ist leicht übel. Sie hält sich am Geländer fest. Es wäre witzig, wenn es sie jetzt die Treppe herunterknallt, was nicht passiert, wenn sie sich ausreichend konzentriert. Wenn man sich ausreichend konzentriert, dann passiert letztendlich nichts. „Pass auf, sonst passiert was!“, hört sie die Stimme ihres Vaters, nicht besorgt, sondern drohend. Man muss sich konzentrieren, alles richtig machen, dann passiert es nicht, aber jetzt passiert es ihr, jetzt…
Ihr Sturz vollzieht sich in Zeitlupe, sie hat noch Zeit zu denken, dass sie sich noch nie etwas gebrochen hat. Nur einmal hatte sie eine blutige Lippe, die sie ihren Freundinnen in der Schule zeigte, wie eine Kriegsverletzung. Schlimmer war es nie.
Dann prallt sie am Fuß der Treppe mit dem Kopf auf. Nacht. Ein herrlicher Zustand des Nichtseins, aber nach Sekunden wattigen Glücks, als wäre man noch nicht geboren, sähe aber schon das Licht am Ende der Öffnung nach draußen, setzt der stechende Schmerz ein. Auch wie nach der Geburt, wenn man herausfindet, dass man vielleicht nicht unbedingt die richtige Mutter ausgewählt hat. Oder ist es die richtige gewesen und das alles ist eine Art Prüfung. Wie bei Schillers Konzept der Erhabenheit. Dass das Sinnenwesen den Schmerz wahrnimmt, nicht geliebt zu werden, das Vernunftwesen aber insofern praktisch erhaben sein kann, als es den physischen Schmerz zwar spürt, aber dieser keinen Einfluss auf den Willen haben kann, in ihrem Fall wohl den Willen, ihre Kindheit unbeschadet zu überstehen. Oder hat sie Schiller nicht richtig verstanden, es fällt ihr schwer, weiter zu denken, denn ihr Kopf sticht. Und von fern hört sie die Kinder schreien. Sie rufen „Mama, Mama!?“ Sie kann jetzt nicht antworten und winkt nur schwach mit der Hand.
Danach legt sich wieder ein Schleier um ihre Wahrnehmung, wieder danach ist da die Nachbarin, die sie vollquakt. Was soll das denn nun, es ist wohl klar, dass sie einen Krankenwagen rufen soll, diese Kuh. Dann legen bärenhafte Wesen in Warnwesten sie auf eine Liege, es holpert unter ihr auf dem Weg zum Parkplatz. Sie merkt noch, dass jemand sie auf eine Art Bett zieht, dann ist sie wieder weg.
Die folgenden Tage im Krankenhaus sind herrlich. Sie liebt Krankenschwestern. Sie dankt ihnen für alles und jeden Handgriff permanent und fängt ihre mitleidigen, aber auch etwas abschätzigen Blicke auf. Als wäre sie ein Kassierer mit fettigen Haaren im Supermarkt. Ihr Mann und die Kinder besuchen sie täglich, bringen ihr Schokopudding, Orangensaft, Blumen. Ihre Tochter hat ihr Pikachu gemalt. Ihr Sohn ist irgendwie verhalten, so wie die Blicke, die er ihr manchmal am Esstisch zuwirft, wenn sie besonders laut lacht oder geistig abwesend ist. Irgendwie misstrauisch. Der Junge wird nichts von der Flasche im Kühlschrank wissen oder nicht wissen, wie oft sie voll und dann wieder leer und dann wieder voll dort stand, denkt sie sich.
