Ausgabe 3

  • 01/12/2019

Vorwort #3

Das Kollektiv meldet sich zu Wort

„Notiz über den Wunderblock“ (Freud)

Ein leerer Block mit gähnenden Lücken und schreienden Zeilen. Lose Seiten eines verlorenen Buches. Wir verlangen nach Worten! Verdammt, wo bleiben eure Worte.
Wir wollen die Wäscheleine sein, an die ihr eure Buchstaben hängt und das Regal, in welches ihr eure Trophäen stellt. Wir sind das schnurrende, gerollte r das durch die dünnen Seiten haucht. Ein lauer Sommerabend am Main, prickelnde Weinschorle auf der Zunge. Wir sind eine gewaltige Gabel Käsespätzle und ein großzügiger Bissen Saitan-Bratwurst. Wir sind das Zuckerbrot zum köstlichen Löffel fränkischer Ursuppe.
Wir sind die Fußmatte, an der ihr die Scheiße vom Schuh abwischt und die Ratte im Ringpark, die an euren nackten Zehen knabbert. Wir sind die verzechte Nacht und der letzte Schluck Hofbräu, der schlecht war. Wir sind tote Fische im kalten Wasser, das Feuchte und das Schmutzige. Wir sind Fanblock der Startnummer #3 des WVV Racingteams, das Stinkende. Wir sind die Peitsche, die schmerzhaft euren Rücken streichelt, das Erschreckende. Wir wollen Brandstifter sein.
All das sind eure Worte – wo bleiben die verdammten Worte? Wer sind wir also nach dem Satzpunkt und zwischen den Zeilen, auf der Rückseite der Blätter oder versteckt hinter dem großen W? Zu was machen uns denn die provokanten Ausrufe und wer wollen wir schon mit all den Aufrufen zum Frieden sein?

 

Tabula Rasa – das sind Wir.
Und wer seid Ihr?


1000 Menschen
sterben

In Ghana stürzt eine Fabrik ein, weil sie alt und schlecht in Stand gehalten war. 1000 Menschen sterben. Es kommt zu Tumulten, Aufständen. Der Präsident verhängt den Ausnahmezustand, die Nationalgarde wird eingesetzt.

Siemens, an der Fabrik beteiligt – am Unglück allerdings vollkommen schuldlos – wird infolgedessen vom Axel Springer Verlag auf niederträchtigste und sensationsgeilste Weise diffamiert. In Folge muss der Vorstandschef den Hut nehmen und sich mit 15 Millionen Euro Abfindung zurückziehen. Der Verein BfVibL – Beistand für Vorstände in besonderen Lebenslagen – initiiert daraufhin eine Spendenkampagne um den Ausgleich für den ehemaligen Siemensvorstand zu sichern und ihn vor dem sozialen Abstieg durch Verarmung zu bewahren. Aufgrund von Aktieneinbrüchen kommt es trotzdem zu weiteren Problemen für den Konzern. 20.000 Mitarbeiter müssen entlassen werden. Aus Ghana importiertes Erz verknappt sich in Folge der Unruhen. Thyssen Krupp kommt in Lieferschwierigkeiten, ein geplantes neues Stahlwerk kann ohne die ausstehenden Siemens Drehstromkonverter nicht eröffnet werden. Der Axel Springer Verlag ermittelt investigativ den Vornamen vom Mann der Schwester des Aufsichtsratschefs von Thyssen Krupp. Der Name ist Giwar mala Mohemmed, er ist Kurde. Verblendete Jugendliche stecken das Haus von Giwar mala Mohemmed und seiner Frau an, beide sterben. Der Staatsschutz durchsucht die Büros der IG Metall, eine Maßnahme initiiert vom Arbeitgeberpräsidenten. Die Streiks nehmen nicht ab, sondern werden mehr und mehr. Krupp und Siemens sind pleite, wegen militärischer und finanzieller Verstrickungen in die Staatskrise Ghanas platzten etliche Spekulationsblasen internationaler Großbanken, die Deutsche Bank und die Commerzbank kollabieren. Die Arbeitslosenzahlen der BRD sind so hoch wie noch nie, die Stahlindustrie steht kurz vor dem Exitus, die Finanzmärkte liegen am Boden. In Bottrop entzündet sich bei Arbeiteraufständen der örtlichen Kumpel ein Flöß unter Tage. Das brennende Flöß steckt endgelagerte, hochgiftige Stäube in Brand. Aus Prosper-Haniel steigt grüner Rauch auf. Um das Feuer zu löschen, werden die Wasserhaltungspumpen abgeschaltet, beim Einsturz des Schachtes aufgrund der Destabilisierung durch Feuer und Wasser werden sie irreparabel beschädigt, die Stromversorgung bricht zusammen da Umspannwerke durch Feuer, Hochwässer und die Angriffe kurdischer terroristischer Milizen zerstört werden. Der Grundwasserspiegel steigt, der Pott säuft ab. 3.000 Menschen sterben, 1.000.000 verlieren Ihr Zuhause. Der Axel Springer Verlag gibt den Ausländern die Schuld. Bei Ausschreitungen sterben tausende Migranten durch den wütenden Mob. Der Bundeskanzler ruft den Notstand aus, das Militär muss einschreiten. Der deutsche Außenminister fragt bei dem von Ghana nach, wie man Aufstände am besten »unter Kontrolle hält«.

Ein Übersetzungsfehler veranlasst den deutschen Außenminister, Ghana den Krieg zu erklären. Deutschland verliert und wird eine Kolonie Ghanas.

Ghana wird reich, Deutschland gehört fortan zur dritten Welt, der Axel Springer Verlag wird von chinesischen Investoren gekauft und zum Asiaimbiss umgebaut. Deutschland stellt für Ghana Billigprodukte her. Eines Tages stürzt in Deutschland eine alte, schlecht in Stand gehaltene Fabrik ein. 1000 Menschen sterben.


Alles, was Peter mir erzählt hat

— 9/11 —

Ich erinnere mich daran, wie ich in der elften Klasse daran ge-
scheitert bin, eine Zwiebelhaut unter dem Mikroskop ordentlich
hinzudrapieren. Hab den Biologieunterricht verflucht damals.
Dann kam Karin die Tür rein. Die war etwas seltsam und kei-
ner nahm sie so richtig ernst in ihrer ganzen Verschrobenheit,
mit ihren fettigen Haaren, dem etwas groben Gesicht, den ir-
ren Augen, den zerschnittenen Unterarmen und allem. Zwei
Flugzeuge wären in New York in das World Trade Center geflo-
gen. Wir haben sie ausgelacht und es als eine ihrer Schrullen
abgetan. Das war vor achtzehn Jahren.

— Auf der Berghütte —

Und heute habe ich den ganzen Tag bei einer Fortbildung
mit meinen Arbeitskollegen auf einer Hütte in den Bergen ver-
bracht. Ich fand nichts lustig, was irgendjemand sagte und fühl-
te mich einsam. Ich war traurig und habe viel Bier getrunken,
während unser Chef Peter rührende Geschichten erzählte, die
er im letzten Jahr bei einem befreundeten schwedischen Bau-
ern in der Gegend zwischen Östersund und Strömsund erlebt
haben wollte.
Alle haben gelacht und gefeixt, weil er so unterhaltsam vor-
tragen kann, aber ich hatte die ganze Zeit Tränen in den Augen
während er redete. Und jetzt kommt es mir so vor, als ob alles,
wirklich alles, unwichtig und lächerlich an diesem Abend gewe-
sen wäre, außer diesen Geschichten.

Überhaupt ist es so: ich lerne die Leute kennen, sehe das Fun-
keln in ihren Augen und dann reden sie immer weiter, und sie
verwandeln sich in leblose leere Hüllen, regelrechte Charakter-
masken. Das ist depressiver, arroganter Scheiß von mir, das weiß
ich schon. Und dann merke ich oft, dass ich selber auch so bin
und habe nur noch Mitleid mit allen, mit mir selbst natur-
gemäß am meisten; und wenn das nicht alles so tragisch wäre,
könnte ich eigentlich auch drüber lachen. Peter hingegen ist
einer der wenigen Menschen, bei denen ich das Gefühl habe,
dass sie sich im Umgang mit anderen Leuten wirklich perma-
nent bücken müssen und nicht strecken, um auf Augenhöhe
zu sein. Wie er da abends so saß, mit seinen halblangen an-
gegrauten Haaren, dem prächtigen Silberbart und den musku-
lösen Unterarmen, die aus dem hochgekrempelten schwarzen
Hemd rausschauten, und wie er mit seiner beruhigenden so-
noren Stimme sprach, da schien er von sich selbst ganz ausge-
füllt zu sein, gar nicht arrogant, keine Maske und ganz frei von
so juvenilen Problemen. Allenfalls eine kleine Kunstpause hat
er sich gegönnt zwischen seinen Storys, dieser völlig entwickel-
te Charakter.

— Die Loreley —

Am brodelnden Fluss liegt er vor den verpissten Ruinen. Sanfte
Brisen wiegen die Zweige und kühlen die schweißnasse Stirn.
Heute stirbt Dennis Hopper und seine Mutter wird in die Psychi-
atrie eingewiesen. Dieses verhinderte Blumenkind hat nie der
Gegenkultur angehört und passt auch sonst nirgends mehr hin.
Gewaltsam haben wohlmeinende Menschen sie vom Absprung
weggezerrt.

An einem dieser brütenden Tage segelte er mit Markus auf
dem Wasser und trieb stromabwärts. Sie hätten kentern oder
von der Polizei verhaftet werden können. Die Mittagssonne ver-
brannte die Haut und ihm war schwindelig. Aber mit jedem
Schluck aus der Bierflasche war ihm das immer mehr egal.

Er lag seitlich, leichtfeuchtes Leinen jetzt kühl und schützend
über seinem Gesicht. Das Sonnenlicht war entzahnt und koste
ihn. Er sah Alligatoren im flachen Wasser lauern. Die leichten
Wellen brandeten gegen den Kiel und erzeugten ein fortwähr-
endes Rauschen, Plätschern und Gurgeln; aus allen Richtung-
en schien das zu kommen. Die Vibration der Schiffsschrauben
machte ihn ganz melancholisch.

Dann fand er sich mit Philosophen am grauen Ufer liegen. Die
Bäume der Böschung, die das Blickfeld säumten, wirkten wie
Scherenschnitte, und über ihren schwarzen Konturen schweb-
ten die Signallichter industrieller Anlagen. So weit vor der Stadt
gab es keine elektrische Beleuchtung für Zivilisten mehr. Der
Boden war schon etwas klamm und Schwärme tropischer Mü-
cken mischten sich in die Atemluft. Der Rauch einer Zigarette
hätte vielleicht Abhilfe schaffen können, aber er fand sein Feu-
erzeug nicht. Aus der Ferne war noch schwach das rötliche
Brodeln der Stadt zu vernehmen. Müde beobachtete er, wie
sich die Lippen der Philosophen lautlos bewegten. Im Blick der
Denker lag ernste Traurigkeit. Ihm schien das ganz passend zu
sein.

