Alles, was Peter mir erzählt hat

Auf der Berghütte

Und heute habe ich den ganzen Tag bei einer Fortbildung mit meinen Arbeitskollegen auf einer Hütte in den Bergen verbracht. Ich fand nichts lustig, was irgendjemand sagte und fühlte mich einsam. Ich war traurig und habe viel Bier getrunken, während unser Chef Peter rührende Geschichten erzählte, die er im letzten Jahr bei einem befreundeten schwedischen Bauern in der Gegend zwischen Östersund und Strömsund erlebt haben wollte. Alle haben gelacht und gefeixt, weil er so unterhaltsam vortragen kann, aber ich hatte die ganze Zeit Tränen in den Augen während er redete. Und jetzt kommt es mir so vor, als ob alles, wirklich alles, unwichtig und lächerlich an diesem Abend gewesen wäre, außer diesen Geschichten.

Überhaupt ist es so: ich lerne die Leute kennen, sehe das Funkeln in ihren Augen und dann reden sie immer weiter, und sie verwandeln sich in leblose leere Hüllen, regelrechte Charaktermasken. Das ist depressiver, arroganter Scheiß von mir, das weiß ich schon. Und dann merke ich oft, dass ich selber auch so bin und habe nur noch Mitleid mit allen, mit mir selbst naturgemäß am meisten; und wenn das nicht alles so tragisch wäre, könnte ich eigentlich auch drüber lachen. Peter hingegen ist einer der wenigen Menschen, bei denen ich das Gefühl habe, dass sie sich im Umgang mit anderen Leuten wirklich permanent bücken müssen und nicht strecken, um auf Augenhöhe zu sein. Wie er da abends so saß, mit seinen halblangen angegrauten Haaren, dem prächtigen Silberbart und den muskulösen Unterarmen, die aus dem hochgekrempelten schwarzen Hemd rausschauten, und wie er mit seiner beruhigenden sonoren Stimme sprach, da schien er von sich selbst ganz ausgefüllt zu sein, gar nicht arrogant, keine Maske und ganz frei von so juvenilen Problemen. Allenfalls eine kleine Kunstpause hat er sich gegönnt zwischen seinen Storys, dieser völlig entwickelte Charakter.

Die Loreley

Am brodelnden Fluss liegt er vor den verpissten Ruinen. Sanfte Brisen wiegen die Zweige und kühlen die schweißnasse Stirn. Heute stirbt Dennis Hopper und seine Mutter wird in die Psychiatrie eingewiesen. Dieses verhinderte Blumenkind hat nie der Gegenkultur angehört und passt auch sonst nirgends mehr hin. Gewaltsam haben wohlmeinende Menschen sie vom Absprung weggezerrt.

An einem dieser brütenden Tage segelte er mit Markus auf dem Wasser und trieb stromabwärts. Sie hätten kentern oder von der Polizei verhaftet werden können. Die Mittagssonne verbrannte die Haut und ihm war schwindelig. Aber mit jedem Schluck aus der Bierflasche war ihm das immer mehr egal. Er lag seitlich, leichtfeuchtes Leinen jetzt kühl und schützend über seinem Gesicht. Das Sonnenlicht war entzahnt und koste ihn. Er sah Alligatoren im flachen Wasser lauern. Die leichten Wellen brandeten gegen den Kiel und erzeugten ein fortwährendes Rauschen, Plätschern und Gurgeln; aus allen Richtungen schien das zu kommen. Die Vibration der Schiffsschrauben machte ihn ganz melancholisch.

Dann fand er sich mit Philosophen am grauen Ufer liegen. Die Bäume der Böschung, die das Blickfeld säumten, wirkten wie Scherenschnitte, und über ihren schwarzen Konturen schwebten die Signallichter industrieller Anlagen. So weit vor der Stadt gab es keine elektrische Beleuchtung für Zivilisten mehr. Der Boden war schon etwas klamm und Schwärme tropischer Mücken mischten sich in die Atemluft. Der Rauch einer Zigarette hätte vielleicht Abhilfe schaffen können, aber er fand sein Feuerzeug nicht. Aus der Ferne war noch schwach das rötliche Brodeln der Stadt zu vernehmen. Müde beobachtete er, wie sich die Lippen der Philosophen lautlos bewegten. Im Blick der Denker lag ernste Traurigkeit. Ihm schien das ganz passend zu sein.

Einige Meter entfernt hatte sich ein großer Hund von seiner Leine gerissen. Er witterte Peters Schwäche und raste mit rasselnder Lunge und sabbernden Lefzen auf den schutzlos Liegenden zu. Die bösen Schweinsaugen des Hundes blitzten im Restlicht auf und nieder. Erde und Tau spritzten Peter ins Gesicht, als die Bestie ihre stummeligen Beine in den Boden stemmte um ihren massigen Leib nur wenige Zentimeter vor ihm zum Stillstand zu bringen. Schwer atmend und mit klöppelndem Puls verfolgte er den hektischen Hassreigen, den das Tier knurrend und keuchend zu seinen Füßen vollführte. Aus den Schatten der Uferböschung schälte sich die Gestalt eines großen, breitschultrigen Mannes. Seine dumpfe Autorität sedierte den Hund augenblicklich.

