Ausgabe 01

  • 01/02/2019

Inhaltsverzeichnis

Vorwort #1

So erblickt sie also erstmalig das Licht der Welt, starrt euch heute von jungfräulichem Weiß entgegen, windet Worte und konstruiert Geschichten und wartet brennend auf Reaktionen, Reflexionen, Interaktion. Denn was ist sie überhaupt, diese KLW, fragt ihr euch zu Recht verwundert? Nebst sprudelndem Pfirsichblütenquell im Bambushain von parfümierten Literaturpudeln zusammenfantasierte Zauberei? Wir hoffen nicht. Denn vor allem will sie nur eines sein: Plattform und Sprachrohr für all jene, die sich berufen fühlen zu pinseln und kritzeln, ungefiltert und schrankenlos zu Wort kommen lassen, wer immer da zu Wort kommen will. Und das schließt auch – oder eher vor allem – euch ein, liebe Leser. Wie bitte, eine Literaturzeitschrift in der sich nicht nur erwähnte Pudel profilieren wollen? Nein, denn es gehören schließlich stets zwei zum Käsekuchen backen. In diesem Sinne erwarten wir Berge und Meere an Briefen, scheut euch nicht und greift zum Stift, schreibt uns eure Gedanken, eure Geschichten, egal ob ihr uns liebt oder komplett Kacke findet. Aber zunächst hoffen wir hier erstmal, das ihr über den folgenden Worten bei einem Glas Wasser die Tristesse des Lebens vergessen könnt.


Der Fremde

Es ist dann doch wie Marc es mal beschrieben hatte: Wie sie kommen, wie sie aussehen, sogar die Situation ist ähnlich. Man kann fast drüber lachen. Ehrlich jetzt. Die Bahn rattert über den Platz und ich sehe sie mir an, sehe die muskelbepackten Beine meiner glatzköpfigen Jäger in Camouflage-Hosen zur Schau gestellt. Dann sehe ich an mir herunter, sehe meine Stiefel in denen ich kaum rennen kann und sehe vielleicht sogar noch ein bisschen Blut, ich bin mir nicht sicher, aber ich habe keine Angst. Allerdings doch ein bisschen. Ein bisschen schamhafte Angst vor den Schmerzen oder eher Angst davor, Angst zu haben. Von außen bin ich ruhig und ich stehe auf und ich bahne mir langsam den Weg zur Tür. Marc kam auf mich zu. Also nicht direkt, er musste sich ja einen Weg durch die Zelte bahnen. Wahrscheinlich kam er auch nicht auf mich zu, wir kannten uns ja nicht und vielleicht wäre es besser, wenn ich das heute noch sagen könnte. Ob hier jemand Lust auf eine Nah-Ost Debatte hätte, rief er über den Platz und die meisten ignorierten ihn, weil es noch früh war, festivalfrüh – die meisten mussten erstmal in der Hitze den Kater verarbeiten oder sich zu den Toiletten und Duschen aufmachen, da wollte man eben nicht mit Marc diskutieren. Ich ja auch nicht, aber dann hatte ich ihm doch zugerufen: „Ich glaube immer noch an eine Zwei Staaten-Lösung“, worauf er seine Bierdose nach mir warf. Sie nannten ihn „Bomber-Marc“ und wir hatten dann geredet und wurden Freunde. Geredet über Israel, über Antisemiten, über die RAF, den Typen am Zelteingang mit dem Shirt von der falschen Band, die das Falsche sagt und über die richtigen Bands, die das richtige sagen und natürlich Nazis. Worüber junge Menschen ebenso reden. Natürlich reden junge Menschen nicht über sowas, aber vielleicht ist das ja gerade der Punkt, dass wir zwar nicht normal sind, aber eben trotzdem da. Wir verstanden uns, also ich verstand ihn und er verstand mich und ja, wir verstanden wohl zu wenig von den Dingen um uns rum, aber sicherlich verstanden diese Dinge auch zu wenig von uns.