Einige Meter entfernt hatte sich ein großer Hund von seiner Lei-
ne gerissen. Er witterte Peters Schwäche und raste mit rasseln-
der Lunge und sabbernden Lefzen auf den schutzlos Liegenden
zu. Die bösen Schweinsaugen des Hundes blitzten im Restlicht
auf und nieder. Erde und Tau spritzten Peter ins Gesicht, als
die Bestie ihre stummeligen Beine in den Boden stemmte um
ihren massigen Leib nur wenige Zentimeter vor ihm zum Still-
stand zu bringen. Schwer atmend und mit klöppelndem Puls
verfolgte er den hektischen Hassreigen, den das Tier knurrend
und keuchend zu seinen Füßen vollführte. Aus den Schatten
der Uferböschung schälte sich die Gestalt eines großen, breit-
schultrigen Mannes. Seine dumpfe Autorität sedierte den Hund
augenblicklich.

Im späten Sommer trieb ihn die flirrende Hitze dann ganz ins
Wasser zurück. Schwarze kantige Steine schnitten sich ihm in
die nackten Füße. Die dürren Beine trugen noch immer sein
halbes Gewicht. Die Kälte nahm ihm die Luft und schrumpfte
sein Glied. Dann kippte er vornüber. Sein Kopf war leicht und
leer, das Gehör vom Gurgeln taub gemacht. Die Sonne musste
irgendwo oben gewesen sein.

Er dachte zurück an jene schwülwarme Julinacht. Die Gesichter
hunderter Menschen glommen im Licht orangefarbener Lam-
pions. Das Rauschen des Festes hatte an Volumen eingebüßt.
Schlaftrunken richtete er sich auf und sah, dass sein Freund Jo-
hannes im Schneidersitz neben ihm saß. Der war ins Gespräch
mit einer jungen Frau vertieft, die Peter vor ein paar Wochen im
Treppenhaus kennengelernt hatte. Sie saß in gerader Haltung
auf der Erde und umschlang ihre Knie. Ihre Beine endlos, die
ebenmäßigen nackten Füße anmutig im Staub. Ihr amazonen-
hafter Leib nur beiläufig in seidige Stoffe gehüllt. Der schwü-
le Sommerwind blies ihr das lange leichte Haar ins Gesicht.
Mit tiefer ruhiger Stimme erzählte sie von ihren Reisen in den
Orient. Bräunliche Frauen badeten da in halb ausgetrockne-
ten Flussbetten und verrichteten ihre archaischen Rituale unter
glutroter Sonne. Grüne Sittiche nisteten in den Nischen nobler
Paläste, und versklavte Elefanten zitterten unter den Schlägen
ihrer schmutzstarrenden Reiter. Am Horizont ragten schlanke
weiße Türme in den Abendhimmel. Die Augen der jungen Frau
leuchteten vor Verzückung.

Nach endlosen Wochen der Dürre entlud sich der Himmel
schließlich. Einen Tag und eine Nacht hindurch fiel der Re-
gen schwer auf die dampfende Erde zurück. Peter hatte sei-
nen Brustkorb bis zur Schmerzgrenze aufgeblasen und hielt
die pollenschwangere Luft in seinen löchrigen Lungenflügeln
fest. Wenige, überraschend kraftvolle Schwimmzüge ließen ihn
schnell zur Gruppe aufschließen. Tatsächlich war er nur eini-
ge Meter zurückgefallen. Die meisten dieser jungen Athleten
waren ihm völlig fremd. Ihre schlanken, harmonisch gewach-
senen Körper glitzerten in den Fluten. Sie kreuzten den Fluss,
der jetzt schwer an ihren Gliedern riss. Entsetzen ergriff ihn,
als er daran dachte, dass die schmierigen Tentakel der Was-
serpflanzen seine schutzlos rudernden Beine berühren könn-
ten. Kranke Weiden ließen ihre Fühler vom sicheren Ufer aus
in die Strömung einwachsen. Die Spitzen ihrer Zweige, die im
gekräuselten Wasser auf und ab tanzten, waren von fauligen
Schlacken überzogen. Sein Atem ging keuchend und die Ar-
me taten ihm weh. Die anderen Schwimmer kletterten agil die
Böschung empor und ließen sich auf den feuchten Steinen dort
nieder. Die junge Frau war ihnen am weitesten vorangeklettert.
Sie hatte das rechte Bein im Sitzen aufgestellt und umfasste mit
der rechten Hand zärtlich ihr Knie. Das andere Bein hatte sie
nach hinten abgewinkelt. Ihr linker Oberschenkel presste sich
auf die Wade. Die kantigen Steine schnitten in ihr nassglänzendes
Fleisch. Verzweifelt suchte er ihren Blick. Ihr Atemfluss ging
schwer und regelmäßig, die nackten Brüste hoben und senkten
sich im Sonnenlicht. Sie hatte den Kopf leicht zur Seite gedreht.
Das Haar fiel als schwerer Schleier über ihre Wange und umfloss
die Schulter, die sie ihm zugewandt hielt. Beinahe unmerklich hob
sie das Kinn. Funkelnde Reflexe umkränzten ihr feuchtes Gesicht.

— Gefangen mit Matt Damon —

Überhaupt war er schon seit Längerem Insasse einer Art Gefängnis,
das von einem älteren, alleinstehenden Mann geführt wurde. Es war
zwar eher ein ziviles Anwesen als ein Gefängnis, aber es war völlig
klar, dass man der Freiheit beraubt und dem mysteriösen Mann, den
er bis dahin noch gar nicht gesehen hatte, völlig ausgeliefert war.

Der amerikanische Schauspieler Matt Damon war ebenfalls ein
Gefangener, allerdings wohl schon seit sehr langer Zeit, denn in
seinem Auftreten wirkte er eher selbst wie ein Wächter, den sein
total ausgeprägtes Stockholm-Syndrom für die Zwecke des äl-
teren Mannes zum idealen Gehilfen machte. So sorgte sich der
Hollywoodstar beinahe liebevoll um Peter, und als er ihn heute
besuchte in seiner halboffenen Zelle, gab er ihm zu verstehen,
dass er sich gut füge, und bald »einmal so« herumlaufen kön-
nen werde. Außerdem, und es schauerte Peter entsetzlich, als
Matt Damon es aussprach, wolle ihn der Mann nun einmal per-
sönlich in Augenschein nehmen. Der Gefangene blickte an sich
herab, angewidert von seinen verschmierten, stinkenden Kla-
motten und der Tatsache, dass er seit Wochen nicht mehr hatte
duschen dürfen. »S… so geht das aber nicht …«, flüsterte er kaum
vernehmbar. Matt Damon zögerte eine Sekunde, dann riss er
die Augen beinahe panisch auf und schrie Peter ins Gesicht,
angetrieben von plötzlichem Eifer und grotesker Beflissenheit:
»Natürlich, natürlich! Du kannst mein T-Shirt anziehen! Es passt
mir zwar etwas besser«, sagte er leicht kokett in Anspielung auf
seinen prächtigen Körperbau, »aber du riechst dann ein biss-
chen nach mir, das wird er mögen!«

Bald darauf kauerte Peter in einem kleinen Bett, das sich im
Winkel eines schrägen Dachgeschosses befand. Es hatte alle
Anmutung eines Kinderbettes, und tatsächlich fühlte er sich
sehr jung. Der Mann kam, und sah selbst auch jünger aus, als
Peter ihn sich in seinen Angstträumen in der Zelle immer vor-
gestellt hatte. Er setzte sich behutsam und in elegante Pose
zu ihm auf das Bett, und sprach sanft und fordernd zugleich
von Dingen, die Peter gar nicht verstand. Und was bis dahin le-
diglich Anspannung gewesen war, wandelte sich jetzt zu Ent-
setzen, als der Mann in plötzlicher Bewegung ein schmales
Teppichmesser mit einem Griff aus grünem, billig wirkendem
Plastik zückte und begann, dem schwer atmenden Peter ober-
flächlich und wie beiläufig rautenförmige Schnitte am Unter-
arm zuzufügen, den er mit der freien Hand fest fixiert hielt. In
Panik wollte Peter sich befreien, doch sofort schnitt der Mann
so tief in seinen Arm ein, dass Blut hervorquoll und es stechend
schmerzte. Er herrschte ihn dabei in einem Tonfall an, in dem
überraschend viel väterliche Besorgnis mitschwang:
»Um Himmels Willen, nicht draufdrücken!«

Also ließ Peter ab und es geschehen, und sogleich ritzte der
Mann nurmehr oberflächlich und mit stoischer Ruhe weiter
das Muster in dessen Arm. Die Schmerzen waren nur dumpf,
aber das bohrende Gefühl des Messers in seiner Haut, gepaart
mit dem fernen Empfinden, dass dies alles doch abscheuliches
Unrecht sei, machte ihm die Situation zunehmend unerträg-
lich. Und warum sollte er sich denn nicht wehren gegen den
Mann, der, wenn auch nicht gebrechlich, ihm doch mit Sicher-
heit körperlich unterlegen war? Matt Damon mochte im Zwei-
fel noch gegen ihn zu kehren sein; aber völlig unmöglich schien
es, die Hand gegen den Mann selbst zu erheben. So wurde
seine Stimme piepsig und dünn, als er unter Tränen und völ-
lig sinnlos hervorkrächzte: »Bitte hören Sie auf, so bitte hören
Sie doch auf!« Der Mann aber ignorierte das Flehen, und Peter
verharrte mit weit aufgerissenen Augen in seiner Schockstarre,
während der andere weiterschnitt, und eine tiefe Überzeugung
brach sich in ihnen Bahn, dass für höhere Ziele Opfer gebracht
werden müssen.

— Am Sonntagabend —

Und dass die Sonne jetzt scheint wie im Frühling macht es
noch viel schlimmer. Die dünne Decke reicht nachts bald nicht
mehr aus, und unter den Daunen wird es noch immer zu warm.
Wie am Sonntagabend ist das mit dem plötzlichen Herbst. Da-
mals, als die elegische Melodie der Lindenstraße schon den
Montag angekündigt hat. Einen flauen Magen brachte das im-
mer mit sich, und dumpfen Druck hinter dem Brustbein.

