Der Tag, an dem ich beschloss, eine Flaschenpost zu schreiben, begann vollkommen unspektakulär, mit jener trägen Morgenstimmung, in der der Kaffee zwar dampfend vor mir steht, der Kopf jedoch noch in einem Zustand schwebender Unentschlossenheit zwischen Weltrettung, Steuererklärung und der existenziellen Frage verharrt, warum Marmeladengläser eigentlich nie wieder richtig zugehen, sobald man sie einmal geöffnet hat.
Während ich also am Küchentisch saß und aus dem Fenster auf eine Möwe starrte, die aussah, als hätte sie seit 1987 dieselbe Pommes im Maul, kam mir plötzlich der Gedanke, dass die Menschheit im Grunde viel zu wenig Flaschenpost verschickt, obwohl sie doch eine der wenigen Kommunikationsformen ist, bei der man gleichzeitig poetisch und geheimnisvoll wirken kann.
Denn wer eine Flaschenpost schreibt, der sendet nicht einfach eine Nachricht, sondern er wirft eine kleine literarische Hoffnung in die weite, unberechenbare Welt hinaus, ähnlich wie ein Dichter, der seine Gedichte auf Parkbänken liegen lässt, nur mit dem entscheidenden Vorteil, dass eine Flasche wenigstens schwimmen kann und nicht sofort von einer Taube mit Hang zum Reich-Ranitzkitum kritisch begutachtet wird.
Ich begann also mit meiner ernsthaften Vorbereitung, die sich zunächst darin äußerte, dass ich mehrere leere Flaschen inspizierte, wobei ich feststellen musste, dass mein Haushalt überraschend viele Kandidaten bot, was entweder für eine lebhafte Geselligkeit oder für eine bemerkenswert konsequente Vermeidung von Pfandautomaten und Glascontainern sprach. Nach längerer Betrachtung entschied ich mich für eine grüne Weinflasche, weil sie eine gewisse maritime Würde ausstrahlte, während die braune Bierflasche eher den Eindruck vermittelte, als würde sie gleich anfangen, Fußballkommentare zu grölen.
Nun stellte sich jedoch das nächste Problem, das jeden ernsthaften Flaschenpostautoren früher oder später heimsucht, nämlich, dass man eigentlich gar nicht weiß, was man fremden Menschen am anderen Ende des Ozeans mitteilen möchte, außer vielleicht der Tatsache, dass man selbst gerade in einer Küche sitzt und über Flaschenpost nachdenkt.
Zunächst versuchte ich es mit einer klassischen Botschaft, die mit den Worten begann, dass ich ein Schiffbrüchiger sei, der auf einer einsamen Insel gestrandet ist, doch schon nach zwei Sätzen musste ich zugeben, dass es schwierig ist, glaubwürdig über Palmen, Kokosnüsse und dramatische Rettungen zu schreiben, wenn neben einem der Kühlschrank summt und ein Joghurt mit Erdbeergeschmack ungeduldig auf seine Bestimmung wartet. Also beschloss ich, radikal ehrlich zu sein, und begann einen Text, der ungefähr damit anfing, dass ich keineswegs gestrandet sei, sondern lediglich ein Mensch mit zu viel Zeit, einem mittelgroßen Vorrat an leeren Flaschen, einer fixen Idee und einer gewissen Neigung zu literarischen Experimenten bin, die vermutlich in keiner wissenschaftlichen Studie über effiziente Kommunikation empfohlen werden würden.
Während ich schrieb, wurde mir zunehmend bewusst, dass eine Flaschenpost eine Mischung aus Entschlossenheit und völliger Naivität darstellt, denn man vertraut darauf, dass ein Glasbehälter, der normalerweise Wein oder Bier transportiert, plötzlich die Rolle eines internationalen Botschafters übernimmt und irgendwo zwischen Island, Madeira, einer einsamen Insel im Atlantik und der schwimmenden Badewanne eines sehr verwirrten Fischers auftaucht.
