Super Smash Bros

Lesebühne, die Erste

In einem Innenhof sitzend, trank ich unverschämt gutes z-z-Zisch Edelpils von Lammsbräu aus der Flasche, als plötzlich ein Mikrofon schallte. An meinem Tisch saßen drei weitere Personen. Jeschusch Maria, ich war in eine Lesung geraten. Café Grundlos Süchtig, die Hackfressen und vergammeltes Panini Mozarella. „Warum hast Du einen Notizblock dabei? Das ist ja so lächerlich“, sagte Jordana, die vierte Person am Tisch. Ach Jordana, ich liebe Dich, und sie war kaum real. „Würzburg zu Stühlen, Tischen, Tanzflächen“, murmelte ich verlegen vor mich. Vorneweg die Absage an Oberflächen, Sexismen wie Seriösität.

Vorneweg moderierte ein Tetris-Baustein; „Lesung SuperSmash Bros … ich nehme an Sie haben genug von mir. Die erste Lesende, Frau Wolf.“

Notizblockeintrag eins:
Kurzgeschichte über eine Allerweltsfrau
Malträtierung des Verstandes – nötige Tortur durch das Gewöhnliche?
Waluigi mit Power Rangers–Motorradstiefeln

Frau Wolf las: „Sie fragte sich warum sie immer an die Falschen geriet, die Verrückten, die Psychopathen. Er griff sie heftig an den Haaren und schlug ihr ins Gesicht: ‘Warum muss ich immer an die Falschen geraten?!’, schrie er.“

Jemand…geschlagen? Ich war abgeschweift, kaute mein Panini. „Jordana, Du bist kaum real“, sagte ich. Die Bröckchen wollten hinaus, doch ich hielt sie.

„Der Notizblock. Ist lächerlich. Oliver, pack ihn weg.“

Sah sie die grauen Winde und den Schimmel an den Wänden? Präsentisch grub sich der Tetris-Baustein ins Zentrum. „Vom Aurorenkreis delegierter, Andi, spendierter, uns einen Text…“ Applus. Ich war stark dafür nur im Beginn zu klatschen, da es im Verlaufen meistens mies wurde. Er, zweiter Lesender, ein Andi vom Aurorenkreis, moderierte mediierte sein geschriebenes Bisschen: „‚Ein Tag im Sommer, es war heiß’ als Motto dieser Lesung, also habe ich euch etwas mitgebracht, eine – Sommerlyrik. Gestern Abend setzte ich mich ans Mainufer, an die Promenade und beobachtete das Treiben, das Geschehen.“

Notizblockeintrag zwei:
Prätentiöser, aufgesetzter am-Ufer-Sitzer am Vorabend
Lyrik über totes, würzburgerisches Sommergeflecht
Wie lang saß der wohl am Ufer?

Denn er las von rasierten Beinen; von Enten, Pärchen, Paaren mit paar Entenfüßen, Vögeln, der Festung, dem flimmernden Wasser, Pfandsammlern, Fahrradschiebenden, von coolen Typen und lauter Musik, dem Blick auf die alte Mainbrücke, Schoppentrinkenden. Nach dem Weichlesen meines Verstandes wohlwollender gestimmt, sagte ich mir: vielleicht saß er nicht ganz umsonst an der Uferpromenade. Könnte doch sein, dass er eine Anzeige bekam, weil er den rasierten Beinen derart nachstellte, final in eine einstweilige Verfügung mündend. Oder womöglich fand er Pizzareste in vakanten, angedrückten Kartons? Memo an mich selbst: sollte ihm nachstellen.

„Hast Du Dein Gesicht gerade gesehen? So konzentriert. Dabei malst Du gerade wahrscheinlich Kartoffelbilder in Deinen kleinen Block.“ Sie dachte sie wüsste es genau. Außerdem schreckte ich auf. Ihrer Stimme wegen, manchmal so unvermittelt. „Jordana, ich hab nur, ich…sei still, der nächste Beitrag kommt.“

„Der interessiert mich einen feuchten Kehricht, wie sind wir überhaupt Opfer dieses Ödanschlags geworden? Sei mal ehrlich…“ Sie redete weiter, doch ich richtete meinen Fokus auf den nächsten Lesebeitrag.

