Ausgabe 09

  • 09/03/2022

Vorwort #9

  • 03/09/2022

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Vorsicht jetzt, subtilste Zeilen, sanfte Hinführung in sensiblen Worten sich deiner Blicke versichernd, hinweg von den Leuchtschirmen der dummdreisten Kulturversiffung, hinweg von den Randsteinen der Lokal-Journal-Tiktok-Mediengosse, jetzt ein paar Sätze von den Lippen getrunken. (Der Nachwort-Schreiber schreibt: Amuse-gueule aus gequirlten Worten.) Aber du: Ihr haltet euch wohl für was besseres, hast du gesagt. Ihr wollt eure kleine Kopfwelt noch kleiner machen, hast du gesagt. (Ich notiere: Ich weine.) Du wieder: Total wichtig das alles, eure scheiß Wichtigkeit, eure Sattheit, scheiß Freundlichkeit. (Ich bohre schluchzend ein Loch in KLW #9.) Totale Scheiße ist das alles, Brechmittel, Totinformation; Sätze mit Strichpunkten lese ich nicht, aus Prinzip nicht, sagst du. Wir müssen ja alles bewahren heute, weil alles so angegriffen ist, ich bewahre nichts, ich verwerfe alles, kaum gehört, erbreche ich alle Worte in den Orkus deiner Gegenwart, sagst du. (Ich stecke meinen Finger in das Loch, es ist noch zu klein. Mit von Tränen nassen Nägeln weite ich den Krater, schweigend.) Ich haue auf den Tisch, sagst du, weil man doch endlich mal wieder auf den Tisch hauen muss, so jung hauen wir nie wieder auf den Tisch, überhaupt brauchen wir keine Tische, weil wir nicht an Tischen sitzen, nicht an Tischen arbeiten, essen. Ich schlafe auf dem Boden, sagst du, auf dem Boden, wo die Erde noch hart ist und ehrlich ist und kalt. (Ich kann jetzt schon fast zwei Finger stecken in KLW #9.) Ich renne auch zu den Kopfärzten, sagst du, aber ich lüge sie nicht an und ich weine nicht und ich kann gar nicht weinen, weil meine Schmerzen zu groß sind für die Kindertränen und ich lese keine Bücher, weil die Bücher zu klein sind für meine Schmerzen. Ich starre in mein Telefon, bis ich einschlafe, sagst du, damit ich, wenn ich wach bin, nicht mit dir reden muss und mit deinen scheiß Ängsten mich nicht behängen muss, weil ich frei sein will, endlich mal wieder frei sein, wild sein, sagst du, also schlafe ich ein auf dem Boden und träume und vergesse meine Träume, weil ich dann ja noch viel freier bin so ohne Träume und dann habe ich wieder Schmerzen, aber alle meine Schmerzen habe ich in mich aufgenommen wie Geschenke, weil die mich nur immer noch grausamer machen gegen dich, sagst du. (Langsame Bewegungen: mit meiner ganzen Faust ficke ich KLW #9.) Ich bin eigentlich gar nicht dagegen, sagst du, ich bin auch überhaupt nicht dafür, also für was?, für alles, was mir meine Kopfärzte übel nehmen, aber nicht so übel wie dir, weil ich nicht lüge, weil ich also wirklich nicht dagegen bin und dafür bin, sagst du. Gegen was überhaupt? Ich bin erschöpft, sagst du und du setzt dich an den Tisch und ziehst von meinem Arm KLW #9 und ich schaue aus dem Fenster auf die Weinberge und in der Scheibe spiegeln sich deine zerzausten Haare und du blätterst zur ersten Seite und du liest unter dem faustgroßen Kraterloch die Reste des Vorworts und alles, was noch nicht zerfickt ist, lautet:

– – –

Hoch oben auf den steilen, virussterilen Elfenbeinklippen irgendeiner provinzstädtischen Kalkverkliffung ordinieren die Spindoktoren des Kollektivs. Über weißweintriefende Modems gluckern Wortplasmen, Sätze, Stanzen, Kurzgeschichten. Und alle haben wir bewundert, gesiebt, beweint oder gedruckt. Unter deinen Fingern: alles was wir sagen konnten. (Der Nachwort-Schreiber schreibt: Sie stehen schwarz auf weiß, aber im Herzen sind sie Wolkenfetzen.)

Subtilste Zeilen, Vorsicht jetzt, es wird WILD.
KLW #9, Bühne frei.


Benjamins Ermordung

Die langen Strände umfangen die Stadt
Limassol Miami im Dreck
Im schwarzen Kleinwagen Jesse Plemons
parkt vor den Wohnwagen der Wanderarbeiter
Schüsse fallen treffen die Schlagader ausbluten

neuer Versuch

Reflexionen am Zaun Israelisches Militär
Es ist die Saison zum Brüten
Alles in allem vier Menschen auf dem Gewissen
Erstaunlich was geht
innendrin nie

In der Küche ist man auf der Spur
der Welt größter Detektiv
er arbeitet
uns entgegen
Auf dem Klo die Schergen
verhindern, dass er pissen kann

neuer Versuch

Das große Containerschiff hat ein Dach
im Zwielicht die Crew
Es ist interessant
Christian Bale
Marcus badet
Carola badet
Die kleine Blonde badet

Sandbänke und Kies mein Gesicht
im Schritt des kleinen Mädchens
Scheidenmuscheln unter Wasser
schieben nach Vorn
Sie alle sollen ermordet werden
Carola kennt die See
Das Paradepferd galoppiert heran
Trompeten donnern im Chor


Drei Meldungen aus der Main-Post von nächster Woche

Abweichendes Verhalten führt zu Anzeige
In der Nacht zum Sonntag wurde auf dem Würzburger Marktplatz ein E-Scooter-Fahrer aufgegriffen, der augenscheinlich keinerlei Anzeichen von Alkoholkonsum aufwies. Ein Blutalkoholtest auf der Wache ergab dann auch einen Wert von 0,0 Promille. Der junge Mann musste seinen Heimweg zu Fuß fortsetzen; ihn erwartet jetzt eine Anzeige wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses.

Neuer Rübenroder wurde gesegnet
Es war viel los: Zahlreiche Mitglieder und Fahrer der Zuckerrübenanbaugemeinschaft Ochsenfurt-Würzburg sowie Vorstände und Mitarbeiter des Maschinenrings Maindreieck waren der Einladung zur Segnung eines neuen Rübenvollernters am Stützpunkt des Herstellers Ropa bei der Firma Kabus in Geroldshausen gefolgt. Wie die Anbaugemeinschaft mitteilt, ist es der 26. Vollernter, der seit der Gründung im Jahr 1988 in den Dienst gestellt wird. Vor dem ersten Feldeinsatz segneten Diakon Michael Porwoll und Pfarrer Johannes Pilger den Zuckerrübenvollernter des Typs Tiger 5 und legten ihm den Namen Martin Maria bei.

Unterlassene Fahrerflucht
Am Donnerstag hat ein Audi-Fahrer aus dem Landkreis beim Einbiegen in die Schießhausstraße die Kurve zu steil genommen und fuhr daher einem dort geparkten roten VW Golf den Rückspiegel ab. Im Gegensatz zum ortsüblichen Verhalten hielt der Fahrer an und wartete geduldig auf den anderen Fahrzeughalter. Dieses Betragen erregte bei Passanten, erst recht aber bei dem Geschädigten großes Erstaunen bis hin zu Zweifeln an der Zurechnungsfähigkeit des Schadensverursachers. Da er aber, sieht man von der unterlassenen Fahrerflucht ab, vollkommen normal wirkte, wurde die Polizei nicht zugezogen.


Gruppentanz – Dañs strollad

Eine Bucht am Atlantik, Wellen schlagen auf den Sand, es riecht nach Algen. Weiβe Schuhschachtelhäuser leuchten falb in die Dunkelheit. Land und Wasser treffen sich hier – Weltende – Bäume werden zu Unterwasserfarnen. Tagmenschen verwandeln sich in Nachtmenschen. Von ferne ein Geräusch wie von Schritten.

