Liegen bleiben

MICHEL MÜLLER: LIEGEN BLEIBEN

Ich ziehe meine Vorhänge auf und kalter Mondschein nimmt mir die Sicht. Er erfüllt die Zwei-Zimmer-Wohnung, die ich von meiner Mutter geerbt hatte und verfängt sich im Biedermeier Spiegel, auf dessen Geleit hin das Licht durch den stark verwinkelten Raum trabt. Mit viel Optimismus und Phantasie könnte es auch eine Vier-Zimmer- Wohnung sein.

Ich schlafe noch immer in einem Kinderbett. Ich mag es in der Matratze zu versinken, den Bettrahmen zu spüren, auch wenn sich über die Jahre vernarbte Druckstellen an meinen Fersen gebildet haben. Die Farbe meiner Füße unterscheidet sich zunehmend von der meiner Beine. Aber ich mag das. Hätte Achill in einem Kinderbett geschlafen, dann würde er heute höchstwahrscheinlich noch leben. Aber von Prävention haben die damals wahrscheinlich noch nichts gehört.

Ich öffne das Fenster und beuge mich nach vorne, um besser auf die Straßen unserer kleinen Stadt zu blicken. Leichter Wind fährt mir über den rasierten Kopf und ich spüre wie sich eine Gänsehaut bildet. Anfangs nur an den Armen, sprintet sie über den Rest meines Körpers und bedeckt mich nach kurzen Momenten vollkommen. Die Straße ist leer. Nur eine kaputte Glasflasche, vom Wind unterstützt, sich behutsam in den Schlaf wiegend, spielt eine kleine Melodie auf dem verwitterten Kopfsteinpflaster. Ich schließe die Augen und versuche alles um mich herum einzuatmen. Ich atme so lange ein, bis mein ganzer Körper zu zittern beginnt, dann lasse ich ab von mir.

Das Fenster wird geschlossen und ich werfe mich in mein Gewand. Wie geführt von einem geisterhaften Marionettenspieler setze ich das Rasiermesser mit dem Roteichengriff waagerecht an meinen Hals und ziehe es behutsam nach oben. Da ist kein Widerstand, aber meine Augen, die sich an das spärliche Licht in der Ecke, wo sich mein Waschbecken befindet, gewöhnt haben, realisieren, dass da Schnee fällt. Bärtige Schneeflocken tanzen dem weißen Porzellan entgegen und legen sich dort zur Ruh.

Ich bin schnell fertig, habe ich mich doch vorgestern schon rasiert und mein Bartwuchs beschränkt sich eher auf einzelne Inselchen, die starr auf meinem Gesicht verweilen. Ich gucke in den Spiegel, doch ich sehe nichts.

Am Bett angelangt halte ich kurz inne und überlege, ob ich mir denn Schuhe anziehen solle, aber entscheide mich dagegen, weil mich ja sowieso niemand sehen wird und ich Schuhe eigentlich gar nicht so wirklich leiden kann, um ehrlich zu sein. Ich klopfe mir sanft mit den Handflächen erst auf die Brust, arbeite mich seitlich voran, abwärts an meinen Flanken vorbei in Richtung Hüfte, wo ich sie kurz ruhen lasse, bevor ich sie baumeln lasse. Eins, zwei, drei, vier, fünf Wimpernschläge, ich werfe die Arme nach vorne, atme tief aus und beuge mich nach vorne.

Die Tür knarrt, als ich sie öffne und das verabschiedende Strählchen Licht, das sich für einen Sekundenbruchteil an mir vorbeischiebt, kitzelt die mir gegenüberliegende Tür. Jedoch nicht genug, um sie aufzuwecken. Schneller als gedacht, erreiche ich das Erdgeschoss und trete hinaus auf die noch immer leere Straße.

