Zwei mit Wachstischdecke auf dem Küchentisch. Zwei mit Speisekammer, mit Regal, auf dem die Cornflakes stehen, dem sie irgendwann auf Augenhöhe begegnen konnte. Vor der Augenhöhe immer Zucker darüber gestreut. Dass sie sich freut.
Zwei mit “Alles-hat-seinen-Platz”-Leben. Das fängt an mit linker Wand und letztem Küchenschrank: Kaugummis, Zahnstocher mit Fähnchen, Lippenpflegestift, ein Glas mit Murmeln und Perlen, das gute Geschirr, auf dem sich trotz Tür Staub bildet. Kleine Figuren aus Ü-Eiern, Ü-Eier, in denen man ausgefallene Zähne sammelt und auf Watte einen Ring bettet. Unten: Geschirr für Bowle, vielleicht. Die Tür macht niemand mehr auf.
Wie in jedem Raum der beiden halten sich Wände an den Händen, halten zusammen. Nächste Wand: Kein Schrank versteckt die Raufasertapete, ein Stuhl, auf dem nie jemand sitzt, lehnt an ihr. Ein Wäschekorb darunter, der zum Papierkorb wurde, als der Griff brach, weil er zu schwer getragen wurde. Eine hat einen Riss davongetragen. Über der Lebenslinie eine wulstige Linie des Lebens. Im Korb: Fernsehzeitungen, Rentnerreiseangebote und immer Pappe aus den Strumpfhosenverpackungen, die eine jeden Tag unterm Rock trägt. 40 DEN, Champagner, aber eine nennt sie Hautfarbe, obwohl das nicht hinkommt. Einer nimmt davon die Pappe, wenn er etwas zu notieren hat. Die Einlagepappe, um die die Strumpfhose gewickelt wird, ist dick genug und eignet sich für eine Liste. Immer Einkaufsliste. Die Pappe der eigentlichen Verpackung ist zu dünn und hat ein Fenster, durch das man die Strumpfhose im Laden befühlen kann. Ob sie weich ist oder fest genug. Der Tisch ist fast bis an die Wand gerückt. Hat einer der zwei Geburtstag, kann man ihn vorziehen, wenn sich jemand ankündigen sollte. Letztes Jahr kam jemand vom Gemeindevorstand zum Gratulieren. Da hat eine die belegten Brötchen nicht selbst gemacht, sondern kommen lassen.
Vor dem nächsten rechten Winkel steht der kleine Kühlschrank. Alle müssen sich bücken. Zum Beispiel um Joghurt mit der Ecke (den von der Aldi-Eigenmarke) herauszufischen. Eine sagt weißer Joghurt mit Kirschgrütze in der Ecke und will, dass man den mit den Schokoperlen nimmt. Denn das sei Bourbon-Vanille und fein. Im Kühlschrank sind auch Milch und Kondensmilch, Butterkäse, Bierschinken und Kochschinken, Salami und Xalatan, NovoRapid.
Die zwei mit ihrem Küchenfenster in der Wand zwischen Kühlschrank und Speisekammer. Links neben dem Fenster eine Schrotflinte, mit der einer auf Spatzen zielt, die am Gemüse Unruhe stiften. Unter dem Fenster eine Heizung, darauf jeden Mittwoch ein Stück heiße Fleischwurst in Alufolie eingewickelt, für sie warmgehalten. Die zwei bringen sie vom wöchentlichen Einkauf mit. Einer muss im Supermarkt den Wagen schieben, weil er lange schon sein rechtes Bein hinter sich herzieht. Beim Bäcker und beim Metzger bleibt einer im Auto und eine geht allein. Es ist abgesprochen, was, wann, wo gekauft wird. Einlegepappe hilft zu erinnern. Zwei haben eine Geldbörse.
Rechts vom Fenster hängt oben der Allibert. Darin eine Haarbürste mit sogenannten synthetischen Wildschweinborsten und das Rasier-Equipment. Ein Elektrorasierer. Der Rasierpinsel mit echten Wildschweinborsten nur zur Reinigung des Gerätes und der Wachstischdecke notwendig. Eine von zwei steht jede Woche daneben, wenn einer fast fertig ist und wartet darauf, dass ihr das Kinn entlang gefahren wird. Letzte Wege führen die schwarze kleine Maschine mit den drei ineinandergreifenden Rasierrädern immer zuletzt über seine lange, weiß schimmernde Narbe, die wie eine Kette den gesamten Hals schmückt und eine Grenze zwischen Leben und Tod markiert. Eine sorgt seit dem Eingriff dafür, dass zu Hause keine Partikel Schaden anrichten und so wird nach ihrer kurzen, mal mehr mal weniger liebevollen Rasur sauber gemacht. Die Wachstischdecke von potenziell gefährlichen Überresten befreien, weil hier ein Ort der Ruhe und Ordnung sein soll. Gleichzeitig dreht einer sich um, um ein Kneipchen aus der Schublade zu holen. Kartoffeln schälen, die zuvor aus dem Keller und davor selbst vom Acker geholt wurden. Die Plastikschale, in der einmal Suppengemüse nach Hause getragen wurde, dient den besonders dreckigen, nach Keller und Grab riechenden Schalen als Auffangbecken.
Letzte Wand: Spüle und Gasherd mit den einzelnen Kochplatten, auf denen immer schon ein zum Teil abgebranntes Streichholz liegt. Das nutzt eine, um mit dem Feuer der einen Platte eine neue zu entfachen. Sparsamkeit und weil die steifen Finger nicht mehr fest zu packen können. Rechts neben dem Herd auf dem Boden stehen River-Limonaden und Justus-Brunnen-Classic-Flaschen. Es gibt keine Cola bei den zweien. Nur grüne und gelbe Limo. Das sei gesünder, meint eine. Orange und Limette.