Sie weiß, der Grat, auf dem sie wandelt, ist schmal. Aber wenn es den Kassierer nicht stört, dass er dort sitzt mit seinen fettigen Haaren, seinen Schuppen, dann kann es doch sein, dass es ihr auch egal sein kann, was mit ihr ist. Denn eigentlich ist alles in Ordnung. Und es ist ihr freier Wille, ihre freie Entscheidung, wie nah sie an den Abgrund herantreten will. Aber vielleicht geht es nicht darum, dass es den Kassierer nicht stört. Vielleicht ist er es sich einfach schon so lange nicht wert, dass er es gar nicht mehr bemerkt, wie wenig er sich um sich kümmert? Vielleicht kennt der Kiffer in seinem versifften Loch nichts anders, er ist immer schon in diesem Loch gewesen? Woher sollte er wissen, wie es anders geht. Dass sie jetzt gefallen ist, muss aber nicht heißen, dass sie liegen bleiben möchte. Nach den vier Tagen im Krankenhaus holt ihr Mann sie zusammen mit den Kindern ab, er hilft ihr aus dem Bett, die Kinder springen um sie herum, aber ihr Sohn lässt ihre Hand nicht los. Zuhause fängt sie seine unverwandten Blicke auf, dann zockt er mit seiner Schwester. Sie hört sie noch rufen auf dem Weg in die Küche, wo sie nur einen kurzen Blick in den Kühlschrank werfen will. Sie will sich vergewissern, wieviel noch in der Flasche ist, als sie sieht, dass die Flasche weg ist. Jemand muss sie rausgenommen haben, jetzt ist kein gekühlter Rosé mehr da, gut, dass sie Eiswürfel…
Da spürt sie von hinten eine Hand auf ihrem Arm. Sie dreht sich um. Hinter ihr steht ihr Sohn. Sie sehen sich an, als wäre es das erste Mal. Als würden sie sich zum ersten Mal wirklich sehen. Oder vielmehr sie ihn. Sie hat immer nur neben ihm gelebt, sie hat ihn versorgt, mit ihm gesprochen, nicht wirklich mit ihm geredet. „Mama, ich hab’ deinen Wein weg. Auch den im Keller. “ „Ach ja, warum hast du das gemacht? Was soll das“, will sie ihn anfahren. Sie spürt eine Hitze in sich aufsteigen, einen heißen Pfeil, der sich in ihren Magen bohrt. Ihr Kopf wird heiß, es summt hinter ihrer Stirn und sie fühlt, wie sie darüber nachdenkt, ihre Hand ganz hart werden zu lassen. Steinhart. Und dann diese steinharte Hand mit aller Kraft in dieses blasse Gesicht vor sich schnellen zu lassen. Auszuholen, um einen wirklichen Effekt zu erzielen. Und als sie sich vorstellt, wie ihre Hand gnadenlos im Gesicht ihres Sohnes aufprallen wird, denkt sie an ihren Vater. Sie denkt daran, dass das einer dieser Momente ist, die man nie wieder gutmachen kann. Man wird sich vielleicht entschuldigen können. Man könnte, wenn man noch miteinander spricht. Aber genauso gut kann es einer dieser Momente sein, in denen etwas passiert, das man nicht mehr rückgängig machen kann. Sie spürt, dass ihre Hand zittert. Noch immer brennt ihre Gesichtshaut.
So sanft wie sie kann, nimmt sie die Hand ihres Jungen und fragt: „Ja? Warum hast du das gemacht?“ „Ich hab’ Angst, dass dir wieder was passiert“, antwortet er.
Sie nimmt ihn in den Arm, hält ihn ganz fest und spürt diese Wärme, wie in den Nächten, als er noch ganz klein war und sie ihn in den Schlaf kuschelte. Sie fühlt Scham. Sie fühlt, wie das Brennen aus ihrem Gesicht weicht und sich in Wärme wandelt.
Was war in den Jahren geschehen? Warum hatte sie es nicht gemerkt? Immer hatte sie sich so Mühe gegeben, immer hatte sie sich so konzentriert und jetzt war es doch passiert. Sie war gestürzt. Und wenn sie liegen bliebe, wäre es vielleicht für andere das Schlimmste, dass ihnen passieren konnte, das ahnt sie, wenn sie ihren Sohn in den Armen hält. Sie hatte gedacht, dass es noch geht, dass es niemand sieht, aber jetzt sieht sie es selbst.