Natürlich könnte es auch passieren, dass die Flasche nie einen Ozean sieht, sondern bereits nach zehn Metern von einem äußerst praktischen Rentner eingesammelt wird, der beim Spaziergang am Rhein alles mitnimmt, was theoretisch noch in einen Getränkekasten passen könnte, was meiner Botschaft eine ganz neue, leicht regionale Dimension verleihen würde. Doch gerade diese Unsicherheit ist vielleicht der wahre Reiz der Flaschenpost, denn während moderne Nachrichten in Sekunden um den Globus rasen und dabei stetig an Bedeutung verlieren, treibt eine Flasche geduldig durch Strömungen, Stürme und gelegentliche Begegnungen mit neugierigen Fischen, die ebenfalls keine Ahnung haben, warum Menschen Papier in Glas stecken und ins Meer werfen.
Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr erschien mir die Flaschenpost wie eine Art analoger Tweet aus dem 18. Jahrhundert, nur mit deutlich längerer Ladezeit, erheblich mehr Romantik und der sehr realen Möglichkeit, dass eine Krabbe irgendwann entscheidet, das Ganze als ungewöhnliches Möbelstück zu betrachten.
Ich schrieb also weiter, ließ meinen Gedanken freien Lauf und schilderte dem unbekannten Leser, der vielleicht ein Fischer, ein Strandspaziergänger, ein ahnungsloser Taucher oder ein äußerst literaturinteressierter Oktopus sein könnte, wie es sich anfühlt, in einer Küche zu sitzen und plötzlich die grandiose Idee zu haben, eine Botschaft in die Welt hinauszutreiben.
Schließlich faltete ich das Papier mit der feierlichen Sorgfalt eines Menschen, der genau weiß, dass er gerade etwas vollkommen Unnötiges, aber gleichzeitig erstaunlich Befriedigendes tut, und stopfte es in die Flasche. Dann kam der Moment der Wahrheit, der darin bestand, dass ich mit der Flasche in der Hand am Ufer stand und plötzlich merkte, dass Flaschenpost verschicken eine gewisse theatralische Geste verlangt, eine Mischung aus Abenteuerlust, Hoffnung und dem festen Willen, nicht von einem vorbeilaufenden Jogger gefragt zu werden, warum man gerade Müll ins Wasser wirft.
Ich holte tief Luft, als würde ich gleich eine olympische Disziplin namens literarischer Weitwurf absolvieren, und schleuderte die Flasche mit einer Bewegung in den Fluss, die vermutlich mehr Enthusiasmus als tatsächliche Wurfkunst enthielt.
Die Flasche landete mit einem Plopp im Wasser, begann sofort, leicht schief zu treiben, und sah dabei so gelassen aus, als hätte sie ihr ganzes Leben auf diesen Moment gewartet, während ich am Ufer stand und versuchte, gleichzeitig stolz, philosophisch und nicht völlig albern zu wirken.
In diesem Augenblick wurde mir klar, dass eine Flaschenpost eigentlich weniger eine Nachricht für jemand anderen ist, sondern vielmehr eine kleine, schwimmende Erinnerung daran, dass Menschen trotz Smartphones, Satelliten, Instant-Messaging und Künstlicher Intelligenz immer noch gelegentlich den unvernünftigen Wunsch verspüren, eine Geschichte in ein Glas zu stecken und darauf zu vertrauen, dass die Welt schon irgendetwas Interessantes damit anfangen wird.
Während die Flasche langsam flussabwärts driftete und sich dabei vermutlich fragte, warum sie plötzlich in einem literarischen Abenteuer gelandet war, kehrte ich nach Hause zurück, setzte mich wieder an den Küchentisch, schaute erneut aus dem Fenster und begann ernsthaft darüber nachzudenken, ob ich vielleicht eine zweite Flaschenpost schreiben sollte, diesmal allerdings mit einer deutlich wichtigeren Botschaft, nämlich der dringenden Bitte an den Finder, mir zu verraten, wo eigentlich all die Marmeladendeckel geblieben sind, die nicht mehr richtig schließen, wenn man einmal das Glas geöffnet hat.