Nacht fahren

MICHEL MÜLLER: NACHT FAHREN

Diese Nächte im Spätsommer, wenn sich der Frühherbst schon anschleicht, das Ringen um die Gunst während des Tages noch verliert und dann seinen müde gewordenen Kollegen gen Sonnenuntergang zu Bette trägt, der Wind mit Kopflosigkeit durch die Stadt wischt, ein feuchter Kuss mit Aussicht auf ein baldiges Wiedersehen, dann kriechen die nachtaktiven Lichter durch die Straßen und mein Fahrrad treibt ein zielloses Wesen von Schatten zu Schatten. Döner mäandert durch meine Nase und das alte Fauchen einer bremsenden Straßenbahn etwas hinter mir wabert an meine Kopfhörer. Ein Fußgänger, drei Tretläufe vor mir, trinkt gerade ein Bier, schmeißt sich die Flüssigkeit mit stockender Entschlossenheit in den Rachen und die Gravitation zwingt ihn zu einem Ausfallschritt, eine gleitende Bewegung. Links Rücklichter eines Lastwagens und ein Hauch Diesel umarmen mein Gesicht, als ich durch eine Lücke zwischen den parkenden Autos gleite. Im Rotlicht des Windschattens ziehen sich Häuserfassaden vorbei, mit offenen Türen und rauchenden Menschen als Gäste. Ich will auch eine rauchen. Am Halteverbotsschild klickt das Fahrradschloss, ich nehme meine Kopfhörer ab, greife in meine rechte Jackentasche und ich werde eins mit dem Summen einer Nacht im Innenhof zweier Kneipen.

Ich stehe in der Nähe von Bekannten, die mich gerade nicht sehen können. Mir fallen ihre Namen nicht ein, man sieht sich meist in der Nacht, sagt, dass man sich lange nicht gesehen hat, verabredet sich überschwänglich wieder durchzuschreiben, lass mal auf ein Bier gehen, und verliert sie doch in der Anonymität einer nicht eingespeicherten Nummer, schon bald ertrunken in der Fluktuation der Chatauflistung meines Handys.

Mit Filter im Mund und formenden Fingern schwelgt mein Blick vorbei an bemalten Gesichtern. Feuchter Tabakgeruch, durchbrochen von einem Schwall Lavendel und von etwas, dass ich nicht genau identifizieren kann, als sich eine Frau etwas näher als nötig an mir vorbeischiebt, meinen Fuß suchend kaschiert und sich dann entschuldigend zu mir umdreht, ihre Hand auf meinem Oberarm.

Meine Hand zieht wissend mein Feuerzeug und meine Filter aus der Hosentasche. Du hast noch nicht so oft gedreht, kein Ding, ich dreh dir eine, ist wirklich kein Stress, bin gerade sowieso schon dabei, alles gut. Du studierst Wirtschaftswissenschaften und du malst deine Umgebung schwarz. Aber ich will nicht reden, will nur eine rauchen, gucken, teilnahmslos sein, verschmelzen, du willst reden, macht mir nichts aus, du störst nicht, ich höre gerne zu. Ich schau‘ in ihr Gesicht, sie streicht eine Haarsträhne hinters Ohr und lacht mit unsicherer Miene, mach was, und ich lache tonlos, freundlich und frage etwas Unpersönliches. In der Ecke weint jemand, meine Schuhe haben jetzt ziemlich lange gehalten. Ich nehme einen tiefen Zug von meiner Zigarette, sehe nach links, nach rechts, scheiße, kein Aschenbecher, verabschiede mich, ciao, muss weiter. Sie versteht es, ich bin Nemo, sie hat eine Freundin getroffen, auf die hatte sie gewartet, die Eine auf Toilette für zwei Minuten, die Andere mit ihren Gedanken allein.

Wieder auf der Straße, weg von der Umgebung, ich bin allein und meine Oberschenkel sind sauer, bin schon etwas unterwegs. In der Ferne bekannte Scheinwerfer, man bekommt ein Auge dafür und rolle auf den Bürgersteig, gehe, ein Guss, Fortbewegungsdevolution. Wissende Blicke stieren aus einem Autofensterglas. Meine Hosentasche vibriert in gleichmäßigen Abständen, ich greife hinein, lass es in meiner Hand zu Ende atmen und schalte mein Telefon in den Flugzeugmodus und blicke in den Himmel, aber der ist leer. Nur Wolken und Dunst.

Eine Fußgängerampel und zwei Hände haltende Menschen bremsen mich, ich stehe leicht versetzt, will nicht aufdringlich, nicht bedrohlich sein, will mich nicht so fühlen, als wäre ich aufdringlich und bedrohlich. Die eine Hand legt ihren Daumen auf das Handgelenk der Anderen und ein Körper folgt dem automatisierten Hinweis, ich steige wieder aufs Fahrrad und lasse mich in eine Gasse ziehen, mit gedimmten, aber dennoch zu grellem, blitzenden Licht eines Fernsehers, welches sich durch den mit Holzperlen gesäumten Fadenvorhang vor dem Wohnzimmerfenster zur Straße hinaus drängt.