Sie hatte heftig geklingelt, die Augenbrauen zusammengezogen, Ringelsocken in braunen Schlappen, das Gesicht wie eine Spitzmaus.

»Sie spielen das ganz falsch!«

Höchstens eins fünfzig war sie groß, Demir hatte sie sich größer vorgestellt, weil sie im Treppenhaus so stampfte. Die Stimme, die kannte er, die hörte er ständig, diese kindlich wütende Stimme, gehetzte Stimme, ohne Pause, am Telefon mit wer weiß wem, ging immer einer dran, und hörte sich ihre Beschwerden an, über die Männer, die sie mitbrachte, und die sich im Treppenhaus zuvorkommend leise verhielten. Demir hörte auch zu, zwangsweise, dem trotzig vorgetragenen Unglück, durch die Wände, durch die Decke. Und das Vorspiel dieses Unglücks, das Stöhnen, das Gezeter, geknallte Türen, das Stampfen, Einschlag der Wohnungstür, hastiger Abgang über die Treppe, schnaufend, dann unten die Haustür, und weg. Von oben ein Aufheulen, schleppende Schritte ins Schlafzimmer, Stille, dann ein Telefonat, oder zwei, oder drei.

Sie sah ihn an, angriffslustig, direkt ins Gesicht, musterte nicht den Körper, den unförmigen, den überquellenden. Sah ihm direkt in die Augen, ließ die Augen nicht los, schaute nicht den Stoppelbart, nicht die gelben Zähne, Schwarzteezähne, nicht die fettigen Haarsträhnen.

»Hören Sie nicht? Sie spielen das ganz falsch, und immer das Gleiche, können Sie denn nichts Anderes spielen?«

Demir zuckte zusammen. Sie hörte ihn. Dass sie ihn auch hörte, daran hatte er nicht gedacht. Was hörte sie wohl? Keine Telefonate, kein Gezeter, Stöhnen, Schluchzen. Keine Schritte runter in den Waschkeller, die Maschine hatte er in die Küche gebaut. Was hörte sie also? Das Klingeln des Lieferfahrers, die Toilettenspülung, das Brummen der Waschmaschine, und dieses blöde Klavier. Das Klavier, das seine Schwester in der Wohnung gelassen hatte, und er hatte sich nicht getraut, etwas zu sagen. Wie damals mit dem Wirsing, auf dem Marktplatz, Stückpreis ein Euro neunundsiebzig. Demir hatte sich einen großen, fleischigen Kopf ausgesucht und die Verkäuferin hatte ihn entgegengenommen, zum Einpacken, hatte er gedacht, aber sie wog ihn. Und, als sei das ganz normal, hatte diese Verkäuferin mit der gelangweilten Mine und der genervten Stimme einer Verkäuferin gesagt »Acht Euro Zweiundvierzig, bitte«. Demir hatte die Verkäuferin angeschaut, die Zahl auf der Kasse, die Kohlköpfe in ihren Körben, und das Schild, auf dem er, in kleinen roten Lettern, dann endlich gelesen hatte pro Kilo. Preis in Schriftgröße zwanzig, wichtiger Hinweis in Schriftgröße neun. Demir hatte sich umgeschaut, hatte schon während des Wiegevorgangs die Ungeduld der anderen Käufer im Nacken, lächelte dann so ein halbes Demirlächeln, kramte in seinem Portemonnaie, und kaufte den Kohlkopf, als sei es das Normalste der Welt, einen Kohlkopf für Acht Euro Zweiundvierzig zu kaufen. Und so war das mit dem Klavier auch gewesen.

Vor drei Tagen, da hatte er das Klavier angesehen, das Klavier, mit dem staubigen Deckel und dem Hocker mit dem aufgeplatzten Lederimitat, auf dem die Schwestern immer gesessen hatten, und da hatte er sich davorgesetzt und den Deckel angehoben und über sich selbst gestaunt. Er hatte das eine Stück gespielt, das von damals, aus dem Musikunterricht, den er so gemocht hatte, denn die Lehrerin war eine nette gewesen und weil sie so nett gewesen war, hatten die Anderen sich in dieser Stunde nicht getraut, ihn zu ärgern. Hatten ihm keine Zettelchen zugesteckt, von angeblichen Geliebten, hatten nicht angestimmt zum Stinkemir, Hinkemir, hatten die Gesichter nicht weggedreht, nicht gekichert, wenn er etwas gesagt hatte. Es war sein Fuß gewesen, der Fuß in dem klobigen Schuh, dem hässlichen, maronenbraunen vom Orthopäden, weil die Eltern sich kein anderes Modell hatten leisten können. Und es war der Knoblauchgeruch, der ständige Knoblauchgeruch von Mantı und Cacık, das Demir eigentlich mochte, und außerdem hatte die Mutter behauptet, der Knoblauch sei gesund. In der fünften Klasse Realschule war der Knoblauch nicht gesund gewesen.

