Ausgabe 03

  • 01/12/2019

Vorwort #3

Das Kollektiv meldet sich zu Wort

„Notiz über den Wunderblock“ (Freud)

Ein leerer Block mit gähnenden Lücken und schreienden Zeilen. Lose Seiten eines verlorenen Buches. Wir verlangen nach Worten! Verdammt, wo bleiben eure Worte.
Wir wollen die Wäscheleine sein, an die ihr eure Buchstaben hängt und das Regal, in welches ihr eure Trophäen stellt. Wir sind das schnurrende, gerollte r das durch die dünnen Seiten haucht. Ein lauer Sommerabend am Main, prickelnde Weinschorle auf der Zunge. Wir sind eine gewaltige Gabel Käsespätzle und ein großzügiger Bissen Saitan-Bratwurst. Wir sind das Zuckerbrot zum köstlichen Löffel fränkischer Ursuppe.
Wir sind die Fußmatte, an der ihr die Scheiße vom Schuh abwischt und die Ratte im Ringpark, die an euren nackten Zehen knabbert. Wir sind die verzechte Nacht und der letzte Schluck Hofbräu, der schlecht war. Wir sind tote Fische im kalten Wasser, das Feuchte und das Schmutzige. Wir sind Fanblock der Startnummer #3 des WVV Racingteams, das Stinkende. Wir sind die Peitsche, die schmerzhaft euren Rücken streichelt, das Erschreckende. Wir wollen Brandstifter sein.
All das sind eure Worte – wo bleiben die verdammten Worte? Wer sind wir also nach dem Satzpunkt und zwischen den Zeilen, auf der Rückseite der Blätter oder versteckt hinter dem großen W? Zu was machen uns denn die provokanten Ausrufe und wer wollen wir schon mit all den Aufrufen zum Frieden sein?

 

Tabula Rasa – das sind Wir.
Und wer seid Ihr?


1000 Menschen
sterben

In Ghana stürzt eine Fabrik ein, weil sie alt und schlecht in Stand gehalten war. 1000 Menschen sterben. Es kommt zu Tumulten, Aufständen. Der Präsident verhängt den Ausnahmezustand, die Nationalgarde wird eingesetzt.

Siemens, an der Fabrik beteiligt – am Unglück allerdings vollkommen schuldlos – wird infolgedessen vom Axel Springer Verlag auf niederträchtigste und sensationsgeilste Weise diffamiert. In Folge muss der Vorstandschef den Hut nehmen und sich mit 15 Millionen Euro Abfindung zurückziehen. Der Verein BfVibL – Beistand für Vorstände in besonderen Lebenslagen – initiiert daraufhin eine Spendenkampagne um den Ausgleich für den ehemaligen Siemensvorstand zu sichern und ihn vor dem sozialen Abstieg durch Verarmung zu bewahren. Aufgrund von Aktieneinbrüchen kommt es trotzdem zu weiteren Problemen für den Konzern. 20.000 Mitarbeiter müssen entlassen werden. Aus Ghana importiertes Erz verknappt sich in Folge der Unruhen. Thyssen Krupp kommt in Lieferschwierigkeiten, ein geplantes neues Stahlwerk kann ohne die ausstehenden Siemens Drehstromkonverter nicht eröffnet werden. Der Axel Springer Verlag ermittelt investigativ den Vornamen vom Mann der Schwester des Aufsichtsratschefs von Thyssen Krupp. Der Name ist Giwar mala Mohemmed, er ist Kurde. Verblendete Jugendliche stecken das Haus von Giwar mala Mohemmed und seiner Frau an, beide sterben. Der Staatsschutz durchsucht die Büros der IG Metall, eine Maßnahme initiiert vom Arbeitgeberpräsidenten. Die Streiks nehmen nicht ab, sondern werden mehr und mehr. Krupp und Siemens sind pleite, wegen militärischer und finanzieller Verstrickungen in die Staatskrise Ghanas platzten etliche Spekulationsblasen internationaler Großbanken, die Deutsche Bank und die Commerzbank kollabieren. Die Arbeitslosenzahlen der BRD sind so hoch wie noch nie, die Stahlindustrie steht kurz vor dem Exitus, die Finanzmärkte liegen am Boden. In Bottrop entzündet sich bei Arbeiteraufständen der örtlichen Kumpel ein Flöß unter Tage. Das brennende Flöß steckt endgelagerte, hochgiftige Stäube in Brand. Aus Prosper-Haniel steigt grüner Rauch auf. Um das Feuer zu löschen, werden die Wasserhaltungspumpen abgeschaltet, beim Einsturz des Schachtes aufgrund der Destabilisierung durch Feuer und Wasser werden sie irreparabel beschädigt, die Stromversorgung bricht zusammen da Umspannwerke durch Feuer, Hochwässer und die Angriffe kurdischer terroristischer Milizen zerstört werden. Der Grundwasserspiegel steigt, der Pott säuft ab. 3.000 Menschen sterben, 1.000.000 verlieren Ihr Zuhause. Der Axel Springer Verlag gibt den Ausländern die Schuld. Bei Ausschreitungen sterben tausende Migranten durch den wütenden Mob. Der Bundeskanzler ruft den Notstand aus, das Militär muss einschreiten. Der deutsche Außenminister fragt bei dem von Ghana nach, wie man Aufstände am besten »unter Kontrolle hält«.