Zwei mit ihrem “Alles hat seinen Platz”. Auch das Herz, nämlich den rechten. Das hat sie erst viel später verstanden, weil schon früh gelernt wurde, dass das Herz links sitzt, eher in der Mitte, aber eben auf der linken Seite. Sie hat lange gedacht, dass das, was draußen gelernt wird, nicht mitgebracht werden kann. Sie dachte, es hätte keinen Platz, weil alles schon seinen Platz hat. Sie wollte nichts verstellen, in den Raum stellen oder jemanden bloßstellen.
An einem Montag: eins plus eins ergab 1967 zwei und 1970 drei. Zwei Jahre später, vier und 22 Jahre später ergaben eins und eins wieder drei und fünf Jahre später vier und diese Nummer vier ist fast groß und verbringt ab und zu Zeit bei zweien. Dann sind zwei plus vier, drei.
Drei essen Mittag um 12. Es gibt Suppe, dann Pellkartoffeln mit Stippe. An diesem Tag noch Schokopudding mit Eischnee. Eine fragt nicht und gibt die dicke, dunkle Haut, zwinkert währenddessen. Sie beißt sich da durch, lächelt schief und kneift zusammen, statt zurück zu zwinkern. Drei spülen gemeinsam, stellen die Gläser, aus denen fast alle die grüne Limo getrunken haben, direkt hinter der Spüle ab. Sie sehen aus wie kleine Bierhumpen. Früher war mal Senf drin. Sie haben einen Henkel, durch den keiner einen Finger stecken kann. Einem fehlt dank der Stanze seit gut 30 Jahren ohnehin der Zeigefinger. Manchmal streckt er den Stumpen hoch in die Luft, wenn er was sagen will. Kein Ton, kein Wort, nur ein halber Finger und alle sind sofort still.
Als letztes geht eine mit dem gelben Lappen über die Wachstischdecke und der aufgewärmte Raum wird noch ein paar Stunden nach Stippchensoße und Spülmittel riechen.
Einer macht einen Mittagschlaf, sie geht fernsehen, eine bleibt in der Küche, um Socken zu stopfen, oder was nähen, ein paar Minuten im Fernsehprogramm stöbern.
Der Nachmittag frisst die Zeit, die früher die Arbeit sich nahm und nun machen drei sich trotzdem auf, in dem alten roten Renault, der immer nach Pups riecht, eine zur Arbeit zu bringen. Denn es reicht nicht, obwohl alles seinen Platz hat.
Zwei Orte weiter halten drei unter einer Autobahnbrücke gegenüber einer großen Firma. Es ist so heiß heute, dass die Hitze von den Lkw abprallt und sichtbar Wellen in die Luft entlässt. Eine steigt aus, winkt noch zweimal, dann wird ihr leicht gebeugter, schwankender Gang immer kleiner, dann kräuseln sich die kleinen weißen Dauerwellen-Locken in die Wellen der Hitze über den Lkw und alles verschwimmt zwischen Parkplatz und Ruhestand. Vor dem Aussteigen sagt eine noch stolz „bis gleich!“, später nur kurz nach dem Einsteigen, dass mit einem Fernfahrer gefeixt wurde, obwohl beide nicht die gleiche Sprache sprechen. Jede Toilette hat ihren Platz. Die Reihenfolge ist täglich die gleiche, außer eine Toilette ist gerade besetzt. Dann muss abgewichen werden, aber auch dafür gibt es einen Plan. Die Ordnung hält das Chaos zusammen.
Eine weiß einfach, wie das alles zu nehmen ist: der Ischiasnerv, das Kochen, die Besitzer des Kartoffelackers, die nicht gesprochene Sprache, seine nicht heilenden Wunden an den Beinen, die Scheißerückstände in den Klos der Logistikfirma, dass sie immer seltener da ist, die Hitze, die Kälte, die Erinnerungen, alles. Nämlich ruckartig auf die Brust umsetzen, tiefer Atemzug und dann mit Schwung aus den Beinen über den Kopf. Eine hält alles so lange über sich, mit durchgestreckten Armen, bis der ganze Körper anfängt zu zittern.
Viermal haben zwei die zwei Ortschaften heute durchkreuzt, zweimal waren sie drei und als sie wieder kommen, wie an ihren Platz gestellt, gibt es schon bald darauf Abendbrot. Eine kocht seit einiger Zeit auf neue Art Tee. Nicht mehr nur eine Sorte, sondern ein Beutel Pfefferminze und einen Früchtetee. Während zwei sich umarmen, steigt eine Mischung aus Schweiß und scharfen Reinigern in die Nase. Jeder bekommt zwei Süßstofftabletten, die schön sprudelnd an der Oberfläche vergehen.
Graubrot und Bierschinken, Graubrot und Butterkäse, Graubrot und Kochschinken und drei sind satt.
Wenn sie dabei ist beim Abendessen, dann stellen sie alles auf den Wohnzimmertisch und schauen Fernsehen beim Essen. Geordnet. Kein Teller verlässt zum Essen den Tisch. Unterm Stövchen brennt eine Kerze.
Diese Wohnung hat mehr als einen Raum. Wände schauen immer nur zu. Wenn jemand kommt, bleibt, geht. Sie mischen sich nicht ein. Sie fassen ein. Nach Hause will heimgekommen werden von allem.
Irgendwann viel später: reden drei nicht mehr. Einer ist tot, lange gelitten. Sie schiebt die Entfernung, die der neue Job zwischen die drei brachte, vor, um klarzumachen, dass sie nicht kommt. Eine hat jetzt lange weiße Haare am Kinn.