Im späten Sommer trieb ihn die flirrende Hitze dann ganz ins Wasser zurück. Schwarze kantige Steine schnitten sich ihm in die nackten Füße. Die dürren Beine trugen noch immer sein halbes Gewicht. Die Kälte nahm ihm die Luft und schrumpfte sein Glied. Dann kippte er vornüber. Sein Kopf war leicht und leer, das Gehör vom Gurgeln taub gemacht. Die Sonne musste irgendwo oben gewesen sein.

Er dachte zurück an jene schwülwarme Julinacht. Die Gesichter hunderter Menschen glommen im Licht orangefarbener Lampions. Das Rauschen des Festes hatte an Volumen eingebüßt. Schlaftrunken richtete er sich auf und sah, dass sein Freund Johannes im Schneidersitz neben ihm saß. Der war ins Gespräch mit einer jungen Frau vertieft, die Peter vor ein paar Wochen im Treppenhaus kennengelernt hatte. Sie saß in gerader Haltung auf der Erde und umschlang ihre Knie. Ihre Beine endlos, die ebenmäßigen nackten Füße anmutig im Staub. Ihr amazonenhafter Leib nur beiläufig in seidige Stoffe gehüllt. Der schwüle Sommerwind blies ihr das lange leichte Haar ins Gesicht. Mit tiefer ruhiger Stimme erzählte sie von ihren Reisen in den Orient. Bräunliche Frauen badeten da in halb ausgetrockneten Flussbetten und verrichteten ihre archaischen Rituale unter glutroter Sonne. Grüne Sittiche nisteten in den Nischen nobler Paläste, und versklavte Elefanten zitterten unter den Schlägen ihrer schmutzstarrenden Reiter. Am Horizont ragten schlanke weiße Türme in den Abendhimmel. Die Augen der jungen Frau leuchteten vor Verzückung.

Nach endlosen Wochen der Dürre entlud sich der Himmel schließlich. Einen Tag und eine Nacht hindurch fiel der Regen schwer auf die dampfende Erde zurück. Peter hatte seinen Brustkorb bis zur Schmerzgrenze aufgeblasen und hielt die pollenschwangere Luft in seinen löchrigen Lungenflügeln fest. Wenige, überraschend kraftvolle Schwimmzüge ließen ihn schnell zur Gruppe aufschließen. Tatsächlich war er nur einige Meter zurückgefallen. Die meisten dieser jungen Athleten waren ihm völlig fremd. Ihre schlanken, harmonisch gewachsenen Körper glitzerten in den Fluten. Sie kreuzten den Fluss, der jetzt schwer an ihren Gliedern riss. Entsetzen ergriff ihn, als er daran dachte, dass die schmierigen Tentakel der Wasserpflanzen seine schutzlos rudernden Beine berühren könnten. Kranke Weiden ließen ihre Fühler vom sicheren Ufer aus in die Strömung einwachsen. Die Spitzen ihrer Zweige, die im gekräuselten Wasser auf und ab tanzten, waren von fauligen Schlacken überzogen. Sein Atem ging keuchend und die Arme taten ihm weh. Die anderen Schwimmer kletterten agil die Böschung empor und ließen sich auf den feuchten Steinen dort nieder. Die junge Frau war ihnen am weitesten vorangeklettert. Sie hatte das rechte Bein im Sitzen aufgestellt und umfasste mit der rechten Hand zärtlich ihr Knie. Das andere Bein hatte sie nach hinten abgewinkelt. Ihr linker Oberschenkel presste sich auf die Wade. Die kantigen Steine schnitten in ihr nassglänzendes Fleisch. Verzweifelt suchte er ihren Blick. Ihr Atemfluss ging schwer und regelmäßig, die nackten Brüste hoben und senkten sich im Sonnenlicht. Sie hatte den Kopf leicht zur Seite gedreht. Das Haar fiel als schwerer Schleier über ihre Wange und umfloss die Schulter, die sie ihm zugewandt hielt. Beinahe unmerklich hob sie das Kinn. Funkelnde Reflexe umkränzten ihr feuchtes Gesicht.

Gefangen mit Matt Damon

Überhaupt war er schon seit Längerem Insasse einer Art Gefängnis, das von einem älteren, alleinstehenden Mann geführt wurde. Es war zwar eher ein ziviles Anwesen als ein Gefängnis, aber es war völlig klar, dass man der Freiheit beraubt und dem mysteriösen Mann, den er bis dahin noch gar nicht gesehen hatte, völlig ausgeliefert war.

