Wenn man am Wasser lebt, lernt man, das Grau zu lieben, sagt mein Vater. Wir stehen auf dem Deich, vor uns erstreckt sich menschenleer das breite Wattenmeer. In den feuchten Sand haben sich die letzten Wellen eingeschrieben. Ebbe. Erst jetzt sind wir richtig angekommen. Die lange Autofahrt, das schale Gefühl, das der Raststättenkaffee hinterlassen hat, und eine vage Anspannung diffundieren in die Weite der Landschaft. Der Wind atmet mit uns aus. Wir sind lange nicht mehr hier gewesen. Das Haus meiner Großeltern steht mittlerweile leer, aber es zieht uns trotzdem noch ab und zu in den Norden. Heimatgefühl nun ein Phantomschmerz.
Zwischen den Dörfern ziehen am Autofenster Wald und Felder an mir vorbei, Gutshöfe, Mühlen, Gemüsezuchten und immer wieder Pferde und Kühe, auf die wir uns abwesend hinweisen. Im Schleswig-Holstein meiner Kindheit hat man auch ab und an noch Fasane auf den Wiesen gesehen, rostrot und grün, fast wie ein Fabelwesen. Mein Großvater hat mir damals ihre langen Federn gezeigt. Er war Jäger und Handwerker, und wenn er an seinem Schreibtisch in jenem großen Backsteinhaus Rechnungen schrieb, ertönte ausnahmslos klassische Musik, die so laut in alle drei Stockwerke dröhnte, als säße man mitten im Orchestergraben. Sinfonien ergriffen das Haus wie eine Naturgewalt, während Oma unten ihre Einkäufe vom Schlachter auspackte. Wir Kinder verbrachten ganze Nachmittage in seiner Kommandozentrale aus dunklem Nussbaumholz, kletterten über das Millimeterpapier hinweg zwischen die Spitzengardinen und überblickten von dort die ganze Straße bis hin zum großen Landwirtschaftsbetrieb. Aus dem unerschöpflichen Fundus an Stempeln und Papierbögen bastelten wir Programmhefte für Modenschauen, die wir regelmäßig in Omas Kleidern in der Stube aufführten. Danach reichlich gebutterte Schnittchen zu Exklusiv – Das Starmagazin, in dem Oma Tratsch aus der Bunten verifizierte, die Beine übereinander geschlagen, stets in hochhackigen Hausschuhen. Draußen wehte zwischen Fuchsien und Geranien die Dithmarscher Flagge, die nur geradezu zeremoniell gehisst wurde, wenn wir zu Besuch waren, und wir fühlten uns auch ein wenig prominent.
In den Sommerferien ging es für uns auf geliehenen Fahrrädern mit drei Gängen an den Strand. Unsere Körper schlaksig, braungebrannt, nachlässig aufgetragene Sonnenmilch auf der Haut. Manchmal hatte es am Wasser so stark geweht, dass man sich mit ausgebreiteten Armen an den Wind lehnen konnte, und er stemmte dagegen, hielt uns aufrecht, ganz kurz schwerelos. Auf dem Rückweg Sand in den Schuhen und zwei Kugeln Eis mit Lakritzstreuseln in der Eisdiele an der Ecke. Der Inhaber ist Papas Schulfreund. Man kennt uns dort, und oft sollen wir nichts zahlen. Die Tür klingelt fröhlich, als wir wieder hinausströmen, und aus dem Schaufenster blickt uns ein buntes Schild hinterher: Kiek mol wedder in, gibt es uns mit auf den Weg, Schau mal wieder rein. Danach Sommergewitter auf warmem Kopfsteinpflaster, wir klingeln prustend bei Oma und Opa Sturm, aber eigentlich macht es uns nichts aus, zusammen im Regen zu stehen. Drinnen beschallt der NDR 1 die kleine blaue Küche, in der Omas tüchtige Hände unablässig arbeiten. Sie kochen Erdbeermarmelade ein, wenden Pfannkuchen und Bratkartoffeln mit Speck, pulen unter dem aufmerksamen Blick ihres roten Katers am Küchentisch Krabben und zuckern großzügig Blaubeeren in großen