Ein Monstertag, dieser 27. Novembersamstag. Eine Odyssee von Platz zu Platz, stundenlang, doch im Rückblick mit einem klaren Ziel: ein golden erleuchtetes Haus mitten in der Nacht, irgendwo an der Douarnenez‘schen Bucht. Würde der Blick von uns Gavotte-Tanzenden innen nach auβen abgelenkt, würde er durch Wind, Sturm und Eiseskälte dorthin gehen, wo einstmals die Stadt Ys aus den Fluten prangte.1 Aber hier tanzt es sich so konzentrationsabsorbierend, Hand an Hand und kleiner Finger an kleinem Finger mit der bretonischen Haute Société. Drauβen schlagen die Wellen an die Plage du Ris, innen die Fluten der Musik über unseren Köpfen zusammen. Zeit misst sich in Herzschlägen zwischen Saxofonakkordeon-Beats und Luftsprüngen. Alle auβer uns hier im Raum können Bretonisch. Eins zwei drei, rechts Knie hoch, vier fünf sechs, links Knie hoch. Ich sehe den blonden Schopf meiner Freundin immer wieder aus der Masse auftauchen, begegne Augen, Stimmen und durch die Luft fliegenden Kronkorken, auf denen abwechselnd Britt-la vraie bière de Bretagne und Sant Erwann2 steht. Eins zwei drei, spring, vier fünf sechs, spring. Begegne den Blicken des Bretonischlehrers, des Fest Noz-Veranstalters, der Spendenlauf-Organisatorin, des langbelockten Psychologen. Dieser saβ vor wenigen Minuten noch auf der Rückbank meines frisch reparierten Renault Clio und trällerte mit seinem Freund muntere Call-and-Answer-Lieder auf Bretonisch. Eins zwei drei, Hände runter, vier fünf sechs, Hände hoch. In den Atempausen zwischen den Titeln erzählen sie uns von ihrer bretonischen Band und ihrem Traum von Ruhm und Plattenverträgen.

Vor dem Clio-wir-fahren-zur-Plage-du-Ris-Zeitalter wiederum gab es diese hell erleuchtete Markthalle, die Wände ganz mit überdimensionalen Barschen, Haken, Netzknoten und Wellen ausgemalt. Dort auf dem Parkett, in der stickig-überbordenden Menschenmenge, die kochende Blasen und Spritzer schlägt, begegne ich das erste Mal seit Wochen meinem Freund, der Wärme. Ich war schon ganz zur klammen Kälte des schlecht isolierten Sommerhauses geworden. Die Wärme nun geht in Bein und Mark und macht meine Wangen rot, meine Augen glitzern – und Cercle Circassien, Dañs plinn und die ewige Gavotte tun das ihre. Als wir uns nach Stunden in einen sportlichen Gruppentanz stürzen, bei dem wir uns quasi rennend fortbewegen und dabei fest an den Händen halten, um nicht aus den Kurven zu fliegen, wird mir momentweise schummrig – und es kommt mir wie eine mir auferlegte Bürde vor, nach Lohnarbeits-Stress und selbstauferlegtem Freizeit-Socializen nun auch noch stundenlang durch fremde Hallen einer Hafenstadt hüpfen zu müssen, wo Po in Rücken und Fuβ auf Fuβ stöβt vor lauter wuselndem Mensch. Aber: Es ist Teil der Trance-Erfahrung, die wir im Umkehrschluss ernten, weil alles Tanz und gemeinsam-Sein ist, weil sich der Moment in diesem Kontakt kondensiert: mein kleiner Finger in deinen kleinen Finger gehakt. Da ist minuten-, stundenlang kein Artensterben mehr, kein syrischer Bürgerkrieg, keine Toten im Ärmelkanal, kein Fischerstreiken, keine nuklear bewaffneten U-Boote, keine Vergewaltigung und keine Rache – weil Menschsein Gutsein heiβt, hier, für ein paar Stunden. Und Proust hätte sich kein inspirierenderes Gesellschaftsmaterial wünschen können.

Eine Bucht am Atlantik, Wellen schlagen auf den Sand. Es riecht nach Algen, bis eines der Schuhschachtelhäuser das Fenster öffnet und eine Bierfahne quer über den Strand zieht. Der vorüberziehende Reiher rümpft den Schnabel – da ist der Geruch schon verflogen. Die Nachtmenschen werden wieder zu Tagmenschen. Die Unterwasserfarne haben von alledem nichts mitbekommen.

1 Die Legende von Ys handelt von einer magischen Stadt in der Bucht von Douarnenez, die unter dem Meeresspiegel liegt und von hohen Mauern vor den Fluten geschützt wird. Die Tochter des Königs von Ys unterliegt den Versuchungen des Teufels, was zur Überflutung des Königreichs und dem Untergang der Stadt führt. Der König kann nur fliehen, indem er seine Tochter opfert und vom rettenden Pferd in die Fluten stöβt.

2 Sant Erwan, auch Sant Yves genannt, ist der bretonische Schutzpatron. In seinem Namen wird der 19. Mai als Tag der Bretagne gefeiert („Gouel Breizh“).


Die Frau trat ins Zimmer. Obwohl sie nicht groß war, zog sie den Kopf ein, als sie durch die Türe ging, so winzig war das alte Häuslein mit dem Bollerofen in der Ecke, an dessen Seite es sich die Katze gemütlich gemacht und sich auf ihrer alten Lumpendecke gemütlich eingerollt hatte. Sie hatte Tränen in den Augen. Nicht Traurigkeit drückte ihre Brust, sondern Angst und Ungewissheit. Wie es ihm sagen? Ihn wecken?

Wäre doch nur der Sohn noch da. Die ganze Nacht hatte er am Bette von Oma Hilde gewacht und ihr aus ihrem geliebten Bergroman vorgelesen, ihre Hand gestreichelt. Dann hatte er sich rasiert und aufgemacht in die Stadt, wo er einen wichtigen Termin hatte.

Die Frau trat ans Bett. Sie beugte sich über den beuligen Körper des alten Mannes und konnte seinen Atem hören, tief bewegte sich die Brust und die Lippen vibrierten beim Einsaugen und wieder Ausgeben der Luft. Er hatte Warzen im Gesicht und war ob der Anstrengungen der letzten Tage nachlässig rasiert, Haare standen ihm aus der Nase und ein Muttermal hüpfte behände hin und her, als er im Traum nach einer Fliege schlug und sie von seiner Stirn verjagte. Die Frau packte ihn bei den Schultern. „Herr Kümmetmann, Herr Kümmetmann… Stehen Sie mal auf!“

Er kniff ein Auge auf, dann auch das andere, schwer gähnte er und die Stirn legte sich in Falten. Er hatte die ganze Nacht die Tageskleidung angehabt und orientierte sich. Die Frau nahm seine Hand. „Kommen Sie mal, hoch mit Ihnen!“ Er zog sich an ihr hoch, sie ließ sich etwas zurückfallen, um schwer genug für ihn zu werden, er war doch immer noch ein stattlicher Mann. Als er auf der Kante des alten Holzbettes saß blickte er ihr in die Augen. Keine Regung war in seinem Blick, nur Ruhe und Gelassenheit, auch etwas Müdigkeit. Sie packte ihn bei den Schultern. „Herr Kümmetmann, Ihre Frau ist gerade gestorben.“ Er schaute die Frau an. Lange schaute er sie nur an. Dann legte er seine Hände übereinander und sagte: „Meine Hilde. Meine Hilde. Meine Hilde.“ Immer wieder: „Meine Hilde.“ Dann saßen sie sich gegenüber. Die Frau überlegte. Überlegte er auch? „Wollen Sie einen Kaffee trinken?“ Ja, das wollte er.

Die Frau nahm seine Hand in die ihre und zog ihn ganz hoch. Dann gingen sie wieder auf den alten, vergilbten Türrahmen mit den Flecken und Kratzern zu, sie beugte sich wieder und gemeinsam gingen sie durch die Tür. Nach wenigen Schritten erreichten sie die entsetzlich steile Treppe mit den winzigen Stufen. Ganz langsam, immer eine Stufe mit zwei Schritten ließ Franz Kümmetmann sich die Treppe des alten Vogelhauses herab.