„Nun sag, wie hältst du es mit der Gewalt“, fragte ich. Marc wusste sofort was ich meinte und sagte mir, ich solle nicht so urteilen. Nicht so arrogant, nicht so altklug und was ich denn getan hätte, für die Demokratie und ihre Werte, ob es denn die Wahl war die ich verschlafen hatte oder der Facebook Kommentar über Frieden, den ich geteilt hatte oder die Demo, die ich vergessen hatte; solche Dinge sagte er oder so ähnlich. Irgendwann erkennt man, dass es um Menschenleben geht und da ist eine brennende Mülltonne nicht zu viel, ein Ziegelstein nicht zu viel, nein, es ist das nötige Minimum als wachrüttelnde Antwort an den Wahnsinn; solche Dinge sagte er oder so ähnlich. Über das Kämpfen sollte man nicht urteilen, wenn man nie kämpfen musste und man sollte nicht urteilen und einem Obdachlosen geht es trotzdem mies, auch wenn du ein Leben lang so tust als würdest du ihn nicht sehen und einem Obdachlosen geht es trotzdem mies, auch wenn du dir ein Leben lang einredest, dass du einer von den Guten warst. Irgendwann dann bist du wie ich und ja, ja, ja dann bist du immer nur besoffen, um das alles zu ertragen und wenn dann Steine fliegen, dann fragst du nicht mehr wieso; solche Dinge sagte er oder so ähnlich. Einen Punkt hatte er oder einen Punkt hatte er getroffen, denn ich war vorher nie aktiv und ich hatte nie geholfen, aber Gewalt war eben nicht meine Art und das ging für mich nicht klar. Ich hatte Marc noch gefragt wie das so ist, wenn man da drin ist und er redete ganz ruhig. Wenn sie kommen, dann erkennt man sie. Dann weißt du, was du machen musst. Du kannst dir ungefähr vorstellen, wie Faschos aussehen oder? Gut. Dann kommt es darauf an, wo du bist. In der Stadt? Gut. In einem Vorort? Nicht so gut. Die Nähe von Menschen ist gut, aber verlass dich nicht darauf. Letztendlich ist alles egal. Am Ende musst du rennen. So schnell du kannst.

Das hatte Eindruck bei mir gemacht, ob positiv oder negativ oder wen interessiert das, manche wie Marc reden viel Scheiße, aber das hatte Eindruck bei mir gemacht. Doch Marc mochte ich, denn er war ein herzensguter Typ und deswegen wurden wir dann Freunde und wir klauten dann noch eine Deutschlandfahne von einem Zeltplatz und das war lustig und es hat Spaß gemacht und das war ja nichts Schlimmes und sie nannten ihn „Bomber-Marc“.

Die Jahre zogen ins Land und wir in die Stadt. In den Osten, da wo noch Platz für uns war, da wo der Platz billig war, denn wir hatten keine Aussichten, wer kann sich denn auch konzentrieren, wenn doch so viel Scheiße passiert. Doch Platz fühlt sich nur eine Zeitlang wie Freiheit an, bis es auf der Grenze zu Leere balanciert. Ist nicht alles schlecht im Osten, denn auf eine verkorkste Weise hatten wir ein Zuhause gefunden; in der Szene, in lauter Musik, in Spätverkäufen und der Straße, in Podiumsdiskussionen, in Body Acceptance und Septums, in selbstgemachten Tattoos, in veganen BBQs und Adorno hat gesagt, in Gleichgesinnten, mit denen wir die Themen diskutierten, über die wir mit unseren Eltern nie geredet hatten, weil wir uns nicht trauten, weil wir Angst hatten, von den wichtigsten Menschen in unseren Leben enttäuscht zu werden. Dann kamen die Flüchtlinge und dann wurde alles anders. Vielleicht nur ein bisschen, vielleicht wurden wir nur älter oder kälter und dann wurde alles anders.