Der Wind, der dir jetzt durch die wilden Locken fährt, ist schon
kühl und man braucht einen Seidenschal auf dem Fahrrad. Du
schaust her wie durch Milchglas, dein Kopf strebt nach mein-
er Hand. Ich will dich halten und wieder im Wasser treiben.
Nachts träume ich, dass du zerläufst, morgens heule ich auf
den dreckigen Dielen und reibe mir Splitter ins Gesicht.


Beabsichtigen

Ziele, Treffer, Veranstaltungen
sind Manifestationen von Ideen
Warten auf Befehl von oben

Ist die Idee H-Milchhaltbar?
Stelle sie in den Kühlschrank aus Denkzeit

Ein Quadrat grün
zwischen den Straßen
Ich lebe ein Gebet

Postfach Gott ist voll,
Rückversand zum Absender
Staune über die Nachricht aus dem All
Ein Fuffi für die neue Welt
Ich bringe sie aus dem Supermarkt mit

Zwei Fragen:
1. Welche Hypothese machst du dir von unserer Welt, die du
als Wahrheit annimmst?
2. Woran erkennst du in einem Traum, dass es sich um einen
Albtraum handelt?
Dritte Frage: was, wenn deine Antwort auf beides dieselbe ist?

Wenn mich die Zukunft grüßt
lege ich mein Handy beiseite
Fahre bei Sommerwetter mit meinem Schmerz im
Kinderwagen vor
er kann jetzt sprechen
nennt mich bei dem, was ich für ihn bin
„Mama ich will…., Mama du musst… Mama ich kann nicht….“

Meine Freude schneidet ihm Grimassen
sie kann schon ohne Laufrad gehen
streckt ihm die Zunge heraus
„Das war nicht super, aber du hast es wenigstens versucht“
beschwichtigt sie mich wenn ich ihr Schokolade anbiete
Sie weiß ganz schön viel
Für ihre zweiundzwanzig Jahre

3. Was bedeutet es für dich, ein Mensch zu sein?


cold nights

The city looks most romantic on rainy days
past the time where the sun bathes it with a
golden kiss (light)
a shiver of rain obscures my sight
the empty streets crescendoed by neon lights
barely any human in sight
i got the feeling of a clear thinking mind
as if the streets resemble my own thoughts
No signals insight racing down my synaptic lines
what must the city look like through a mice’s eyes
thrilling yet clocked with dangerous spice
a man walks by the bush where it scouts the valley
of caps driving by
next to street of a big boulevard in the hectic
tangle of 9 to 5 life
frightened by the manifold creatures passing by
it observes
and is stiffened by the ruckus of modern (grime)
just as the mice the sense of i feels alike
when thoughts racing high through electric pipes
in my mind.
Except by night, then i don’t have to hide
i go outside and feel clearance inside.


Der teumessische
Fuchs

Wenn sie kommen, ist es kalte Nacht.
Es sind verschonte Visionen,
von Angst zerfressene Freuden,
geschunden wie Varus Legionen.

Es sind verwischte Gespenster,
maskiert als Clowns und Komponisten.
Im Antlitz von Freund und Feind
flüstern sie, wie die Schergen der Faschisten.

Und fasse ich doch den Mut,
nach ihnen wie nach Sternen zu greifen,
sie zu packen, zu vertreiben,
stürzen sie mir zu, von allen Seiten.

Und wenn sie dann in meinen Händen zerfallen,
erwache ich benommen, denke ich wär’ senil.
Ich sehe den Staub um mich nicht mehr,
und doch belegt er meine Lungen, Chrysotil.


Dreiecke aus Fisch

Zitronen jagen Knoblauch, bis der Stör sie zur Ruhe ermahnt.
„Haltet ein!”, blubberte er, „Lasst ihn in Ruhe keimen!” Sie be-
ruhigten sich allmählich und begannen auf schwach exzen-
trizitären elliptischen Bahnen gemächlich den Mond zu um-
runden. Ein Stangenschlangenbohrer zischte rotierend vorbei.
Er hatte es wohl eilig, zum diesjährigen Treffen getriebeloser
Holzbearbeitungswerkzeuge zu kommen. „Vorsicht!”, grum-
melte das Grätentier, doch das hörte der topologieverändern-
de, prolate Schmiedestahl schon nicht mehr.

Am Grund eines ausgetrockneten Sees verdaute ein ortsan-
sässiger Lungenfisch schweigend seine Muskeln.

Eine CNC-Fräse surrte genussvoll, während sie einen Sperr-
getriebeverriegelungsbolzen aus dem umliegenden Metall
befreite.

Es war der vorletzte von 200 sonderangefertigten Spezialbol-
zen im Auftrag einer großen Fahrzeugfirma.

Der Knoblauch hat nun ein winziges hellgrünes Blättchen.
Der Stör sieht weiterhin nach dem Rechten.
Der Stangenschlangenbohrer hat seinen Termin pünktlich
wahrgenommen.
Die CNC-Fräse hat alle Bolzen schadfrei fertiggestellt.
Nur der Lungenfisch wartet immer noch auf Wasser. 


Frühling

Die Bäume im Ofen lodern.
Die Vögel locken am Grill.
Die Sonnenschirme vermodern.
Im Übrigen ist es still.

Es stecken die Spargel aus Dosen,
die zarten Köpfchen hervor.
Bunt ranken sich künstliche Rosen
aus Faschingsgierlanden empor.

Ein Etwas wie Glockenklingen
den Oberkellner bewegt,
mir tausend Eier zu bringen
von Osterstören gelegt.

Ein süßer Duft von Havanna
verweht in ringelner Spur.
Ich fühle an meiner Susanna,
erwachende neue Natur.

Es lohnt sich manchmal zu lieben.
Was kommt, nicht ist oder war
ein Frühlingsgedicht geschrieben
im kältesten Februar.


Fangen Sie den Sinn ein, fragen Sie nicht danach. Die grelle violett-pinke Bar, hinter dem Tresen befindlich zwei weißblättrige Frauen, herrlich das Gesicht verziehend. Pfeife-rauchende Skat-spielende Katzen in der Ecke, das Szenario ummantelt von dem angenehmen Gestank feinsten Tabaks. Eine fette rote Linie zieht sich hindurch. Zerteilt den Fiebertraum. Ich sitze. Auf dem Hocker.

Spüren Sie das beinah unangenehm billige Holz unter Ihrem Gesäß durch die Geschichte hindurch? Meine Augen verklebt. Dem Zufallen nah. Gesichter geprägt von der gleißenden Hoffnung und Zerstreuung der Zeit.

Ich bin müde. Ich will schlafen.

Meinen Sie, es sei noch erlaubt? Den eigenen Gelüsten nachzuwandeln, oder ist das verpönt, ein Sakrileg, nichts und niemandem zumutbar wie eine Taufe dem Teufelskind? Die Katzen schauen auf. Augen auf mich. Feindselige Blicke. Meditieren Sie? Man meint es sei eine Form der Selbstbeherrschung, Disziplin, Anerkennung, Ehre, Ruhm, weltliche Besitztümer, Geiz ist geil, wandelnde Zombies umherirrend, verwirrt, geblendet vom Schein des Seins und dem Schatz der Oberfläche. Mein Glas. Leer.

Die dreckigen blauen Neonlichter der Bar flackern, ziehen Fliegen und Motten an, das Geflatter der Nacht, Fenster offen, sonst ist das unwillkürliche Ersticken leicht gemacht. Ich ziehe an meiner Kippe. Der Kotzreiz in mir steigt auf.

Haben Sie sich schon einmal gefragt, was es bedeutet, nach dem Sinn in etwas zu suchen? Die schwankende immerwährende Gratwanderung auf der Wäscheleine des Lebens, ohne den Blick nach unten und nach vorn zu verlieren. Wissen Sie was das bedeutet?

Ein Knall. Aus dem hintersten Winkel der Bar. Die Katzen schauen auf.

Roter Schleim an den Wänden. Eine der Katzen macht sich daran, ihn aufzulecken. Sie färbt sich rot ein. Die andere wendet sich angewidert ab, als erstere beginnt, sich in ihre eigenen Elemente aufzulösen.

Ich schließe meine Augen. Versinke in die Traumwelt. Weg, weg, heraus aus der unendlichen Parabelschleife der Hochs und Tiefs, mich meinem eigenen Geiste entziehend, der mich fortwährend einholt.

Spüren Sie es? Das Rot auf Ihrer Zunge?
Ich löse mich auf.
Spüren Sie es?


Hellas oder: Schreibvorbereitung

Ich reise nach Griechenland. Ich kehre, höchsten Grades
traumatisiert, zurück. Einen Blick auf die Skizzen werfend,
die ich während der Reise gemacht habe, versuche ich zu
entscheiden, welches Genre zu meiner Erfahrung am besten
passt.

— Variante 1: Die Pinie —

Eine weibliche Cis-Frau gerade noch jungen Alters begibt
sich mit ihrer 80-jährigen Großmutter auf eine zwölftägige
Bildungsreise eines großen deutschen Reisebetreibers ans
neue Trendreiseziel Griechenland (hier kleine politische Spitze
einbauen). Erschöpfende Beschreibungen der intensiv duften-
den Flora und der leicht an- und absteigenden Hügelketten
jenseits des mit Körpern gepflasterten Strandes beschreiben
letztendlich äußerst geschickt das Wesen der Großmutter, die
seit wenigen Monaten verwitwet ist (besonders zu erwähnen,
die Kargheit, die trockene Hitze, die eruptive Fruchtbarkeit,
die Standhaftigkeit, siehe Pinie und korinthische Säulen-
stücke, die Brüchigkeit, siehe alle ruinösen Statuen, die Weisheit,
siehe Bibliotheken, die Vitalkraft, siehe Marmorbruchgeräte).

— Variante 2: Verwechslung in blau-weiß —

Crostas Karanthiakos ist ein versierter griechischer Reiseleiter
und Vater dreier Kinder, Costas Karanthiakos ist ein Kantinen-
arbeiter im griechischen Nationalparlament und ein Scharla-
tan. Durch eine Verwechslung werden die gesamten Reiseunter-
lagen für eine 24-köpfige deutsche Reisegruppe für die
Reise „Kreta: Feuer des Meers“ per Mail nicht an Crostas, son-
dern an Costas verschickt, der sich wiederum zu einer Kantinen-
auszeit berufen fühlt und flugs die Reiseleitung über-
nimmt (Spannung aufbauen). Die alten Körper werden tags-
über auf Fahrrädern, abends in Syrtaki-Bars wo immer das ei-
ne Lied läuft durchgeschüttelt (genau beschreiben: Schweiß-
tropfen auf den faltigen Armen), die Gruppe beschwert sich
erst am 4. Tag, als die berühmten Ausgrabungsstätten Idä-
ische Grotte und Diktäische Grotte immer noch nicht besucht
wurden.

