Aufbruch zum Friedwald

Die Literaturzeitschrift der jungen Leute hat Mitte 2025 als Parole für das nächste Heft »Aufbruch« ausgerufen. Was soll ich sehr alter Mensch damit anfangen? Doch mir kommt eine Idee, und die steht in der Überschrift.

Der Baum im Wald

2014, kaum in Würzburg wieder angekommen, pflanzen wir einen Baum im Friedwald in Iphofen. Der friedvolle Wald liegt auf dem Schwanberg, innerhalb eines Keltenwalls, der sicher nicht aus keltischer Zeit stammt. Aber sie waren dort, wie fast auf jedem besseren Hügel in Mitteleuropa und handelten mit Eisenwaren. Da sie nicht schreiben konnten oder wollten, hatten sie meist eine schlechte Presse (z.B. bei Julius Caesar). Zum Baum kommt ein Schild, bei Bedarf mit selbst gewähltem Spruch. Um unseren Beruf u.a. als Deutschlehrer kenntlich zu machen, wählen wir diesen:

Sicher ist nur das zweite Futur:
ich werde gewesen sein,
wir werden gewesen sein.

So isses!

Notizzettel

Ab und zu besuchen wir unser Bäumchen, um ihm beim Wachsen zuzusehen. Erfahrungsgesättigt ist folgender Notizzettel:

Schwanberg:
Regenschirm
Autan
Fernglas
Unterfrankenkarte
Makroobjektiv
Gaststätte eher für Kuchen (Kartoffelsalat ist Konfektion)
Gartenschere
Friedwaldbaumkarte

Also beruhigend, noch sind wir sehr irdisch unterwegs!

Die Sammlung

Ein heimlicher Beobachter sieht den greisen Kardinal Mazarin ein letztes Mal durch seine Sammlung schreiten, und der führt ein Selbstgespräch: »Il faut quitter tout celà.« Er hielt nach jedem Schritt inne, denn er war sehr schwach, und wandte sich erst zur einen Seite, dann zur anderen, sah an, was immer sein Auge traf, und sagte aus der Tiefe seines Herzens: »Ich muss all dies verlassen.« Und dann, sich umdrehend, sagte er: »Auch dies. Was für Beschwerlichkeiten ich auf mich genommen habe, um all diese Dinge zu erwerben! Kann ich sie ohne Bedauern hinter mir lassen? Da, wo ich hingehe, werde ich sie nie wiedersehen.«

Mazarin als Sammler hatte insofern Glück, weil seine Kollektion zur Keimzelle des Louvre wurde.

Nun war ich auch als Jäger und Sammler unterwegs, das steckt als DNA wohl noch in vielen von uns. Seit 1970 sammelte ich alte LEICAs nach einem sehr spezifischen Programm, das hier nicht interessiert. Die Nachfahren schert das, trotz mancherlei Versuche, natürlich nicht die Bohne. Warum sollte es mir auch besser gehen als meinem lieben Herrn Papa, der mit Teppichen, religiösem Kitsch und Thüringer Porzellan gleich dreimal falsch lag? Herzlos habe ich, schon weil in unserer kleinen Wohnung kein Platz war, (fast) all das irgendwie verscherbelt und verschenkt. Meiner Sammlung soll das nicht widerfahren, es gibt ein detailliertes Inventarverzeichnis mit lockenden $$$-Zeichen – hoffentlich lesen sie es!

Andere Hinterlassenschaften

Das mächtige Familienerbstück interessiert da schon mehr: Ein sehr schönes expressionistisches Gemälde, das auf wirren Wegen bei uns gelandet ist: ein Großonkel hat dem damalsnoch nicht so geschätzten Maler hin und wieder ein Paket Zigarren vorbeigebracht und dann aus Dankbarkeit Bilder bekommen – sie hingen bei ihm neben der Ehrenurkunde des Geflügelzüchtervereins! DAS BILD geriet per Tausch zum Großvater, wurde dann durchaus als wertvoll erkannt, und als schließlich auch die Großmutter gestorben war (die dritte Leiche, die ich als Zehnjähriger gesehen habe, damals war man noch nicht so zimperlich), musste meine Mama das Erbe unter den fünf Geschwistern aufteilen. Da sie Spielerin war, wurden fünf Lose verteilt: Das BILD, die Möbel, das Zinn (damals noch was wert), das Porzellan und der Rest. Die blinde Großtante würfelte: zunächst eine 6, also nutzlos, dann eine 3 – und da meine Mama das dritte Kind war, konnte sie das BILD aussuchen. Unkompliziert bin ich Einzelkind daran gekommen und sehe es jeden Morgen nach dem Aufwachen – so hängt es. Und wer soll es erben? Sie werden wohl würfeln müssen.