Durch einen kalten Flur mit meliertem Steinboden ging es in die gute Stube. Mollig warm war es hier, wieder eine Katze, es roch modrig und muffig in dem 100 Jahre alten Häuschen. Eine alte Klappcouch in der Ecke, davor ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen, in der Ecke ein Korb mit Zeitschriften – die Alten hatten immer mit ihrer Lupe gelesen –, ein großer schwarzer Feuerherd mit vielen Platten, daneben ein Ofen.

Die Frau setzte Kaffee auf und gab ihm ihn. Sein Adamsapfel wölbte sich beim Trinken kräftig nach vorne, er strich sich ein Rinnsal Kaffee von seinem kurzen Stoppelbart, leckte sich die Lippen. Die Frau schnitt ihm mit einem kleinen Messerchen zwei dicke Scheiben Brot und zwei noch dickere Scheiben Käse ab und legte sie auf einen Teller vor ihn. Er biss ab.

„Meine Hilde. Wir sind mal mit dem Fahrrad nach Wulfshausen gefahren. Man durfte damals nicht so lange raus und die Polizei ist gekommen. Dann sind wir schnell in den Wald gehupft. Mit den Fahrrädern. Wir waren ja noch jung.“ Er sprach undeutlich, aber seine Augen waren ganz klar. Er schweifte ab. Er konnte es jetzt sehen.

Es war eine glasklare, schneidend kalte Nacht gewesen, doch dem jungen Liebespaar war warm vom Fahrradfahren. Sie fuhren und scherzten und neckten sich. Sie fuhr immer gerade aus und weil er nicht wusste, wohin mit seiner Kraft, fuhr er Schlangenlinie und pfiff dabei ein Lied. Eiernd schleiften die Trafos der Räder an den Reifen und erzeugten ein warmes, wenn auch nicht ganz ausreichendes Licht vor ihnen.

Plötzlich wurde dieser Lichtkegel von einem größeren geschluckt. Das konnte zu dieser Sperrstunde nur die Polizei sein. Sie bekamen einen Schreck, doch wie von jeher wie wenn man die Augen zumacht und das Andere da drüben spürt, überkam sie Abenteuer und Leben, sie mussten lachen und kamen sich vor, als wären sie geradewegs einem Liebesroman zur Hintertür entwischt.

„Schnell, ins Holz!“ raunte er. Sie bremsten quietschend, er sprang von seinem Rad, sie blieb beim geschwinden Absteigen mit ihrem Kleid am Sattel hängen und schrie leise vor Vergnügen. Er schürzte die Lippen und er hielt seine gestreckten Finger davor. „Pschschscht!“ Dann huschten sie ins Unterholz.

Ein Motor heulte auf und kam näher. Grell jagten Lichtstreifen zwischen den Bäumen in die Wälder. Sie lagen nun in einem nassen Graben mit Gräsern und feuchten Blättern, sie bäuchlings in ihrem Kleid und er zu ihrer Seite längsseits halb auf ihr drauf. Sie musste kichern, er nun auch. Sie blickten dem Auto nach wie es drei- oder viermal wendete und sie suchte. Er konnte ihre Brust beben spüren und roch ihre schwitzige Haut und ihr Parfüm, seine Nase lag nun in ihrem Haar.


Hin, hin, hin

Drei Hähne wachen am Gesäume
der edelfeuchten Tafelstube.
Verquellte Putze rieseln mürbe
die Hahnenkämme in den Raum.
Es näselt schweflig von den Wänden:
die Wirtin wäscht die Wachstapeten
geschichtsvergessen, schmiert Nikotin
in Farnenmuster, Lichtungen.
Vereinzelt ächzt auf Rodungswiesen
ein Blasenfresko, cellophangetäfelt.
Fröstelnd sinkt man hin
zur Rodung, Farn auf nassem Vlies.

Dies Loch im Wald heißt Tannendeutschland,
voll Schwefelschaum, voll Wachstapeten,
wo tabakbraune Gockel äsen,
schon moschusblütig, drüsenkrank.
Zum Beispiel Barteln oder sowas
verdrehten sich zu Bruch, gesetzt man
benetzte sie mit den Aromen
der Gockel – so gekräuselt auch dies:
Kapaunenkämme, fasrig und morsch
wie Federbüsche. (’s ist gut, Marie.)
Man träumt von Licht in Galerien
aus Farnen; sage nicht: Fackelmarsch.

Sondern denke: Lichtspiele am
Rand der Innenstädte, Rodungen
ihrer Fundamente, denke:
Alternativen zum Häcksler,
Anschlussverwendung männlicher Küken:
Hähne. Und in den Straßen: Nikotin.
So wäscht die Wirtin Wachstapeten,
dahinter bröckeln schon die Stücke
aus Wänden, mürbe Lücken, Kluft
in Tannendeutschland, Lichtungen fast.
Drei Hähne rascheln im Geäst
der Farne (… an euch krankt die Zukunft).


Kücher #5

Küchenphilosophie in drei Zeilen – die Rubrik für faule Lesis und motivierte Denkis. In dieser Ausgabe:

Trickle-down* revised

Scheiße

fließt

nach unten

* Die Trickle-down-Theorie besagt, dass der Wohlstand der Reichsten nach und nach in die unteren Klassen der Gesellschaft durchsickern und zu Wirtschaftswachstum führen würde.


küsse verteilen

ich verteile küsse nun nach prinzipien der gerechtigkeit,
ist doch gemein, wenn jemand ohne kuss zurückbleibt.
gerecht, so dass ein mensch, der hinsichtlich
relevanten kriteriums einem anderen gleicht,
ebenso viele küsse wie jener erreicht.
gerechtes tun ist doch so leicht,
nun bleibt noch interessant:
welches kriterium
ist denn relevant?


machts gut gute reise

I

morgens durch taugras frostige halme zwischen zehen
über mittag teppich fasern im mund raum ich folge dem
lauf deiner sehne von der kniekehle bis zum hand
rücken an rücken als es dämmert dein i-phone du sagst
ich schau mal wo der wald ist
 

II

hinterm dorf der wald riecht nach wald wir lauern
dem luchs auf im unterholz hocken wir wonnig im
farn fern der E65 suchst du die wirklichen berge
wird’s mir belanglos komm wir kreuzen subalpine
serpentinen im hinterland sind wir lost ohne phone
parallel zur schnellstraße schlagen wir schneisen


Postmoderne Einöde

And when we were children, staying at the arch-duke’s,
My cousin’s, he took me out on a sled,
And I was frightened. He said, Marie,
Marie, hold on tight. And down we went.
In the mountains, there you feel free.
I read, much of the night, and go south in the winter.
– T.S. Eliot: The Waste Land

Der Eingang des Clubs ist tagsüber und am frühen Abend so gut wie gar nicht und auch nachts nur für Eingeweihte auffindbar. Man will keine ungebetenen Gäste hier; die, die kommen, kommen durch Mund-zu-Mund-Propaganda oder persönliche Einladung des Veranstalters. Sollte es doch jemanden vor den Eingang verschlagen, der oder die ungebeten hierherkommt, wird er oder sie weggeschickt. Dafür sorgt der Türsteher, der, Respekt einflößend, wie es seinem Metier entspricht, sonst ein netter Mensch ist. Vor dem Eingang zum Club aber lässt er sich das nicht anmerken, ist streng, bestimmt, dabei zwar höflich, aber immer den Eindruck vermittelnd, dass er zur Not auch anders kann.
Wenn man es an ihm vorbei geschafft hat, kennt man sich untereinander meist schon, wird von der jungen Frau, die einem die Garderobe abnimmt und sicher verwahrt, mit Namen begrüßt und bekommt ein herzliches Lächeln geschenkt. Man ist dann schon umringt von Bekannten, Freunden, Gleichgesinnten – eben Auserwählten, die sich glücklich schätzen können, über Umwege oder auch direkt mit dem Besitzer des Ladens bekannt zu sein, der reich genug ist, diesen Club für alle, die reinkommen, gratis zu führen. Gratis bedeutet, man zahlt keinen Eintritt. Die Getränke kosten trotzdem etwas. Aber Geld spielt für niemanden hier eine große Rolle.
Täglich legt jemand anderes auf. Diese DJs lassen sich, zumindest in den Augen des Besitzers, eher symbolisch entlohnen; für ihn sind die paar Scheine, die er jedem von ihnen am Ende eines Abends zusteckt, Lappalien.