Crostas bekommt vom Reisebetreiber Bescheid und versteht,
dass es ein großes Missverständnis gegeben haben muss, eilt
zu Fuß in einer den Marathon noch weit überbietenden An-
strengung von seiner griechischen Insel auf Kreta, findet die
Gruppe, passt den richtigen Moment ab um die Leitung zu
übernehmen (er und Costas gleichen sich nämlich aufs Haar),
führt alle zu allen schönen Orten und vermeidet den Eklat
mit dem Hochstapler, indem er diesem sein Ferienhaus auf
Santorini übergangsweise zur Verfügung stellt. Stilmittel bei
dieser Erzählung: Verwechslungen, Verwechslungen; die Kat-
zen gleichen sich, die Reiseteilnehmer*innen gleichen sich,
die Häuser von Costas und Crostas gleichen sich, die Hotels
gleichen sich, die Fähren gleichen sich…

— Variante 3: Stehende Mühlen —

Wie kann es sein, dass zu Zeiten des Kampfes gegen den Kli-
mawandel marode Windmühlen zum Zeichen eines neu-
en Savoir-Vivre werden? Warum sich eine Küste direkt am
steigenden Meeresspiegel für das weiß getünchte Steinhaus
aussuchen? Warum eine karge, heiße Landschaft zum Schön-
heitsideal erklären?

Schwer zu verstehen, ist es hier doch genauso: auf den weiß-
blauen Trauminseln der Kykladen vor der ostgriechischen
Küste. Funk-Reporterin Kristin Karajans begibt sich auf eine
spannende Reise in die byzantinische Vergangenheit und
multikulturelle Gegenwart und findet dabei vor allem eins
heraus – das hier ein Fleck ist, auf dem es sich leben lässt.

— Variante 4: Skandale und Liebe —

Eine Reisegruppe, griechische Ägäis. Wäre Rolf aus Sachsen
nicht schon in seinen Siebzigern – niemand hätte wohl diese
geballte Menge an Verachtung für eine unschuldige Liebe
zwischen ihm und der 18-jährigen Lena übrig gehabt. So trägt
sich Tragisches zu – auf hoher See und allem.
Vom Stande und von der Bildung einander ebenbürtig, von
Schönheit der Körper und der Geister durchaus auf Augenhö-
he, fehlte der zarten Zuneigung der beiden Fernost-Reisenden
leider nur das ähnliche Alter. Wären es zwanzig Jahre Alters-
unterschied gewesen, ach!, niemand wäre ihretwegen beson-
ders betrübt gewesen. Aber so verzieht Renate, die mitreisen-
de Kupplerin, ihr Gesicht ordentlich in Falten und reist mit ih-
rer Nichte verfrüht zurück nach Mitteleuropa. Rolf bleibt aus
Gram für immer in einer Einsiedlerwohnung in Piräus; Lena
stürzt sich fast von der Fähre in Richtung Italien, belässt es
dann aber doch dabei, in Marburg das Studium der Kultur-
anthropologie und Gender-Studies aufzunehmen.

— Variante 5: Splatter an einem Feiertag —

Es ist Feiertag, ein Septemberlichter Feiertag, daher wollen
heute alle Griechen auf die gegenüberliegende Insel zu ihren
Familien und ihren Affären. Sie sind auf die schwarzrauchen-
den Ungetüme angewiesen, die sie Woche für Woche, Feier-
tag für Feiertag verlässlich über die erstaunlich ruhige, blaue
See befördern. 600 Menschen gehen auf Tinos an Bord der
Naxos Star, einer großen Fähre. Sie wissen noch nicht, dass
sie das letzte Mal die Ägäis sehen, als die Klappe der Fähre
langsam nach oben klappt und der Lichtstrahl auf den ehr-
fürchtig erhobenen Gesichtern kleiner und kleiner wird. Vom
Treppenaufgang strömen plötzlich die Leute zurück in den
Bauch des Schiffes. Erikos steht in zweiter Reihe am oberen
Ende des Treppenaufgangs und muss entsetzt mitansehen,
wie ein Minotauros, fünf Kyklopen und die drei Erinnyen seine
Mutter mitten durch aufschneiden, aufspießen und ∗∗∗. Blut
überall. Nichts als ∗∗∗ und ∗∗∗. Entsetzt folgt Erikos der flie-
henden Menge, stürzt sich die Treppe wieder hinunter. Durch
die Fenster streckt Hydra ihre zehn Köpfe und ∗∗∗. Schreie,
die immer wieder abrupt abbrechen. Bevor er seinen Kör-
per in alle Richtungen spritzen spürt, meint Erikos, ein tiefes
Glucksen aus der Metallverkleidung zu hören. Als käme es
von der Fähre selbst.


Hinter Angeln

Ich wohne hier schon seit 23 Jahren und in dieser Zeit habe
ich Dinge gesehen. Dinge erfreulicher Natur, verliebte Paare,
vom Tag ausgezehrte Geschäftsleute, die, erleichtert und von
aller Alltagslast befreit, in die Federn sinken, abschließen, alles
andere wegschließen. Musiker, die euphorisch ihr Instrument
streicheln, zumal gepackt von Wut über die eigene Unfähigkeit
verfluchen sie es, nur um es Momente später kniend um Ver-
zeihung zu bitten. Diese Wärme, die den Raum umgibt, wenn
sie spielen. Für nichts in dieser Welt würde ich das eintauschen
wollen und wenn alle verstummt sind, dann soll es mich auch
nicht mehr geben.

Zu sagen, dass ich mir noch nie gewünscht hätte, dass es mich
nicht mehr geben soll, wäre falsch. Nein, auch ich bin traurig,
viel zu oft, wenn du mich fragst. Denn da waren auch die un-
schönen Dinge.

Dieses eine besonders unschöne Ding, das lässt mich nicht
mehr los und man sagt, dass es hilft, darüber zu sprechen. Ich
habe das noch nie gemacht, deswegen, nun ja, erzähle ich dir
jetzt davon.

Da waren drei Männer und zwei Frauen, die sich dazu ent-
schlossen haben, mich zu besuchen. Ich sah sie von Weitem,
wie sie alle fünf eng umschlungen, Arm in Arm, eine Kette
bildeten, den gesamten Flur für sich beanspruchend, in mei-
ne Richtung kommen. Ein jeder schritt mir mit entschlosse-
ner, wenn nicht sogar angespannter Miene, entgegen und die
beiden äußeren Kettenglieder trugen Koffer, die sehr schwer
aussahen. Der Inhalt, so schien es, wollte die ihm gegebenen
Grenzen niederreißen. Als sie mir entgegentraten, verloren sie
kein Wort des Grußes, ich wurde unwirsch bei Seite geschoben
und ehe ich es mir versah, waren sie an mir vorbeigeglitten.

Überzeugt davon, dass nun jedes Wort ungehört und jede Mis-
setat ungesehen sei, kümmerten sie sich nicht weiter um mich.

Man beachtet mich nicht. Es mag daran liegen, dass ich mein
Leben lange schon starr, in meinem Waltungsspielraum einge-
schränkt und stumm bin. Doch ich kann sehen und hören; ver-
gessen habe ich noch nie. Riechen kann ich auch nicht, aber
das ist in Ordnung.

Sie lösten die Schnallen der Lederkoffer und das, was zuvor
noch eingepfercht war, in einen viel zu kleinen Raum, barst,
mit der Kraft des der Freiheit beraubten, in alle Richtungen.
Die Frauen und einer der Männer lachten unbeschwert und
ließen sich auf eines der riesigen Boxspringbetten fallen. Die
beiden anderen Männer versuchten Herr über die Situation zu
werden und sammelten behutsam alles, was ihren Koffern ent-
floh, zusammen und verteilten es auf Esstisch und den Boden
vor dem mannshohen Panoramafenster, durch welches man
an einer Häuserreihe vorbei aufs Meer blicken konnte.

Ich liebe das Meer und alle die darauf herum gleiten und die
Wellen und die Gischt, die den Pier sauber wäscht.

Als der letzte Geldschein tanzend auf den Boden gesunken und
sanft auf die anderen gelegt worden war, sah ich, dass die fünf
verstummten und nebeneinander vor dem Geld und den Waf-
fen standen. Sie kratzten sich an ihren Köpfen, beinahe lustig
sahen sie aus, wie sie ratlos auf den Werthaufen blickten. Der
Kleinste der Männer ergriff das Wort und er war, so schien es,
der Anführer dieser seltsamen Ansammlung. Wie eine Hyäne
kam er jedem der Reihe nach, wild gestikulierend und mit hin-
terlistigen, scharfen Augen, näher. Die Anderen wussten nicht
so sehr, was sie ihm entgegensetzen sollten und nickten un-
sicher. Einzig die blonde Frau, die ihm am entferntesten war
und ihn gleichzeitig über einen Kopf überragte, beugte sich
zu ihrem Nebenmann und huschte ihm Worte ins Ohr. Der
Mann, den Blick starr nach vorne aufs Meer gerichtet, antwor-
tete nicht.

Die Hyäne – nichts, so schien es, konnte ihr entgehen – ergriff
eine Pistole mit ihrer rechten Hand, drehte sich kurz um die ei-
gene Achse und schoss beiden mit einem Schuss durch den
Kopf. Das, was in ihren Köpfen gewesen war, malte ein abs-
traktes Kunstwerk an die weiße Wand und die beiden leblosen
Körperhüllen sackten zu Boden.

Eine Weile lang rührte sich niemand vom Fleck. Die übrig ge-
bliebene Frau und der sie, über beinahe zwei Köpfe überragen-
de Mann, zitterten Blicke aus dem Fenster und die Hände, aus
Angst ineinander verschlungen, lösten sich zögernd.

Die tötende Hyäne stand noch immer, den Pistolenarm von
sich gestreckt, den geweiteten Blick auf sein Gemälde geheftet,
da. Einzig seine Zunge benetzte seine Lippen und seine freie
linke Hand, die er fest auf seine Leistengegend presste, ließen
Erregung vermuten.

Ich konnte nichts tun, das musst du mir glauben.

Er ergriff das Wort. Die beiden Salzsäulen erwachten zum Le-
ben und hievten ihre leblosen Gefährten ins Badezimmer, wäh-
rend die Hyäne eines der Duvets über den Blutsee legte.

Die Salzsäulen kehrten schnell wieder zurück und sahen nun
gefasster aus.