Porzellanschalen. Omas Hände pflanzen gelbe und blaue Stiefmütterchen vor dem Haus und fegen energisch Laub auf dem Bürgersteig zusammen, damit alles schön schier aussieht. Sie halten unsere Kinderhände fest, wenn wir die Straße überqueren, auch wenn kein Auto in Sicht ist, schütteln kräftig Federbetten und legen unsere Schlafanzüge auf die Heizung, während wir in der Badewanne liegen. Omas starke Hände bleiben immer weich, riechen nach Nivea und hinterlassen Fingerabdrücke auf dem Telefon, bis die Zahlen auf den Tasten kaum noch zu sehen sind; allen voran die Nummern ihrer beiden Söhne. Onkel wohnt direkt nebenan, die Dächer beider Häuser über einen schmalen Steg verbunden. Wir öffnen die einander zugewandten Fenster im dritten Stock verschwörerisch mit Parole Emil, stehen auf den Zehenspitzen und winken ihm übermütig gute Nacht, bevor wir kichernd in unsere Betten verschwinden. Am Wochenende fährt er mit uns zum Wald beim Flugplatz, wir trinken Brause und toben endlos über die hügeligen Flächen der Geest. Roter Anorak und sandige Heide. Auf der Rückfahrt kurbeln wir die Fenster runter, sehen dabei zu, wie das Grün kühler wird und ins Blau fließt. Die ersten Rehe wagen sich aus dem Wald. Oma deckt bereits den Tisch, Opa hat Erdbeeren gekauft. An warmen Juniabenden sitzen wir auf weißen Plastikstühlen und gestreiften Polstern auf dem Hinterhof, und es ist der beste Ort der Welt.
Jetzt steht das Backsteinhaus still und ausgehöhlt vor uns da. Für einen Moment regt sich in mir so etwas wie Mitleid darüber, dass es hier alleine ist. Darüber, dass immer etwas übrig bleiben muss, dass sich nicht alles tragen ließ, was uns etwas bedeutet. Dass wir kein Licht anlassen konnten für die Fragmente von uns, die dort verwoben sind. Manchmal vergesse ich, dass es diesen Ort noch außerhalb von mir gibt. In meinen Träumen laufe ich nachts hindurch, hunderte Kilometer entfernt, bis ich nicht mehr weiß, wo mein Körper endet und das Haus beginnt. Im Halbdunkel meiner Erinnerung verschachteln sich die Räume ineinander, bis sie mir nicht mehr vertraut vorkommen. Ich träume vom Heizungskeller, der im Grunde ein großer Abgrund mit einer Leiter und einem Vorratsregal ist, für das sich Oma immer auf die Zehenspitzen stellen musste, Drahtseilakt mit sauren Gurken. Von der Werkstatt, die nach Kernseife und Motoröl riecht, in der gutmütig gegrölt wurde, von Opas Wollpullover, auf dem ich einen Nachmittag lang Marienkäfer gesammelt habe, und wie er dabei gelacht hat, ganz gepunktet. Von Butterkuchen mit Schlagsahne auf rosa Geschirr und dem Knarren der zweiten Stufe nach dem Absatz mit den Regenschirmen auf dem Weg nach oben. Vom weichen, drehbaren Lederhocker im Badezimmer, auf dem ich saß, wenn ich mir die Zähne geputzt habe, auf der Ablage Kölnisch Wasser. Ich ziehe mich immer weiter zurück in unwirkliche Räume mit gedämpftem Licht. Geruch von senfgelbem Teppichboden und gestärkten Hemden. Auf langen Fluren immer noch Angst im Dunkeln, aber der Geist im Haus bin ich selbst.
Ich stehe am Deich. Vor mir graues Meer und das, was mein Vater ehrliches Wetter nennt. Der Regen wie Gischt. Ungeschönt und geradeheraus. Ich breite meine Arme aus und lasse ein Stück meiner Kindheit an der Nordsee zurück. Flaschenpost an mich selbst. Und ich weiß, dass sie hier auf mich warten wird. Kiek mol wedder in, verspreche ich mir. Wiedersehen im Fasanenland.