Ach so, und habe ich erwähnt, dass ich Einzelkind bin?
Mein Sitznachbar so: Können wir zusammen in dein Deutschbuch schauen, ich hab meins zu Hause vergessen.
Und ich so: NEIN. Das ist MEINS.
Alter Laura jetzt chill doch.
Bleib mir und meinem Buch fern!
Und mein Sitznachbar so: Herr Mül-
Und Herr Müller dann so: Laura beruhig dich, du willst das nicht wirklich.
Ich währenddessen mit schäumendem Mund und MEINEM Deutschbuch in den festgekrallten Händen.
Herr Müller: Leg das Buch in die Mitte zwischen dich und Matthias.
Ich: Matthias, wenn du es wagst, mein Buch mit deinen fettigen hässlichen Fingern zu berühren, beiße ich dich.
Ganz ehrlich, ich soll jeden Tag sieben fette Bücher mitschleppen, und er darf jeden Tag Trittbrettfahren und einfach mit reinschauen. Nach der Stunde konfrontiere ich meinen Sitznachbarn.
Matthias, das geht so nicht weiter. Du hast jetzt zum dritten Mal diese Woche alle deine Bücher zu Hause vergessen und es ist Mittwoch. Du nutzt mich aus! Ich muss schleppen und dann auch noch mit dir teilen? Was soll das? Was, wenn ich auch einfach meine Bücher zu Hause vergesse, hä? Was machst du dann?
Und er so: Dann schau ich halt bei Lisa mit rein.
Ich: Lisa, was ist deine Stellungnahme zu diesem Thema?
Lisa: Mir egal.
Matthias nennt mich einen „Kontrollfreak“. Aber was er nicht versteht: Ich habe über alles nachgedacht, wirklich jedes Szenario durchgespielt. Ich kenne die beste Lösung. Ich habe einen Plan. Für alles. Es gibt eine Logik, warum ich fünf Stifte habe: Mein gewöhnlicher Stift, mein Schönschreibe-Stift für besondere Anlässe, etwa wenn ich einen Geburtstag in mein Hausaufgabenheft eintragen will, mein alternativer Stift, dessen Farbe ich nicht so schön finde wie die meines gewöhnlichen Stiftes, aber falls ich mal Abwechslung brauche, greife ich zu ihm, Notfallstift 1 und Notfallstift 2.
Warum brauchst du 2 Notfallstifte?
Das geht dich gar nichts an, Matthias, wirklich, du verstehst GAR NICHTS.
Och komm schon, kann ich Notfallstift 2 haben?
NEIN.
Ich wende mich der Tafel zu und fange an, Herrn Müllers Tafelanschrieb mit meinem gewöhnlichen Stift in mein Heft zu übertragen. Als Matthias nach 22 Sekunden noch immer still neben mir sitzt, ohne zu schreiben, raste ich fast aus. So wird er das Abschreiben nie schaffen, bevor Herr Müller mit dem staubigen Schwamm über die Tafel fährt und eine neue Skizze beginnt. Macht er sich darüber keine Gedanken? Denkt Matthias überhaupt? Gerade kippelt er nicht einmal, er hockt einfach da, die Ellenbogen auf dem Tisch. Ich gebe nach und lege ihm in einen Anfall von Mitleid und Nächstenliebe Notfallstift 1 auf sein zugeschlagenes Heft.
Matthias zieht die Augenbrauen in die Höhe und schaut mich an.
Ich raune: Wenn du auf dem Ding kaust, ist dein Leben vorbei.