Der Haufen Geld wurden in drei Teile geteilt und in beide Kof-
fer gesteckt, wobei sich die beiden Salzsäulen einen teilten. Sie
riefen den Zimmerservice, der wie auf Knopfdruck kam und
vor mir stehen blieb. Ich wurde zur Seite gerissen. Nur ein biss-
chen zwar, gerade genug, um dem Pagen vier Flaschen Sekt
zu entreißen, bevor sie mich ihm wieder entgegenwarfen.

Es wurde laut und chaotisch. Liebesbekundungen und ewige
Treueschwüre hallten durch das Zimmer. Alle drei Körper ver-
schmolzen auf dem Bett, auf dem Boden für, so schien es, ih-
re private Ewigkeit. Ein Teil löste sich und stand nun vor dem
schwitzenden Menschenbündel. Der große Mann nahm einen
Gürtel zur Hand legte ihn sich um den Hals und bettelte die
Hyäne und die kleine Salzsäule an, es ihm nachzutun.

Sie schenkten ihm Gehör und dann standen sie dort, nackt mit
Gürtelkette um den Hals und betrachteten sich im Fenster. Die
Nacht verwehrte ihnen den Blick auf die See, doch sie sahen
sich. Das war, was sie wollten.

Der Zimmerdienst wurde erneut bestellt, doch
dieses Mal war da kein Sekt. Mit weißen Nasen
hüpften sie, manisch lachend, wie Gummibälle
durch den Raum. Zuerst ging der Tisch zu Bruch
und das Geld und die Waffen schwebten und
krachten zu Boden. Die große Salzsäule nahm
einen Stuhl zur Hand, prügelte auf mich ein,
bis er schmerzhaft an mir zerbarst.

Ich hatte Angst, schrecklich Angst, denn jetzt bemerkten sie
mich. War ich davor nichts, war ich nun alles.

Die Hyäne fixierte mich, zog eine halbvolle Whiskeyflasche un-
ter dem Bett hervor und verschwand im Bad. Die Frau, ga-
ckernd und offenbar aller Sinne beraubt, vergrub ihr Gesicht
im Pulver. Wie ein zum Mond heulender Wolf warf sie den Kopf
in den Nacken, blickte hektisch im Raum herum und ergriff
eine der anderen Pistolen. Sie schoss auf mich. Ein Magazin,
zwei Magazine, drei Magazine. Ich blickte hinab auf meinen
durchsiebten Unterleib.

Die große Salzsäule, die sich ebenfalls erneut am Puder bedient
hatte, wand sich röchelnd am Boden, Schaum vorm Mund, Blut
aus der Nase.

Die wütende Hyäne, die ein Tuch in die Flaschenöffnung ge-
steckt und entzündet hatte, ließ die Flasche fallen und ein
leuchtender, heißer Teich setzte den Teppich in Brand. Hals
über Kopf rannte er in meine Richtung, stolperte, riss die Frau
mit zu Boden und begrub sie unter sich. Die Frau kämpfte und
kratzte, wütete, konnte sich dennoch nicht befreien. Mit ge-
weiteten Augen und hochrotem Kopf flehte sie mir Blicke entge-
gen.

Langsam züngelnd kamen die Flammen näher, welche sich am
Wertpapier nährten. Je mehr Geld es verschlang, desto größer
und mächtiger schien sie zu werden, ein unaufhaltsamer Go-
lem. Die fest installierte Sprühwasser-Löschanlage könnte ihn
nicht stoppen.

Die berauschte, große Salzsäule wankte, Fieberblicke um sich
werfend, durch den Raum, bis sie schließlich den fest installier-
ten Feuerlöscher erblickte und ihn aus der Halterung riss. Diese
hatte dem Riesen wenig entgegenzusetzen. Er fummelte am
Verschluss des Heilbringers herum, versuchte ihn treffend ein-
zusetzen, während er wie Espenlaub, nein, wie ein Teich voller
Kaulquappen zitterte.

Weißer, schwerer, endloser Schaum bedeckte den Raum und
erstickte das Feuer und hinterließ eine Winterlandschaft der
Zerstörung. Die Frau war nun ohnmächtig geworden und die
Hyäne scheinbar betäubt auf ihr eingeschlafen. Die Lösch-
anlage weinte ununterbrochen weiter. Die große Salzsäule erbrach
sich, fiel in sich zusammen und blieb mit in den Schädel ge-
rollten Augen liegen.

Einen kurzen Moment geschah nichts.
Dann, ich hörte sie von Weitem kommen, kamen Männer in
Schutzkleidung den Gang entlang getrabt. Mit Äxten und Lö-
schutensilien bewaffnet, kamen sie bedrohlich näher und schon
standen sie vor mir. Ein Mann begann sogleich gegen mich
zu treten, ohne Erfolg. Er wurde bei Seite gestoßen und ein
anderer hob die Axt und schlug auf mich ein. Ein wütendes,
geübtes Stakkato. Mein Unterleib war mir nun komplett ent-
rissen worden, flehend, schrie ich meine stummen Schreie der
heranbrausenden Schulter entgegen, doch da war es schon zu
spät.

Ich knallte gegen die Wand und fiel zu Boden, zerborsten und
gebrochen.

Man trug mich in ein Kämmerchen, platzierte mich in einer
Ecke und vergaß mich. Nun stehe ich hier, in Kindesgröße, un-
fähig zu sterben und nichts mehr zu berichten. Hinter meinen
Angeln, Leben zogen vorbei.


Im Sommer


Immer die
Bedürfnisse

Immer diese Nahrungsnot
Kühlschrank nix im Angebot
Und dann bald der Hunger droht
Hunger droht. Hunger droht! Hunger droht!!!

Immer diese Müdigkeit
Doch das Bett ist noch so weit
Ist auch langsam Schlafenszeit
Schlafenszeit. Schlafenszeit! Schlafenszeit!!!

Immer dieser Tatendrang
Hab noch Schlafklamotten an
Später ist erst irgendwann
Irgendwann. Irgendwann! Irgendwann!!!

Immer will ich anders sein
Ein Mensch ist mir fast zu klein
Inhaltliches dein und mein
Dein und mein. Dein und mein! Dein und mein!!!


Katharsis

„Die Lösung besteht darin, den Schmerz zuzulassen. […]
Wir können nur geheilt werden, indem wir endlich den Schmerz als unseren

eigenen empfinden dürfen und können. […]
Wenn man seinen eigenen Schmerz nicht fühlt, muß man ihn in anderen finden. […]
Ein Bewußtwerden des Schmerzes ist der einzige Weg, den Teufelskreis der Selbst-
destruktion zu durchbrechen, in dem sich so viele in unserer Gesellschaft befinden.“

Arno Gruen

Holst du mir bitte einen Eimer, fragte ich. Aus dem Schlaf geholt, stand er in der Dunkelheit auf, verließ das Zimmer und kam mit einem Putzeimer in der Hand wieder. Er stellte ihn vor meine Nase, direkt vor die Bettkante. Durch den Reiz machtlos, erbrach ich mich. Es hörte nicht auf. Nie hört es direkt auf. Immer warte ich noch auf den Augenblick, wo es bei einem Mal bleibt. Zwei Stunden später, sank ich in mich zusammen, kraftlos.

Ich hörte den Wecker. Wortlos regte ich mich.
Wie fühlst du dich, fragte er. Gehst du arbeiten?
Ich denke schon, ich kann mich nicht wieder krank melden. Nicht an meinem Geburtstag.
Im Ladeneingang standen sie. Schauten mich mit großen Augen an und sangen Happy Birthday.
Alles Gute! Wie geht es dir? Warum arbeitest du heute? Es ist dein Geburtstag!
Ich habe keinen Urlaub bekommen.
Magst du Kaffee?
Nein. Den trinke ich nicht mehr.

Haben Sie Tennisröcke?
Ja. Wir haben Röcke zum Laufen und zum Tennis.
Ich will ihn für meine Tochter. Die spielt Tennis.
Die haben wir hier. In schwarz und weiß.
Und die hier? Das sind die Laufröcke. Die sind etwas kürzer. Gibt es den auch in weiß?
Ja, der weiße hängt hier, direkt hinter dem schwarzen. Welchen nehme ich denn jetzt?
Bitte entschuldigen Sie mich.

Geh nach Hause.
Ich kann nicht.
Dir geht es schlecht – fahr Heim! Was wirst du machen?
Ich fahr zum Notdienst.
Schönen Geburtstag!

Die weißen, hohen Gebäude standen vor der Sonne. Es war Sommeranfang.
Bitte hier rechts zum Aufzug. Dann zweiter Stock. Dann rechts durch die Tür. Den Gang entlang.
Da melden Sie sich an.
Die Sonne stand auf den Fenstern. Die Hitze staute sich. Keines der Fenster war offen. Da saßen sie. Leidend. Hilflos. Machtlos. Bitte füllen Sie dieses Formular aus und geben Sie es mir wieder zurück. Die Wartezeit beträgt ungefähr eine Stunde.

Seit letztem Sommer erbreche ich mich. Regelmäßig.
Eine Schwangerschaft ist ausgeschlossen?
Ja.
Waren Sie bei Ihrem Hausarzt?
Ja. Er wusste nichts.
Diesbezüglich kann ich jetzt auch nichts machen. Ich schreibe sie für heute krank. Gehen sie bitte nächste Woche nochmal zu ihrem Hausarzt. Er soll Sie untersuchen.

Ich nahm die gelben Zettel und verließ den Raum. Eine junge Frau lächelte mir zu.
Gute Besserung!


Max und die
Rügenwalder
Mühle

Ein Auszug aus seiner Arbeit „Die Rolle der Kulturindustrie bei der Produktion von Verdrängungsmechanismen in den Minima Moralia von T. W. Adorno“

Besonders deutlich lässt sich das Phänomen der Verdrängung am Beispiel einer Werbesendung veranschaulichen. In diesem konkreten Fall möchte ich die Fernsehwerbungen des fleisch- und fleischersatzproduktproduzierenden Unternehmens „Rügenwalder Mühle“ Carl Müller GmbH & Co. KG (kurz: „Rügenwalder Mühle“) analysieren.1

Dabei muss ich ausdrücklich betonen, dass es hier nicht auf die Wahl des Beispiels ankommt. Da in der Kulturindustrie jedes Fernsehspiel dem Film ähnelt und beide, wo man auch hinschaut, von Werbung durchdrungen sind, ist es fast gleichgültig, „wo man sie anpackt“ (vgl. Adorno GS 10.2: 519). Die verschiedenen Produkte sind alle Ausdruck des gleichen Systems und gleichen sich deshalb auch inhaltlich. Sie unterscheiden sich nur der Form nach. Die Werbung der „Rügenwalder Mühle“ habe ich deswegen als Beispiel ausgewählt, weil sie sich seit mindestens zwanzig Jahren nicht merklich verändert hat und weil von ihr eine solch subversive Kraft ausgeht, dass sie zu einer meiner frühesten Kindheitserinnerungen geworden ist.