Ich spüre, wie es beginnt. Ich fange an zu laufen, mein Körper steuert mein Gehirn, ich lasse mich einfach treiben. Denn ich weiß, wo der Körper hinmöchte, wo der Körper hinmuss, um mich als Wirt mein ganzes Leben lang zu tolerieren. Ich bin ein Parasit in meinem eigenen Körper. Ein gutartiger, liebevoller zwar, aber ein Parasit. Wir überqueren Straßen, passieren Häuserfronten, die mir allzu bekannt sind und mir mit einem halbgeöffneten Auge zum Gruß zuzwinkern, bevor sie sich ihrem gemeinsamen Liebhaber wieder hingeben. Wir stolpern nicht, denn wir kennen jeden Stein und jeder Stein kennt uns.

Die Nacht könnte klarer sein. Wolkenfäden weben Hauche von Spinnennetzen auf’s Firmament. Sterne pulsieren im Hintergrund und der Wind bläst meinen Tränen zum Marsch, die sich zögernd aus meinen Augenwinkeln schleichen. Es wird kälter, das spüren wir, aber kalt ist uns nicht.

Am Flussufer angelangt beginne ich mich zu entkleiden, bis ich splitterfasernackt im weichen Ufergras stehe und Sekunde für Sekunde ein bisschen einsinke. Als der Boden meine Knöchel umarmt, mache ich einen Schritt nach vorne und eiskaltes Wasser spült den Fuß rein. Schnell wird der andere nachgezogen, mein Körper spürt, dass es beginnt. Hastig, aber nie ohne Kontrolle begeben wir uns in Richtung unseres angestammten Platzes.

Das Wasser ist in etwa kniehoch, es hat sehr wenig geregnet in letzter Zeit. Ich sehe mich um und die Weide tanzt ein Schlaflied, dirigiert Morpheus‘ Orchester. Nach einigen Momenten stimmen die Ulmen vorsichtig mit ein, die Erlen und Eschen vom Wagemut bestärkt, komplementieren die Sinfonie.

Ich schließe die Augen, lasse los und spüre, wie mein Gesäß zielstrebig die Wasseroberfläche durchstößt, mein Rücken es ihm gleichtut und mir eine kalte, nasse Hand auf den Mund gedrückt wird.

Ich öffne die Augen und atme aus, entledige mich aller Luft. So verharre ich nun, den Blick starr gen Himmel gerichtet. Ich möchte im milchig schwarzen Himmel baden, würde ihn so gerne fassen und liebkosen.

Wie ferngesteuert gleitet mir eine desinteressierte Bachforelle entgegen. Sie hält einen Moment inne und wir belauern uns aus Augenwinkeln, Fisch und Mensch. Ich sehe ihr Leben vor meinem inneren Auge vorbeiziehen und mein Leben zieht an ihrem vorüber. Wie ausgepeitscht schnellt sie nach vorne, verschwindet und meine Sicht verdunkelt sich.

Der Sauerstoffmangel, der sich erst kitzelnd, gar neckisch angebahnt hatte, steht nun mit beiden Beinen im Leben. Nur noch ein kleines bisschen, bitte, nur ein kleines bisschen, flehe ich meinen Körper an und er schenkt mir Gehör. Ein infernales Klirren, jaulende Höllenhunde, krachende Becken penetrieren meine Ohren, verzweifelt kralle ich mich an den losen Steinen des Uferbettes fest, will noch nicht gehen, fühle mich doch so schön verloren.

Wie ein Klappmesser schnellt mein Oberkörper in die Höhe, meine Beine flüchten und plötzlich liege ich mit dem Gesicht nach unten auf diesem gräsernen Himmelbett. Ich winde mich, zwinge mich auf meinen Rücken und durch den Tränenvorhang, der die Realität mit der Imagination verschwimmen lässt, erblicke ich sie wieder. Die Sterne, den Mond und das ewig, glimmende Schwarz. Meine Brust hebt und senkt sich und mein Körper beginnt haltlos zu zittern, aufgeladen durch Euphorie und ich beginne haltlos, tonlos zu lachen. Bitte, bitte, bitte. Ich möchte doch nur liegen bleiben.