Ein Übersetzungsfehler veranlasst den deutschen Außenminister, Ghana den Krieg zu erklären. Deutschland verliert und wird eine Kolonie Ghanas.

Ghana wird reich, Deutschland gehört fortan zur dritten Welt, der Axel Springer Verlag wird von chinesischen Investoren gekauft und zum Asiaimbiss umgebaut. Deutschland stellt für Ghana Billigprodukte her. Eines Tages stürzt in Deutschland eine alte, schlecht in Stand gehaltene Fabrik ein. 1000 Menschen sterben.


Nachwort #3

Zäsur! Schnitt und Stop! Die große Würzburger Literaturzeitschrift stellt sich neu auf, einschneidende und evolutionäre personelle Veränderungen an der Basis und in der Spitze. Ist Marco Bötsch als verantwortlicher Herausgeber*in und Redakteur*in im Sinne des BayPrG überhaupt noch tragbar? Wann erfolgt die vollständige Wachablösung und welchen Einfluss haben diese Veränderungen auf das Konzept und die Programmatik der Zeitschrift? Und was ist mit David Blatterspiel?

Fragen die beantwortet werden möchten, nicht zuletzt auf Grund des relativ mächtigen öffentlichen Drucks. Ein Versuch, ein Auszug aus einem Gespräch mit Florian Bötsch, dem Lichtbringer (All hail, Florian! Hail to you, thane of KLW! All hail, Florian, the future king).

„Nichts läge mir ferner als meinen Kollegen*innen in den Rücken zu fallen, gar die Frage nach der Existenzberechtigung der Zeitschrift zum status quo zu stellen oder einzustampfen, einzudampfen zu dekonstruieren und brachliegende Felder zu hinterlassen. Allerdings, also wenn man mich fragt, stinkt der Fisch vom Kopf her. Dreht man nun aber den Fisch um, so ist der Kopf unten. Sie verstehen?“
— Florian Bötsch, auferstanden vom Arbeitskreis Öffentlichkeitsarbeit, aufgefahren in die Position des Co-Herausgebers*in im Sinne des BayPrG.

Nebenkriegsschauplätze sind zu schließen genauso wie eine ordentliche Ausgabe: Wir laden hiermit herzlich dazu ein, Teil der Evolution, des Kollektivs und/oder stetiger kritischer Begleiter*in unseres Projekts „Würzburg – zur fränkischen Literaturmetropole“ zu sein, zu werden. Wir danken für Geduld, innere Reibung während der Zerreißproben und schlicht, für Aufmerksamkeit und Gelesensein.

Wir danken den Autor*innen. Auf eine Ausgabe #4, empfehlen Sie uns, wir sind nicht Untergrund! KLW, in Glanz und Glorie, stellvertretend für das Kollektiv, Flo