Die ausgewählte Werbung erzählt die Geschichte eines glücklichen Familienfestes (vgl. YouTube 2017). Eine oder mehrere Familien sitzen an einer großen und reich gedeckten Tafel im Grünen. In der ersten Szene reicht man sich eine Holzplatte mit Tomaten und Mozzarella, Blumen stehen auf dem Tisch, alle scheinen sich zu amüsieren. Doch „richtig lecker wird es“ erst, wenn die „Pommersche“ (Leberwurst) auf den Tisch kommt. Es folgt eine Aufzählung der verschiedenen Varianten der Leberwurst: klassisch, bio und vegetarisch. Die letzte Szene zeigt einen alten Mann, der zusammen mit einem kleinen Mädchen (das wahrscheinlich seine Nichte spielt) zufrieden in ein Stück Brot beißt, welches dick mit Leberwurst bestrichen ist. Das bunte Treiben spielt sich tagsüber und im Freien vor einer 2012 eigens zu Werbezwecken errichteten Windmühle ab (vgl. Website: Rügenwalder Mühle 2019).

Versuchen wir uns nun vorzustellen, wie ein typischer Konsument einer fertig abgepackten Wurst aussehen könnte. Nennen wir ihn Max.2 Nach einem anstrengenden Tag in einem Berliner Büro steigt Max hinab in die U-Bahn und fährt etwa vierzig Minuten bis zu seinem Kiez. Mittags isst Max immer in einer Kantine. Im Supermarkt kauft er neben Milch und Müsli, für sein Frühstück am nächsten Tag, noch eine abgepackte vegetarische Wurst, die er mit dem Brot vom Vortag zum Abendbrot essen kann. Er wohnt alleine3 in einem beengten Appartement, das gerade genug Platz für standardisierte Möbel bietet. Zum aufwendigen Kochen hat er nach den Strapazen des Alltags weder Muße noch Kraft. Zu Hause angekommen schmiert Max etwas Butter auf das bereits hart werdende Brot vom Vortag, legt ein paar Scheiben Veggie-Wurst von der „Rügenwalder Mühle“ darauf und schaltet den Fernseher ein. Dort betrachtet er in den Werbepausen glücklich wirkende Menschen, die allesamt die gleiche Wurst essen wie er – die vegetarische von der „Rügenwalder Mühle“. Die Aussagekraft dieser Situation liegt in ihrer banalen Normalität.

Zunächst einmal lässt sich feststellen, dass die beiden Szenerien, Werbung und Realität, kontrastreicher kaum sein könnten. Hier glückliche Großfamilie im Freien, spielende Kinder, frische Lebensmittel, die aufwendig zubereitet wurden; dort sitzt der womöglich nicht ganz so glückliche Max alleine in seinem beengten Appartement, mit einer Wurst, die mindestens noch ein paar Monate haltbar ist und deren Zubereitung auf das Auspacken beschränkt ist. Die Werbung zeigt Max genau das Gegenteil von dem, was er objektiv bekommt.

Max ist dabei nicht alleine. Im doppelten Sinn. Er hat eine Familie im Schwarzwald und eine Freundin, die in einem beengten Appartement am anderen Ende der Stadt wohnt. Und all diese Menschen, ja überhaupt alle Menschen, die regelmäßig Kontakt zu Produkten der Kulturindustrie haben, verdrängen mit deren Hilfe. Fragt man sie, welche Prioritäten sie im Leben setzen, dann stehen an erster Stelle Gesundheit, eine glückliche Partnerschaft und Familie. Erfolg im Beruf steht in der Prioritätenliste dabei ganz weit unten (Statista 2017c). Trotzdem ist es für die Allgemeinheit selbstverständlich, wegen eines Jobs in eine für sie unbekannte Stadt zu ziehen. Weg von ihren Partnern, Verwandten und Freunden.

Max ist Montag bis Freitag neun Stunden auf einer Arbeit, die ihm selten Freude bereitet. Im Endeffekt verbringt er damit die meiste Zeit seines Lebens damit, zu tauschen. Zeit gegen Geld und Geld gegen Güter. Sein Bewusstsein ist am Tauschprinzip gebildet, verdinglicht. Deswegen bleibt ihm für Kunst und Kultur keine Zeit, höchstens ein Budget. Wenn sich die Menschen am Wochenende in die Oper schleppen, kommt mir die ganze Unternehmung wie eine Mischung aus Opferzeremonie und Schaulauf vor. Man opfert einen Teil seines vorher ertauschten Vermögens für Eintrittskarten und schöne Kleider und hofft als Gegenwert auf etwas soziale Anerkennung. Doch wahre Anerkennung ist eine soziale Kategorie, die sich auf wahre Beziehung stützt, welche wiederum erfahren; und nicht ertauscht werden kann. Um jemanden anzuerkennen, muss man diesen erst einmal kennenlernen; ein zeitintensiver Prozess, für den im Alltag immer weniger Zeit übrig bleibt. Der Bereich des Privaten wird „verschlungen von einer rätselhaften Geschäftigkeit, die alle Züge der kommerziellen trägt[,] ohne daß es eigentlich dabei etwas zu handeln gibt.“ (Adorno GS 4: 24).

Statt draußen joggen zu gehen, läuft Max auf einem Laufband im Fitnessstudio. Seinen Einkauf erledigt er nicht an der frischen Luft auf einem Wochenmarkt, sondern täglich in einem überdachten „Non-Stop-Supermarkt“.4 Statt zu seiner Arbeit zu spazieren, fährt Max U-Bahn. Bei all diesen Tätigkeiten ist er meist umgeben von ihm völlig fremden Menschen. Da ist es verständlich, dass Max ein Bedürfnis nach Natur, frischer Luft und sozialem Kontakt mit ihm bekannten Menschen entwickelt. Das weiß auch jede finanziell erfolgreiche Marketingagentur.

Im Endeffekt sitzt Max also alleine vor seinem Fernseher und isst eine Wurst, die ihm womöglich nicht einmal sonderlich schmeckt, obwohl er eigentlich viel lieber bei seiner Familie oder seiner Freundin wäre, ohne sich all dessen bewusst zu sein. Die Kulturindustrie liefert Max dabei nicht nur die Mittel zur Verdrängung seiner Bedürfnisse, sondern verhindert gleichzeitig, durch die Bereitstellung von „Scheinbefriedigungen“, dass er das allgemeine und das davon unablösbare, eigene Unglück erkennt. Der Wursthersteller hat dabei nicht einmal böse Gedanken. Er ist „nur“ am eigenen Umsatz und Selbsterhalt interessiert. Denn „es gehört zum Mechanismus der Herrschaft, die Erkenntnis des Leidens, das sie produziert, zu verbieten […]“ (vgl. Adorno GS 4: 70).

Wenn wir uns gemäß Adorno den besseren Zustand vorstellen als den, „in dem man ohne Angst verschieden sein kann“ (Adorno GS 4: 116), so könnte man zusammenfassend sagen, dass Max mit den Mitteln der Kulturindustrie neben seinen wahren Bedürfnissen und seinem Unbehagen auch seine Individualität verdrängt. Das Motto der Kulturindustrie, „Ähnlichkeit und Wiederholung“, äußert sich in all ihren Erscheinungsformen. Die „Rügenwalder Mühle“ hat über fünfzig Produkte im Sortiment. Der stereotype Kunde hat die Schein-Wahl zwischen Schinken-Spicker, Schinken-Spicker-Bio oder Veganer-Schinken-Spicker. Was nicht zur Option steht, ist ein fröhliches Familienfest im Freien. Wer dazugehören will, macht mit und bleibt damit außen vor.

Was nun passieren würde, wenn Max nun am Ende seines Abends die Wurst weglegt, den Fernseher ausschaltet und zum Telefonhörer greift, um seine Eltern anzurufen und sie zu fragen, ob er kommendes Wochenende ein Grillfest in ihrem Garten veranstalten darf, bleibt offen. „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“ (Adorno GS 4: 43).

1Die „Rügenwalder Mühle“ ist ein mittelständisches, niedersächsisches Unternehmen mit etwa 500 Mitarbeitern, welches im Jahr etwa 200 Millionen Euro erwirtschaftet (vgl. Wikipedia 2019).

2Der Name „Max“ ist absichtlich geschlechtsneutral gewählt. Ich möchte betonen, dass das Problem der Verdrängung sich durch alle gesellschaftlichen Schichten und Geschlechterrollen zieht.

3Ich habe den fiktiven Charakter Max für das Beispiel ausgewählt, da in den letzten Jahren in Deutschland sowohl die Verstädterungsquote (Statista 2017a) als auch die Zahl der Einpersonenhaushalte (Statista 2017b) steigt.

4Zur Eröffnung des ersten „Non-Stop-Supermarktes“ Berlins sagte eine begeisterte Kundin „Das ist Weltniveau!“ (Spiegel Online 2007).


Neulich schrieb ich ein Gedicht,
Doch es gefiel mir nicht.
Ich hörte auf
und setzte mich darauf
drauf.


Pfeffer in der Suppe

Linksseitig liegt mein butterzartes Gesicht in der moosig-
grünen Flüssigkeit der Pfütze. An der Kutscher-/Kutscherin-
nenhaltestelle gestrandet – am Vorabend, liege ich hier weiter.
Stehen geblieben, stecken geblieben, den roten Faden verlo-
ren, Wegweiser übersehen. Alte Butter, moosig-grün zerlaufen,
aber zart. Weltbürger, Passanten, Objekte, Subjekte, mündig,
unmündig passieren, passieren mich, es passiert nichts. Wa-
cker, gewagt, wackelig nähert sich eine Propellerkappe mit
dicken, Windpocken befleckten Bäckchen. Langer, großer, ge-
waltiger, regenbogenfarbener Lolly eines kleinen Jungen ge-
fangen im Blaumann für Kinder. Alles schon mal da gewesen.
Den mit Speichel überzogenen Lolly drückt er mir ins Auge,
denkt wohl, dass das nicht weh tun kann. Es pikst, es drückt,
es schmerzt, es klebt. Der Junge entfernt sich wieder, denkt
sich wohl nichts dabei, denkt wohl nichts. Wenn es einfach
nicht geregnet hätte, ich wäre nicht rausgegangen, ich ha-
be da meinen neuen Mantel, grün mit vielen Knöpfen, ich
wollte ihn quasi ausprobieren, da war ich erstmal draußen,
da blieb ich draußen und fand mich wieder mit mir allei-
ne, draußen, schon erstmal ein komisches Gefühl, und dann
noch der Wind, der Wind, und trotzdem blieb ich draußen,
wenn es einfach nicht geregnet hätte, dann wäre ich nicht
nach draußen und auch nicht alleine. Es regnete und regne-
te und dann durch die Nacht, dunkel war es, nass, und wo-
hin? Zurück? Ich wollte doch den Mantel ausprobieren mit
den vielen Knöpfen und dem hohen Stehkragen. Es regnete
und regnete und ich rannte und rannte, dann, hetzte um die
Kurve, fiel hin, das Knie offen und war glücklich. Das war am
Haltestellenschild für Kutscher und Kutscherinnen, da lag ich
dann, mir tat alles weh, aber als ich aufstand, da war ich ein-
fach glücklich, glücklich, dass mein Kopf liegen blieb, in der
Pfütze lag und liegen blieb. Und oben aus dem Fenster schrie
noch so ein Junge mit Propellerhelm „Gnädiger Herr, leben
Sie noch?“, ich ging einfach weiter und weiter und spazierte.


