Ich erinnere mich noch genau, wie du damals an der Haltestelle standest und rauchtest. Die Straßenbahn sollte erst in einigen Minuten kommen und du genossest die Pause mit geschlossenen Augen. Eine ältere Frau kam zu dir und räusperte sich. Offenbar erwartete sie, dass du die Augen öffnen und sie ansehen würdest. Dass du es nicht tatst, verunsicherte sie.
Ein Zittern hatte sich in ihre Stimme gemischt. »Hören Sie, das ist ja krank! Das können Sie doch nicht machen. Wissen Sie nicht, dass das schädlich ist? Heute weiß man das doch.«
Du ignoriertest sie so lange, bis sie verächtlich schnaubte und sich etliche Meter von dir entfernte hinstellte – um dir bis zur Ankunft der Bahn giftige Blicke zuzuwerfen. Während der ganzen Szene hattest du dir über den Bauch gestreichelt, seine beruhigende Wärme gespürt und in dich hineingelächelt.
An dem Tag, an dem du vom Arzt zurückkamst und sagtest, du seist schwanger, hast du dich stundenlang ans Fenster gesetzt und hinausgeschaut. Anschließend bist du aufgestanden, hast dir den beigefarbenen Mantel von der Garderobe genommen und bist zum Kiosk um die Ecke gegangen, um eine Stange Zigaretten zu kaufen. Eine der unbekannteren Marken. »Die Schachteln sollen möglichst bunt sein«, sagtest du zum Verkäufer. Das war der Tag, an dem du angefangen hast zu rauchen.
Du hast dir in der Küche eine kleine Ecke eingerichtet. Dein Heiligtum, in dem du jeden Morgen das gleiche Ritual zelebriertest. Eine Tasse Tee, zwei Tassen Kaffee, drei Marmeladentoasts und vier Zigaretten. »Eins, zwei, drei, vier«, lachtest du immer. Das mit den Marmeladentoasts sei wichtig, sagtest du. Du wolltest, dass sich dein Kind an den Geschmack gewöhnt, weil Marmeladentoast gut für Kinder sei. Du habest sie früher auch gegessen. Zwei Scheiben und grundsätzlich mit Erdbeermarmelade, obwohl du Himbeere eigentlich lieber mochtest. Aber Himbeere sollte etwas Besonderes bleiben. Und wenn du irgendwo zu Besuch warst und es dort Himbeermarmelade gab, konntest du strahlend verkünden, dass das die leckersten Brote seien, die du je gegessen habest.
Vor der Schwangerschaft hattest du beim Frühstück Zeitung gelesen oder Radio gehört, jetzt schautest du nur noch hinaus auf die Birken, die sich im Wind bewegten. Die Birken hinter dem Haus waren der Grund gewesen, warum wir uns damals für die Wohnung entschieden hatten. Es waren deine Lieblingsbäume – weil sie es dir erlaubten, schwarz-weiß zu sehen, ohne die lästigen Grautöne dazwischen.
Als dein Bauch dicker wurde, fragten dich immer mehr deiner Freunde, ob du schwanger seist. Du antwortest fröhlich mit »Ja«. Ob du nicht mit dem Rauchen aufhören solltest. Wegen des Babys. Du schütteltest dann den Kopf und erklärtest, dass du ein behindertes Kind haben wollest, weil man behinderte Kinder lieber haben könne als gesunde. Gesunde Kinder, meintest du, würden mit der Zeit grausam – sie quälten Tiere und hänselten ihre Altersgenossen. Bei deinem Kind würde das anders sein. Es würde immer Kind bleiben, seine Unschuld nie verlieren und auch mit über zwanzig noch in die Arme seiner Mutter gerannt kommen, um zu weinen oder zu lachen.
Deine Freunde brachten stets das Argument des Kindeswohls an und dass dieses an erster Stelle stehen müsse. Du ließest das Argument nicht gelten. Um es zu entkräften, brauchtest du bloß eine Tageszeitung mit all ihren Katastrophenmeldungen. Ein Kind, das all das nicht verstand, musste glücklicher sein als eines, das begriff, wie brutal die Welt war – und sah, wie seine Eltern daran zerbrachen.
