Dieses Schwarzweißvideo, das fühlt sich beinah an wie eine Erinnerung, wie meine Erinnerung, obwohl ich nicht dabei war. Eine Familie, im Hintergrund ein Haus, alle winken, alle lachen. Vielleicht sonnig, ich kann es nicht erkennen. Der Himmel ohne Farbe, weiß gleißend.

Nächster Ausschnitt, der meine Veilchenoma zeigt, die ich Veilchenoma nenne, weil im Frühjahr immer ein Teppich von Hornveilchen über ihre Beete rollt. Und diese Blumen kringeln sich auch im Video neben der Veilchenoma, während sie, die damals noch ein Kind war, fröhlich schaukelt. Kniestrümpfe und geflochtene Zöpfe. Die Schaukel hängt am Türrahmen zwischen Scheune und Draußen. Hinter ihrem Rücken ein dunkles Viereck. Sie schaukelt in die Dunkelheit hinein, schaukelt sich aus der oberen linken Ecke des Bildes hinaus, kehrt ins Bild zurück. Alles in Bewegung, zwischendrin, halb im Himmel hängend. Ihr Kinn zur Seite. Der kleine Kragen ihres Kleides flattrig. Sie und ihre Schwestern trugen immer die gleichen Kleider nur mit unterschiedlichen Kragen, um die Kleidchen auseinanderzuhalten. Runder Kragen mit Muschelsaum, zwei lange Dreiecke, zwei kleinere Dreiecke mit Bestickung, ein Kragen mit zackiger Borte. Weiß. Aus Baumwolle. Sie schaukelt, die Veilchenoma, mehr passiert nicht. Meine Veilchenoma sitzt neben mir und sieht zu, wie sie schaukelt.

Sie spazieren zusammen, lachen und winken in die Kamera. Da ist ihre Mutter, schwarzes Kleid mit Knopfleiste, hageres, schönes Gesicht. Ihr Vater, die Schwester, die andere Schwester, noch eine Schwester. Ihre Großeltern, die Oma der Veilchenoma. Der Opa stupst der Oma auf die Nase. Die Veilchenoma sitzt neben mir und brüllt aufgeregt Namen und Lebensgeschichten.
Hier, das ist der, der mal im Knast war. Das ist die mit dem grünen Ring, du weißt schon, du weißt schon, sagt sie.

Dann lange Einstellung. Totale. Standbild, Stillleben. Das Haus und dahinter Felder. Das geliebte Haus der Veilchenoma. Das Haus ihrer Schwestern, das Haus ihrer Großmutter. Ihr Haus.
Unser Haus, sagt die Veilchenoma.
Eines dieser Bauernhäuser mit riesigem Dach, mit vielen maroden Holzzäunen. Vor dem Haus die Leutchen, aus der Distanz zappelig wie winzige Spielzeugfiguren.
Ist es nicht seltsam, dass das Haus heute weg ist?, frage ich.
Weißt du, ich habe so ein gutes Gedächtnis daran, als würde ich gerade drin sein. In der Stube und in der Küche und ich sehe alles. Na gut, es ist zwar weg, aber irgendwie ist es auch noch da, sagt sie.

Nahaufnahme. Das Fenster ganz oben wird geöffnet. Ihre Schwester steckt den Kopf nach draußen, grinst. Da oben, hinter diesem Fenster, schliefen sie. Die Laken rochen immer nach der Holzvitrine. Die Veilchenoma lächelt kurz, hier neben mir, nicht im Video. Und von weit weg hörte sie die Maschinen, wenn sie abends im Bett lag, Nacht für Nacht näher und lauter. Es tuckerte und quietschte.
Gruselig war das, sagt sie.
Mich gruselt das Video, wie alle so bizarr und lebendig herumwuseln, leise und fremd. Kleine schwarze Punkte und Flecken grieseln über die Oberfläche wie aufgescheuchte Motten.

Dann die Veilchenoma neben ihrem Vater. Sie blickt wieder zur Seite, gehobene Nase, Stirn kraus.
Ich war eine sture Kuh, sagt sie.
Sie ließ sich nicht gern filmen.
Dörfler huschen herum, immer mehr Dörfler. Lippen bewegen sich stumm.
Eigentlich haben wir gesprochen, aber damals gab es noch keinen Ton in den Filmen. Nicht, dass du dich wunderst, sagt sie.

Der Sohn der Nachbarsfrau hatte was mit Filmen am Hut und kehrte in sein Heimatdorf zurück. Abschiedsfilm. Als Erinnerung. Das war was! Dass da jemand mit so einer großen Kamera ankam. Das sprach sich schnell durchs Dorf, alle wollten die große Kamera sehen.

Eine Katze, die ihr Bein von sich streckt, sich putzt und plötzlich aufspringt, das Bild hält sie fest, verfolgt sie, während sie sich geschickt durch Beine und noch mehr Beine windet.
Ein Einkaufsladen im Bild.
Der Konsum, sagt die Veilchenoma.
Dort gab es lecker Pfirsicheis. Sonst kam der Eisverkäufer oft auf dem Fahrrad vorbei. Es kam viel auf Rädern. Auch der Friseur.
Wieder die Seitenansicht der Veilchenoma, die der Kamera ausweicht, auf ihren Schuh blickt. Ihr Opa mit Stock. Kinder, die mit Puppen spielen.
Wir haben damals immer gepuppt, die ganze Zeit gepuppt, sagt sie. Oh, und gemurmelt bis in die Nacht rein, sagt sie, während ihre Finger zucken, sie murmelt mit keiner Murmel in der Hand.

