Ein Mensch stirbt, 1. Szene

Ein Krankenzimmer mit Fenster zum Park. Mittig ein Krankenbett darin: Eduard Hoffer. Blumen auf dem Nachttisch. Der Evaluant in grauem Anzug mit Aktentasche betritt den Raum.

Evaluant Ich will Sie hiermit grüßen!

Hoffer Danke, das ist Ihnen gelungen.

Evaluant Ausgezeichnet! Um nun auch noch die schriftlichen Formalia hinter uns zu lassen, würde ich Ihnen gerne fünf Haken, einen Schriftzug und ein Kreuz abtrotzen um sicher zu gehen, dass Sie der sind, für den ich Sie halte.

Hoffer Verzeihen Sie, sind Sie hier vom Haus?

Evaluant In gewissen Weisen, ja! Nun, ich will offen bleiben: In solchen Fällen gibt es eine routinierte Ansprache, zugeschnitten auf alle Menschen in Ihrer Lage. Aber ich möchte ehrlich mit Ihnen sein: Es ist nicht mehr viel zu holen und es nützt wenig zu zappeln bei Ihrem Zustand. Wenn Sie mir nicht glauben: Hätten Sie vor zehn Jahren einen fremden Mann ohne wenigstens nach seinem Namen zu fragen an Ihr Bett gelassen? Na, da sehen Sie es doch! Da kann nicht mehr alles stimmen. Aber keine gesonderte Sorge, mein Name ist sehr gut und ich bin ja für Sie da. Sie müssen verstehen: Der Piek ist erreicht. Aber ist das Alter zwar ein hundsgemeiner Krämer, so nimmt es uns wenigstens den Egoismus und macht uns sensibel für das Allgemeine. Es sei denn, Sie widersprächen?
Nun, zunächst ein kleiner Exkurs: Stellen Sie sich vor, Sie besitzen eine Firma. In dieser Firma gibt es unzählige Türen. Hinter jeder Tür, nein! Vor jeder Tür befindet sich eine Fußmatte. Eine Fußmatte, die vielleicht an einer Stelle einen frechen Fleck hat. Hinter der Tür sind Sie! Aber der Fleck muss doch gemeldet werden! Und genau dafür bin ich da. Also: Haben Sie an Ihrer Fußmatte, irgendetwas auszusetzen?

Hoffer Ich... Ich bin ganz bei Ihnen, doch —

Evaluant Ihre Fußmatte! Mensch! Ich sehe schon, Sie wollen Referenzen. Die Aufklärung, Hitlers Tod und die Pinkelgebühr an Raststätten sind nur drei unserer mannigfaltigen Verdienste. Ja glauben Sie denn, das wäre dem Menschen einfach so vor die Füße gefallen? Lassen Sie sich doch nicht für dumm verkaufen! Sie wirkten eben noch gescheit. Das alles sind Ergebnisse von Massenevaluationen. Durchgeführt von Meinesgleichen, um Ihr Leben zu verbessern!
Wir können doch Fehler nur beheben, wenn es eine Rückmeldung der Betroffenen gibt! Also seien Sie doch nicht so selbstsüchtig. Das ist Ihre Chance die Welt, in der Ihre Nachfahren leben werden aktiv zu gestalten. Sie füllen diesen Bogen aus, meine Kollegen vergleichen Ihre Angaben mit denen anderer Sterbender, die dringlichsten Forderungen gehen in die Chefetage und die kümmern sich dann darum. Natürlich insofern es Budget und Mittel erlauben, wir sind nicht die Heilsarmee.

Hoffer Wer ist denn Ihre Chefetage?

Evaluant Sachte, guter Mann! Für kritische Fragen gibt es am Ende des Bogens einen freien Bereich. Aber ich sehe, Sie beginnen zu verstehen. Nun tun Sie uns den Gefallen und lassen Sie uns evaluieren solange Sie noch Kreuze machen können. (Kramt einen Fragebogen aus der Tasche.) Hier sind nun mehrere Aussagen aufgelistet, Sie dürfen zwischen fünf Ankreuzkästchen wählen, wobei das Kästchen ganz links „stimme gar nicht zu“ und das ganz recht „stimme voll zu“ bedeutet. Sie sehen, reine Qualitätssicherung.
Erste Frage: „Den Stoff meines Lebens habe ich verstanden.“
„Ich habe viel in diesem Leben gelernt.“
„Die Lernziele dieses Lebens waren klar erkennbar.“
„Meine Eltern stellten eine gute Betreuung sicher.“
„Meine Eltern wirkten gut vorbereitet.“
„Meine Eltern redeten verstehbar und laut genug.“
„Es wurde ausreichend Lehrmaterial zur Verfügung gestellt.“
„Die Menschen werden ermutigt, Fragen zu stellen, und Sie erhalten sinnvolle Antworten.“
„Religion hatte einen positiven Einfluss auf mein Leben.“
„Die Menschen wurden fair und respektvoll behandelt. Der Sinn des Lebens wurde durch verständliche Beispiele veranschaulicht.“
„Das Leben stellte den Bezug zur Praxis angemessen her.“
„Die Organisation des Lebens war gut.“
„Der Schwierigkeitsgrad des Lebens war angemessen.“
„Schätzen Sie den durchschnittlichen Arbeitsaufwand Ihres Lebens pro Woche: 0–2 Stunden. 2–4 Stunden. 4–6 Stunden. 6–8 Stunden. Mehr als 8 Stunden.“
„Ich habe dieses Leben gerne besucht.“

Evaluant Ich weiß, was Ihnen durch den Kopf geht. Grämen Sie sich nicht, Sie haben das ganze Theater der letzten Jahrzehnte ganz gut über die Bühne gebracht. Hab schon schlimmere angetroffen. Kommen Sie, ich habe ein kleines Präsent als Dankeschön dabei. (Überreicht eine Schachtel Merci-Schokolade.) Aber nicht alles auf einmal naschen! Sehen Sie, ich kann Ihnen wenig versprechen, aber vielleicht wird es ja später besser. Wir sehen uns! (Ab.)