Katharsis

„Die Lösung besteht darin, den Schmerz zuzulassen. […] Wir können nur geheilt werden, indem wir endlich den Schmerz als unseren eigenen empfinden dürfen und können. […] Wenn man seinen eigenen Schmerz nicht fühlt, muß man ihn in anderen finden. […] Ein Bewußtwerden des Schmerzes ist der einzige Weg, den Teufelskreis der Selbstdestruktion zu durchbrechen, in dem sich so viele in unserer Gesellschaft befinden.“
Arno Gruen


Holst du mir bitte einen Eimer, fragte ich.
Aus dem Schlaf geholt, stand er in der Dunkelheit auf, verließ das Zimmer und kam mit einem Putzeimer in der Hand wieder. Er stellte ihn vor meine Nase, direkt vor die Bettkante. Durch den Reiz machtlos, erbrach ich mich. Es hörte nicht auf. Nie hört es direkt auf. Immer warte ich noch auf den Augenblick, wo es bei einem Mal bleibt. Zwei Stunden später, sank ich in mich zusammen, kraftlos.

Ich hörte den Wecker. Wortlos regte ich mich.
Wie fühlst du dich, fragte er. Gehst du arbeiten?
Ich denke schon, ich kann mich nicht wieder krank melden. Nicht an meinem Geburtstag.
Im Ladeneingang standen sie. Schauten mich mit großen Augen an und sangen Happy Birthday.
Alles Gute! Wie geht es dir? Warum arbeitest du heute? Es ist dein Geburtstag!
Ich habe keinen Urlaub bekommen.
Magst du Kaffee?
Nein. Den trinke ich nicht mehr.

Haben Sie Tennisröcke?
Ja. Wir haben Röcke zum Laufen und zum Tennis.
Ich will ihn für meine Tochter. Die spielt Tennis.
Die haben wir hier. In schwarz und weiß.
Und die hier? Das sind die Laufröcke. Die sind etwas kürzer. Gibt es den auch in weiß?
Ja, der weiße hängt hier, direkt hinter dem schwarzen.
Welchen nehme ich denn jetzt?
Bitte entschuldigen Sie mich.

Geh nach Hause.
Ich kann nicht.
Dir geht es schlecht – fahr Heim! Was wirst du machen?
Ich fahr zum Notdienst.
Schönen Geburtstag!

Die weißen, hohen Gebäude standen vor der Sonne. Es war Sommeranfang.
Bitte hier rechts zum Aufzug. Dann zweiter Stock. Dann rechts durch die Tür. Den Gang entlang.
Da melden Sie sich an.
Die Sonne stand auf den Fenstern. Die Hitze staute sich. Keines der Fenster war offen. Da saßen sie. Leidend. Hilflos. Machtlos.
Bitte füllen Sie dieses Formular aus und geben Sie es mir wieder zurück. Die Wartezeit beträgt ungefähr eine Stunde.

Was kann ich für Sie tun?
Seit letztem Sommer erbreche ich mich. Regelmäßig.
Eine Schwangerschaft ist ausgeschlossen?
Ja.
Waren Sie bei Ihrem Hausarzt?
Ja. Er wusste nichts.
Diesbezüglich kann ich jetzt auch nichts machen. Ich schreibe sie für heute krank. Gehen sie bitte nächste Woche nochmal zu ihrem Hausarzt. Er soll Sie untersuchen.

Ich nahm die gelben Zettel und verließ den Raum. Eine junge Frau lächelte mir zu.
Gute Besserung!