Notizblockeintrag drei:
Entropie

Weiblich gelesen, eine junge Frau, Entropie, das war ihr Leitmotiv. Es machte mich wahnsinnig, da es sich hierbei um ein Wort handelte, welches mir nicht geläufig war. Oft schlug ich Wörter im Wörterbuch nach, erst heute, vor dem Betreten des Café-Innenhofes. Mein Wort des Tages war „abominabel“, was so viel heißt wie „höchst abscheulich“. Fremd war es mir nicht gewesen – vor einiger Zeit hatte ich damit meine Mitspielerinnen beim Tabu in eine Verzweiflung gebracht, welche schnell unverständiger Wut gewichen war. Entropie. Die Leserin wob eine Schulgeschichte darum, physikalisch eingefärbt. Entropie, sie strengte mich an, ich dachte nur daran.

„Jordana“, blickte ich vom Block auf, „weißt Du was…“

Sie war nicht mehr da, nur ein Zettel:

Frag mich innigst, wann Du es geschnallt hast.
Münzen liegen auf dem Tisch.
J.

Das war eine Zäsur. Einmal hatte sie eine Kinovorstellung verfrüht verlassen, war aufgestanden, ich ihr nachgegangen. Das ging an meine Grenzen. Nun spaltete sich die Lesung in prä- und post-jordanasches Türmen. Memo an mich selbst: ich sollte zwei Teile aus meiner Kritik machen.

Lesebühne, die Zweite

Das ging an meine Grenzen. In meinem Leben erstmalig erdacht, striff mich der Türmende. Gehen? Bleiben? Ödanschlag? In Erquickung war ich bislang nicht vergangen und selbst die Kruste aus voreiligen Schlüssen und Urteilen war kaum angekratzt. Da gab es einen, einen einzigen, den ich hören wollte, dessen Beitrag ich für unabdinglich hielt. Ich nippte an meinem z-z-Zisch Edelpils; die vierte Lesendesprach mit einem einschlägigen „r“, hoch wie eine Wand.

Notizblockeintrag vier:
Ein Roman über Kindheitserinnerungen
„kliRRend kalt“
„PetRoleumlampe“
„nukleaRRR“
Siebenbürgen Sachsen

Wenn man nicht unmittelbar, im nähesten Radius, vor der lesenden Person saß oder stand oder auf Knien betete, vernahm man kaum ein deutliches Wort. Gäste im Innenhof unterhielten sich tumultartig, in Ausbrüchen, Besteck klirrte, von oben wehte zu und ab die Anwesenheit einer unweit entfernten Einkaufsstraße. Im Café selbst hatten sie die Musikanlage auf „Übertönen wir diese Kacklesung die wir uns selbst in den Innenhof geholt haben“s-Lautstärke gewummt. Es hallte von den Wänden. Erster Auftritt des heroischen, geheimnisvollen Waluigi mit Power Rangers-Motorradstiefeln. „Go, go Power Rangers!“…jedenfalls bat er im Café um die Drosselung der Lautstärke, bestimmt unter Androhung andernfalls den Insta-Kellner zu erdrosseln – er war so stark…

Und er las, ohne Amplifizierung der Stimme, nur Stimme, und sie trug. Merklich leise wurde es an den sonst quäkenden Tischen. Er hatte Wörter für mich.

Notizblockeintrag fünf:
Farbgebung
dickschraubige Bauchgläser
herzig

Es war relativ unbeschreiblich, mal wieder; er war ein gemachter Autor, und seine Kurzgeschichte handelte von einem Jugendlichen in einem südfranzösischen Traum von einer Crêpes-Verkäuferin. Power Rangers-Motorradstiefel sparte auch die deutschen Vokuhilas der Achtziger nicht aus, als Touri auftretend, auf hackdeutsch einen Crêpes mit Apfelmus bestellend. „Oan Krepps, mit Apfelmus, biddschönn!“. Dem protagonistischen Jugendlichen rutschte das Herz in die Hose, obschon ein zerfließendes, nutellernes Herz auf einer Teigscheibe das Ende herausbildete, gemeinsam ein ergriffenes Publikum zurücklassend. Der Tetris-Baustein moderierte ab, die Lesung verging im Taubenschlag, grauem Wind und Schimmel. Gereizte Lungenflügel.

Café Grundlos Süchtig, z-z-Zisch…
„Würzburg zu Stühlen, Tischen, Tanzflächen“, die Erste.
Euer Oliver Tante