Matthias

Ach so, und habe ich erwähnt, dass ich Einzelkind bin?
Mein Sitznachbar so: Können wir zusammen in dein Deutschbuch schauen, ich hab meins zu Hause vergessen.
Und ich so: NEIN. Das ist MEINS.
Alter Laura jetzt chill doch.
Bleib mir und meinem Buch fern!
Und mein Sitznachbar so: Herr Mül-
Und Herr Müller dann so: Laura beruhig dich, du willst das nicht wirklich.
Ich währenddessen mit schäumendem Mund und MEINEM Deutschbuch in den festgekrallten Händen.
Herr Müller: Leg das Buch in die Mitte zwischen dich und Matthias.
Ich: Matthias, wenn du es wagst, mein Buch mit deinen fettigen hässlichen Fingern zu berühren, beiße ich dich.

Ganz ehrlich, ich soll jeden Tag sieben fette Bücher mitschleppen, und er darf jeden Tag Trittbrettfahren und einfach mit reinschauen. Nach der Stunde konfrontiere ich meinen Sitznachbarn.
Matthias, das geht so nicht weiter. Du hast jetzt zum dritten Mal diese Woche alle deine Bücher zu Hause vergessen und es ist Mittwoch. Du nutzt mich aus! Ich muss schleppen und dann auch noch mit dir teilen? Was soll das? Was, wenn ich auch einfach meine Bücher zu Hause vergesse, hä? Was machst du dann?
Und er so: Dann schau ich halt bei Lisa mit rein.
Ich: Lisa, was ist deine Stellungnahme zu diesem Thema?
Lisa: Mir egal.

Matthias nennt mich einen „Kontrollfreak“. Aber was er nicht versteht: Ich habe über alles nachgedacht, wirklich jedes Szenario durchgespielt. Ich kenne die beste Lösung. Ich habe einen Plan. Für alles. Es gibt eine Logik, warum ich fünf Stifte habe: Mein gewöhnlicher Stift, mein Schönschreibe-Stift für besondere Anlässe, etwa wenn ich einen Geburtstag in mein Hausaufgabenheft eintragen will, mein alternativer Stift, dessen Farbe ich nicht so schön finde wie die meines gewöhnlichen Stiftes, aber falls ich mal Abwechslung brauche, greife ich zu ihm, Notfallstift 1 und Notfallstift 2.

Warum brauchst du 2 Notfallstifte?
Das geht dich gar nichts an, Matthias, wirklich, du verstehst GAR NICHTS.
Och komm schon, kann ich Notfallstift 2 haben?
NEIN.

Ich wende mich der Tafel zu und fange an, Herrn Müllers Tafelanschrieb mit meinem gewöhnlichen Stift in mein Heft zu übertragen. Als Matthias nach 22 Sekunden noch immer still neben mir sitzt, ohne zu schreiben, raste ich fast aus. So wird er das Abschreiben nie schaffen, bevor Herr Müller mit dem staubigen Schwamm über die Tafel fährt und eine neue Skizze beginnt. Macht er sich darüber keine Gedanken? Denkt Matthias überhaupt? Gerade kippelt er nicht einmal, er hockt einfach da, die Ellenbogen auf dem Tisch. Ich gebe nach und lege ihm in einen Anfall von Mitleid und Nächstenliebe Notfallstift 1 auf sein zugeschlagenes Heft.
Matthias zieht die Augenbrauen in die Höhe und schaut mich an.
Ich raune: Wenn du auf dem Ding kaust, ist dein Leben vorbei.


gleich und anders

für B.

