Bewusstsein

Das Wort Biodiversität sollte darin vorkommen, denkt er, während die Spülung den Rest Erbrochenes von letzter Nacht verschwinden lässt. Aus den Augen aus dem Sinn. Mit einem dreifachen Espresso und einem Schluck Hafermilch setzt er sich an den Schreibtisch.
Die Worte Monokultur und Anthropozän sollten auch darin vorkommen, denkt er. Selbst die zweite Aspirin lässt ihn die Alkoholschäden von letzter Nacht nicht ignorieren. Sein Schädel eine knisternde Kugel,in die irgendjemand einen gewaltigen Stahlbohrer rammt, während der Schriftsteller nach einem Aufhänger für seinen Essay zum Umweltschutz sucht. Er braucht einen kritischen Blickwinkel. Etwas Revolutionäres.
Umweltbewusstsein lässt sich mit mahnendem Zeige- oder wütendem Mittelfinger erzeugen, doch sucht der Autor nicht nach Wiederholungen alter Abziehbilder. Jede Geste, jeder Hinweis auf Artensterben, Abschmelzen der Polkappen, globale Erderwärmung oder einen drohenden Systemkollaps …, all das ist so leer wie das christliche Symbol des Kreuzes. Tausendfach genutzt, dogmatisiert, ironisiert, entironisiert, mit Metaebenen und Karikaturen versetzt, verwissenschaftlicht, popularisiert oder durch waghalsige Aktionen irrer Aktivisten ausgebeutet, bis nichts mehr von der ursprünglichen Aussage übriggeblieben ist.
Der gute Wille, der zur Pflicht wird.
Das Bewusstsein, das zur Floskel abwetzt. Ablasshandel mit Bioprodukten und recycelbaren Waffen. Umweltschonender Suizid. All das will er nicht befürworten. Was er will, während er Ritalinkapseln mit grünem Tee runterspült, um aus den Tiefen seiner Seele die Ressource der Kreativität zu schöpfen, ist eine Idee. Eine Idee, die nicht in leerem Symbolismus und Moralaposteln endet. Er will etwas schreiben, dass die Handlungen der Menschen verändert, nicht nur ihren Blickwinkel. In der Mittagssonne greift er zum ersten Bier. Aufgedreht von Koffein und Amphetaminen, zerkaut der Mann sich die Lippe, spuckt blutige Fäden in Taschentücher und hat noch immer keine Idee geschöpft.
Der Ausdruck biologische Diversität sollte vorkommen, denkt er. Das Bier so kühl im Rachen, er vergisst fast, dass es Gift ist. Rauchschwaden wabern durchs Arbeitszimmer, filtern Sonne und Sauerstoff. Und natürlich kennt er die Bilder auf den Zigarettenpackungen. Die verformten Embryos und karzinogenen Lungen. Doch er raucht und trinkt bloß für den höheren Zweck, seine Kreativität zu befreien. Immerhin ist das
hier ein altruistisches Vorhaben. Es geht nicht um ihn, sondern um die Welt. Später wird niemand seinen Lebensstil kritisieren. Nein!
Sie werden ihm gratulieren. Für sein scharfes Auge, seine moralische Haltung und Tapferkeit. Er allein wird sich gegen Tyrannei und Egozentrik des kapitalistischen Materialismus bäumen und die Welt retten. Ein Denkmal werden sie ihm bauen. Natürlich wird er die Statue bescheiden ablehnen.
Und natürlich werden sie die Statue dennoch errichten.
Nur noch ein Bier, nur noch eine Zigarette, dann wird das notwendige Übel seine Kraft entfalten und seine Finger über die Tastatur gleiten lassen, die richtigen Buchstaben finden und den Kollaps des Ökosystems verhindern.
Am Abend fragte er sich, wieso der Kauf von Unmengen an Plastik sich nicht anfühlt wie Massenvernichtung. Die Zigarette verlässt mittlerweile nur zu Gunsten von Alkohol seine Lippen. Wie ein Taucher an der Sauerstoffflasche hängt, saugt er an den Stängeln. Kohlenstoffdioxidgehalt und nuklearer Abfall sollten darin vorkommen, denkt er. Die Heizung auf 5, Gardinen zugezogen, kippt der Schriftsteller einen Korn nach dem nächsten rein. Es geht nicht um Wissen, denkt er. Es geht um Spüren.
Und wenn er nur noch einen Kurzen trinkt, wird die Idee kommen. Das spürt er genau! Wissen hält ihn nicht davon ab, Unmengen an Plastik zu kaufen! Es verleiht bloß ein schlechtes Gewissen beim Kauf. Gänzlich auf seine Intuition vertrauend, ist er sicher, ein letzter Korn wird die bahnbrechende Idee hervorzaubern. Alles in ihm verlangt danach.
Und mit schlechtem Gewissen zu saufen, ändert schließlich auch nichts an den Tatsachen.
In der Nacht stolpert er durch sein Arbeitszimmer, schreit den Laptop an, auf dem das leere Dokument ihn bösartig anfunkelt. Diese blanke, aggressive Leere. Auf dem Fernseher flimmern Zeichentrickfiguren, die sich gegenseitig kaputt schlagen und dabei doch keinen Schaden erlangen. Nackenschmerzen vom Trinken, Objekte, die vor den Augen verschwimmen; fehlt noch immer jede Spur von der Idee.
Etwas später, den Kopf auf Porzellan gebettet, visualisiert er sich selbst, wie er seinen weltverändernden Essay schreibt, wie er den Pulitzer Preis erhält und den Friedensnobelpreis. Umweltbegeisterte Unterwäschemodels, die ihn in – mit Ökostrom betriebene
– Fünf-Sterne-Hotels verschleppen. Doktoranden, die sich vor ihm verneigen, gigantische Firmen, die mit ihm kollaborieren, virale Hashtags, Biografien und Dokumentationen über sein Leben.
Er, der eine Retter der Menschheit.
Der glimmende Zigarettenstängel fällt ihm aus den trockenen Lippen, als ein Schwall Erbrochenes sich aus den Untiefen seines Innersten emporpumpt. Die Kotze verteilt sich in der Toilettenschüssel, als wäre es das erste Mal. Seine großartige Idee, in all ihrer sinnlich wahrnehmbaren Realität, vor ihm ausgebreitet und entfaltet. In all ihrer stinkenden, dampfenden Fülle.
Wie eine lebende Ruine hängt er über seinem Erbrochenen, Tränen in den Augen, Säure im Rachen, Speichelfäden am Kinn. Immerhin, denkt er, hat er keinen von diesen Essays geschrieben, wie sie alle anderen verfassen. Diese heuchlerischen Gutmenschen, die sich leerer Floskeln bedienen, um Aufmerksamkeit zu generieren. Nein. Er selbst bleibt für immer ein stures, wildes Stück Leben.
Die Natur lässt sich nicht domestizieren. Aber Bewusstsein sollte vorkommen.