Stadtreise

Die Müdigkeit in meinen Knochen
Der Alltag zieht
Unermüdlich seine Kreise
Sonnenaufgang
Die Stadt, ein
Fraktal meiner Fantasie
Finde dein Glück
Oder geh unter
In dieser herrlich
Chaotisch trivialen Welt


Super Smash
Bros

— Lesebühne, die Erste —

In einem Innenhof sitzend, trank ich unverschämt gutes z-z-Zisch Edelpils von Lammsbräu aus der Flasche, als plötzlich ein Mikrofon schallte. An meinem Tisch saßen drei weitere Personen. Jeschusch Maria, ich war in eine Lesung geraten. Café Grundlos Süchtig, die Hackfressen und vergammeltes Panini Mozarella. „Warum hast Du einen Notizblock dabei? Das ist ja so lächerlich“, sagte Jordana, die vierte Person am Tisch. Ach Jordana, ich liebe Dich, und sie war kaum real. „Würzburg zu Stühlen, Tischen, Tanzflächen“, murmelte ich verlegen vor mich. Vorneweg die Absage an Oberflächen, Sexismen wie Seriösität.

Vorneweg moderierte ein Tetris-Baustein; „Lesung Super Smash Bros … ich nehme an Sie haben genug von mir. Die erste Lesende, Frau Wolf.“

Notizblockeintrag eins:
Kurzgeschichte über eine Allerweltsfrau
Malträtierung des Verstandes – nötige Tortur durch
das Gewöhnliche?
Waluigi mit Power Rangers-Motorradstiefeln

Frau Wolf las: „Sie fragte sich, warum sie immer an die Falschen geriet, die Verrückten, die Psychopathen. Er griff sie heftig an den Haaren und schlug ihr ins Gesicht: ‚Warum muss ich immer an die Falschen geraten?!‘, schrie er.“

Jemand … geschlagen? Ich war abgeschweift, kaute mein Panini. „Jordana, Du bist kaum real“, sagte ich. Die Bröckchen wollten hinaus, doch ich hielt sie.

„Der Notizblock. Ist lächerlich. Oliver, pack ihn weg.“

Sah sie die grauen Winde und den Schimmel an den Wänden? Präsentisch grub sich der Tetris-Baustein ins Zentrum. „Vom Autorenkreis delegierter, Andi, spendierter, uns einen Text …“ Applaus. Ich war stark dafür, nur im Beginn zu klatschen, da es im Verlaufen meistens mies wurde. Er, zweiter Lesender, ein Andi vom Autorenkreis, moderierte meditierte sein geschriebenes Bisschen: „‚Ein Tag im Sommer, es war heiß‘ als Motto dieser Lesung, also habe ich euch etwas mitgebracht, eine – Sommerlyrik. Gestern Abend setzte ich mich ans Mainufer, an die Promenade und beobachtete das Treiben, das Geschehen.“

Notizblockeintrag zwei:
Prätentiöser, aufgesetzter am-Ufer-Sitzer am Vorabend
Lyrik über totes, würzburgerisches Sommergeflecht
Wie lang saß der wohl am Ufer?

Denn er las von rasierten Beinen; von Enten, Pärchen, Paaren mit paar Entenfüßen, Vögeln, der Festung, dem flimmernden Wasser, Pfandsammlern, Fahrradschiebenden, von coolen Typen und lauter Musik, dem Blick auf die alte Mainbrücke, Schoppentrinkenden. Nach dem Weichlesen meines Verstandes wohlwollender gestimmt, sagte ich mir: vielleicht saß er nicht ganz umsonst an der Uferpromenade. Könnte doch sein, dass er eine Anzeige bekam, weil er den rasierten Beinen derart nachstellte, final in eine einstweilige Verfügung mündend. Oder womöglich fand er Pizzareste in vakanten, angedrückten Kartons? Memo an mich selbst: sollte ihm nachstellen.

„Hast Du Dein Gesicht gerade gesehen? So konzentriert. Dabei malst Du gerade wahrscheinlich Kartoffelbilder in Deinen kleinen Block.“ Sie dachte, sie wüsste es genau. Außerdem schreckte ich auf. Ihrer Stimme wegen, manchmal so unvermittelt. „Jordana, ich hab nur, ich … sei still, der nächste Beitrag kommt.“

„Der interessiert mich einen feuchten Kehricht, wie sind wir überhaupt Opfer dieses Ödanschlags geworden? Sei mal ehrlich …“ Sie redete weiter, doch ich richtete meinen Fokus auf den nächsten Lesebeitrag.

Notizblockeintrag drei:
Entropie

Weiblich gelesen, eine junge Frau, Entropie, das war ihr Leitmotiv. Es machte mich wahnsinnig, da es sich hierbei um ein Wort handelte, welches mir nicht geläufig war. Oft schlug ich Wörter im Wörterbuch nach, erst heute, vor dem Betreten des Café-Innenhofes. Mein Wort des Tages war „abominabel“, was so viel heißt wie „höchst abscheulich“. Fremd war es mir nicht gewesen – vor einiger Zeit hatte ich damit meine Mitspieler*innen beim Tabu in eine Verzweiflung gebracht, welche schnell unverständiger Wut gewichen war. Entropie. Die Leser:in wob eine Schulgeschichte darum, physikalisch eingefärbt. Entropie, sie strengte mich an, ich dachte nur daran.

„Jordana“, blickte ich vom Block auf, „weißt Du was …“

Sie war nicht mehr da, nur ein Zettel:

Frag mich innigst, wann Du es geschnallt hast.
Münzen liegen auf dem Tisch.
J.

Das war eine Zäsur. Einmal hatte sie eine Kinovorstellung verfrüht verlassen, war aufgestanden, ich ihr nachgegangen. Das ging an meine Grenzen. Nun spaltete sich die Lesung in prä- und post-jordanasches Türmen. Memo an mich selbst: ich sollte zwei Teile aus meiner Kritik machen.

— Lesebühne, die Zweite —

Das ging an meine Grenzen. In meinem Leben erstmalig erdacht, striff mich der Türmende. Gehen? Bleiben? Ödanschlag? In Erquickung war ich bislang nicht vergangen und selbst die Kruste aus voreiligen Schlüssen und Urteilen war kaum angekratzt. Da gab es einen, einen einzigen, den ich hören wollte, dessen Beitrag ich für unabdinglich hielt. Ich nippte an meinem z-z-Zisch Edelpils; die vierte Lesende sprach mit einem einschlägigen „r“, hoch wie eine Wand.

Notizblockeintrag vier:
Ein Roman über Kindheitserinnerungen
„kliRRend kalt“
„PetRoleumlampe“
„nukleaRRR“
Siebenbürgen Sachsen

Wenn man nicht unmittelbar, im nahesten Radius, vor der lesenden Person saß oder stand oder auf Knien betete, vernahm man kaum ein deutliches Wort. Gäste im Innenhof unterhielten sich tumultartig, in Ausbrüchen, Besteck klirrte, von oben wehte zu und ab die Anwesenheit einer unweit entfernten Einkaufsstraße. Im Café selbst hatten sie die Musikanlage auf „Übertönen wir diese Kacklesung, die wir uns selbst in den Innenhof geholt haben“-Lautstärke gewummt. Es hallte von den Wänden. Erster Auftritt des heroischen, geheimnisvollen Waluigi mit Power Rangers-Motorradstiefeln. „Go, go Power Rangers!“ … jedenfalls bat er im Café um die Drosselung der Lautstärke, bestimmt unter Androhung, andernfalls den Insta-Kellner zu erdrosseln – er war so stark …

Und er las, ohne Amplifizierung der Stimme, nur Stimme, und sie trug. Merklich leise wurde es an den sonst quäkenden Tischen. Er hatte Wörter für mich.

Notizblockeintrag fünf:
Farbgebung
dickschraubige Bauchgläser
herzig

Es war relativ unbeschreiblich, mal wieder; er war ein gemachter Autor, und seine Kurzgeschichte handelte von einem Jugendlichen in einem südfranzösischen Traum von einer Crêpes-Verkäuferin. Power Rangers-Motorradstiefel sparte auch die deutschen Vokuhilas der Achtziger nicht aus, als Touri auftretend, auf hackdeutsch einen Crêpes mit Apfelmus bestellend. „Oan Krepps, mit Apfelmus, biddschönn!“. Dem protagonistischen Jugendlichen rutschte das Herz in die Hose, obschon ein zerfließendes, nutellernes Herz auf einer Teigscheibe das Ende herausbildete, gemeinsam ein ergriffenes Publikum zurücklassend. Der Tetris-Baustein moderierte ab, die Lesung verging im Taubenschlag, grauem Wind und Schimmel. Gereizte Lungenflügel.

Café Grundlos Süchtig, z-z-Zisch …
„Würzburg zu Stühlen, Tischen, Tanzflächen“, die Erste.
Euer Oliver Tante


Todesanzeige

Uwe Setzer ist zunächst als einer der ganz gewöhnlichen
Menschen zu beschreiben. Ein Mann, nicht allzu groß, nicht
allzu schwer, mit einem Platz mitten in jener Gesellschaft, zu
der er sich zugehörig gefühlt haben muss. Setzer hinterlässt
eine Frau, Agathe Setzer, und ein Kind aus vergangener Lieb-
schaft, Lothar Springer, sowie eine Reihe an guten Freunden
und Bekannten – die nicht alle einzeln in kleinster Detail-
arbeit zu nennen sind, um den Leser nicht gar zu früh zu ver-
schrecken – des Weiteren ein Haus in der Schielstraße, einen
zitrusgelben Nymphensittich, genannt Koko nach der Kokos-
nussfrucht, einen grauen Opel Corsa Baujahr zweitausend-
undsieben sowie eine Reihe feinster Pfeffergewürzmühlen aus
dem Süden Afrikas, auf die er zu Lebzeiten besonders stolz
gewesen sein muss. Mit Setzers Ableben verliert die Firma
Holz und Dübel Norddeutscher Bauunternehmerbund einen
treuen, aufrichtigen und über alle Maße hinaus verantwor-
tungsvollen Mitarbeiter und Freund, dessen grausamen Todes
klaffende Lücke so schnell nicht zu schließen sein wird.


