Ausgabe 05

  • 01/08/2020

Vorwort #5

Sechzehn Uhr, Oberthürstraße, auf Bruchstücken, die mal eine Treppe waren, sitzend, glühend, warten bis das galaktische Jahr seine Wendung nimmt, sodass der Schein versiegt, die rückgratlose Glut seine Rückansicht zeigt. Ist die Sonne eine Scheibe? Was kommt dahinter? Der Mond? Wer hier wen findet, bleibt ungeklärt.

Wir steigen ein.

Patient zerrüttet, aufgewühlt im Ausdruck, erregtes, abgehacktes Reden, heiße Stirn, weiße, blasige Zunge, schwere, tief unterlaufene Augen, bei Lichteinfall weitende Pupillen und hochschreckende Lider, dringender Blick bei sonst schlaffem Körper, unregelmäßige Spastik.

Patient wer wenn nicht wir? das hipp hipp mit der brustikussi bärenpfote. bäääääääh. dem mörder der gärtner. Mir ein baby-pils. lutzi wutzi. bääääääh.

„Können Sie mir sagen wie viele Finger ich hochhalte?“

Patient ich komme von da-a. hallo! wo, tüüü und taaa. und der große Mann mit dem. (holt tief Luft, die er vorerst in den Backen belässt und dann heraus prustet, bewegt gleichzeitig seine Arme wie ein Roboter)

„Dieser Mann, ein Mann, hat Sie hierher gebracht?“

Patient haaaaaaaaaaaaa, erwischt! mann, ha! es soll das sein wie nicht. oben, unten, nicht. anderes, nicht. vielleicht die zähne (schlägt sein Mundwerkzeug beißend auf und zu). krieg und maschine!

„Kein Mann?“

Patient nicht!

„Also gut, kein Mann. Können Sie uns Angaben dazu machen? Zu Ihrer Person? Ausweise?“

Patient bääääääh. schau! (deutet mit seinem ausgestreckten rechten Zeigefinger auf seine gerade in die Luft ausgestreckte linke Handinnenfläche)

„Okay, macht keine Angaben zu seiner eigenen Person (zu sich selbst). Wir bewerten Ihren Zustand als kritisch. Vorsorglich würden wir Sie gerne erstmal mitnehmen. Ist das oke für Sie?“ (bewegt seine Hand langsam vor dem Gesicht des Patienten hin und her, da er sich die Aufmerksamkeit mit der Sonne teilen muss)

Patient es ist zeit, ohja. nie, nie, nie, nie werden sie und sie und sie. nein, nein, nein, nicht mit uns. der flieger und pah, piu, pah, piu. (steckt sich den linken Zeigefinger in das rechte Ohr sowie den rechten Zeigefinger in das linke Ohr, kreist zusätzlich mit dem Oberkörper). bitte, bitte, bitte. (beginnt zu schluchzen)

.„Ich werde Sie nun anschnallen. Legen Sie dazu bitte Ihren Oberkörper nieder. Ein Kollege bleibt hinten, hier, bei Ihnen. Wenn Sie etwas brauchen, dann heben Sie einfach die Hand, der Kollege ist da.“

Patient hebt die Hand


Die Eineurotragödie

Der Kardinal-Faulhaber-Platz ist grün. Die Frau von der Bratwursthütte am Eck der Kreuzung dreht wieder die Feuerwürste auf dem Grill. Ein Mann platzt wie ein Kondom in eine Gruppe Schulmädchen, lässt eine Tirade regnen; er weiß: „Früher, jahaa, da haben wir noch miteinander GEREDET!“ Das sagt er im Vorübergehen. Anderswo werden junge Knaben verknuschpert. Jakub Gortat denkt an die Frau mit den marmorierten Oberschenkeln und der betörenden Stimme, denn dieser hat er den Begriff abspenstig gemacht: verknuschpert. Betörend, weil sie so gut ist, auf der Bühne. War, sollte er sagen, denn er fand Traditionen in ihrer Vergangenheit, die er nicht mittragen will: Poetry-Slam-Auftritte. Der Begriff blieb.

Er sitzt auf verschweißtem, gittrigem Metall, wird hineingedrückt durch den beachtlichen Stapel Bücher auf seinem Schoß. Ihm blieb vorerst nichts anderes als sie aus der Bibliothek zu leihen, es ist ja kostenlos. Es ist ein diesiger Frühlingstag im Zentrum der Stadt, er schwitzt, der Himmel ist blau. Den letzten Winkel des Bushaltestellenhäuschens teilt Jakub Gortat sich mit einem Mädchen; Stephana vielleicht. Die Patronin des Geldes.


