Californication

Californication

Die tiefstehende Sonne, unsere mindestens genauso tiefstehenden Augen und Rims Versuch bei 120 Stundenkilometern mit seinen Knien zu lenken, während er unseren dritten Joint rollte, waren einfach zu viel. In einer langgezogenen Linkskurve verließ uns das Glück und wir schlitterten brüllend dem Straßengraben entgegen. Funken flogen, als die Ölwanne riss. Rim, der mitten im Drehvorgang erstarrt war, blieb auf dem Gaspedal. Er gab mir das Rollpapier und das Gras, das wir in Mittenwald bei einem Gitarrenbauer gekauft hatten, und umschloss mit beiden Händen das Lenkrad. Es war ein Kampf zwischen Mensch und Maschine. Wer nun gewinnen würde, war unklar. Ich wusste nicht, was Rim im Sinn hatte, wobei ich schwer davon ausging, dass er das selbst nie so genau wusste. Das Auto hatte zwei Möglichkeiten. Entweder es ergab sich seinem Schicksal, aber konnte so zwei seiner Insassen mit in den Tod nehmen oder es hatte ein Gewissen und würde uns irgendwie zum Stehen bringen.

Nach 12 Leitpfosten, die wir vom Straßenrand rasiert hatten und einer Rechtskurve, in der wir die Straße querten und über den kleinen Wassergraben hinweg flogen, kapitulierte das Auto und wir standen; hinter uns eine Schneise der Verwüstung. Ich schwitzte wie ein Schwein, starrte nach vorne und ich wusste mir nicht anders zu helfen, als den Sonnenstrahlen entgegen zu brüllen. Weit und breit war niemand zu sehen, also hoffte ich, dass wir zumindest etwas Zeit hatten, uns aus dem Staub zu machen. Ich drehte mich zu Rim hinüber, der kurz mit seinen Fingern knackte, bevor er die Fahrertür aufstieß und sich streckend außerhalb des Autos aufbaute.

„Aaaaah, schau mal, Mats! Die Sonne grüßt uns“, Rim lachte traurig. „Sie grüßt uns.“ Er drehte sich zu mir um, der ich noch immer mit schockgeweiteten Augen durch die verdreckte Frontscheibe starrte. Einzig meine Hände taten so, als wenn nichts gewesen wäre und rollten weiter. Ich konnte mich an alles gewöhnen, aber jedes Mal, wenn Rim ein Auto crashte, nahm mich das trotzdem immer etwas mit.

„Junge, jetzt steig mal aus“, warf er mir lachend entgegen, „ist doch nix passiert“. Er ging um den Wagen herum, trat gegen den Kofferraumverschluss und als sich dieser öffnete, schüttelte er den Kopf. Ich war ausgestiegen, beäugte ihn mit noch immer unsicherem Blick, schüttelte ebenso meinen Kopf und ließ das Feuerzeug klicken. Ich zog drei Mal gierig, bevor ich es in meine Hosentasche gleiten ließ und schon erreichte mich das beruhigende Gefühl, meine Anspannung löste sich und ich wurde wieder still. Rim schnalzte mit der Zunge und ich gab den Joint weiter an ihn.

Wie durch ein Wunder war uns kaum etwas passiert. Mein Nacken schmerzte und meine Augenbraue war aufgeplatzt, Rim hatte einen kleinen Schnitt auf seiner rechten Wange; aber das war es dann auch schon gewesen. Noch wundersamer war allerdings, dass unser Proviant im Kofferraum absolut unberührt war. Also wirklich unberührt. Es lag genauso da, als hätten wir ihn gerade erst dort verstaut. Wir packten also unsere prall gefüllten Wanderrucksäcke und machten uns auf den Weg über das Feld, das vor uns lag. Eine Kirchturmspitze durchbrach den Horizont und wir steuerten, unseren sakralen Leuchtturm im Auge, auf sie zu.