Abgedeckte Dächer, kein Putz an den Wänden. Dorfmitte und Dorfplatz mit Holzskeletten der Fachwerkfassaden, überraschenderweise noch gut in Schuss. Schwarzes Brett, Strommast im Hintergrund und im Hintergrund vom Hintergrund Schornsteine. Felder und Felder. Die Veilchenoma erinnert sich, dass der Himmel knallblau war. Bei diesem ganzen Schwarzweiß vergesse ich manchmal, dass es damals schon Farben gab.
Das ist ein bisschen wie bei der goldenen Gans, sage ich. Da kommen immer mehr Leutchen und ziehen durchs Dorf. Aber nicht genug Leutchen, um die Maschinen aufzuhalten. 

Landschaftsaufnahme, breite wellige Felder, am Horizont ein Bagger. Dann ein kurzer Riss im Film wie eine böse Vorahnung, dann der Teich. Die Veilchenoma erinnert sich an ihre Knie im Gras. Ihre Schwestern und Freundinnen. Wie sie Papier der Tageszeitung falteten. Sie halbierte das Blatt, halbierte es nochmal, runtergeklappte Dreiecke, knickte überstehende Kanten. Viele Papierboote auf dem Teich, wogen sich in der Schwebe. Der Rumpf ihres Bootes weichte zu schnell auf. Schiefes Segel und Buchstaben, die zerflossen. Nasstriefend fiel ihr Boot in sich zusammen, zersetzte sich sinkend. Spiel verloren. Sie ärgerte sich, wenigstens waren die Fische am Zeitunglesen. Oder im Winter. Diese Winter damals. Auf dem kleinen Teich liefen sie und ihre Schwestern Eisschuh. Die Veilchenoma sagt nie Schlittschuh, Eisschuh, das sei das schönere Wort. Unter ihren Kufen gefrorene Wasserpflanzen, Eiszeit. Im Video liegt der Teich nur still und leise.

Im Dorf meiner Oma wuchsen die Teiche zu Seen heran.

Ich habe es selbst gesehen. In Echtzeit. Heute ist da alles See. Nur noch See.
Wir stiefelten eine Anhöhe hinauf, die Veilchenoma und ich. Oben angekommen alles grün und blau. Grüne Landschaft, blaues Gewässer.
Also das ist nun wirklich nicht mehr wie in meiner Erinnerung, scherzte die Veilchenoma.
Ihr Zeigefinger glitt über den See. Drei Dörfer waren mal hier. Ein Dorf da drüben, dort das andere und hier, ja hier, lag ihr Dorf. Ihr Finger tippte immer wieder aufgeregt gegen Luft. Sie löste sich, von mir und diesem öden Stausee, kehrte zurück, flimmernde Motten vor den Augen. Hier war der Konsum, sagte sie. Weißt du, wir haben gemurmelt und gepuppt. Und hier, hier war das Haus.
Da waren Versionen ihrer selbst wie Gespenster, wie Postkarten in flaschengrünem Glas. Sie mit Muschelsaum und sie mit glitzernden Murmeln in der Hand. Als sie damals gegangen war, als sie ihnen den Rücken zugekehrt hatte, hatte sie alle zurückgelassen. Und wie sie hier stand und auf das Wasser blickte, klaubte sie sie auf, vom Grund des Sees, zog an langen Fäden, auf der Wasseroberfläche schwimmende Buchstaben, und fügte sie in sich ein.
Heute Abend zeige ich dir das Video von meinem Dorf, sagte sie.
Mir gefällt der See nicht, sagte ich.
Aufgeschlitzt, ausgehöhlt und Gras drüber gewachsen. Schmetterlingsfreundlich. Alle umgesiedelt in Straßen, die die Namen ihrer weggebaggerten Dörfer trugen. Mir gefiel der See wirklich nicht. 

Eine längere Sequenz, ein Stein wird über den Teich geflitscht. Der Teich am Zittern, liegt nicht mehr still und heimlich. Ein Hund vor einem sonderbar krummen Baum. Und die Oma in Schürze. Dann nochmal meine Veilchenoma auf der Schaukel wie rückwärtsgespult, doch es ist Abend, der Himmel dunkler. Die Hornveilchen kringeln sich immer noch neben ihr. Die Hornveilchen, die hat sie sich nicht nehmen lassen, die hat sie mitgenommen, verpflanzt von diesem verschwundenen Ort.

Dämmriger Himmel. Ihre Familie, sie stehen nebeneinander, im Hintergrund ein Haus, unser Haus, sie winken, sie lachen. Ende. Ich spule zurück, halte das Bild an. Alle in der Bewegung erstarrt, wie in angehaltener Luft. Die winkenden Hände in der Regungslosigkeit schleierhaft verwischt. Nur die Veilchenoma ohne Schleier, sie blickt direkt in die Kamera, sie winkt nicht.