Ich wohne hier schon seit 23 Jahren und in dieser Zeit habe
ich Dinge gesehen. Dinge erfreulicher Natur, verliebte Paare,
vom Tag ausgezehrte Geschäftsleute, die, erleichtert und von
aller Alltagslast befreit, in die Federn sinken, abschließen, alles
andere wegschließen. Musiker, die euphorisch ihr Instrument
streicheln, zumal gepackt von Wut über die eigene Unfähigkeit
verfluchen sie es, nur um es Momente später kniend um Ver-
zeihung zu bitten. Diese Wärme, die den Raum umgibt, wenn
sie spielen. Für nichts in dieser Welt würde ich das eintauschen
wollen und wenn alle verstummt sind, dann soll es mich auch
nicht mehr geben.

Zu sagen, dass ich mir noch nie gewünscht hätte, dass es mich
nicht mehr geben soll, wäre falsch. Nein, auch ich bin traurig,
viel zu oft, wenn du mich fragst. Denn da waren auch die un-
schönen Dinge.

Dieses eine besonders unschöne Ding, das lässt mich nicht
mehr los und man sagt, dass es hilft, darüber zu sprechen. Ich
habe das noch nie gemacht, deswegen, nun ja, erzähle ich dir
jetzt davon.

Da waren drei Männer und zwei Frauen, die sich dazu ent-
schlossen haben, mich zu besuchen. Ich sah sie von Weitem,
wie sie alle fünf eng umschlungen, Arm in Arm, eine Kette
bildeten, den gesamten Flur für sich beanspruchend, in mei-
ne Richtung kommen. Ein jeder schritt mir mit entschlosse-
ner, wenn nicht sogar angespannter Miene, entgegen und die
beiden äußeren Kettenglieder trugen Koffer, die sehr schwer
aussahen. Der Inhalt, so schien es, wollte die ihm gegebenen
Grenzen niederreißen. Als sie mir entgegentraten, verloren sie
kein Wort des Grußes, ich wurde unwirsch bei Seite geschoben
und ehe ich es mir versah, waren sie an mir vorbeigeglitten.

Überzeugt davon, dass nun jedes Wort ungehört und jede Mis-
setat ungesehen sei, kümmerten sie sich nicht weiter um mich.

Man beachtet mich nicht. Es mag daran liegen, dass ich mein
Leben lange schon starr, in meinem Waltungsspielraum einge-
schränkt und stumm bin. Doch ich kann sehen und hören; ver-
gessen habe ich noch nie. Riechen kann ich auch nicht, aber
das ist in Ordnung.

Sie lösten die Schnallen der Lederkoffer und das, was zuvor
noch eingepfercht war, in einen viel zu kleinen Raum, barst,
mit der Kraft des der Freiheit beraubten, in alle Richtungen.
Die Frauen und einer der Männer lachten unbeschwert und
ließen sich auf eines der riesigen Boxspringbetten fallen. Die
beiden anderen Männer versuchten Herr über die Situation zu
werden und sammelten behutsam alles, was ihren Koffern ent-
floh, zusammen und verteilten es auf Esstisch und den Boden
vor dem mannshohen Panoramafenster, durch welches man
an einer Häuserreihe vorbei aufs Meer blicken konnte.

Ich liebe das Meer und alle die darauf herum gleiten und die
Wellen und die Gischt, die den Pier sauber wäscht.

Als der letzte Geldschein tanzend auf den Boden gesunken und
sanft auf die anderen gelegt worden war, sah ich, dass die fünf
verstummten und nebeneinander vor dem Geld und den Waf-
fen standen. Sie kratzten sich an ihren Köpfen, beinahe lustig
sahen sie aus, wie sie ratlos auf den Werthaufen blickten. Der
Kleinste der Männer ergriff das Wort und er war, so schien es,
der Anführer dieser seltsamen Ansammlung. Wie eine Hyäne
kam er jedem der Reihe nach, wild gestikulierend und mit hin-
terlistigen, scharfen Augen, näher. Die Anderen wussten nicht
so sehr, was sie ihm entgegensetzen sollten und nickten un-
sicher. Einzig die blonde Frau, die ihm am entferntesten war
und ihn gleichzeitig über einen Kopf überragte, beugte sich
zu ihrem Nebenmann und huschte ihm Worte ins Ohr. Der
Mann, den Blick starr nach vorne aufs Meer gerichtet, antwor-
tete nicht.

Die Hyäne – nichts, so schien es, konnte ihr entgehen – ergriff
eine Pistole mit ihrer rechten Hand, drehte sich kurz um die ei-
gene Achse und schoss beiden mit einem Schuss durch den
Kopf. Das, was in ihren Köpfen gewesen war, malte ein abs-
traktes Kunstwerk an die weiße Wand und die beiden leblosen
Körperhüllen sackten zu Boden.

Eine Weile lang rührte sich niemand vom Fleck. Die übrig ge-
bliebene Frau und der sie, über beinahe zwei Köpfe überragen-
de Mann, zitterten Blicke aus dem Fenster und die Hände, aus
Angst ineinander verschlungen, lösten sich zögernd.

Die tötende Hyäne stand noch immer, den Pistolenarm von
sich gestreckt, den geweiteten Blick auf sein Gemälde geheftet,
da. Einzig seine Zunge benetzte seine Lippen und seine freie
linke Hand, die er fest auf seine Leistengegend presste, ließen
Erregung vermuten.

Ich konnte nichts tun, das musst du mir glauben.

Er ergriff das Wort. Die beiden Salzsäulen erwachten zum Le-
ben und hievten ihre leblosen Gefährten ins Badezimmer, wäh-
rend die Hyäne eines der Duvets über den Blutsee legte.

