Sein Blick folgte den langen Bändern reisender Vögel über das Eis. Ein Kondensat flaumiger Geräuschlosigkeit zerstob mit den in der Luft schwimmenden Schneeflocken. Angestrengt kniff er die Augen zusammen, während er auf dem Eis über die schmale Meerenge zwischen Diomede und der größeren Insel Big Diomede lief. Unter ihm weiß und wirbelnd das gefrorene Meerwasser der Bering Street. 2,4 Meilen, dachte er. Kaum jemand auf der Erde wusste, dass Amerika und Russland in Wirklichkeit nur 2,4 Meilen voneinander entfernt lagen. Das war die Entfernung zwischen den beiden Inseln. Auf Big Diomede lebte offiziell niemand. Die Insel stand unter russischer Militärverwaltung. Er war einer der 82 Einwohner des amerikanischen Städtchens Diomede. Wenn das Meer im Winter gefror, bildete sich eine Eisdecke zwischen den Inseln. Schon als kleiner Junge war er im eisklaren Licht der Winternächte trotz aller Verbote über das Meer gelaufen. Unter sich Schatten von Tiefblau und Schneemeerweiß und vor sich den nahen Umriss der Hügel von Big Diomede.
Der eisige Wind schnitt ihm ins Gesicht. Dennoch lächelte er blei an sein Geheimnis.
Vor einem Jahr war er bei einem seiner heimlichen Streifzüge nach Big Diomede einer Gruppe von Menschen begegnet. Menschen, die es dort eigentlich gar nicht geben dürfte. Manchmal erschien ihm diese Begegnung wie ein Traum, dann wieder wie ein Filmausschnitt. Er hatte die ersten schwankenden Schritte vom Eis auf das Festland gesetzt, als er die Schatten auf dem Hügelrücken sah. In diesem arktischen Licht aus Mondstreifen und dem leeren Raum voller Sterne darüber hatten die Körper jede Stofflichkeit verloren.
Plötzlich legte sich eine Hand auf seinen Mund. Ein Arm drehte ihn sanft um die eigene Körpermitte. Er sah in Augen, Mädchenaugen, in denen der Himmel sich beruhigt hatte zu blauer Stille. „Schschscht! Sonst finden sie uns!“, flüsterte eine Stimme mit russischem Akzent. Das war seine erste Begegnung mit Assya. Danach hatten sie sich noch einige Male getroffen, solange das Eis hielt. Als das Eis dann von Tag zu Tag taunasser an der Oberfläche wurde und allmählich eine graumarmorierte Farbe annahm, wussten sie, dass es Zeit war, Abschied zu nehmen. Auf andere Weise in Kontakt zu bleiben, war zu gefährlich. „Sie hören noch das Wispern einer Maus im Schall der Luft. Aber auf die Idee, dass sich ein russisches Mädchen und ein amerikanischer Junge auf Big Diomede treffen könnten, kommen sie nicht“, hatte sie ihm auf einen Zettel geschrieben. Er erfuhr nie, woher Assya kam und was sie und die anderen auf der Insel machten. „Alles Geheimnis“, schrieb sie ihm auf einem der zahllosen Briefchen die zwischen ihnen hin- und herwanderten. So blieb ihm nichts, als im Sommer auf den jadefarbenen Ozean zu blicken. In manchen Augenblicken sah die helle Gischt aus wie kristallener Schnee. All das flirrte ihm durch den Kopf, während vor ihm schon die verwitterten Felsen der Inselküste sichtbar wurden. War da nicht ein Licht? Bewegungen am Strand? Seine Schritte wurden langsamer. Er musste lächeln bei dem Gedanken, dass er vor wenigen Augenblicken die internationale Date Line überschritten hatte. Er war ein Zeitreisender. Der Zukunft 21 Stunden voraus. Immer wenn er Assya sah, war er in der Zukunft. So hatte sie ihn bei ihrer ersten Begegnung auch genannt: den Jungen aus der Zukunft. In Diomede sprach man nicht darüber, weil das Land auf der anderen Seite terra incognita war. Nur einmal, im vergangenen Herbst, als er in der kleinen Felsenbucht von Diomede saß und sehnsüchtig auf das im schwindenden Licht verblassende Big Diomede sah, hatte ihm ein alter Mann die Hand auf die Schulter gelegt. „The distance between the USA and Russia is less than you think“, hatte er gesagt.
Eines Tages würden alle Menschen ihre Geschichte erfahren, hatte Assya ihm versprochen. Dann würden sie schon sehen, wie sinnlos all die Kriege seien. Es gibt doch nichts, was uns trennt. Die Eisbrücke zwischen unseren Inseln ist doch der Beweis, oder? Und dann hatte Assya ihn zum ersten Mal geküsst.
Vielleicht, dachte er, während seine Füße festes Land betraten, war das alles ja auch irgendwie gar nicht wahr. Das stille leere Land lag im ergrauenden Licht.