Sie musterte ihn jetzt doch, die Frau von oben links, sah das Fleisch über dem Hosenbund, die fleckigen Hausschuhe, zu groß, für den Klumpfuß, sah nicht das entzündete Zahnfleisch, über das er rasch die Lippen schob, sah die haarigen Hände nutzlos an den Seiten baumeln. Keine Mine verzog sie, sah bloß wieder zu den Augen hoch, die Augen waren in Ordnung, hellbraun und hinter hübsch gebogenen Wimpern, ela, haselnussfarben, hatte die Mutter gesagt, und gelächelt, wenn das Licht hineinfiel.

»Ich kann mir das nicht mehr anhören, seit drei Tagen die gleiche Melodie, und dann ganz abgehackt, und ohne Gefühl! Das ertrag ich nicht. Warten Sie, ich zeigs Ihnen«, schob sie sich rein, an ihm vorbei, ins Wohnzimmer, als sei es ihre Wohnung.

Müllsäcke auf dem Balkon, dachte Demir. Sich nicht getraut, die rauszubringen, je mehr es wurden, desto schlimmer, muss es nachts machen, heimlich. Keine Bilder von der Familie, dachte er, von Freunden, von irgendwelchen Menschen eben. Fleckendecke auf dem Sofa, dachte er, Klopapier und Gläser auf dem Couchtisch, Pizzakartontürme, blöder senfgelber, klobürstenresistenter Strich in der Kloschüssel, dunkle Haare auf den fettigen Fliesen. Er drehte sich um, sah, wie zum ersten Mal, wie dreckig der Flur, wie alt der graue Teppichboden, blickte Richtung Wohnzimmer, traute sich nicht hinterher. Da hörte er das F, die Noten hatte er sich noch einmal anlernen müssen. Und dann spielte die Frau von oben links, spielte Bruder Jakob, und scherte sich nicht um den Schmutz.

»Kommen Sie jetzt, oder was?«, unterbrach sie ihr Spiel.

Demir setzte sich in Bewegung, machtlos gegen diese Dreistigkeit, gespannt vor einen Karren namens Scham.

»Nehmen Sie sich einen Stuhl«, sagte sie, spielte weiter, drehte nicht den stoppelkurzen blonden Kopf nach ihm.

Folgsam griff er einen Stuhl vom Esstisch, Kernbuche furniert, fünf Kinder und die Eltern hatten daran sitzen können, und der Vater hatte sich immer zuerst genommen. Und dann brachte sie es ihm bei, schnippisch, aber emsig, nahm seine Hände, legte die richtig auf die Tasten, summte zur Melodie, und Demir ließ es geschehen, und Demir spielte und spielte, spielte Bruder Jakob, und hörte die Glocken.

»Das reicht für heute«, stand sie auf, zog den Vorhang ein Stück auf, sah aus dem Fenster, auf die Kirche, auf den großen Baum, drehte sich wieder um, und ging zur Tür.

Demir schloss den Deckel, obwohl er nicht aufhören wollte, schloss den Deckel leise und lief ihr hinterher.

»Hören Sie, ich muss Ihnen noch was sagen, und zwar stinkts hier ganz schlimm, und staubig ists auch. Nächsten Sonntag komm ich wieder runter, fünf Uhr, dann haben Sie aber gelüftet und gesaugt.«

»Ich hab Sie ja nicht reingebeten«, setzte er an, schämte sich ordentlich, wollte noch mehr sagen, doch die Stimme klang ihm ganz neu, war eine fremde.

»Deshalb tu ichs ja selbst, und Sie solltens mir danken, weil, wenn Sie hier mal ne andere Frau einladen, meinetwegen auch n Kerl, und dann stinkts hier und sieht aus wies eben jetzt aussieht, dann kommen die nicht mehr wieder. Also, bis dann«, stapfte hoch.