Als ich Videos von einer HOGESA-Demo im Netz sah, da musste ich raus. Ich ging raus und rauchte drei am Stück und ging immer wieder im Kreis und dachte an alles, was ich sagen möchte, aber mich hat keiner gefragt. Es gibt wohl so 7 Milliarden Menschen auf der Welt und da kann ich auch keinem einen Vorwurf machen, wenn niemand merkt, dass gerade ich zerbreche und alles in allem bin ich nur ein weiterer Ziegelstein in der Mauer. Darauf bereitet dich niemand vor, nein, die Fernseher, die uns großzogen, sagten, dass wir die beste aller Zeiten haben und die Schulen und die Kirchen und die Traditionen nährten uns mit dem Gedanken, dass die Welt gut ist, aber es ist alles nur heiße Luft, heiße, heiße Luft. Aber ich fühle mich zu jung für diese Schmerzen und das Internet hat alles intensiver gemacht und alles allgegenwärtiger, aber auch in der Realität wurden wir mit der Realität konfrontiert. Wenn du mit der Bahn zu weit aus dem Kiez fährst, wenn du nach Hause kommst, es gibt kein ruhiges Hinterland. Wenn du dich zu lange in den Kommentarspalten hin und her bewegst. Es gibt kein ruhiges Hinterland und alles hier ist so laut und vielleicht deabonnierst du lieber mal die Tagesschau. Es gibt kein ruhiges Internet und jeden Tag war ich dort und es gibt kein ruhiges Internet und ich las immer die Kommentare und ich wusste es tut mir eigentlich nicht gut, aber ich konnte nicht anders. Ich las sie und wollte sie widerlegen. Ich las sie und wollte sie überschreien und ich las sie und wollte sie schlagen, damit sie wissen, wie ich mich fühle. Ich las sie und sie brannten sich ein und da war ein Gefühl, als strömte Blut in meinen Kopf und ich glaube, dass es Wut ist und wenn Gift zu lange in dir bleibt, dann stirbst du irgendwann. Dann werden die Tage länger oder kürzer und stattdessen die Nächte oder beides oder alles ist einfach so lang und meine Gedanken flackern nur in der Dunkelheit. Irgendwann gehst du auch seltener nach Hause, irgendwann ist jedes Familienessen nur noch Strategie und mal lieber schauen was sonst noch los ist. Auch keiner meiner alten Freunde kennt mich noch und sie waren schockiert, dass an dem Tag die Autos brannten und ich war 364 Tage schockiert, dass sie nicht längst verkohlt waren und ich glaube aufzuwachen und an etwas zu glauben ist ein Fehler und wenn Gift zu lange in dir bleibt, dann stirbst du irgendwann. Damals, als wir am Markt einzogen, warfen sie bei den Linken die Scheiben ein und ein halbes Jahr später zerlegten wir unser Viertel, nur weil wir es dürfen, weil wir nehmen können, was wir gebaut haben, weil es den Lärm wert ist. 

Ein Jahr später jagten uns 250 Nazis durch dieses Viertel, jagten unsere Freunde, jagten die ausländischen Verkäufer und einen Tag darauf erzählte die Polizei der Presse irgendwas von Hooligans. Aber das eine war Material und das andere Jagd auf Menschen. Das eine war eine Mülltonne und das andere war Noah, der doch nur zur falschen Zeit am falschen Ort war. Es stimmt, was sie sagen. Da ist ein Unterschied und ich war wütend auf die, die immer sagten, Gewalt sei immer gleich. Was weißt du schon, du hast ein Hufeisen im Kopf und ich einen Baseballschläger, was weißt du schon. Marc meinte, er weiß, wer einer von denen ist, weil Noah ihn wiedererkannt hat und wo der wohnt und der hat da vieles in die Wege geleitet und wir könnten da rein. Marc weiß, dass er da nicht zu Hause ist und wir schmieren da was hin und das wäre ihm ein Denkzettel. Die ersten haben mich in der Kiez-Oase auch schon enttäuscht, aber ein paar Leute waren doch dabei und lass die anderen ihr nutzloses Plenum machen. Wir jagten unseren Schatten im Laternenlicht hinterher und rauchten viel zur Beruhigung und zogen die Sturmmasken erst im Treppenhaus auf. An der Tür fragte ich mich was ich hier mache, aber nur kurz und dann hatte Frank schon das Schloss geknackt. Wir sind eingebrochen, Neubau etwas außerhalb, kleine Bude, sporadisch, aber zugemüllt. Dann war er doch zu Hause, zwar im Bett, aber aufgewacht und er hatte eine Waffe, eine Pistole auf dem Tisch rechts vom Bett und wollte sie greifen, aber Jonas warf ihn zu Boden und ich trat zu mit meinen Stiefeln mit ihren verstärkten Sohlen. Wieder und immer wieder und Marc schnappte sich die Waffe und entfernte das Magazin, aber ich trat weiter auf ihn ein und das Blut schoss mir wieder in den Kopf und all die Worte, die ich las und wenn Gift zu lange in dir bleibt, dann stirbst du irgendwann. Marc zog mich weg. Weg von dem blutenden Mann am Boden, der sich schwach krümmte und oh Gott und mir war so heiß und ich hörte nichts und zog die Maske aus und hörte nichts und ging. Ich ging einfach raus und Marc rief mir wohl hinter her und er holte mich auf der Straße ein. Aber er war nicht wütend und er war nicht entsetzt und er war zu meinem Spiegel geworden oder ich zu seinem und es schockierte mich nicht mehr, schockiert zu sein und er meinte, ich soll nach Hause gehen und es ist nichts passiert, aber ich sollte aufpassen. Er hatte vielleicht mein Gesicht gesehen, vielleicht meinen Namen gehört und sie könnten mich finden und ich ging nach Hause und ich bin extra leise, um meine Mitbewohner nicht aufzuwecken und ich bin extra leise, weil es schon zu spät ist und ich bin extra leise, weil es keinen Gott mehr gibt. Endlich werde ich ruhiger. Endlich finde ich die Ruhe und endlich ist meine Gleichgültigkeit unendlich. Da ist so viel was brennen kann, aber nur so wenig was löschen kann. Irgendwann legte ich mich ins Bett und dann schlief ich wohl ein.