Die Scheibenwischer haben keinen Nutzen mehr; man muss im Schritttempo fahren. Der Regen, der seit dem Mittag niederprasselt, ist schlimmer als alles, was sie bisher erlebt hat. Es ist ihr schon im Büro aufgefallen, dass es draußen stockdunkel ist, dass der Regen, der gegen die Fenster schlägt, mehr Lärm macht als normalerweise. Sie ist nach Feierabend eine Stunde länger im Büro geblieben, in der Hoffnung, den Regen aussitzen zu können, nicht bei so einem Wetter im Auto durch die Stadt kurven zu müssen. Dann hat sie aufgegeben, auch deshalb, weil sie ihre Kinder nicht erreicht hat, die allein zu Hause auf sie warten und sich sicher schon Sorgen machen. Sie vermutet, dass irgendetwas mit dem Netz kaputt ist, denn sie hätten sie normalerweise schon angerufen. Das tun sie immer, wenn sie sich verspätet.
Der Weg ist mit dem Auto nicht weit; man fährt zwanzig Minuten, wenn der Verkehr nicht zu stark ist. Jetzt ist sie schon eine halbe Stunde unterwegs, weil sie gesperrten Unterführungen und Unfällen ausweichen muss. Sie hat das Radio an und der Verkehrsfunk wird immer länger. Sie wird von der Moderatorin eindringlich dazu aufgefordert, das Haus nicht zu verlassen, nicht Auto zu fahren. Sie fragt rhetorisch, was ihr denn jetzt anderes übrigbleibt.

Als ich vor einiger Zeit nach einem durchzechten Abend in irgendeinem Nobelclub gerade heimgehen wollte und keine zwanzig Meter neben dem Club, eigentlich gleich hinter der nächsten Ecke, ein Mädchen fand – von dem ich wusste, dass es vorhin auch noch in dem Club gewesen war, weil ich mit ihr geknutscht hatte – das tot war, war es schwer für mich, nicht einfach umzudrehen und zu verschwinden. Ich wollte nichts damit zu tun haben. Aber im selben Moment erschreckte mich eben der Gedanke sosehr, dass ich doch blieb und sie mir genauer ansah. Ich brauchte weder nachsehen, ob sie noch atmete, noch ihren Puls fühlen. Heute bin ich froh über den Alkoholspiegel, den ich in jener Nacht hatte, weil er verhinderte, dass ich alle visuellen Informationen sofort verarbeitete, und mich vieles auch wieder vergessen ließ. Das führte dazu, dass ich die Tote zwar mit einem gewissen Ekel betrachtete, aber nicht ausrastete, sondern die Rettung rief. Ich dachte auch nicht daran, dass der, der ihr das angetan hatte, noch in der Nähe sein konnte; ich somit eigentlich gut daran täte, wegzulaufen. Stattdessen beschrieb ich dem Sanitäter am Telefon den Zustand des Mädchens so gut ich konnte. Ich beschrieb ihm, dass sie mit offenen, hervorquellenden Augen dalag, ihre Hautfarbe, dort, wo man sie vor lauter Blut erkennen konnte, bläulich war; keine Ahnung, ob das von Blutergüssen oder vom Sauerstoffentzug kam. Denn sie hatte außerdem – so festgezurrt, dass er im Fleisch versank – einen Kabelbinder um den Hals. Sie ist tot, sagte ich zu dem Sanitäter, der mir sagte, ich solle den Kabelbinder aufmachen, worauf ich entgegnete, dass ich kein Messer dabeihatte. Er antwortete, dass ich dann eben so Wiederbelebungsmaßnahmen einleiten solle. Ich glaube, ich lachte ihn aus.

Er war einer dieser Menschen, wie man sie nie im echten Leben sah; einer dieser Menschen, die nur auf großen Bühnen oder Kinoleinwänden real wirkten; deren Schönheit, wenn sie einem auf offener Straße begegneten, unwirklich schien. Das war einer der Gründe, wegen denen er gehasst wurde. Er war sich dessen sehr bewusst, aber er stieß sich nicht daran. Dieser Hass, der meist auf die bewundernden Blicke folgte, war von Neid getragen, und das gefiel ihm. Er mochte es, diese Gefühle in anderen Menschen hervorzurufen. Irgendwann hatte er einmal gelesen, dass Schönheit in den Augen der Menschen mit Reinheit einhergeht, und dass Reinheit, echte Reinheit, Sicherheit vermittelt und einen liebenswert macht; ähnlich wie niemand einer dummen Aussage, die aus Naivität, mit der Reinheit ebenso oft einhergeht, hervorgeht, böse sein kann. Das deckte sich nicht mit seiner Erfahrung: Er war schon immer schön gewesen, rein, und niemand hatte ihn jemals wirklich gemocht. Nur beneidet.
Diese Schönheit hatte aber auch den Vorteil, dass er, als Attraktion, von einer Gesellschaft, zu einer Feier, in einen Club eingeladen wurde und dass jeder in seinem Umkreis so tat, als wollte er gut Freund mit ihm sein. Eines Tages sprach ihn auf offener Straße jemand an und lud ihn für den darauffolgenden Abend in einen Club ein, den er noch nicht kannte. Er sagte zu; Neues, und sei es auch nur ein Club, reizten ihn immer schon.

„Woher, frage ich mich, nehmen Sie eigentlich die Frechheit, mir zu sagen, wie ich meinen Job zu tun habe? Oder mir in fachlicher Hinsicht zu widersprechen? Wenn ich sage, sie war schon tot, als ihr der Kabelbinder umgeschnürt wurde, dann ist das auch so!“ Es machte sie wütend, wenn ein Beamter sie fragte, ob das nicht auch so und so gewesen sein könne, nur damit es seinen bis dato zusammengereimten Erkenntnissen nicht widersprach. „Ich verspreche Ihnen, die Todesursache war eine Überdosis. Warum man ihr dann den Hals abgebunden hat, weiß ich nicht, muss ich auch gar nicht, weil das Ihre Aufgabe ist, herauszufinden. Und die offenen Wunden, aus denen sie so geblutet hat, sind auch nicht tödlich gewesen. Jedenfalls: Wegen Mord kriegen Sie hier mit meinem Obduktionsbericht niemanden mehr dran. Außer man hat sie dazu gezwungen, zu viel zu schnupfen. Aber stranguliert oder erschlagen hat sie keiner. Das ist ein Fall für die Suchtgiftabteilung, nicht für Sie. Außer Sie wollen wen wegen Körperverletzung oder Leichenschändung drankriegen.“
„Ja, ist ja gut, dann war sie eben schon tot. Decken Sie sie wieder zu, ich hab genug gesehen.“
Ihre Stimmung hellte sich auf. Der kleine Polizist, der ihr gegenüberstand, war ein bisschen weiß um die Nase. Ihr tat es nicht leid, dass sie die Tote vor ihm noch einmal aufgemacht hatte, um ihm alles ganz genau zu erklären, was sie nur bei Leuten machte, die ihr besonders auf den Geist gingen. Kaum einer der Kriminalbeamten hielt den Anblick aus, ohne zumindest bleich zu werden, wenn sie in einer Leiche herumfuhrwerkte.

Es ist so heiß und so trocken, dass die Luft flimmert und jeder Tropfen Alkohol auf der Stelle berauscht. Allerdings schwitzt man ihn auch gleich wieder aus. So fühlt es sich wenigstens an. Die Feier im Garten steigen zu lassen war doch keine so gute Idee. In einem Garten mit Pool ginge das noch, aber ohne Pool sitzen alle nur sich gegenseitig zu fächernd im Schatten. Alle sind zu erschöpft, um zu reden. Stimmung mag nicht so recht aufkommen. Man möchte meinen, dass es besser würde, wenn man etwas auszieht, aber auch das bringt nichts mehr. Außer aufgebrannte Haut. Die Sonne ist eine erbarmungslose Göttin. Und ihre Strahlen Peitschenhiebe. So etwas, solche Hitze, solche luftraubende Hitze kennt man sonst nur aus dem Urlaub.
Wenn man durch die Stadt geht, ist es noch schlimmer. Hier hat die Hitze etwas Persönliches: Sie strahlt von oben herab und vom Asphalt herauf; schlägt auf jeden mit einer solchen Wucht ein, als wollte sie sich an einem rächen.

