„Bedenken Sie bitte […] – in Deutschland entsteht die meiste Lyrik auf dem Lande, in Provinzorten, mit Kindern u. Enkeln u. in Einehen“ (Gottfried Benn im Brief an Hans Paeschke vom 17. Juli 1952)

Euch fluchen wir, die ihr in Kapitalen
der hohen Lyrik, sprach- und selbstverliebt,
tagtäglich einen Text vom Stapel laßt,
auf eurem Pott, der meist doch nur auf Reede liegt,

die Backen plustert und die Segel bläht,
auf nichts und alles einen Reim verfaßt,
zwar Landes Kunst nicht kennt, doch dreist verlacht,
und über die Provinz euch auch noch lustig macht!


Steffen M. Diebold zu Flaute

Gottfried Benn schrieb allein über 700 Briefe an seinen lebenslangen Bewunderer und Förderer Dr. Oelze. Das hier aus einem Briefwechsel an Hans Paeschke, den Chefredakteur des Merkur, stammende Zitat dient als bekräftigende Einleitung und ist keineswegs ironisch gemeint.

Benn lebte zwar städtisch. Seine Sehnsucht aber richtete sich zeitlebens auf das Land, das er von seiner Kindheit her kannte (Sellin in der Neumark, Ostelbe, Brandenburg, u. a.). Vielleicht kokettierte er zuweilen auch mit seiner einfachen Herkunft. Aber (innere) Einsamkeit, Erschöpfung und Kälte waren seine ständigen Begleiter. Der Gedanke an ein, zuweilen vielleicht idealisiertes, kraftvolleres oder frischeres Leben auf dem Land gab ihm möglicherweise das nötige Durchhaltevermögen für seine Dichtung.

Die zeitgenössische Lyrik scheint sich im deutschsprachigen Raum auf wenige Städte und Stätten zu konzentrieren: Hierzulande sind das Berlin, Dresden und die Regionen um Hamburg und Köln. Für Österreich wären Graz, Salzburg und Wien zu nennen. Da gibt es das, was die dortigen Protagonisten wohl als ernsthaften Literaturbetrieb betrachten.

Doch auch auf dem platten Land, abseits jener – bisweilen etwas abgehobenen – Literaturszene wird gute und innovative Literatur verfasst. Man denke etwa an die Kurzprosa einer Frederike Frei, die Liebeslyrik einer Jutta Richter oder die Sonette einer Bettina Rosky.

Dass es jedoch generell immer weniger Möglichkeiten gibt, auch jenseits des poetischen Mainstreams zu publizieren, ist beklagenswert. Projekte wie die KLW sind daher umso wichtiger!