I

ich bin in einem Boot

auf dem Meer

das Meer ist weit

und bewegt sich kaum

und ich sehe dich

am Ufer

du stehst dort

aber wartest nicht

du stehst einfach

und schaust

auf das Wasser

auf mich

und du wirkst

so sicher

als wüsstest du

wo du bist

und ich denke

ich bin im Boot

und du bist am Ufer

und das ist der Unterschied

zwischen uns

und doch

bewegt sich das Wasser

unter mir

und unter dir

ist auch Wasser

nur tiefer verborgen

und wir atmen

die gleiche Luft

und sehen

den gleichen Horizont

und vielleicht

ist das Boot

nur ein Gedanke

und das Ufer auch

II

du bist in einem Boot

auf dem Meer

und ich stehe

am Ufer

ich sehe dich

wie du schaust

als wärst du

mittendrin

und ich stehe hier

und glaube

ich sei außerhalb

doch das Meer

ist überall

es reicht bis zu meinen Füßen

auch wenn ich es nicht sehe

und dein Boot

treibt langsam

und mein Stand

ist nicht fest

wir sind

im gleichen Licht

im gleichen Wind

im gleichen Atem

wir wechseln nur

die Plätze

im Bild

Boot wird Ufer

Ufer wird Boot

Sicherheit wird Frage

Frage wird Sicherheit

und dann merken wir

wir sind

im selben Meer

gleich

und anders


Diomede

Sein Blick folgte den langen Bändern reisender Vögel über das Eis. Ein Kondensat flaumiger Geräuschlosigkeit zerstob mit den in der Luft schwimmenden Schneeflocken. Angestrengt kniff er die Augen zusammen, während er auf dem Eis über die schmale Meerenge zwischen Diomede und der größeren Insel Big Diomede lief. Unter ihm weiß und wirbelnd das gefrorene Meerwasser der Bering Street. 2,4 Meilen, dachte er. Kaum jemand auf der Erde wusste, dass Amerika und Russland in Wirklichkeit nur 2,4 Meilen voneinander entfernt lagen. Das war die Entfernung zwischen den beiden Inseln. Auf Big Diomede lebte offiziell niemand. Die Insel stand unter russischer Militärverwaltung. Er war einer der 82 Einwohner des amerikanischen Städtchens Diomede. Wenn das Meer im Winter gefror, bildete sich eine Eisdecke zwischen den Inseln. Schon als kleiner Junge war er im eisklaren Licht der Winternächte trotz aller Verbote über das Meer gelaufen. Unter sich Schatten von Tiefblau und Schneemeerweiß und vor sich den nahen Umriss der Hügel von Big Diomede.
Der eisige Wind schnitt ihm ins Gesicht. Dennoch lächelte er blei an sein Geheimnis.
Vor einem Jahr war er bei einem seiner heimlichen Streifzüge nach Big Diomede einer Gruppe von Menschen begegnet. Menschen, die es dort eigentlich gar nicht geben dürfte. Manchmal erschien ihm diese Begegnung wie ein Traum, dann wieder wie ein Filmausschnitt. Er hatte die ersten schwankenden Schritte vom Eis auf das Festland gesetzt, als er die Schatten auf dem Hügelrücken sah. In diesem arktischen Licht aus Mondstreifen und dem leeren Raum voller Sterne darüber hatten die Körper jede Stofflichkeit verloren.
Plötzlich legte sich eine Hand auf seinen Mund. Ein Arm drehte ihn sanft um die eigene Körpermitte. Er sah in Augen, Mädchenaugen, in denen der Himmel sich beruhigt hatte zu blauer Stille. „Schschscht! Sonst finden sie uns!“, flüsterte eine Stimme mit russischem Akzent. Das war seine erste Begegnung mit Assya. Danach hatten sie sich noch einige Male getroffen, solange das Eis hielt. Als das Eis dann von Tag zu Tag taunasser an der Oberfläche wurde und allmählich eine graumarmorierte Farbe annahm, wussten sie, dass es Zeit war, Abschied zu nehmen. Auf andere Weise in Kontakt zu bleiben, war zu gefährlich. „Sie hören noch das Wispern einer Maus im Schall der Luft. Aber auf die Idee, dass sich ein russisches Mädchen und ein amerikanischer Junge auf Big Diomede treffen könnten, kommen sie nicht“, hatte sie ihm auf einen Zettel geschrieben. Er erfuhr nie, woher Assya kam und was sie und die anderen auf der Insel machten. „Alles Geheimnis“, schrieb sie ihm auf einem der zahllosen Briefchen die zwischen ihnen hin- und herwanderten. So blieb ihm nichts, als im Sommer auf den jadefarbenen Ozean zu blicken. In manchen Augenblicken sah die helle Gischt aus wie kristallener Schnee. All das flirrte ihm durch den Kopf, während vor ihm schon die verwitterten Felsen der Inselküste sichtbar wurden. War da nicht ein Licht? Bewegungen am Strand? Seine Schritte wurden langsamer. Er musste lächeln bei dem Gedanken, dass er vor wenigen Augenblicken die internationale Date Line überschritten hatte. Er war ein Zeitreisender. Der Zukunft 21 Stunden voraus. Immer wenn er Assya sah, war er in der Zukunft. So hatte sie ihn bei ihrer ersten Begegnung auch genannt: den Jungen aus der Zukunft. In Diomede sprach man nicht darüber, weil das Land auf der anderen Seite terra incognita war. Nur einmal, im vergangenen Herbst, als er in der kleinen Felsenbucht von Diomede saß und sehnsüchtig auf das im schwindenden Licht verblassende Big Diomede sah, hatte ihm ein alter Mann die Hand auf die Schulter gelegt. „The distance between the USA and Russia is less than you think“, hatte er gesagt.
Eines Tages würden alle Menschen ihre Geschichte erfahren, hatte Assya ihm versprochen. Dann würden sie schon sehen, wie sinnlos all die Kriege seien. Es gibt doch nichts, was uns trennt. Die Eisbrücke zwischen unseren Inseln ist doch der Beweis, oder? Und dann hatte Assya ihn zum ersten Mal geküsst.
Vielleicht, dachte er, während seine Füße festes Land betraten, war das alles ja auch irgendwie gar nicht wahr. Das stille leere Land lag im ergrauenden Licht.