Er sah ihr nach, Ringelsocken, klatsch, klatsch, klatsch, knallten die Fersen der braunen Schlappen auf die Treppenstufen. Demir schloss die Tür, geräuschlos, heimlich, wie er das immer tat. Langsam einen Spalt formen, den Riegel gefühlvoll gleiten lassen, mit einem kaum hörbaren klick rastet er ein, und wieder drin, wieder sicher. Er legte sich ins Bett, früher das große Schlafzimmer, das der Eltern, in den Spalt zwischen den Matratzen, und sah an die Decke. Er spürte die kleine, feste Hand auf seinem Handrücken, und fasste sich selbst daran, legte die Hände aufeinander, auf den Bauch, schloss die Augen, spürte dem Gefühl des Sprechens auf der Zunge nach.


Am Sonntag kam sie wieder, schwarze Leggings mit Loch am linken Knie, großer bunter Wollpullover bis auf die Oberschenkel, lila

Wollsocken in braunen Schlappen. Sie gähnte.

»Ham Sie Kaffee? Hab nämlich keinen mehr«, spähte schon in die Küche.

»Ich trink leider kein Kaffee«, leider, warum eigentlich leider, »schwarzen Tee könnt ich machen.«

»Auch gut«, ging ins Wohnzimmer.

Diesmal hatte Demir den Rattanstuhl schon hingestellt. Er hatte gelüftet. Beim Lüften drang nicht nur die Luft ins Zimmer, auch die Geräusche, eigentlich drang das ganze Draußen ins Zimmer rein. Demir hatte das lüftende Zimmer sofort verlassen, doch später, beim Fensterschließen, nach den empfohlenen zehn Minuten, da hatte er hinausgeschaut. Die Kirche hatte zur halben Stunde geläutet, ding, dang, und der Verkehr unter ihm war gleichmäßig dahingerauscht. Im Gebäude gegenüber, gleicher roter Backstein, da hatte er eine Frau gesehen. Die stand auf einem der Balkons und rauchte, dunkle Locken über einem grauen Bademantel, und beim Rauchen betrachtete sie sich selbst in einem riesigen Spiegel ohne Rahmen. Kurz hatte Demir sein Gesicht in dem Spiegel gesehen, ganz klein, und dann das graue Gesicht der Frau. Ihm war kalt geworden, und er hatte das Fenster wieder geschlossen. Und gesaugt hatte er, alter Vorwerksauger der Mutter, irre laut. Ein neues Geräusch, das aus seiner Wohnung drang, für die von oben links, peinlich, doch es hatte ihm Freude gemacht, wie die Krümel verschwanden, Freude gemacht, wie die kurzen Haare des Teppichs sich aufstellten. Jetzt sagte sie nichts, und er war froh darum.


Am vierten Sonntag erklärte sie: »Wir brauchen ein Metronom«.

Sie übten immer noch Bruder Jakob, waren eben fertig geworden, und jetzt stand sie in der Tür und sah aus, als hätte sie gerade eine Weltformel gelöst.

»Das gibts auch online, als App«, Demir hatte sich an seine Stimme gewöhnt.

»Das ist nicht das Gleiche, man muss es richtig ticken hören, und sehen, wie die Nadel schwingt«, nickte mehrmals heftig mit dem Kopf, »morgen um Drei, da klingel ich, ziehn Sie sich was Warmes an und bringen Sie Geld mit«.

»Aber«, setzte er an, und ihm fiel nichts ein.

»Bis dann«, klatsch, klatsch, klatsch.


Rausgegangen war er nie gern, und seit zwei Jahren musste er auch nicht mehr. Die vielen Menschen und ihre Gedanken. Die Gedanken, die er dachte, und von denen er dachte, dass die Anderen sie dächten, und dann wurde es kompliziert. In der Wohnung saß er, in den knarzenden Rattansesseln, am Esstisch, auf dessen Querstreben man die Füße stellen konnte, wo ihm alles bekannt war, das Unglück wie das Glück. Und jetzt allein, die Eltern zurück in der Türkei, die älteren Brüder auch, die Schwestern in den Vororten, und er in der alten Wohnung, und kein Kontakt. Nur noch die Ritze vom Bett, der Tisch, die Fleckendecke, die nach Mutter beim Häkeln roch. Seit zwei Jahren kein Kontakt, schleichend war das gegangen, nach der Kündigung. Der Job im Containerhafen, der hatte die fehlende Ehefrau entschädigt, ein bisschen jedenfalls, dem Vater war es trotzdem nie genug gewesen, und vor zwei Jahren dann keine Stelle mehr, keine Entschädigung, Scham und bei jedem Klingeln des Telefons in die Bettritze gelegt. Entschuldigung, hatte was zu tun, und irgendwann gar kein Klingeln mehr.