Verehrte Damen und Herren,

eine Dynamik zum Überborden hätte sich über Sie ausbreiten sollen, ich bin nicht der Einzige, kann nicht der Einzige sein; die Empörung sitzt überall. Dreißigtausend Euro, stillschweigend davongetragen. Was machen Sie denn damit? Bewahren Sie Ihre Eineuromünzen auf wie Augäpfel in alkoholgefüllten Schraubgläsern? Wie ein blubberndes Ächzen einer versunkenen Tiefseetruhe? Haben Sie sich einen neuen Mittelklassewagen für die Hinterteile Ihrer Beamt:innen angeschafft? Oh Großer, oh Großer. Sie treiben einen faulen Handel, Sie verarschen.

Denn das Theater ist leer, es gibt nichts zu sehen. Dennoch zahlt die Studentenschaft Ihrem Studentenwerk den einen Euro im Semesterbeitrag, obwohl keine Karten zu haben sind. Bei dreißigtausend Student:innen – Sie wissen. Und halten uns davon ab den fahrenden Schauspielkompanien den übrigen Groschen zuteil werden zu lassen, dem Verweigerer, dem Schnorrer. Sogar dem Naturschutzbund ist mit einem Euro im Monat schon geholfen! Das kann Sie gar nicht interessieren, Sie setzen die Leute immerhin auf die Straße, auf den Asphalt.

Die vollen Blasen, die leeren Mägen.


Sehr verehrte Damen und Herren,

ich nehme nicht an, dass ich der Einzige bin. Sollte ich das? Im Trachten nach Gerechtigkeit stößt man die Menschlichkeit um. Auch Sie brauchen jeden Cent, retten, erhalten Arbeitsplätze –


Es liegen jetzt lange Schläuche, gerillt, über den Boden gelegt. Es ist einsehbar, da die letzte Wand, die letzte Mauer, die letzte Fassade zur Straßenseite noch nicht hochgezogen ist. An der anderen Straßenecke leuchtet thronend, über den Dächern, die Leuchtreklame des Hofbräus; Jakub Gortat bekam ein Prospekt des Theaters zu fassen, die Baupläne sind dort vorgestellt, und er kann nicht schlafen, er steht und vergleicht die Baupläne, die Entwürfe des Architekten mit der dargebotenen Physis, vor der er steht. Vor den hölzernen Sperrwänden am Trottoir. Sie sind bemalt, mit Bildern von vergangenen Aufführungen, mit Durchhalteparolen und Geflachse – „Bauspiel“ statt „Schauspiel“, und „Schaustelle“ statt „Baustelle“, „Geschlossene Gesellschaft“ usf. Ihm fehlen viele Dinge, vor allem der Ernst. Die Kammerspiele, von denen der Intendant schrieb, sie seien nach dem Umbau, nach der Transformation zum Staatstheater, obsolet. Sie hätten sich nicht rentiert, und man hatte sie als Notlösung unter die Besucher geworfen, als Kellerveranstaltung.

Eine Straßenlaterne sendet ein gleichgültiges Licht auf Jakub Gortats Erscheinung, und während der Wind spielt, schauern ein paar lallende Stimmen seine Schultern auf Spannung; er zieht sie kantig nach vorne. Er kennt die Namen der Kammerstücke nicht mehr, die er gesehen hatte, doch die entblößten Arschbacken eines Schauspielers, in ein Lederwams gekleidet, eine Vergewaltigung darstellend, das hatte ihn verstört, oder weiße Transparente, hinter welchen der Bus niemals ankam für seine Passagiere. Auf eine sonderbare Art schien ein plötzlicher Reichtum nicht weit, wenn er durch das Foyer des Theaters stromerte.

Die roten Lippen der Tochter von Steymanns waren ebenso rot wie die der Anna Karenina. Zum unzähligsten Male warf sich Anna gesamten Leibes auf ein Kanapee, im Fieber, im Korsett, ringend, und die pochenden, unmisslichen Köpfe des Publikums waren auf die Bühne geschnallt. Jakub Gortat mochte sich nicht fortreißen, gleichzeitig verlangte er ein Loseisen, einmal zu ergreifen ihre Hand, Anna, Anna Steymanns, mit Sack und Pack runter den Stiefel; Sizilien, und bei due espressi den Tisch klopfen, zusammen mit Anna Entführtenbriefe schreiben und Lösegelder pressen. Eng um das Herz ist ihm noch immer dabei. Ein Pan, ein Pan sein.

Solange die dicke Haushälterin ihre Ammenmärchen erzählte, die großen Damen ihre Rippen zum Beben hergaben, es bei Herkules hieß „Theben erleben und sterben“, so lang. Selbst die drapierten, modernen Tänze – immer musste jemand auf dem Bühnenboden liegen um das Parkett morsch zu machen – sie hatten seine Mundwinkel gekitzelt im großen Saal. Wie war es noch mit den Schauspielerinnen nach den Vorstellungen im Theatercafé unter der Leuchtreklame zu trinken!

„Gebt nach, ihr Pfeiler“, sagt Jakub Gortat in die Dunkelheit hinein. Er sucht das Sicherheitspersonal mit dem Schlüsselbund, den gepanzerten Familienwagen, und sitzt ohne Wand im höchsten Stock der Baustelle, kratzt mit einem umhergelegenen Werkzeug die schwarzen Rillen eines Bauschlauches. Plastische Töne johlen.


