Schwarze Raben

Schwarze Raben

Eine rabenschwarze Limousine rollte durch die dunklen, vom Morgennebel noch trüben und feuchten Gassen. Die Scheinwerfer zerschnitten dumpf die letzten Schwaden, und die Vögel, die sonst so frivol ihre Lieder pfiffen, verstummen unter dem Rauschen des Motors. Der Wagen hielt am Bordsteinrand. Ohne den Motor oder das Licht abzuschalten, stand er dort dann einige Minuten, quälende Minuten. Stand einfach da, brummte, stank und leuchtete vor sich hin. Schließlich verstummte der Motor und die Birnen der Scheinwerfer glommen ein letztes Mal auf, die Lichter erloschen. Der schwarze Wagen wurde vom Nebel eingehüllt und verschwand fast ganz im Graublau der sich dem Ende entgegen neigenden Nacht. Nur zwei kleine rote Glutpunkte blieben zurück, kaum auszumachen durch die dahintreibenden Schwaden. Einige weitere Minuten verstrichen, ohne das etwas passierte. Und dann ging alles sehr schnell. So schnell, dass es kaum wahrnehmbar war, das man denken müsste, die Phantasie spiele einem Streiche und man hätte nur kurz zu lange geblinzelt. Die Türen öffneten sich gleichzeitig, fast lautlos. Zwei verwaschene Silhouetten hoben sich ab, so schwarz wie der Wagen, dem sie entglitten. Zwei Zigarettenstummel fielen und verloschen auf dem feuchten Kopfsteinpflaster. Kein Augenblick, und die Schemen waren zur Tür und in das Haus. Das einzige, was man dumpf durch den dichten Nebel hätte vernehmen können, war das Zuschlagen der beiden Autotüren.

Nun geschah einige Sekunden wieder nichts, doch dann hörte man aus dem Inneren des Hauses einen Knall, als wäre eine Vase heruntergefallen, nur viel lauter. Weitere Sekunden verstrichen, schließlich flog die Eingangstür auf, diesmal aber mit einem lauten Schlag. Die beiden Schatten tauchten im Türrahmen auf, zwischen ihnen eine kleine, untersetzte Gestalt, die sich kaum auf den Beinen halten konnte. Doch was war das? Ein Mensch? Wo war dann aber sein Kopf? Über dem hellen Nachthemd hörte der Körper einfach auf ... Die drei Männer traten aus der Schwelle, und da hebte sich ein schwarzer Fleck an der Stelle ab, wo der Mann seinen Kopf haben musste: Man hatte ihm einen Sack über den Kopf gezogen. Unter den Schultern seiner gefesselten Armen wurde er mehr zum Wagen geschleift als dass er dort hin ging. Doch obwohl er augenscheinlich nicht bewusstlos oder tot war, leistete er keinerlei Gegenwehr. Er wirkte geradezu gleichgültig, lediglich seine Beine kämpften dagegen an, nicht völlig umzubrechen. In diesem Moment ging in einem Fenster einige Stockwerke weiter oben das erste Licht des Tages an.

Noch während der Mann im Nachthemd auf die Rückbank verfrachtet wurde, saß der erste Schatten schon wieder im Wagen. Fast zeitgleich schlugen die beiden Türen auf der Beifahrerseite zu. Der andere ging um das Heck des Wagens herum. Doch anstatt schnell wieder hinter dem Steuer zu verschwinden, vor dem er vor nichteinmal zwei Minuten auftauchte, blieb er stehen, wandte sich um. Er zog etwas aus seiner Manteltasche und blickte über das Dach des Wagens die Fassade des Hauses hinauf. Das Aufflammen des Streichholzes durchzuckte die Szenerie, für einen kurzen Moment war das Gesicht des Mannes durch den sich allmählich verziehenden Nebel im flackernden Widerschein des Feuers zu erkennen. Seine Züge waren hart, fast geschunden, die Augen dunkel. Aber sein Mund zog nervös, in schnellen Zügen an der krummen Zigarette, mit kurzen, abrupten Stößen stieß er den Rauch aus. In dieser Sekunde, da der Mann seine Belomor anzündete, wirkte das Geschehen zum ersten Mal still zu stehen, glaubte man fast, das Atmen der Männer hören zu können. Doch keine Sekunde später war die Flamme schon wieder verloschen und der Schatten im Wagen verschwunden. Die zwei rotglühenden Punkte hinter der Windschutzscheibe verrieten mit keinem Wort, was sich die letzten Minuten hier in dieser stillen, trostlosen Plattenbausiedlung abgespielt hatte. Wie der Wagen schließlich gestartet wurde, langsam über das Kopfsteinpflaster dahinrollte und mit den hell leuchtenden Lichtkegeln seiner Scheinwerfer an der nächsten Kreuzung zwischen den Häuserblocks verschwand, hatte ich mich schon längst abgewendet.

Hungrig von den Streifzügen der langen Nacht hatte ich meinen einsamen Weg durch die einsetzende Dämmerung bereits fortgesetzt, der Nase nach zu den Hinterhöfen. Vielleicht würde ich wieder ein Fischskelett finden. Den ganzen Weg, bis ich schließlich die Müllcontainer erreichte grübelte ich noch, was diesen Morgen anders war. Seit diesem Schauspiel, das ich als unentdeckter Beobachter mitverfolgte, war etwas verändert. Als ich schließlich um die Einfahrt schlich und mich meinem Frühstücksbuffet näherte, hob sich ein Schatten von den Mülltonnen und stieß sich mit starken Schlägen hinauf in den Himmel. Das Krähen des Raben erfüllte kurz den Innenhof, bis er hinter den Platanen verschwand. Und mit einem Mal entdeckte ich, was den ganzen Morgen anders war: Die Singvögel in den Bäumen haben nicht mehr geträllert seit der blecherne Rabe gekommen ist. Sie sind die ganze Zeit still geblieben.

Und sie sollten still bleiben, auch als längst der Lärm des Alltages wieder die Straßen erfüllte.

Erinnerung einer streunenden Katze. In Gedenken an die Opfer staatlicher Willkür.