Am Montag schloss Demir die Tür von außen, formte den Spalt, schloss ihn wieder, stand draußen. Er ließ sich nichts anmerken, hoffte er jedenfalls. Den Fuß in den besten Schuhen, die hatte er sich bestellt, sah man kaum. Rasiert, die Haare gewaschen, zur Sicherheit trotzdem unter der grauen Mütze mit Ohrenklappen, von damals, von der Arbeit. Sie ging voraus, raschen Schritts, in die Stadt, er kannte die Wege, sah aber alles neu, alles hochgesättigte Farben, alles roch irgendwie, alles machte irgendein Geräusch. Nichts anmerken lassen, dachte Demir, dachte es rauf und runter, versuchte, nicht daran zu denken, was die anderen dachten. Die Frau von oben links lief schräg vor ihm her und quasselte, beschwerte sich, über irgendeinen Thomas, und er war dankbar darum, hörte zu, dachte nur noch nebenbei, hob den Blick, hob ihn nach und nach, sah sich um, sah, was es alles gab, viel mehr, als in der Lieferapp vom Supermarkt, es gab so viele Menschen, so viele von ihnen. Eine Frau kam ihnen entgegen und sah ihn an, er erschrak, Augen wieder auf die Schuhe, auf den Bordstein, auf den Hinkefuß. Nicht auf den Schweiß achten, nicht auf den Bauch achten, Lippen über die Zähne gepresst. Da drehte sie sich um, die Frau von oben links, und blieb stehen, er lief ihr fast hinten auf. Sie musterte ihn, schluckte eine Frage herunter, ging dann weiter, jetzt neben ihm, wurde still, sagte dann:

»Wissen Sie, man kann alles machen, alles sagen, ist ganz egal. Ich kann rausgehen, und irgendeiner spricht mich an, eine piekfeine Dame mit so einem kleinen Hündchen vielleicht. Sie steht neben mir an der Haltestelle Stresemann, bei uns da, und es schüttet und ist grau und so, und die Alte macht einen Kommentar. Was für ein Wetter, oder so ähnlich, sagt sie, will ein Gespräch anfangen. Ich könnte sagen, jaja, schrecklich, oder sowas. Aber ich könnte auch sagen, ach, ich liebe es, wenns so schneit und alles ganz weiß ist. Nur es schneit gar nicht, sondern es regnet, verstehn Sie? Die Frau wird nicht mehr antworten, wird mich für verrückt halten, klar, aber wissen Sie, was dann passiert? Na? Na, dann vergisst sie es! Vielleicht erzählt sie es noch ihrem Mann, beim Abendbrot, oder der Gisela, oder wie ihre Freundinnen heißen, aber danach vergisst sie es. Man kann sich gar nicht jeden verrückten Typen auf der Straße merken. Deshalb ists auch egal, deshalb muss man sich keine Gedanken machen. Oder wissen Sie etwa noch, welche verrückten Typen Sie vor drei Jahren auf der Straße gesehen haben?«

»Naja«, setzte Demir an, wollte etwas sagen, ihm fiel nichts ein.

Da war das Musikgeschäft, und sie steuerte die Kasse an. Wieso die Kasse, wieso nicht selbst suchen, wieso überhaupt ins Geschäft gehen, wieso nicht bestellen? Ein gelangweilter Typ, Mitte dreißig vielleicht, schwang auf einem Drehstuhl hinter dem Tresen hin und her, starrte auf das Handy in seiner Hand. Demir stand hinter ihr, halb versteckt, die Augen auf ihren Stoppelkopf gerichtet.

»Haben Sie Metronome?«

»Klar, was suchen Sie denn?«, seufzte.

»Ein gutes halt, ist für meinen Freund hier, der ist nämlich ganz schön aus dem Takt gekommen, wissen Sie«, das war so blöd, aber sie verzog keine Miene.

Der Verkäufer starrte sie an, die Frau von oben links grinste, der Verkäufer grinste nur halb, verzog den Mund, die Winkel nach unten, wollte nicht, sie schnaubte zuerst, der Verkäufer ihr hinterher. Demir spürte ein Kribbeln im Zwerchfell, spürte es hochsteigen. Demir verzog den Mund, gluckste. Demir hörte die Glocken.