Die Salzsäulen kehrten schnell wieder zurück und sahen nun
gefasster aus.

Der Haufen Geld wurden in drei Teile geteilt und in beide Kof-
fer gesteckt, wobei sich die beiden Salzsäulen einen teilten. Sie
riefen den Zimmerservice, der wie auf Knopfdruck kam und
vor mir stehen blieb. Ich wurde zur Seite gerissen. Nur ein biss-
chen zwar, gerade genug, um dem Pagen vier Flaschen Sekt
zu entreißen, bevor sie mich ihm wieder entgegenwarfen.

Es wurde laut und chaotisch. Liebesbekundungen und ewige
Treueschwüre hallten durch das Zimmer. Alle drei Körper ver-
schmolzen auf dem Bett, auf dem Boden für, so schien es, ih-
re private Ewigkeit. Ein Teil löste sich und stand nun vor dem
schwitzenden Menschenbündel. Der große Mann nahm einen
Gürtel zur Hand legte ihn sich um den Hals und bettelte die
Hyäne und die kleine Salzsäule an, es ihm nachzutun.

Sie schenkten ihm Gehör und dann standen sie dort, nackt mit
Gürtelkette um den Hals und betrachteten sich im Fenster. Die
Nacht verwehrte ihnen den Blick auf die See, doch sie sahen
sich. Das war, was sie wollten.

Der Zimmerdienst wurde erneut bestellt, doch
dieses Mal war da kein Sekt. Mit weißen Nasen
hüpften sie, manisch lachend, wie Gummibälle
durch den Raum. Zuerst ging der Tisch zu Bruch
und das Geld und die Waffen schwebten und
krachten zu Boden. Die große Salzsäule nahm
einen Stuhl zur Hand, prügelte auf mich ein,
bis er schmerzhaft an mir zerbarst.

Ich hatte Angst, schrecklich Angst, denn jetzt bemerkten sie
mich. War ich davor nichts, war ich nun alles.

Die Hyäne fixierte mich, zog eine halbvolle Whiskeyflasche un-
ter dem Bett hervor und verschwand im Bad. Die Frau, ga-
ckernd und offenbar aller Sinne beraubt, vergrub ihr Gesicht
im Pulver. Wie ein zum Mond heulender Wolf warf sie den Kopf
in den Nacken, blickte hektisch im Raum herum und ergriff
eine der anderen Pistolen. Sie schoss auf mich. Ein Magazin,
zwei Magazine, drei Magazine. Ich blickte hinab auf meinen
durchsiebten Unterleib.

Die große Salzsäule, die sich ebenfalls erneut am Puder bedient
hatte, wand sich röchelnd am Boden, Schaum vorm Mund, Blut
aus der Nase.

Die wütende Hyäne, die ein Tuch in die Flaschenöffnung ge-
steckt und entzündet hatte, ließ die Flasche fallen und ein
leuchtender, heißer Teich setzte den Teppich in Brand. Hals
über Kopf rannte er in meine Richtung, stolperte, riss die Frau
mit zu Boden und begrub sie unter sich. Die Frau kämpfte und
kratzte, wütete, konnte sich dennoch nicht befreien. Mit ge-
weiteten Augen und hochrotem Kopf flehte sie mir Blicke entge-
gen.

Langsam züngelnd kamen die Flammen näher, welche sich am
Wertpapier nährten. Je mehr Geld es verschlang, desto größer
und mächtiger schien sie zu werden, ein unaufhaltsamer Go-
lem. Die fest installierte Sprühwasser-Löschanlage könnte ihn
nicht stoppen.

Die berauschte, große Salzsäule wankte, Fieberblicke um sich
werfend, durch den Raum, bis sie schließlich den fest installier-
ten Feuerlöscher erblickte und ihn aus der Halterung riss. Diese
hatte dem Riesen wenig entgegenzusetzen. Er fummelte am
Verschluss des Heilbringers herum, versuchte ihn treffend ein-
zusetzen, während er wie Espenlaub, nein, wie ein Teich voller
Kaulquappen zitterte.

Weißer, schwerer, endloser Schaum bedeckte den Raum und
erstickte das Feuer und hinterließ eine Winterlandschaft der
Zerstörung. Die Frau war nun ohnmächtig geworden und die
Hyäne scheinbar betäubt auf ihr eingeschlafen. Die Lösch-
anlage weinte ununterbrochen weiter. Die große Salzsäule erbrach
sich, fiel in sich zusammen und blieb mit in den Schädel ge-
rollten Augen liegen.

Einen kurzen Moment geschah nichts.
Dann, ich hörte sie von Weitem kommen, kamen Männer in
Schutzkleidung den Gang entlang getrabt. Mit Äxten und Lö-
schutensilien bewaffnet, kamen sie bedrohlich näher und schon
standen sie vor mir. Ein Mann begann sogleich gegen mich
zu treten, ohne Erfolg. Er wurde bei Seite gestoßen und ein
anderer hob die Axt und schlug auf mich ein. Ein wütendes,
geübtes Stakkato. Mein Unterleib war mir nun komplett ent-
rissen worden, flehend, schrie ich meine stummen Schreie der
heranbrausenden Schulter entgegen, doch da war es schon zu
spät.

Ich knallte gegen die Wand und fiel zu Boden, zerborsten und
gebrochen.

Man trug mich in ein Kämmerchen, platzierte mich in einer
Ecke und vergaß mich. Nun stehe ich hier, in Kindesgröße, un-
fähig zu sterben und nichts mehr zu berichten. Hinter meinen
Angeln, Leben zogen vorbei.