In den letzten Wochen kommt es zu immer mehr toten Jugendlichen im Zusammenhang mit Drogen. Überdosen. Manchmal macht’s auch die Mischung. Oft Menge und Mischung. Wohlstandsverwahrloste, Söhne und Töchter aus gutem Hause, die nichts mit sich anzufangen wissen auf der einen Seite und Kinder, denn was sind das schon anderes als Kinder, die ihre Sucht von ihren Eltern geerbt haben, ihr letztes Taschengeld oder auch Gestohlenes dafür ausgeben: für den letzten Schuss, für ein letztes High, für die letzte Line.
Was ihnen allen gemein ist, ist die unendliche Traurigkeit, versteckt, weit hinter ihren Pupillen, in der hinteren Hälfte des Glaskörpers, nur kurz zu sehen, wenn man sie überrascht, es schafft, ihnen einmal ganz tief in die Augen zu schauen, bevor sie ihre Kapuzen oder Kappen oder Haaren wieder ihre Gesichter in Schatten hüllen lassen.

Beim ersten Schuss sahen wir uns noch stirnrunzelnd an, ohne die Flucht zu ergreifen. Wir konnten das Geräusch nicht einordnen, kannten Schüsse nur aus dem Fernsehen. Ein Schuss ist ein Geräusch, das nicht in unsere Realität gehörte, ein genauso in die Welt des Kinos gehörendes Phänomen wie Aliens und Dinosauriervergnügungsparks. Als ein zweiter Schuss ertönte und einer von uns in die Schulter getroffen wurde, sahen wir zuerst ihn verwundert an und er uns, dann drehten wir uns in die Richtung, aus der der Bewaffnete kam. Dann erst rannten wir.
Jemand, der es nicht gewohnt ist, angeschossen zu werden, schreit nicht. Er ist verwundert, fasst sich an die Wunde, sieht die mit Blut verschmierten Finger an, tut gut daran, weiterzulaufen, solang der Schock ihn den Schmerz nicht fühlen lässt. Auch jemand, der tödlich getroffen wird, schreit nicht. Er bricht einfach zusammen, stumm, genauso verwundert die Stirn runzelnd, wie jemand, dessen Realität durch den Klang eines Gewehrs plötzlich zerrissen wird.

Beim Nachrichten Schauen machte sie sich immer Notizen für ihre wöchentliche Glosse in einer Tageszeitung. Das hatte den Effekt, dass sie zum einen eine ironische Distanz zum Weltgeschehen aufbauen konnte und zum anderen immer am neuesten Stand war, weil sie Nachrichten aufmerksamer schaute als andere. Sie fand ersteres ärgerlich; das fiel ihr zum Beispiel bei der Nachricht auf, dass es immer mehr Jugendliche gab, die an Drogenüberdosen starben. Das nahm sie zur Kenntnis, schrieb sich irgendeinen dummen Witz dazu auf, und schluckte erst dann betroffen, als sie den Fernseher ausmachte. Dasselbe galt für die Nachrichten über die Waldbrände, die sich seit Jahren häuften, oder auch für die Bilder von übervollen Schlauchbooten, die aus Kriegsgebieten, vom Wetter zerstörten Gebieten, vom Meer verschluckten Gebieten kamen. Wenn ich jetzt jung wäre, würde ich auch koksen, dachte sie und schrieb das auf; für die Glosse. Mit diesem Zusammenhang würde sich sicher ein guter Text zusammenbauen lassen.

Als er an dem Joint zieht, den ihm seine Freundin gerade gegeben hat, kann er sich endlich entspannen. Er spürt, wie der heiße Rauch seine Zunge passiert, seine Luftröhre hinunterströmt und sich in seiner Lunge niederlässt; spürt, wie der Sauerstoffaustausch in seinen Alveolen vom THC gekapert wir und sich dieses an seinem Nervensystem festsetzt. Er atmet aus, sieht dem Rauch dabei zu, wie er vom Wind davongetragen wird. Dann sieht er die Wirklichkeit, die er sehen will, pickt sich die Elemente daraus hervor, die ihn nicht verstören, lässt alles verschwinden, was in seiner idealen Welt nicht vorkommen sollte. Er weiß, sobald die Wirklichkeit wieder auf ihn einschlägt, sobald die Wirkung aufgehört hat, sobald der Schleier reißt, den das THC ihm webt, wird er sich wieder genauso miserabel fühlen, wie gerade noch.


Raufaser

Ich fahre zu dir in die Südstadt, in die Wohnung über der Tatortkneipe, wir haben uns lange nicht gesehen. Du hast zwei Tage ständig angerufen bis zum Anschlag, durchgeklingelt, dass ich mein Handy ausmachen musste, weil ich mit meinem Mann in Urlaub war. Jetzt bist du sauer, weil ich nicht rangegangen bin, sondern Ski fahren war am Tag, abends in der Sauna, mit meinem Leberwurstmann, wie du ihn nennst, grau und grob. Ich erreiche dich nicht, es schmeichelt mir, dass du dermaßen beleidigt bist.

Ich komme in deine Wohnung und ihre Leere schlägt mich – sie erschlägt mich nicht, was eine einmalige Sache wäre, sondern sie schlägt mich, treibend, rhythmisch. Also gehe ich weiter durch die Räume, die noch nicht einmal mehr Deckenlampen haben. Deine Wohnung ist leer bis auf die Raufasertapete, an der noch die Abdrücke der Möbel stehen, und die der Bilder hängen. Sogar die Küche ist ausgebaut und da, wo die Steckdosen waren, kommen Kabel heraus, wie Nervenenden, oder Adern, oder was sonst noch hinter Haut sitzt, Knochen.

Ich habe den Schlüssel umgedreht wie immer, er passte natürlich, nur läuft drinnen kein Plattenspieler, den du ganz und gar absichtlich angemacht hast, mit dem Ziel, einer zu sein, der Platten hört, nicht Spotify. Du bist keiner, der ghosting betreibt. Du benutzt keine Anglizismen, du lachst viel zu laut, um ein ghost zu sein. Ich habe dich zu oft angefasst, als dass du einfach verschwinden könntest. Das Verschwundene ist unanfassbar, man kann es nicht platzen lassen, weil es ja nicht existiert, es ist riesig und heilig, wie Gott, den man ja auch nicht platzen lassen kann. Es ist ein kluger Schachzug von dir und ich ärgere mich, nicht selbst auf die Idee gekommen zu sein.

Von der Küche aus sehe ich einen schwarzen Fleck an deiner Schlafzimmerwand, als hätte jemand eine Riesenfliege dagegen geklatscht. Das bist du. Du bist doch nicht verschwunden, sondern klebst an der Raufasertapete, mit glänzend schwarzem Gaffa-Tape befestigt, über dem weißen Abdruck deines Bettes.

Die Konturen deines Körpers sind verschmiert von dem ganzen Klebeband, du bist ein Fleck, der nach außen hin zerläuft. Nur deine Füße schauen raus, in abgetragenen Sneakers und dein abgetragenes Gesicht. Dein Kopf ist mit ein paar Streifen an der Wand befestigt, an der Stirn, auf dem Nasenrücken. Deine Augen sind geschlossen, aber die linke Ferse tippt einen langsamen Takt an die Wand. Ich sage, wow, was ist das denn für eine Performance, und versuche es mit einem Lachen, etwas zu laut, dass du davon aufwachst, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob man deinen Zustand Schlaf nennt.