Liebe Lesende,

ist die Flaschenpost bei euch angekommen? Hat sie es durch die Windungen und Strömungen eurer Nervenbahnen in euer Bewusstsein geschafft?

Finger runter, wenn ihr mit Flaschenpost zunächst eine romantisch geartete Vorstellung über eine persönliche Botschaft verbindet, die viele Kilometer ohne Porto oder Servicegebühr in einer alten Weinflasche zurücklegt und auf schicksalhafte Weise die Leben von zwei Menschen verbindet. Den wenigsten wird der wissenschaftliche Aspekt zur Erforschung der Meeresströmungen oder der Einsatz von Flaschen zu Spionagezwecken als Erstes in den Sinn kommen. Wir hoffen, wir konnten euch mit der Auswahl der Texte neue oder interessante Blickwinkel eröffnen?

Wir danken allen Autoren, die sich in dieser KLW #17 wiederfinden, für die Zusammenarbeit und natürlich auch die Einsendung eurer Texte. Genau wie wir, habt ihr euch mit dieser Ausgabe auf eine Reise gewagt. Ihr seid einmal durch den Flaschenhals geklettert, habt von innen einen Blick durch verzerrte Glaswände auf ferne Ufer geworfen, euch den Geistern der Vergangenheit gestellt oder neue Hoffnung in eure Botschaft eingebettet. Vielleicht werdet ihr nie erfahren, welche Menschen ihr berührt und zum Nach- denken bringt. Oder welche Menschen über eure Texte diskutiert haben und welche Menschen inspiriert wurden. Aber ist diese Ungewissheit nicht auch der Reiz, der eine Flaschenpost ausmacht?

Liebe Lesende, ist diese Flaschenpost-Ausgabe in eurer Erinnerung gestrandet?

Finger runter, wenn ihr die Seiten zunächst überflogen habt, um euch einen Überblick zu verschaffen, nur um euch später mit Zeit und Muße dem Durchschmökern zu widmen. Nun, auch dann sollt ihr in den Genuss des Neuentdeckens oder Wiederauffindens längst vergessener Botschaften am Strand kommen. Vielen Dank an Nina, die mit viel Arbeit und Herzblut die Flaschen ausgesucht, die Stifte gespitzt und die Blätter geordnet hat, und damit diese literarische Reise möglich machte.

Und zuletzt Finger runter, wenn ihr dieses Nachwort lest und Sommer, Sonne, Dauerschwitzen schon längst in Nieselregen und deutlich weniger Touristengruppen auf der alten Mainbrücke übergegangen sind. Es ist ja durchaus kein leichtes Unterfangen, nachhaltige Spuren im Sand zu hinterlassen.
Umso mutiger ist das Verfassen eines Textes, der vielleicht in den redaktionellen Tiefen untergeht und niemals ein Ufer erreicht. Wir danken allen Autoren, deren Texte es nicht in die Ausgabe #17 geschafft haben. Wir haben auch eure Flaschenpost aus dem Meer gefischt und durften sie öffnen und lesen. Die nächste Ausgabe ist ganz klein am Horizont sichtbar. Bitte schickt uns auch weiterhin eure Botschaften.

Sommerliche Grüße von
Alexander & Susanne