„Schade ums Auto, Mann. War echt gut, hat gezogen wie Sau und viel verbraucht hat es auch nicht. So ein’s werden wir hier wahrscheinlich nicht finden“, sagte Rim in die Stille hinein und reichte mir den Joint. „Jo.“ Mehr wollte ich nicht sagen und vielleicht konnte ich es auch nicht. Ich zog noch ein letztes Mal und löschte die Glut. Es war Anfang August und durchgängig heiß. Die Häuserreihen, die sich in der drückenden Abendröte verloren, kamen schleichend näher. Rim zog zwei Bierflaschen aus meiner Seitentasche und öffnete sie mit seinen Backenzähnen. Er reichte mir eine davon und so liefen und tranken wir in stillem Einvernehmen. Ziemlich parallel zu dem Weg, den wir eingeschlagen hatten, krochen vereinzelt Autos die Anhöhe hinauf und weit hinter uns hörten wir ein Martinshorn brüllen. Wir blickten uns kurz an. Ich nickte nach vorne, um Rim zu sagen, dass wir einfach geradeaus weitergehen sollten, aber er hatte schon verstanden.

Als wir an einer Kuhweide mit Elektrozaun angelangt waren und ich Anstalten machte, nach rechts um die Weide herumzulaufen, ging Rim einfach geradeaus darauf zu, trat einen instabil wirkenden Befestigungspfosten um. Er hüpfte darauf herum, bis dieser sich ihm nicht mehr entgegen lehnte und drehte sich kurz zu mir um. Rim hatte die Angewohnheit immer den kürzesten Weg zu gehen. Meistens war das sehr unkonventionell und für andere Beteiligte eher unangenehm und ärgerlich, aber ich hatte mich daran gewöhnt. Diskutieren konnte man nicht mit Rim. Die Kühe muhten gelangweilt und ließen sich auch nicht weiter von dem unscheinbar anmutenden Duo stören, das vollgepackt und zugerauscht an ihnen vorbeitrottete. Im Dorf ange28 kommen fand sich schnell eine ältere, nette Frau, die uns zur nächsten Autobahnraststätte mitnahm, uns einen Zwanziger, sowie einen halben Korb Äpfel schenkte und winkend in Richtung Beschleunigungsstreifen davonfuhr.

„Bierchen? Und wenn du schon dabei bist, roll doch noch einen. Ich geh mal kacken. Hast du schnell fuffzig Cent? Ohne Scheiß, jetzt muss man fürs Kacken zahlen, was soll das. Ich bezahl sprichwörtlich für was, was ich mir aus der Peripherie drücke. Man man... Wart mal da vorne bei den LKWs. Da bei den Glascontainern.“

Bevor ich etwas entgegnen konnte, war er auch schon außer Rufweite. Aber das machte mir nichts aus. Ich musste sonst immer reden und jetzt hatte ich Urlaub, da konnte ich ganz gemütlich still sein und niemand konnte mir was deswegen. Ich setzte mich auf eine der Bänke und der säuerliche Geruch der Flaschenleichen säuselte aus den Containern zu mir herüber. Ich öffnete die Seitentasche, zog zwei Bierflaschen heraus und stellte sich neben mich. Während ich unter der Tischplatte zu drehen begonnen hatte, schaute ich bemüht träumerisch durch die Gegend. Es war relativ viel los, aber das war immer die beste Voraussetzung für unsere Ausflüge. Eine holländische Familie zog lachend an mir vorbei. Die Mutter drehte sich um und als sie mich erblickte, lächelte sie mich an, bevor sie ihre Hand schützend auf den Hinterkopf ihres Sohnes legte und ihn mit bestimmter Vorsicht am Arm zu sich zog.

Ich öffnete eines der beiden Biere und trank mit langsamen Zügen, ließ es kurz in meinem Mund perlen, bevor ich es herunterschluckte. Ich blickte auf die Uhr. Rim war schon zwanzig Minuten auf der Toilette, aber ich wusste ganz genau, dass Rim nicht wirklich auf die Toilette gehen wollte. Rim widersetzte sich allen Plänen, auch denen, die er sich selbst setzte. Aber mir war das egal. So war wenigstens was los und diese Unbekümmertheit steckte an.