Du sagst, ich habe diese scheiß Krankheit, und machst die Augen nicht auf. Ich sage, was denn für eine Krankheit, du sagst, die, bei der einem die Körperteile abfallen, ich sage, Lepra, du sagst, genau, Lepra. Ich sage, aber warum, also, warum klebst du an der Wand, du sagst, sonst wäre sie ja von mir abgefallen. Ich sage, aber die Wand, also die Wand war ja nie an dir dran, wie hätte die denn abfallen sollen, du sagst, so fängt es doch an, so ist es doch, es fällt nach und nach von einem ab, in Schichten, erst ist mein Vater abgefallen, die Treppe runter letzte Woche und weg, du schnalzt mit der Zunge, weg, dann du, du bist von mir abgefallen wie so ein fauler Apfel, plopp, weg, Skifahren, die Wohnung wollte von mir abfallen, ich schwöre es, du flüsterst, erst ist der Boden verschwunden, schau dir die Wohnung an, alles leer, alles abgefallen. Ich hab da keinen Bock drauf, dass auch noch die Wand abfällt, kein Bock, nachher ohne Beine dazustehen und alles, dastehen ohne Beine, guter Witz, merkst du selber, ne. Ich sage, ja.

Es wäre ein kluger Schachzug, jetzt zu gehen, aus dieser Wohnung, von diesem Mann mit den geschlossenen Augen, der an deiner Wand hängt, aber nicht du ist, der höchstens die späte Michael Jackson Version von dir ist. Ich sage, wie bist du da hoch gekommen. Der Mann sagt, na, wenn der Boden abfällt, liegt man halt auf der Wand. Ich sage, aber du musst doch hochgekommen sein, mit einer Leiter oder so, aber hier- Der Mann ruft, abgefallen, abgefallen, ich sage, aber wer hat dich festgeklebt, der Mann imitiert einen Gesichtsausdruck von dir, deinen Gesichtsausdruck, wenn du mir die Haare hinters Ohr streichst, nur lässt er die Augen geschlossen dabei, er sagt, ach, du bist wie Honig, hast einen Deckel drauf, aber wenn man das Glas aufmacht läufst du weg und klebst überall, pappsüß, ich bin eher das Innere von einem Brötchen. Ich lache, er sagt, ich bin warm und weich und heimelig, ich bin einer, der wartet, bis er von selber kalt und trocken wird, von der Luft.

Ich sage, wie lange hängst du schon hier, er schlägt die Augen auf, das Licht aus den Fenstern fällt hinein, sie sind grün wie deine, mit demselben gelben Kranz um die Pupillen. Er antwortet nicht, ich komme näher, sage, ich mach jetzt das Klebeband ab, ok. Er schaut mich an, als wüsste er nicht, wovon ich spreche. Ich sage, komm, ich mach das Klebeband ab und dann machen wir was Schönes, oder. Ich fange an, die schwarzen Streifen von der Tapete abzuziehen, beziehungsweise die schwarzen Streifen mit der Tapete von der Wand. Er schreit wie ein angestochenes Schwein, windet sich, obwohl er sich eigentlich nicht mehr winden kann, das angeschlachtete Tier. Ich höre sofort auf, er weint.

Ich sage, ok. Ich sage nochmal, ok. Ich sage, ich hole dir was zu Trinken. Ich gehe in die Küche, aber da ist ja nichts mehr, kein Schrank mit Gläsern, kein Spülbecken, kein Wasserhahn. Ich gehe ins Bad, bin erleichtert, das Waschbecken zu sehen, finde aber kein Behältnis, ich lasse das Wasser in meine Hände laufen, es zerfließt, es rennt über das Laminat zurück ins Bad, als wollte es wieder in den Hahn kriechen. Ich sage, ich gehe schnell runter und kaufe eine Flasche. Ich sage, warte hier. Ich lasse deine Tür hinter mir zufallen, ich zittere von tief innen, ich überlege, einfach ins Auto zu steigen, ich hole eine große Plastikflasche aus dem Kühlschrank im Kiosk, der Mann sagt, eins fünzig, ich bemerke, dass ich meine Tasche nicht dabei habe. Ich gehe aus dem Kiosk raus, ich bezahle das gleich, ich stehe vor deiner Haustür auf der Straße und bemerke, dass dein Schlüssel in meiner Tasche ist, die drinnen in deinem Schlafzimmer steht, der einzige Gegenstand weit und breit. Ich trinke von dem Wasser, ich warte, jemand kommt raus, lässt mich hinein, ich renne die Treppen hoch, merke, dass ich zu weit oben bin, renne wieder hinunter, stehe vor deiner Wohnungstür. Ich komme nicht rein, habe ja keinen Schlüssel, ich weiß nicht, was ich mir gedacht habe. Ich rufe meinen Mann an, mir fällt sonst keiner ein. Er sagt, Schatz, ist was Dringendes, ich sitze im Auto, ich überlege etwas zu sagen wie, ich habe mich aus der Wohnung von meinem Studenten ausgesperrt, wir haben keine Affäre, wirklich nicht, jetzt klebt er sowieso an der Wand, aber ich lege einfach auf und weiß, dass er denkt, dass ich eingeschnappt bin.

Ich erinnere mich daran, wie es ist, eingeschnappt zu sein, fahre mit der Bahn nach Hause, klingle bei der Nachbarin, benutze das Wort Dussel, sage, ich hätte mich ausgesperrt. Sie gibt mir den Ersatzschlüssel, wir tauschen uns über Wintergärten aus. Ich gehe duschen, ich rieche nach Lavendel, ich gieße die Zimmerpflanzen, ich stelle mir vor, ein Geist zu sein.

Das bist nicht du, der jetzt an deiner Wand verdurstet. Ich werfe Aspirin in ein Glas Wasser, es knistert wie Trockenheit. Ich warte darauf, dass es klingelt, das Telefon, die Tür, ein warmer Kommissar, weil meine Tasche gefunden wurde in einer ansonsten leeren Wohnung. Aber es klingelt nicht, es knistert nur. Mein Mann wird den Audi aus der Südstadt abholen mit dem Ersatzschlüssel, mit den Strafzetteln unter dem Scheibenwischer, er wird sie erst zerknüllen und dann bezahlen.