Die Bahn rattert über den Platz und ich sehe sie mir an, sehe die muskelbepackten Beine meiner glatzköpfigen Jäger in Camouflage-Hosen zur Schau gestellt. Dann sehe ich an mir herunter, sehe meine Stiefel, in denen ich kaum rennen kann und sehe vielleicht sogar noch ein bisschen Blut, ich bin mir nicht sicher, aber ich habe keine Angst. Allerdings doch ein bisschen. Ein bisschen schamhafte Angst vor den Schmerzen oder eher Angst davor, Angst zu haben. Von außen bin ich ruhig und ich stehe auf und ich bahne mir langsam den Weg zur Tür. Die Tür geht auf und ich renne los und ich weiß nicht ob das der Anfang oder das Ende ist, ob das hier so weitergeht oder ob es aufhört und ich bin zu jung für diese Schmerzen.


Nachwort #1

VITALITÄT VERKAUFEN: Später komme ich zu den Dingen, die man von mir, einem Nachwort, erwartet. Die Peitsche meines Setzers schlägt ruckartig links und rechts von mir ein, trifft mich also nicht; tut mir leid, Anton. Allem Trotz zum Trotz ist es der zweite Versuch. Bereits beim Ersten saß ich in einer nicht näher genannten Kneipe und imaginierte. Der Erste war ihm, meinem Setzer, zu brav, er hatte etwas mehr „in die Fresse“ erwartet.

Beiden Versuchen wohnt inne: Energie, eher Vitalität, zu verkaufen. Vitalität als Ware, welche man sein gesamtes Leben feilbietet.

SEID GEFICKT!, waren die ersten Grüße, die mir daher kamen. Fühlen Sie sich bitte so, denn ich darf wohl davon ausgehen, das Leben macht auch vor Ihnen nicht Halt. Ist das genug in die Fresse?

Sehen Sie, werte Leser*in, Energie, Vitalität, hin oder her, der Ton ist es, der Ton, die Saite, die schwingt. Ich weiß nicht, welchen ich spielen soll. KLW. Haben wir Topffrisuren? Kahle Schädel? Reden wir Ihnen gut zu? Oder schreien wir, speien Ihnen ins Gesicht? Gift, Lava, Glitter?

In meinem Kopf steht eine bürgerliche Familie. Sie wendet sich ab. Sie benutzen keine Schimpfworte – habe ich Verlustängste, bezogen auf etwaige Klientel? Angst davor mich anzubiedern? Wenn Sie gehen, gehen Sie. Wenn Sie bleiben, bleiben Sie. Wenn sie gehen, gehen sie. Wenn sie bleiben, bleiben sie.

Lassen Sie mich fragen: nach Ihrem Befinden. Weingeschwängert. Selig, bacchantisch, liegen wir uns in den Armen und ich frage, der rote Weinnebel kriecht aus meinem Maul, ob Sie es geschafft haben.

„Was?“, fragen Sie. „Bis zur letzten Zeile …?“
„Nein, nö, ach nein, Mamadovs ‚schlechte Lyrik‘ gab mir den Rest!“

Eine andere Leser*in, mustergültig: „Habe ich, bis zum Schluss, ja, geschafft. Anton Maria Mosers ‚Der Mops‘.“ Und sie fiel tot um. Leser-Nachwort-Fusion. Ein mehr als würdiger Abgang, die Kür wie man so sagt. Ich verstecke mich nicht.

V.i.S.d.BayPrG: Verantwortlicher im Sinne des Bayerischen Pressegesetzes. Was Ihnen gefiel, senden Sie es ein. Was Ihnen missfiel – wutentbrannt – kochen Sie nicht herunter und nehmen Sie auf den gereizten Magen keine Tasse Kamillentee – senden Sie es ein. Lassen Sie es regnen. Kritiken, Lob, Anregungen, Leserbriefe.

Vielleicht ist die Erwartung erfüllt?
(Mir geht jetzt auch der Platz aus.) Dank an Anna für verführerische Kekse. Dank an Luis für den Kameraverleih.

„wir erloeschen auf parkbaenken mit konturlosem gesicht“  – Nora Hofmann