Ich kramte in den Tiefen meines Rucksacks, bis ich die Blechdose fand, die wir schon zu Beginn unserer Fahrt gesucht hatten, öffnete sie und verteilte etwas von dem Pulver auf meinem Handrücken. Die Dose verstaute ich in der Deckeltasche und das Pulver in meiner Nase. Ich musste mich für das wappnen, was schon bald kommen würde und als ich einen hektisch winkenden Rim in einem alten Volvo sah (ihr wisst schon, die aussehen wie ein Leichenwagen), wusste ich, dass ich die richtige Entscheidung getroffen hatte. Ich wuchtete beide Rucksäcke über meine Schultern, steckte mir den Joint in den Mund und öffnete die Hintertür. Mit dem Kopf voraus tauchte ich auf die Rückbank. Die Tür war noch immer offen, aber Rim fuhr extra nah an den gewaltigen LKW-Fronten entlang, bis eine von ihnen die Tür mit einem lauten Rumsen zuknallen ließ.

„Wir sind noch nicht mal vom Parkplatz runter und das Auto sieht schon wieder aus wie Scheiße, Mats. Die Tür müssen wir uns später nochmal anschauen. Bier, bitte“.

Ich richtete mich auf, was nicht so einfach war, weil mich noch immer beide Rucksäcke unter sich begruben, aber nach kurzem Ringkampf hatte ich sie dann abgeschüttelt und streckte Rim das Bier entgegen. Wir stießen an und ich kletterte auf den Beifahrersitz. Rim schnippste mit den Fingern und ich reichte ihm den Joint. Ich öffnete das Handschuhfach und der Inhalt platzte mir entgegen.

„Alter, wie hat das denn überhaupt gehalten? Da war doch safe doppelt so viel drin, wie dort reinpasst oder? Schau dir das an!“

Ich streckte Rim einen lila Dildo entgegen. Rim weitete seine Nasenlöcher und tat so, als ob er sich ihn in die Nase stecken wollte, bevor er ihn mir entriss und aus dem Fenster über uns hinweg auf den Standstreifen warf, wo er sich noch ein paar Mal überschlug und dann unter der Leitplanke abtauchte.

„Ich flipp aus. Schau dir die CDs an!“

Und schon wummerte Around the World von den Red Hot Chilli Peppers aus den Boxen. Das MDMA fing langsam an zu wirken und ich wollte nicht, dass Rim angepisst sein würde, also holte ich die Box aus der Deckeltasche, während wir laut singend und angefeuert von Fleas Bassline mit den Köpfen nickten. Ich streckte meine linke Hand zu Rim hinüber und Rim vergrub seine Nase in meiner Handfläche, wo ich ein kleines Häufchen für ihn bereitgelegt hatte.

„I’m a Califoniaaa Kiiiiing, I swear it’s everywhere, it’s everythiiiing! Maaaaan, ich hatte das Album ganz vergessen. Scheiße, gute Zeit, Mats. Weißt du noch? Weeeißt du noch, als wir das das letzte Mal gehört haben?“.

„Ne, kann mich nicht daran erinnern. Aber ist einfach ein Album, das sich anfühlt wie tätowiert zu werden. Es tut weh, aber wenn’s dann vorbei ist, dann hat man den Schmerz wieder vergessen und man will’s wieder und wieder spüren. So ist das mit Californication.“

Wir sahen uns an und wussten, dass das, genau das hier, so nicht sein sollte. Dass man das nirgends auf dieser Welt machen sollte. Rim machte das. Immer. Ich sprang nur ein oder zwei Mal im Jahr mit auf. Aber ich schob den Gedanken bei Seite und meine Kiefer mahlten die Erinnerung nieder. Die Nacht bot uns ihren Umhang und wir nahmen ihn dankend an.