Wie einen beizeiten der Regen erfasst, weit gekommen, die Wege voll mit Hundekot. Da rennt er nach dem Landsmann entlang der derben Kasernen am Fluss und stolpert über Kopfsteine, am Gitter die Schlingen aus Efeu. Du, Thor, Du!, kalte Knochen in den Dienst gestellt, wozu?!, wozu?!, und das Rattern der Klingelschilder. Wenn es einen Freund zu finden gäbe, eine Frau zu entführen, ein Bett zu liegen, EINEN EURO.

Jakub Gortats Mutter leitet in Südgalizien eine Reinigungsfirma, meist steht der Wagen vor dem Heuspeicher.


Feiglinge,
ich fordere die Aushändigung der Dreißigtausend.


Nachwort #5

Orgiastische Momentaufnahmen – die Gedanken im Türspalt eingeklemmt. Durchgequalmte Nächte, versoffene Szenen. Glück Auf! #5 lebt, die KLW lebt wie nie zuvor!

Kurz zuvor: Mit dem Unterboden schon an der Abbruchkante gekratzt; filmreife Kamerafahrten. Tick tick … dem Untergang nahe. Dann: Der weiße Ritter auf seinem edlen Pferd – ausgelutscht, was Neues muss her! Der Ritter – Sechstagebart, Filzhut, Second-hand-Trenchcoat in oliv. Das Pferd – Eine Kiste Wein samt Schreibflug. Der Habitusforscher biss sich die Zähne aus. Ausblende … Einblende: Detonation, Deflagration. Geigen im Stakkato. Der Wagen wieder waagerecht,

Motor noch intakt, Achsen ungebrochen am Rotieren. Blick auf die Rückbank: Ein neuer Passagier; Fahrt in den Sonnenuntergang.

Sie haben es erraten: Dies soll das Nachwort sein! Sie fragen sich, wann der Film in die Kinos kommt? Sie haben ihn gerade gelesen, auf den letzten knapp 38 Seiten. Die Szenen sind authentisch, sie spielen sich zwischen den Zeilen ab – wie so vieles anderes Essenzielles. Worte werden schließlich nicht von alleine zu schwarzen Dreckflecken auf unschuldig weißem Papier. Um Cicero zu zitieren: „Am Ende mögen dort Bücher sein, am Anfang war das Chaos.“ – Chaos ohne Theorie. Flaschen voll Sliwowitz später, offene Gesellschaft hinter blau-weiß-blauer Tür, der Preuße mit gedachter Pickelhaube. Die Ausgabe wurde gezimmert, eine Satzung, eine Grundsatzdebatte. Blaue Einsatzlichter, schwarze Kripo-Limousinen, Totschlag, Schusswechsel – das nur für die Epik, nicht die Realität. In dieser: Der beginnende Ausverkauf. Verlag, Business, Vorstandsbeteiligung. Milliarden unterschlagen auf Panama-Banken; Baupläne für Karibikvillen; Insiderhandel; Leerverkäufe.

„Gibt es Hoffnung? Wie überall und zu jeder Zeit da, wo Kinder sind.“ – Cicero. Juhu, Hoffnung! Die KLW hatte nun ihre Jugendweihe, einen weiteren Schritt zum vollwertigen Gesellschaftsmitglied. Bleiben Sie dabei, bleiben Sie neugierig, literarisch! Und schicken Sie noch Ihre Geschenke, wenn noch nicht geschehen. In der zweiten Interpretationsebene:

Seien Sie unsere Kinder! Kommt zu Papa und Mama, Abwasch haben wir genug zu erledigen. Jede Beteiligung macht das Haus voller, interessanter, lebendig(er)! Posten gibt es, Spielraum in alle Richtungen. Und zum Abschluss an die Enttäuschten, Desillusionierten: Denen von euch, die jetzt in der Küche stehen und wie wild Zwiebeln schneiden, nur damit sie ungesehen weinen können, sage ich: Ruft an, wann’s Essen fertig ist. Auf Staatskosten ist’s am schönsten, doch auf Nacken von Privatleuten esse ich nicht weniger gerne.

In diesem Sinne: Bleibt dabei, und kommt dazu. Erzählt allen von der KLW – wenn ihr uns Scheiße fandet, oder meinetwegen auch gut. Schickt Briefe und Brandsteine. Sträuße und Schinken bitte nur nach Absprache.

Dank den Autoren! Dank an die Redaktion und die, die sich dafür hielten. Dank an die Kauzen-Brauerei. Dank jedem, der sich nicht zu fein ist.

Mit schwachem Herz, kaputter Schulter und leerem Verstand,

der Adjutant

PS: Einen Lifehack zum Abschluss: Auf langen Zugfahrten Salzstangen knabbern um keine Maske aufhaben zu müssen.