Die Nachkommen

Zwei Söhne. Wir führten einen fernsehfreien Haushalt, dafür spielte ich samstags Kasperltheater. In der Schule haben sie schnell gelernt, dass man über Fernsehserien sprechen konnte ohne sie zu kennen. Beide sind Leseratten geworden. Wenn sie mit nur halbwegs guten Zeugnissen heimkamen, habe ich als ehedem sehr schlechter Schüler fein die Klappe gehalten. Beide sind geraten, ein großes Glück, wenn wir links und rechts zur Seite blickten. Beide verheiratet, einer mit zwei Enkeln. Ein guter Opa bin ich allemal, in der Coronazeit habe ich viele Geschichten für sie erfunden, und das Kasperltheater funktionierte immer noch.

Glaube, Liebe, Öffnung

(das ist von Ernst Jandl aus männlicher Sicht, aber in Erinnerung an mein Heranwachsen doch sehr viel überzeugender als die christliche Variante.)

Katharina hat eine Domführung entdeckt: in den Hochchor, ist doch interessant. Wir gehen hin, und schnell stellt sich heraus: sie hat Empore erwartet, und wir haben Hochchorbekommen, vorn beim Altar. Die Dame, die uns führt, war Pastoralreferentin, ist sehr ansehnlich angezogen, sehr zugewandt und sehr fromm. Sie fragt uns, ob wir einheimisch oder auswärtig sind – Katharina sagt in einer Trotzreaktion: auswärts, und ich ergänze: aus Bremerhaven. Ob wir uns abseilen sollen? – aber schließlich haben wir 16 € bezahlt, und der Tisch in der BABETT ist erst ab 19.30 bestellt.

Also: auf los gehts los!

Auf mich wirkt alles unecht und hanebüchen – wie nämlich der Hochchor modern in Anlehnung an die Bibel gestaltet wurde. Allein der doppelt falsche Superlativ »Allerheiligste Dreifaltigkeit« lässt mich erschauern – entweder ist etwas heilig oder eben nicht, der Super-Superlativ wirkt albern, wie auch all die andern biblisch- kirchlichen Konstrukte und ihre weiß-goldene Umsetzung in halbabstrakte Formensprache. Und die Stories – dass die Apokalypse des Johannes eine Geheimschrift gegen das Römische Reich gewesen sei, das ja nun mit Gottes Hilfe auch zusammenbrach – ob es den Christen in der Völkerwanderungszeit, als zwei Drittel der Bevölkerung Mitteleuropas verreckte – wohl besser ging? Hat da der liebe Gott nicht richtig aufgepasst? Oder um gleich im Hause zu bleiben: Da steht ohne jede Erklärung das imposante barocke Grabmal des Bischofs von Ehrenberg, des übelsten Schlächters auf dem Kiliansthron, der hunderte von Menschen jeglichen Geschlechts und Alters als Hexen/Hexer foltern und verbrennen ließ (und ihr Vermögen beschlagnahmte). Nee Rolfi, die brauche ich auch in meinem letzten Stündlein nicht!

Die Liebste

18.12.1970, Weinstube Buhl in Würzburg
»Ich mag dich!«
»Glaub ich nicht!«
Trotzdem währt es immer noch.

Wege ins Licht

Wie die atheistische Himmelfahrt aussehen könnte? Eine Idee sind die Lichtröhren, die bei Hieronymus Bosch gelegentlich auftauchen, auf seinen wenigen optimistischen Altarflügeln (z.B. in der Academia in Venedig). Da geht es schräg nach oben, von Engeln geleitet, durch Röhren ins Helle. Mag sein. Wahrscheinlicher ist das Entschwinden ins Nirgendwo, und mit diesem Gedanken kann man sich angesichts der Zipperlein (und der Zipper), die beim Älterwerden aufkreuzen, ja auch anfreunden.