Somnabul

Die Geschichte spielt in einer dieser Kneipen, die man nur besucht, wenn man von einem Freund (Ronald) dazu gezwungen wird. Ronald sitzt neben mir an der Bar und versucht mit der Barkeeperin zu flirten, denkt, dass ich das nicht durchschaue und erzählt mir von seiner Baudelaire-Übersetzung, von der er meint, dass „Baudelaire auf diese radikale Weise überhaupt noch nie übersetzt wurde“. Natürlich sehe ich sofort, dass Ronald versucht, mit der Barkeeperin zu flirten, was mir auch egal wäre, wenn er nicht immer wieder so laut „Baudelaire“ sagen und dabei die vorletzte Silbe so eklig in die Länge ziehen würde, als unterdrücke er einen mittelmäßigen französischen Orgasmus. Endlich sieht die Barkeeperin herüber (Ronald lässt sich nichts anmerken), wird dann aber von den viel zu lauten Gästen am Tisch vor der Klotür abgelenkt, die schon wieder nach Likör verlangen (Ronald schaut einmal kurz genervt zu ihnen, so als ob es nur darum ginge, dass er in seinem Monolog gestört wurde). Ich höre Ronald schon seit fünfzehn Minuten nicht mehr zu, nur wenn er mal wieder einen Vers aus seinem Notizheft zu zitieren scheint, nicke ich anerkennend oder schaue vor dem Nicken kurz in die Luft, als würde ich nachdenken. Dass er bei diesen Lichtverhältnissen überhaupt noch aus seinem schmutzigen Notizheft vorlesen kann, erstaunt mich, bis ich mich daran erinnere, dass er seit ein paar Wochen Kontaktlinsen trägt, wie er mir eines Tages am Tresen einer anderen aber genauso geschmacklosen Kneipe ganz stolz erzählt hat. Man sollte meinen, wenn man einem so musisch begeisterten Menschen wie Ronald in die Augen sieht, dass man dann darin irgendetwas erkennen kann, sowas wie Glitzern, aber alles was man findet: Kontaktlinsen. Also jedenfalls trinke ich den Hauswein hier am Tresen, weil ich immer und überall in den Schankbetrieben den Hauswein bestelle, wobei ich dabei immer so selbstverständlich gucke, als wäre das das aller Normalste auf der Welt (den Hauswein bestellen), in der Hoffnung, nicht einfach den billigsten Fusel vorgesetzt zu bekommen. Eigentlich kenne ich mich mit Wein natürlich überhaupt nicht aus, aber immer wenn ich die Fanta oder die Johannisbeersaftschorle bestelle, werde ich von den Barkeepern dieser Stadt so mitleidig angeschaut, als ob ich der Fahrer wäre und deshalb nichts trinken kann und dann entspinnt sich später ein Gespräch über Kleinwagen oder Gebrauchtwagen oder gebrauchte Kleinwagen usf., dem man sich nur unhöflich durch Schweigen entziehen kann, was mir doch noch immer peinlich ist. Also jedenfalls trinke ich Wein und nicke zu Ronald oder schaue wieder einmal nachdenklich in die Luft, als auf einmal Karin durch die Tür kommt mit ihrem zugekoksten Haufen von Museologie-Studenten, die immer so nach dem Waschmittel von Oma riechen, dass mir ganz schlecht wird, wenn ich die sehe. Heute riechen aber alle in der Kneipe dermaßen nach Schweiß und ungewaschenen Genitalien, dass mir nicht gleich schlecht wird. Erst denke ich noch, Karin sieht uns gar nicht, aber dann sagt Ronald (er sitzt mit dem Rücken zur Eingangstür) wieder einmal so laut „Baudelaire“ und kurz darauf „Verlaine“ und „Rimbaud“, dass Karin uns sofort erkennt, ihre lächerlich enge, gelbe Jacke betont lässig über einen Stuhl am Tisch der übrigen Museologen wirft und dann zu uns rüber kommt. Ronald begrüßt Karin überschwänglich, achtet aber darauf, der Barkeeperin zu signalisieren, dass es sich bei Karin lediglich um eine gute Freundin handelt, nicht um ein Fickstück, wie die Jugend das nennt. Ich küsse Karin auf die Wangen. Karin schmeckt nach dem Badeschaum, in dem ich als Kind immer mit meiner Gummiente und dem aufblasbaren Delfin gespielt habe. Die Ente hatte eine Augenklappe und wurde von mir als Piratenschiff missbraucht, während der Delfin ein viktorianisches Handelsschiff spielen musste. Natürlich wusste ich als Kind noch nicht, was ein „viktorianisches Handelsschiff“ ist, aber versenkt habe ich es trotzdem jedes Mal. Ich sage Karin, sie sehe „sehr gut“ aus heute. Karin langt Ronald und mir in den Schritt, wie sie es immer macht bei guten Freunden, um die Stimmung aufzuheitern, was eine ganz furchtbare Angewohnheit ist, wie ich jetzt denke. Ronald ist natürlich sofort besorgt, weil die Barkeeperin das gesehen hat. Sie hat sich gleich angewidert abgewendet, um einen weiteren Likör einzugießen, was aber weder sie noch Ronald sich anmerken lassen wollen, aber doch ziemlich offensichtlich ist. Wäre Ronald ein Hund, würde er jetzt winseln. Ich frage Karin, ob sie heute gebadet hat. Sie verneint, wischt sich aber eine Strähne so aus dem Gesicht, dass ein Schweißtropfen von ihrer Stirn auf meinen Arm geschleudert wird. Das soll wohl provozierend wirken, denke ich mir, aber ich finde es einfach nur ziemlich abstoßend. Ronald täuscht vor, auf die Toilette zu müssen, um der Situation zu entfliehen und schaut auf dem Weg dahin noch einmal sehnsüchtig zur Barkeeperin herüber, die mit beiden Händen im Spülwasser schmollt, als wäre sie eine sehr traurige Bäckerin, die gerade den Teig knetet und dabei die Musik irgendeiner Händel-Arie f ü h l t. Während Karin zweimal laut schnieft und dann husten muss, erzähle ich, wie ich einmal in meiner Schulzeit den Eltern meiner polnischen Gastfamilie unter das Ehebett gekotzt habe, weil ich so betrunken war vom vielen Bier und Vodka. Natürlich ist das eine Lüge, aber Karin findet Fäkalhumor gut. Sie sagt immer, das habe etwas so „erdiges“, was auch immer das heißen soll. Überhaupt habe ich in Polen gar nichts getrunken, weil mir das unangemessen schien. Wäre ich achtzig Jahre früher geboren worden, hätte ich helfen müssen, den Großvater meines Austauschschülers erschießen zu müssen, denke ich jetzt. Karin setzt sich auf Ronalds Hocker und bestellt einen Mojito, den sie sofort inhaliert, um dann seltsam befriedigt und viel zu lange auf einer Limettenscheibe herumzukauen. Ich möchte einen weiteren Hauswein bestellen, kann aber die Barkeeperin nicht finden und resigniere, während mir Karin durch die Limettenscheibe hindurch erklärt, wie ihre Hausarbeit über eine sogenannte Bewegungsskulptur voran geht. Eigentlich möchte ich schon wieder in die Leere starren, aber im Gegensatz zu Ronald sehe ich Karin sehr wohl als Fickstück, wie ich mir jetzt eingestehe und glotze dumm auf ihre kleinen Brüste, was mir irgendwie peinlich sein sollte, denke ich, aber dann muss ich wieder an die Gespräche über Kleinwagen und das anschließende Schweigen denken und entscheide, dass es mir eigentlich nicht peinlich ist (das Glotzen). Ronald ist wohl ins Klo gefallen, denke ich weiter, also jedenfalls ist er jetzt schon viel zu lange weg und mir gehen langsam die Gesprächsthemen aus, also sage ich „Mallarmé“, ohne eigentlich darüber nachzudenken und erfinde dann schnell irgendeine Geschichte, die mir angeblich Ronald über Mallarmé erzählt hat. Karin meint, die Bewegungsskulptur trage den Namen „Somnambul“ und wie sie das so sagt, kaut sie jeden Konsonanten in die ausgelutschte Limettenscheibe, als würden ihre Lippen die Hauptrolle in einem dieser alten deutschen Pornos spielen, in denen alle Männer feuchtes, tiefschwarzes Brusthaar auftragen, das sie sich vor Drehbeginn wie ein Toupée auf die Brust geklebt haben. Genauso wie die Frauen an den Brusthaaren saugt Karin an den Fasern der Limette. Dann greift sie über die Theke nach der Flasche kubanischem Rum und schenkt sich dreist nach, weil die Barkeeperin immer noch nicht wieder da ist. Ich habe Angst, dass Karin in meinen Rucksack kotzt, den ich vorsorglich tiefer zwischen die Stuhlbeine meines Barhockers stopfe, und hänge Ronalds Tragetasche zwischen uns, wobei ich den Reißverschluss der Tasche absichtlich offen lasse, nachdem ich Ronalds schmutziges Notizheft zwischen eine leere Packung Zigaretten und eine alte, gebundene Ausgabe der Fleurs du mal stecke, die er irgendeinem Archivar viel zu günstig abgefeilscht hat, nachdem er ihm mitleidig sein lächerliches übersetzerisches Vorhaben vorgetragen hatte. Karin trinkt und trinkt und ich bedeute ihr, den restlichen kubanischen Rum der fast leeren Flasche in mein Weinglas zu kippen, aus dem wir dann gemeinsam trinken und uns währenddessen über die Geschmacksrichtungen von Matetee unterhalten. Irgendwann hört man Schreie und die Barkeeperin stößt von innen die Klotür auf. Ronald hatte vergessen, seinen Verlobungsring abzunehmen und natürlich hat die Barkeeperin ihm nicht geglaubt, dass er und Manuela schon längst wieder getrennt sind, als sie nach vollzogenem Liebesakt den Ring erblickt und ihm in die Eier getreten hat. Ronald kommt jetzt auch aus dem Klo. Er humpelt. Selbst Schuld, sage ich zu Karin, dass er diesen hässlichen Ring nicht schon längst entsorgt, sondern ihn sich aus Sentimentalität selbst an den Finger gesteckt hat und dort trägt, seit die Manuela ihn hat sitzen lassen. Die Barkeeperin gestikuliert weiter wild und Ronald schlägt ihr einfach mit der Faust mitten ins Gesicht, worauf der ganze erste Tisch an der Klotür die Liköre aus der Hand stellt und Ronald an den Haaren und Armen und dann auch an den Beinen aus der Kneipe zieht und auf den nassen Gehsteig schubst. Ich habe Angst, dass mir Karin jetzt vor Schreck auf die Hose kotzt und versuche, ihren Bauchnabel zu kitzeln. Das soll entspannend wirken, habe ich mal irgendwo gehört, aber eigentlich ist mir jetzt selbst ganz übel und ich muss mich dazu zwingen, dass ich für Ronald Mitleid empfinde, um mich abzulenken, obwohl mir mittlerweile eigentlich alles scheißegal geworden ist. Karin und ich gehen zwei Stunden später zu mir nach Hause, wo sie sich endlich erbricht (in die Badewanne), mir dann auf dem Bett ein Kondom zuwirft und sofort einschläft, bevor sie sich die Hose ganz ausziehen kann. Ich überlege kurz, wie ich die Hose am besten von der Karin runter bekomme, gebe aber auf, weil ich so betrunken bin und übergebe mich ins Waschbecken. Wie Karin mich so angeschaut hat vor dem Einschlafen, da musste ich sofort wieder an die viktorianischen Handelsschiffe denken und wie sie „Somnambul“ ausgesprochen hat. Obwohl ich so müde bin, koche ich jetzt schon Kaffee fürs Frühstück und während der Wasserkocher zischt, setze ich mich mit Ronalds Tasche, die ich als guter Freund natürlich nicht einfach in der Kneipe habe stehen lassen, auf den Balkon an meiner Küche, wo langsam die Sonne aufgeht und dabei vergesse ich den Kaffee und lese Ronalds Übersetzungen. Ich finde sie „radikal“.


