Ins Nirvana – ein Antiaufbruch

Es gibt ein Sprichwort im Norden: In der fettesten Pflaume sitzt die Made. Bedeutet: Was süß aussieht, fault. Das hier ist die hohlste Frucht von allen. Ich denke, spielt den gleichen Song nochmal, tipptipp, Herz verschenkt, so schnell geht’s. Sonst verschenke ich nichts so schnell.

»Mama zuhause« leuchtet auf, ich wische sie weg mit einem Zungenschnalzer. Alle wollen sie was. Fuck. Massentierschreien – kurz erschrocken. Ich schaue nicht in die Mitte des Bildschirms, nein, ich mache nicht, was ihr sagt, also nicht sofort. Jemand sagt etwas Schlaues, was ich schon lange dachte. Endlich. Hierfür habe ich hart gekämpft. Aller Content ist erst mal gut, solange – hey, Unendlichkeit, Hellau, Alaaf, Kölle. Sweet Vogelnest auf deinem Kopf, trinkt was für mich mit. Nein, du nicht mehr, du hattest genug.

Mein Hirn zersetzt sich hier auch langsam. Weiß ich selbst am besten, wann es reicht. Wo es diesig wird, ist meine neue Heimat, abseits der Realität. Aber was ist schon real? Reels sind real, deshalb heißen sie so. Bling, Geburtstagseinladung. Keine Zeit, bin beschäftigt.

Selenskyj ist hot, war er, bevor der Krieg ausbrach. Seine Augenringe, damn, sad. Weine nur fast, weil anstrengend. Bekomme davon Kopfschmerzen. Und was soll’n der Weltschmerz? Lasse Liebe in den Kommentaren, viele Emojis mit wenigem Tippeln, für das Zeigen von Emotionen, die wenige Sekunden dauern und in Viertelsekunden überscrollt werden. Schon auch stressig, liegen und wischen, Hand wird kalt.
Ich sollte mich um meine Wäsche kümmern, die nass in meiner Maschine mit jeder Stunde gammliger wird. Trump wieder. Witz oder nicht? Schon Lachyoga probiert? HAHAHA, HAHAHA. Hilft instant. Breiiges Hirn kickt. German Brainrot. Kartoffelpüree ist Werkeinstellung. Können das nur Deutsche. Krasser Skill, direkt stolz.

Das bedeutet deutsch sein: teutonisch getrieben auf der Suche nach falschen Antworten auf berechtigte Fragen durch die heilige Bubble scrollen. Mein Tinnitus meldet sich. „Entspannung“, sagen sie. „Atmen“, sagen sie. Den Körper spüren. Ich will nichts spüren. Das hier ist meine Gönnung. Essen brauche ich nicht. Ob wir uns in unserer Simulation nur durch Licht ernähren können? Wer weiß das, wenn nicht die Leute in meinem gechippten Kopf. Jetzt Chips.

Ich quäle mich auf, mit dem Handy in der Hand ins Bad. Bildschirm schwarz, dunkle Pause. Mein Mund im Spiegel zieht einen komischen Winkel und schmiegt sich grau um mein Kinn. Ich fühle mich stumpf. Tütensuppe machen zu aufwendig. Energie reicht noch fürs Zähneputzen. Wieder heftet mein Blick am Bildschirm.

Ich schlurfe ins Schlafzimmer, sinke ein. Intellektuell ist mein Hirn Teil der Matratze, angenehm passiv. Im Rausch des Berieselns dämmern, alles Empfinden surreal. Müsste mal wieder Rücken machen. Hartes Training. Lohnt sich das noch wegen der Apokalypse? Aber jetzt reicht auch erstmal auf die andere Seite wälzen. Und unter uns, von Kartoffel zu Kartoffel: Wie hoch ist eigentlich deine Screentime? Oh, wow. ASMR, fühl ich krass, aber was er labert –

Dummheit, bestes Stilmittel. Wenn die grauen Zellen verrotten, sind sie dann sich selbst kompostierender Biomüll? Sind wir schon da?

Was ich weiß: Meine Wahrheit ist richtiger. Der Algorithmus ist die Muttergottes. Zeichen und Muster sehe ich nach dieser Hirnwäsche, während meine Wäsche –
Meine Augen geküsst, wir wissen so vieles. Realität ist biegsam wie Schlangenmenschen. Wir alle eins, einer Art. Sind wir da?

Fünf Uhr früh und Schlafparalyse. Dopamin im Trinkwasser, die Wolken geimpft rosa.

Du ziehst mich an der Hand durch die Massen, vorbei an Straßenkünstlern, verhüllten Gestalten, weit raus, als hinge Leben davon ab. Nichts aus dir kam erwartbar. Schönes Chaos. Es schmilzt unter unseren Sohlen. Du und ich auf schlüpfrigem Gebiet, kreiseln, bis nichts als Verschwommenes übrig ist, einig. Ich blicke in ein waberndes Gesicht. Es sagt: »Nichts Besonderes hier außer dir.«

In mir ein langes Sehnen, ein einziges Seufzen. Am Morgen des fünften Sonntags nach Trinitatis rufe ich Muttern an. Im Haus hinter der Gardine sorgt sie sich. »Mein Liebes, fahre hinaus, wo es tief ist.«