Der amerikanische Schauspieler Matt Damon war ebenfalls ein Gefangener, allerdings wohl schon seit sehr langer Zeit, denn in seinem Auftreten wirkte er eher selbst wie ein Wächter, den sein total ausgeprägtes Stockholm-Syndrom für die Zwecke des älteren Mannes zum idealen Gehilfen machte. So sorgte sich der Hollywoodstar beinahe liebevoll um Peter, und als er ihn heute besuchte in seiner halboffenen Zelle, gab er ihm zu verstehen, dass er sich gut füge, und bald „einmal so“ herumlaufen können werde. Außerdem, und es schauerte Peter entsetzlich, als Matt Damon es aussprach, wolle ihn der Mann nun einmal persönlich in Augenschein nehmen. Der Gefangene blickte an sich herab, angewidert von seinen verschmierten, stinkenden Klamotten und der Tatsache, dass er seit Wochen nicht mehr hatte duschen dürfen. „S… so geht das aber nicht…“, flüsterte er kaum vernehmbar. Matt Damon zögerte eine Sekunde, dann riss er die Augen beinahe panisch auf und schrie Peter ins Gesicht, angetrieben von plötzlichem Eifer und grotesker Beflissenheit: „Natürlich, natürlich! Du kannst mein T-Shirt anziehen! Es passt mir zwar etwas besser“, sagte er leicht kokett in Anspielung auf seinen prächtigen Körperbau, „aber du riechst dann ein bisschen nach mir, das wird er mögen!“

Bald darauf kauerte Peter in einem kleinen Bett, das sich im Winkel eines schrägen Dachgeschosses befand. Es hatte alle Anmutung eines Kinderbettes, und tatsächlich fühlte er sich sehr jung. Der Mann kam, und sah selbst auch jünger aus, als Peter ihn sich in seinen Angstträumen in der Zelle immer vorgestellt hatte. Er setzte sich behutsam und in elegante Pose zu ihm auf das Bett, und sprach sanft und fordernd zugleich von Dingen, die Peter gar nicht verstand. Und was bis dahin lediglich Anspannung gewesen war, wandelte sich jetzt zu Entsetzen, als der Mann in plötzlicher Bewegung ein schmales Teppichmesser mit einem Griff aus grünem, billig wirkendem Plastik zückte und begann, dem schwer atmenden Peter oberflächlich und wie beiläufig rautenförmige Schnitte am Unterarm zuzufügen, den er mit der freien Hand fest fixiert hielt. In Panik wollte Peter sich befreien, doch sofort schnitt der Mann so tief in seinen Arm ein, dass Blut hervorquoll und es stechend schmerzte. Er herrschte ihn dabei in einem Tonfall an, in dem überraschend viel väterliche Besorgnis mitschwang: „Um Himmels Willen, nicht draufdrücken!“

Also ließ Peter ab und es geschehen, und sogleich ritzte der Mann nurmehr oberflächlich und mit stoischer Ruhe weiter das Muster in dessen Arm. Die Schmerzen waren nur dumpf, aber das bohrende Gefühl des Messers in seiner Haut, gepaart mit dem fernen Empfinden, dass dies alles doch abscheuliches Unrecht sei, machte ihm die Situation zunehmend unerträglich. Und warum sollte er sich denn nicht wehren gegen den Mann, der, wenn auch nicht gebrechlich, ihm doch mit Sicherheit körperlich unterlegen war? Matt Damon mochte im Zweifel noch gegen ihn zu kehren sein; aber völlig unmöglich schien es, die Hand gegen den Mann selbst zu erheben. So wurde seine Stimme piepsig und dünn, als er unter Tränen und völlig sinnlos hervorkrächzte: „Bitte hören Sie auf, so bitte hören Sie doch auf!“ Der Mann aber ignorierte das Flehen, und Peter verharrte mit weit aufgerissenen Augen in seiner Schockstarre, während der andere weiterschnitt, und eine tiefe Überzeugung brach sich in ihnen Bahn, dass für höhere Ziele Opfer gebracht werden müssen.

Am Sonntagabend

Und dass die Sonne jetzt scheint wie im Frühling macht es noch viel schlimmer. Die dünne Decke reicht nachts bald nicht mehr aus, und unter den Daunen wird es noch immer zu warm. Wie am Sonntagabend ist das mit dem plötzlichen Herbst. Damals, als die elegische Melodie der Lindenstraße schon den Montag angekündigt hat. Einen flauen Magen brachte das immer mit sich, und dumpfen Druck hinter dem Brustbein.

Der Wind, der dir jetzt durch die wilden Locken fährt, ist schon kühl und man braucht einen Seidenschal auf dem Fahrrad. Du schaust her wie durch Milchglas, dein Kopf strebt nach meiner Hand. Ich will dich halten und wieder im Wasser treiben. Nachts träume ich, dass du zerläufst, morgens heule ich auf den dreckigen Dielen und reibe mir Splitter ins Gesicht.