Tränenwege

Den Fuß in der Luft,
den Kopf frei.
Hinter geschlossenen Augen kann ich es sehen.
Stille umfängt mich.
Ich bin bereit.
Und dann eine Stimme:
noch nicht.

Der Fuß in der Luft,
immer noch, schwankend jetzt und zittrig,
noch nicht?

Unten die Menschen,
laut und fröhlich.
Die Gleichgültigkeit der Glücklichen
steigt zu mir auf.

Mein Fuß in der Luft,
er wird schwer.
All meine kleinen Worte,
sie verhallen ungehört.
Oder nicht?

Feuchte Augen,
Zeugen meiner Traurigkeit.
Schatten der Vergangenheit
verdunkeln das Licht der Zukunft.
Sag mir, warum nicht?

Deine Kraft und Energie,
gebunden im Damals und Dort,
in Zeiten und Orten, die es noch gar nicht gibt.
Nicht, was du willst,
was besser für dich ist, wird geschehen

Mein Fuß – in der Luft
ist er nicht mehr.
Er steht, ich stehe,
die Augen geöffnet.
Manchmal flüstert das Glück ganz leise: Du bist dran


Von der
Schwierigkeit
in der Gegenwart zu leben

Sven und Svenja haben sich in der 2. Studienhälfte kennengelernt und prompt ineinander verliebt. Sven konnte sogar in der Prüfungszeit sehr lustig sein, obwohl er Jura studierte. Nun waren sie schon über ein Jahr verheiratet und hatten einen dreijährigen Sohn namens Smud. Es war eine Woche vor Weihnachten, ein Freitag. Sven arbeitete letzter Zeit spät. Svenja ging nochmal die TO-DO-Liste durch. Das Restaurant für die Tango Weihnachstfeier reservieren, den Kaffee mit Natascha absagen, Sven ans Geschirr spülen erinnern und einkaufen.

„Alexa, Einkaufsliste vom letzten Freitag vorlesen – Einkaufsliste vom letzten Freitag: Brot, Marmelade, Tomaten … Alexa STOP, Paprika hinzufügen – das Festnetztelefon klingelt, oh das ist Mutter, dabei haben wir erst vorgestern miteinander gesprochen:

Ja Mom, ich weiß, dass du Smud einen Hosenanzug schenken willst … diesen Samstag geht nicht, da ist die Weihnachtsfeier des Tango Clubs und ich soll sie mit organisieren … wir können uns mal unter der Woche vor Weihnachten treffen … Whats App von Natascha eingetroffen … Mutter, ich kann mit dir die Farbe den Samstag nicht auswählen, da treffe ich mich mit Natascha. Aber ich melde mich vor Weihnachten. Whats App von Natascha vorlesen: Kann nicht zur Tangofeier kommen, da Tochter erkrankt ist. Freu mich aber auf den Kaffee morgen. Alexa, Sven anrufen: Ja was gibt es denn Schatz, Natascha kann nicht zur Tangofeier, gehst du mit mir mit. Aber nur, wenn ich nicht der Partylöwe sein soll. Du musst einfach ordentlich angezogen sein und lächeln. Das bekommt der studierte Anwalt sicher hin.
– Na gut einverstanden … ich bin aber nicht sicher, ob ich heute schon um 8 Uhr daheim bin.
– Und was ist mit dem Geschirr Sven?
– Deshalb warne ich dich ja vor.
— Ich muss heute noch einkaufen gehen.
— Ich schau was sich machen lässt.
Also gut, Alexa neue Einkaufsliste auf Smartphone speichern. Nun kurz Natascha anrufen und Kaffee absagen. Alexa, Natascha … Festnetztelefon klingelt: Was heißt Maritimblau oder violett, Mutter – wir gehen unter der Woche zusammen zur Galeria. Was heißt hier ich habe nie Zeit, letzten Mittwoch haben wir doch zusammen gegessen. Ich muss heute noch einkaufen Mutter.

Alexa, Natascha Hosenanzug anrufen … Natascha Hosenanzug nicht in ihrer Kontaktliste. Mist Alexa, Natascha anrufen: Natascha hör zu meine Mutter ist zur Zeit sehr anstrengend, lasse uns nach Weihnachten auf ein Kaffee treffen. Wünsche deiner Tochter gute Besserung. Ich weiß, dass du dich darauf gefreut hast, aber es klappt die Woche nicht.

Smud stolpert aus dem Kinderzimmer ins Wohnzimmer. „Smud, leg dich noch hin Schatz – Mama muss noch einkaufen“ Alexa, Klassik für Kinder abspielen.
— Mama Alexa ….
— Ach nein Schatz, Alexa ist unser Computer, ich bin deine Mama. Nun muss ich aber fahren.

Svenja verlässt die Wohnung und nimmt alles, mit was sie zum Einkaufen braucht. Bei einer Ampel die auf Rot geschalten ist: „Ach ja, das Restaurant wegen Tango. Restaurant Formidable anrufen: Ja hallo, hier ist Fr. Smudsen, ich hätte gerne eine Reservierung für 8 Personen für den Tango Club Würzburg für den Samstag. Ob auch Kinder dabei sind. Nein, da tanzen nur Erwachsene … ich meine werden essen.“

Im Supermarkt: Ich habe fast alles bekommen. Ich weiß nicht, wo sie hier Wildschwein haben. Ich frage einfach an der Kasse. Handy klingelt: Was Mutter, die haben kein Maritimblau in der Galeria. Das wollten wir doch kommende Woche machen. Ahh, da ist eine Mitarbeiterin: Sagen sie, wo haben sie Wild-BLAU … ich meinte natürlich Wildsau.

Zurück zu Hause bei Svenja: Nun kann ich etwas entspannen und mir evtl. Galileo anschauen. Natascha habe ich abgesagt, dann wird das Wochenende nicht so stressig. Whats App von Sven angekommen – Whats App von Sven vorlesen: Gehe mit den Jungs von der Kanzlei noch Billard spielen. P.S. Habe schon am Mittwoch Geschirr gespült. Na toll! Alexa, spül das Geschirr – spül das Geschirr nicht in ihrer Kontaktliste.


Zu der Jugend

Ein Epilariat in 294 Silben
von Karl Ziegler
Würzburg, d. 05. Feb 19

Aufgestanden am Morgen nach der Nacht
ohne Sorgen hilft uns Aspirin stehen
bringt aber keinen Frieden keine Kraft
zur aufrechten Liebe, höherem Streben und
tieferen Gedanken:
Wer stellt die unbequemen Fragen?
Gedenkt der Toten?
Prüft ehrlich sein Gewissen?
So ein einfaches Leben, fürwahr …
denn die uns raten, uns auch mal zu besinnen
werden wir nur verlachen.
Ja! Wir im Lauf der Zeiten, in vier Dimensionen
so frei in ihren Weiten …
Macht sprachlos, schwer zu fassen.
Darum hetzen und jagen wir
wollen uns nur halten doch sind verdammt,
verlieren.
Zum Schein durch unser Können angekommen
genießen wir arroganter denn je den Luxus.
Doch der Zeiten Griff wird auch uns nicht schonen,
Höhenflüge nach Jahren schließlich zum
Absturz bringen.

Doch auch in diesen Sphären
aus Suff, Illusionen, naiven Träumen, Lügen und Bequemlichkeit
werden wahre Wunder geboren:
Momente voll aufrechten Gefühlen und lebhaften Debatten,
voll Erleben und ewige Treue.
Wenn wir zwischen tristen Nächten und leeren Tagen
diesen Werten die Ehre halten
werden die Stürme brechen,
uns auf ewig
Hoch tragen.

Gewidmet denen, deren Gesell- und Freundschaft
mich zu diesem Text in tiefer Nacht inspirierte.
Gewidmet dem geistigen Schöpfer des Epilariats, J.S.
SDG


Nachwort #3

Zäsur! Schnitt und Stop! Die große Würzburger Literaturzeitschrift stellt sich neu auf, einschneidende und evolutionäre personelle Veränderungen an der Basis und in der Spitze. Ist Marco Bötsch als verantwortlicher Herausgeber*in und Redakteur*in im Sinne des BayPrG überhaupt noch tragbar? Wann erfolgt die vollständige Wachablösung und welchen Einfluss haben diese Veränderungen auf das Konzept und die Programmatik der Zeitschrift? Und was ist mit David Blatterspiel?

Fragen die beantwortet werden möchten, nicht zuletzt auf Grund des relativ mächtigen öffentlichen Drucks. Ein Versuch, ein Auszug aus einem Gespräch mit Florian Bötsch, dem Lichtbringer (All hail, Florian! Hail to you, thane of KLW! All hail, Florian, the future king).

„Nichts läge mir ferner als meinen Kollegen*innen in den Rücken zu fallen, gar die Frage nach der Existenzberechtigung der Zeitschrift zum status quo zu stellen oder einzustampfen, einzudampfen zu dekonstruieren und brachliegende Felder zu hinterlassen. Allerdings, also wenn man mich fragt, stinkt der Fisch vom Kopf her. Dreht man nun aber den Fisch um, so ist der Kopf unten. Sie verstehen?“
— Florian Bötsch, auferstanden vom Arbeitskreis Öffentlichkeitsarbeit, aufgefahren in die Position des Co-Herausgebers*in im Sinne des BayPrG.

Nebenkriegsschauplätze sind zu schließen genauso wie eine ordentliche Ausgabe: Wir laden hiermit herzlich dazu ein, Teil der Evolution, des Kollektivs und/oder stetiger kritischer Begleiter*in unseres Projekts „Würzburg – zur fränkischen Literaturmetropole“ zu sein, zu werden. Wir danken für Geduld, innere Reibung während der Zerreißproben und schlicht, für Aufmerksamkeit und Gelesensein.

Wir danken den Autor*innen. Auf eine Ausgabe #4, empfehlen Sie uns, wir sind nicht Untergrund! KLW, in Glanz und Glorie, stellvertretend für das Kollektiv, Flo