Nach und nach wandten sich immer mehr Freunde von dir ab. Es machte dir nichts aus, denn bald würdest du eine Freude im Leben haben, die dir niemand nehmen und die dich bis zu deinem Tod begleiten würde.
Während der Schwangerschaft hattest du mehr Lust auf Sex. Das liege aber nicht an den Hormonen, beteuertest du, sondern an der Zigarette danach. Weil das so romantisch sei und weil die großen Schauspielerinnen nach dem Sex alle rauchten. Zumindest auf der Leinwand. In den fünf Minuten danach konntest du dich fühlen wie ein Filmstar.
Einmal lagst du nackt auf dem Bett. Deine gespreizten Beine waren leicht angewinkelt und dein Bauch wölbte sich zur Zimmerdecke. Du hobst den Kopf und stießt einen Rauchschwall aus. Der Rauch floss in Wirbeln um deinen Bauch herum, bis er ihn ganz umhüllte – nur der Nabel ragte heraus. »Wie ein Berg in den Alpen«, hattest du gelacht. »Im Frühnebel.«
Dann ließest du dich zurück auf die Matratze sinken.
»Gerade wird darüber diskutiert, dass die meisten Kinder glauben, Kühe seien lila«, meintest du, ohne mich anzuschauen. »Wegen der Milka-Kuh. Alle sagen, dass es schrecklich sei, dass Kinder nicht mehr wüssten, wie echte Kühe aussehen.«
Du fandest, dein Kind solle an lila Kühe glauben dürfen. Erwachsene glaubten schließlich auch an Dinge, die es nicht gab – sichere Atomkraft oder Frieden durch Waffen. Wenn ein Kind sich Wunschdenken hingab, litt wenigstens niemand darunter.
Dann blicktest du auf deinen Alpengipfel, um den längst kein Rauchnebel mehr lag, und dachtest laut nach. »Ich glaube, wenn das Kind auf der Welt ist, höre ich auf, politisch zu sein«, sagtest du. »Ich brauche das dann nicht mehr. Vielleicht fange ich auch jetzt schon an, damit die Umgewöhnung später leichter fällt.«
Drei Wochen später kam Linus zur Welt. Es sei der schlimmste Tag deines Lebens gewesen, meintest du später. Die Geburt war kompliziert und die Ärzte rieten dir zum Kaiserschnitt, aber du lehntest entschieden ab. Das sei geschummelt, sagtest du. Als Linus Stunden später auf deinem Bauch lag, warst du fast zu schwach, um ihn zu halten.
Am selben Tag hörtest du mit dem Rauchen auf.
Linus war ein stilles Kind, das sich stundenlang küssen und drücken ließ, ohne zu protestieren. Auch nachts schlief er durch.
Doch je älter er wurde, desto nervöser und unsicherer wurdest du. Eigentlich hatte der Arzt es dir schon bei der Geburt gesagt, aber du hattest es nicht wahrhaben wollen. Was sollte ein Mann, der selber keine Kinder zur Welt bringen konnte, schon wissen. Aber er hatte recht gehabt und je älter Linus wurde, desto weniger ließ es sich leugnen, dass er gesund war – vielleicht etwas langsam im Kopf, aber weit entfernt von jeglicher Behinderung. Nachts vor dem Einschlafen weintest du heimlich. Auch Linus spieltest du etwas vor, überhäuftest ihn mit Geschenken und Aufmerksamkeit, um zu verbergen, dass du ihn nicht so sehr liebtest, wie du es wolltest.
Er wurde wie die anderen Kinder, spielte die gleichen Spiele, las die gleichen Comics und gab die gleichen Widerworte. In der Schule war er schlechter, als du es gewesen warst, aber die mittlere Reife schaffte er. Zu dieser Zeit lernte er ein Mädchen kennen. Juliane hatte fleischige Hände und trug eine blaue Brille, die ihr nicht stand, aber eigentlich war sie ganz nett. Kurz nach seinem siebzehnten Geburtstag kündigte Linus an, dass die beiden zusammenziehen würden. Du nahmst einen Schluck aus deiner Kaffeetasse, nicktest stumm und drehtest dich weg – hin zum Fenster und den Birken dahinter.