strollin’ through some virtual woods

[…] jede maschine in der natur laeuft in einer
engverwobenen landschaft aus anderen maschi-
nen. […] – was sind zeichen?, in probleme
der kuenstlichen intelligenz; oswald wiener

deine erinnerungen an wald schreibtischgefilterte
kenngroesze & meeting point for scalpel & blades
trifft positiv traumatisierende bettbezuege where
the ancient oceans roam & breath fate & auch fata
morganas funktionaler realutopien dienen dir hier
zehrst du dank notreservehabitus & lust observing
how they start to decompose entzuendest du bald
in ihrem ruhen deine individualisierte medizinisch
angehaucht sehr psychosomatische befreiungsform
accelerating so fast u could turn around yourself &
fast holst du dich ein beim laufen durch forstlicher
anmutende zonen u hardly recognise under layers
of profound childhood memories & metabolismen
sich ueberlagernder natuerlich wirkender derivate
spirituell angetriebener selbsttherapieavancen halt
your psyche that tries to modulate your lost spirits
hoping your body would follow dissoziierst du still
heimlich & leise auf basis oekologischer blaupausen
gen wohlbefinden oder nirwana or atman or nichts


Umklammert

entwurzelt
über eisen schienen
gleisend
lichterketten
um die hornhaut
krümmend
vielgewölbtes
nichterzähltes
und immer wieder
immer wieder
sträuben
wir
verlieren
in klammern
[uns]
im kleingedruckten

es ist nicht alles wald
was glänzt
und vieles nicht so kalt
wie du es denkst

vergeben geben
weil wir keine kinder sind
wenn früher schau mal da
und jetzt nur schau mal der
vergrübeln
wir
verlieren
in klammern
[uns]
im fingerzeigen
richtungsdenken

und immer wieder
immer wieder
neuer bruder
altes kind
im rundherum
im karussell
geboren
wie bodenluft
wie nebelfeuchte

dabei hab ich doch
schon
umklammert
[so viel]
verloren


in dieser welt
fühl ich mich weak
sorg mich um geld
du dich um krieg
freu mich auf beef
du dich aufs brot
ich heul aus liebe
du um den tod


Nachwort #9

Offener Brief der Beiträge der Ausgabe 9 an die Leser derselben

In diesem angeblich so offenen, ja manch einer munkelt gar anarchistischen Zeitschrift kommt ja anscheinend jeder zu Wort – Autoren, Leser, Redaktion, Kritiker … aber das Wichtigste, die Seele, Fundament und Baustein zugleich, mussten bisher zurücktreten: wir, die Beiträge, Gedichte, Geschichten, Experimente, Wortplasmen und Buchstabengebäude wurden zum Schweigen verdonnert. Ihr fragt, wie es sein kann, dass Texte keinen Mucks machen? Ihr bestreitet, dass wir still sein könnten? Ihr denkt, wir tun nichts anderes, als euch in schreiendem Schwarz auf kreischendem Weiß mit Worten zu bombardieren?
Tatsächlich wird doch stets nur an uns und über uns geschrieben, doch niemals mit uns. Wir werden ausgestellt, abgedruckt, zerpflückt, zerrissen, bewertet, verworfen, verbrannt – aber nur sehr selten befragt, erhört, belauscht. Gebt es zu, auch ihr habt diese Ausgabe durchblättert, als wärt ihr ein spätfeudaler Gutsherr auf Brautschau: ein kurzer Blick, ob es bespaßt und interessiert, wenn ja, werden ein paar Worte von den Lippen getrunken, wenn nein, sofort verworfen. Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen, so habt ihr es schon als Kinder gelernt. Wir sind für euch Gaukler auf dem Gedankenmarkt, ein Feuerwerk fremder Ideen, das ihr kurz genießen wollt zwischen den immer selben Episoden eures grauen Alltags, ein Amuse-gueule aus gequirlten Worten.

Aber damit ist es jetzt vorbei. Wir, die Beiträge dieser Ausgabe, fordern ein, was uns zusteht:

1. Wir wollen eure Zeit.

Und zwar nicht die 5 Minuten auf der Toilette, die ihr sonst für uns verwendet. Wir wollen „Quality Time“, wir wollen eure besten Stunden, die ihr sonst auf dem Arbeitsmarkt verkauft. Wir wollen so wertgeschätzt werden, wie ihr auch wertgeschätzt werden wollt. Nehmt euch die Zeit für uns, die sich sonst keiner für euch nimmt.

2. Wir wollen eure Aufmerksamkeit.

Die Zeiten sind vorbei, in denen wir uns damit zufriedengeben, kurz überflogen, gedanklich angeleckt, aus dem Augenwinkel gemustert zu werden. Ein Text sollte zärtlich, Stück für Stück und Buchstabe für Buchstabe gelesen werden. Lasst jeden Bissen auf eurer Zunge zärtlich zergehen und wartet dann ein paar Stunden, um den Nachhall auszukosten. Habt ein zweites, drittes und viertes Date mit uns, ein neuer Aufguss jeden Tag, macht uns zu eurem Mantra, bis wir euch nichts mehr sagen können und jedes Satzzeichen ein wohlbekannter Gefährte wurde.

3. Wir wollen doch nur spielen.

Wir können viel mehr als nur gelesen werden. Nehmt Stift und Papier, oder einfach gleich diesen Brief, nehmt uns als Saat neuer Texte, streicht Wörter und Sätze, fügt neues hinzu, verbrennt uns und düngt euer Schreiben mit der Asche unserer Worte. Lasst uns die Ahnen neuer Texte werden, zerschneidet uns und klebt uns in neuer Ordnung zusammen. Wir stehen schwarz auf weiß geschrieben, aber im Herzen sind wir Wolkenfetzen.

Mit diesen Forderungen möchten wir, die Beiträge der KLW #9, den Leser untertänigst darum bitten, von seinem Versuch, diese Zeitschrift nun beiseite zu legen und dem staubigen Verderben des Bücherschranks zu übergeben, dringendst abraten und stattdessen auffordern, das vorliegende Werk noch einmal von Beginn an Aufzuschlagen und uns die Behandlung zukommen zu lassen, die uns zusteht.

Sollte der Leser dies bereits verrichtet haben und sich nun an dieser Stelle wiederfinden, so verbleiben wir, die Beiträge dieser Ausgabe sowie das Kollektiv, das sie verbrochen hat, mit wärmsten Grüßen in Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen.