An den Tischen vor dem Hasi-Bäck am Pennyparkplatz sitzen die alten Herren. Karohemden von der Baywa, ein blauer Parka mit Firmenlogo, eine beige Weste. Später gehen sie ins Oldies Pub. Aber noch scheint die Abendsonne auf ihr Gespräch, ihr Haferl Kaffee. Der Einbeinige rollt wieder vorbei in kurzen Hosen, das macht es leichter für ihn. Ins Oldies Pub wird er nicht hineinkommen, vermutet sie. Sie war auch noch nicht drin, ahnt aber, wie es darin aussieht. Wie in den Bars, die sie schon lang nicht mehr besucht hat. Sie schaut die alten Herren an, ohne sie anzusehen, ein Trick, damit sie sie nicht ansprechen. Das macht sie mit der ganzen Welt, aber alte Herren mag sie noch weniger als den Rest davon.
Schnell in den Supermarkt, bis das Kind abgeholt werden muss. Sie rafft Weintrauben, Cracker, Joghurt und Eiswürfel zu einem schwankenden Turm, einem Alibi für ein ziehendes Bedürfnis, das sie jetzt jeden Abend immer deutlicher spürt. Primitivo Rosé. Kostet 7,99, aber einen Dornfelder für 2,99 zu nehmen, bringt sie nicht über sich, das wäre zu billig. Ihre Mutter hat auch jeden Abend ein Bier oder einen Wein getrunken. Das war überhaupt nie ein Thema, warum sollte es das bei ihr sein. An der Kasse lässt sie den jungen, verwahrlosten Mann im nach Spliff stinkenden Anorak vor. Wieviel muss man kiffen, um wie eine Plantage zu riechen, fragt sie sich. Man muss sich imprägnieren, sich zum Frühstück einen anzünden, man muss nur eine Jacke haben, die im Einzimmerappartement am Haken hängt vor dem Raum mit Küchenzeile, wo die Bong steht, die Playsie, das fleckige, graue Sofa mit der Polyesterdecke von Ysk für zwei Euro. Brandlöcher darin. Eine staubige Heizung, überall Aschenbecher, leere Colaflaschen. Der junge Mann in Jogginghose ist am Rauchen, am Zocken, bis der nächste Tag kommt in seinem Logistikunternehmen. Vielleicht ist er für die Regalbefüllung zuständig. Sie ist Sachreferentin für IT, aber trotzdem ist sie noch individuell und trägt Vintage. Sie nimmt den Primitivo Rosé, zwei davon, das sind vier Tage, es hat keinen Zweck, es hinauszuzögern. Deshalb hat sie kein Problem. Ihr Vater trank immer einen Liter Milch nach der Arbeit, wenn er heimkam. Sie hasst Milch. Er trug auch immer ein Flanellhemd, bespritzt mit Gips und Beton, mit seinen rauen, mit Verputz beschmierten Händen. In den tiefen Furchen steckte der Mörtel, selbst während der Arbeitslosigkeit im Winter. Er nahm Glycerincreme, aber die Hände blieben steinhart, was sie kurz anrührt, aber lange hält das Gefühl nicht, auch jetzt nicht, in Momenten des Erinnerns an ihn an Supermarktkassen überwiegt der Gedanke an seine Härte. Seine Hände konnten steinhart sein beim Aufprall in ihrem Gesicht. Die Eiswürfel brennen.
Was muss passieren, dass man sich so aufgibt wie der Kassierer, fragt sie sich. Seine halblangen Haare hängen fettig bis zum Kinn. Sieht er das denn nicht im Spiegel? Sieht er seine fettigen Haare morgens und sagt sich, dass das noch geht? Dass das niemand sieht? Aber sie sieht die Schuppen auf seinem Karohemd, sie sind überallhin gerieselt. Hat er eine Schuppenflechte? Aber dann wären die Haare nicht unbedingt so fettig, sein Hemd ist auch fettig, sein Bart. Der ist verwuchert, im leeren Raum zwischen Lippe und Nase sind Pickel, vielleicht hat er Akne. Sie hatte Akne. Als Jugendliche. Das sah man sich zuhause einige Zeit an, bis entschieden wurde, etwas dagegen zu unternehmen, der Arzt fragte, ob sie schwanger sei, sie sagte: „Nein“. Dann wurde ihr eine Schälkur verabreicht. Eine Pille, so giftig, dass sie sie schälte. Ihr die Haut abzog.
Sie stand auf dem Pausenhof, allein, am Ausgang zur frischen Luft und die Haut fiel ihr aus dem Gesicht, in Flocken, in Schuppen, rieselte ihre Haut auf ihren Anorak und sie gewöhnte sich an das Gefühl innerer Freiheit. Wenn man es einmal akzeptiert hatte, alleine mit abfallender Gesichtshaut, gemieden am Rande von allen zu stehen und es nicht einmal mehr zu verstecken, sich nicht einmal mehr zu verstecken, weil es nichts mehr zu verstecken gab, dann fühlte man diese Freiheit immer wieder. Das war sicher nicht das Schlimmste.
Es ist gut, dass die Weintrauben in Plastik eingeschweißt sind, denkt sie, als der Kassierer sie über den Scanner zieht. Dann den Primitivo. Sie wird sich einen Eiswürfel hineinwerfen oder zwei, sie schmeckt schon den erfrischenden, süßlichen Geschmack und fragt sich, wann sie anfangen kann. Das Ziehen in ihr ist ihr bekannt, sie kann es deuten, sie weiß, was es ihr sagt. Aber ist es nicht auch egal? Noch hält es sich im Rahmen, aber schon kann sie sich nicht vorstellen, sich nicht diese Entspannung und leichte Erheiterung zu gönnen, die so einfach zu bekommen ist. Vielleicht schon beim Kochen. Als die Nudeln im Topf sind, macht sie sich ein Glas mit Eiswürfeln voll und gießt mit Wein auf. Mehr Eiswürfel als Wein. Als die Soße heiß ist, nimmt sie sich ein zweites Glas mit an den Tisch. Ihr Tochter streitet sich mit dem Sohn an der Playsie, sie schreit ihn an: „Wiederbelebe mich! Jetzt!“ Er schreit zurück: Da! Nimm ein Leben, so einfach ist diese Welt nicht, renn!“ Die Kleine kreischt auf: „Ich weiß nicht, was ich machen soll!“ „Spring!“, stößt der Junge aufgeregt hervor, „Gleich kommt das nächste Level!“ Das rührt sie. Wie sich die Kinder hineinsteigern in ihr Spiel. Leben ist kein Spiel, immer geht es darum, das nächste Level zu erreichen und dass sie sich noch ein viertel Glas eingießt, heißt nicht mehr oder weniger, als dass sie sich eine Pause von diesem Kampf gönnt. Eine Pause von Vintage, von gesitteter Logik mit Gemüsesticks. Sie kann sich kurz fühlen wie eine Hedonistin. Am Tisch geben sich die Kinder weiter Tipps zum Überleben in virtuellen Welten. So viele Level kann man aufsteigen. Das hat sie auch getan, sie trinkt aus Riedel Sommeliers Gläsern, aus der Phase, als sie noch echt teure Weine gekauft hat.
Nach dem Essen spielen die Kinder Pokémon im Wohnzimmer, ständig verwandelt eines sich in etwas anderes, Entwicklungsstufen werden durchdekliniert, Leben aufgezählt, die man je Angriff gewinnen oder verlieren kann. Ihr Mann werkelt im Keller. Er spricht nicht viel. Dafür die Kinder umso lauter. Sie spürt, dass ihr etwas heiß ist, sie ist angenehm müde und wird sich oben kurz hinlegen. In ihrem Zimmer hört sie die Kinder immer noch schreien. Jetzt schon Ohrstöpsel zu benutzen wäre zu früh, dann hätte sie wieder ab vier Uhr morgens ihre üblichen Alpträume. Also steht sie wieder auf und geht die Treppe hinunter. Es wäre übertrieben zu sagen, dass sie nicht ganz gut auf den Beinen ist, denn es waren immer nur viertel Gläser und ein paar mit vielen Eiswürfeln. Auf dem Antritt verschwimmt kurz der Holzboden, das Licht ist diffus, ihr ist leicht übel. Sie hält sich am Geländer fest. Es wäre witzig, wenn es sie jetzt die Treppe herunterknallt, was nicht passiert, wenn sie sich ausreichend konzentriert. Wenn man sich ausreichend konzentriert, dann passiert letztendlich nichts. „Pass auf, sonst passiert was!“, hört sie die Stimme ihres Vaters, nicht besorgt, sondern drohend. Man muss sich konzentrieren, alles richtig machen, dann passiert es nicht, aber jetzt passiert es ihr, jetzt…
Ihr Sturz vollzieht sich in Zeitlupe, sie hat noch Zeit zu denken, dass sie sich noch nie etwas gebrochen hat. Nur einmal hatte sie eine blutige Lippe, die sie ihren Freundinnen in der Schule zeigte, wie eine Kriegsverletzung. Schlimmer war es nie.
Dann prallt sie am Fuß der Treppe mit dem Kopf auf. Nacht. Ein herrlicher Zustand des Nichtseins, aber nach Sekunden wattigen Glücks, als wäre man noch nicht geboren, sähe aber schon das Licht am Ende der Öffnung nach draußen, setzt der stechende Schmerz ein. Auch wie nach der Geburt, wenn man herausfindet, dass man vielleicht nicht unbedingt die richtige Mutter ausgewählt hat. Oder ist es die richtige gewesen und das alles ist eine Art Prüfung. Wie bei Schillers Konzept der Erhabenheit. Dass das Sinnenwesen den Schmerz wahrnimmt, nicht geliebt zu werden, das Vernunftwesen aber insofern praktisch erhaben sein kann, als es den physischen Schmerz zwar spürt, aber dieser keinen Einfluss auf den Willen haben kann, in ihrem Fall wohl den Willen, ihre Kindheit unbeschadet zu überstehen. Oder hat sie Schiller nicht richtig verstanden, es fällt ihr schwer, weiter zu denken, denn ihr Kopf sticht. Und von fern hört sie die Kinder schreien. Sie rufen „Mama, Mama!?“ Sie kann jetzt nicht antworten und winkt nur schwach mit der Hand.
Danach legt sich wieder ein Schleier um ihre Wahrnehmung, wieder danach ist da die Nachbarin, die sie vollquakt. Was soll das denn nun, es ist wohl klar, dass sie einen Krankenwagen rufen soll, diese Kuh. Dann legen bärenhafte Wesen in Warnwesten sie auf eine Liege, es holpert unter ihr auf dem Weg zum Parkplatz. Sie merkt noch, dass jemand sie auf eine Art Bett zieht, dann ist sie wieder weg.
Die folgenden Tage im Krankenhaus sind herrlich. Sie liebt Krankenschwestern. Sie dankt ihnen für alles und jeden Handgriff permanent und fängt ihre mitleidigen, aber auch etwas abschätzigen Blicke auf. Als wäre sie ein Kassierer mit fettigen Haaren im Supermarkt. Ihr Mann und die Kinder besuchen sie täglich, bringen ihr Schokopudding, Orangensaft, Blumen. Ihre Tochter hat ihr Pikachu gemalt. Ihr Sohn ist irgendwie verhalten, so wie die Blicke, die er ihr manchmal am Esstisch zuwirft, wenn sie besonders laut lacht oder geistig abwesend ist. Irgendwie misstrauisch. Der Junge wird nichts von der Flasche im Kühlschrank wissen oder nicht wissen, wie oft sie voll und dann wieder leer und dann wieder voll dort stand, denkt sie sich.
Sie weiß, der Grat, auf dem sie wandelt, ist schmal. Aber wenn es den Kassierer nicht stört, dass er dort sitzt mit seinen fettigen Haaren, seinen Schuppen, dann kann es doch sein, dass es ihr auch egal sein kann, was mit ihr ist. Denn eigentlich ist alles in Ordnung. Und es ist ihr freier Wille, ihre freie Entscheidung, wie nah sie an den Abgrund herantreten will. Aber vielleicht geht es nicht darum, dass es den Kassierer nicht stört. Vielleicht ist er es sich einfach schon so lange nicht wert, dass er es gar nicht mehr bemerkt, wie wenig er sich um sich kümmert? Vielleicht kennt der Kiffer in seinem versifften Loch nichts anders, er ist immer schon in diesem Loch gewesen? Woher sollte er wissen, wie es anders geht. Dass sie jetzt gefallen ist, muss aber nicht heißen, dass sie liegen bleiben möchte. Nach den vier Tagen im Krankenhaus holt ihr Mann sie zusammen mit den Kindern ab, er hilft ihr aus dem Bett, die Kinder springen um sie herum, aber ihr Sohn lässt ihre Hand nicht los. Zuhause fängt sie seine unverwandten Blicke auf, dann zockt er mit seiner Schwester. Sie hört sie noch rufen auf dem Weg in die Küche, wo sie nur einen kurzen Blick in den Kühlschrank werfen will. Sie will sich vergewissern, wieviel noch in der Flasche ist, als sie sieht, dass die Flasche weg ist. Jemand muss sie rausgenommen haben, jetzt ist kein gekühlter Rosé mehr da, gut, dass sie Eiswürfel…
Da spürt sie von hinten eine Hand auf ihrem Arm. Sie dreht sich um. Hinter ihr steht ihr Sohn. Sie sehen sich an, als wäre es das erste Mal. Als würden sie sich zum ersten Mal wirklich sehen. Oder vielmehr sie ihn. Sie hat immer nur neben ihm gelebt, sie hat ihn versorgt, mit ihm gesprochen, nicht wirklich mit ihm geredet. „Mama, ich hab’ deinen Wein weg. Auch den im Keller. “ „Ach ja, warum hast du das gemacht? Was soll das“, will sie ihn anfahren. Sie spürt eine Hitze in sich aufsteigen, einen heißen Pfeil, der sich in ihren Magen bohrt. Ihr Kopf wird heiß, es summt hinter ihrer Stirn und sie fühlt, wie sie darüber nachdenkt, ihre Hand ganz hart werden zu lassen. Steinhart. Und dann diese steinharte Hand mit aller Kraft in dieses blasse Gesicht vor sich schnellen zu lassen. Auszuholen, um einen wirklichen Effekt zu erzielen. Und als sie sich vorstellt, wie ihre Hand gnadenlos im Gesicht ihres Sohnes aufprallen wird, denkt sie an ihren Vater. Sie denkt daran, dass das einer dieser Momente ist, die man nie wieder gutmachen kann. Man wird sich vielleicht entschuldigen können. Man könnte, wenn man noch miteinander spricht. Aber genauso gut kann es einer dieser Momente sein, in denen etwas passiert, das man nicht mehr rückgängig machen kann. Sie spürt, dass ihre Hand zittert. Noch immer brennt ihre Gesichtshaut.
So sanft wie sie kann, nimmt sie die Hand ihres Jungen und fragt: „Ja? Warum hast du das gemacht?“ „Ich hab’ Angst, dass dir wieder was passiert“, antwortet er.
Sie nimmt ihn in den Arm, hält ihn ganz fest und spürt diese Wärme, wie in den Nächten, als er noch ganz klein war und sie ihn in den Schlaf kuschelte. Sie fühlt Scham. Sie fühlt, wie das Brennen aus ihrem Gesicht weicht und sich in Wärme wandelt.
Was war in den Jahren geschehen? Warum hatte sie es nicht gemerkt? Immer hatte sie sich so Mühe gegeben, immer hatte sie sich so konzentriert und jetzt war es doch passiert. Sie war gestürzt. Und wenn sie liegen bliebe, wäre es vielleicht für andere das Schlimmste, dass ihnen passieren konnte, das ahnt sie, wenn sie ihren Sohn in den Armen hält. Sie hatte gedacht, dass es noch geht, dass es niemand sieht, aber jetzt sieht sie es selbst.