TEIL 1: DER WEG
Dem Kind wurde schon sehr früh eingebläut, dass es immer die Wahrheit sagen sollte.
Aber die Wahrheit war etwas Unbegreifbares. Sie war splitterhaft. Sie bestand aus tschechischen Märchen und Marzipanschokolade. Aus blauer Bettwäsche, einem kleinen Malteser und aus einem Haselnussbaum. Aus den Anzugschuhen, die jedes zweite Wochenende im Spalt unter dem hohen Gartentor erschienen.
Wer vor dem Tor auf das Kind wartete, änderte sich ständig. Mal waren es Männer, mal waren es Frauen, alle unwahrscheinlich unterschiedlich. Die einzige Gemeinsamkeit war ihr Beruf: UM- GANGS-PFLE-GER. Das hatte man dem Kind erklärt, beim ersten Mal – als das erste Paar Schuhe unter dem Tor auftauchte, als das Tor das erste Mal geöffnet wurde, als das Kind das erste Mal mitgehen sollte.
Bis zu diesem Zeitpunkt war das Kind äußerst aufgeschlossen gewesen. Es war kontaktfreudig und freundlich. Ein Sonnenschein. Jetzt würgte es seine Mutter. Aus Angst, um nicht gehen zu müssen.
Natürlich brachte das nichts. Kinderhände sind viel zu klein, um den Hals einer Erwachsenen zu umfassen, geschweige denn kräftig genug, um mehr auszulösen als Verwunderung. Also löste die Mutter die Kinderhände von ihrem Hals, küsste sie und übergab sie dem Fremden. Man redete gut auf das Kind ein, trat heraus zur Straße, verabschiedete sich. Man schloss das hohe Gartentor, machte sich gemeinsam auf den Weg. Man lächelte fromm hinab. Der Mann. Und das Kind, das schrie. Es schrie, bis der Putz sich von der Hausfassade löste. Bis die Pflastersteine unter seinen Füßen bebten und die Bäume ihre Blätter fallen ließen. Es schrie, bis die Ampellichter durchbrannten und die Tankstelle explodierte. Es schrie so lange, bis sie das Haus erreichten, auf der anderen Seite der Stadt. Vielleicht aber auch nur ein paar Straßen weiter. Es schrie, bis die Stufen zur Haustür erreicht waren, bis der fremde Begleiter die Klingel drückte. Bis sich die Tür öffnete.
Dann war es still, das Kind. So sollte es noch lange gehen. Es würde schreien, bis es heiser war, bis zwischen dem ersten und dem letzten Schrei sechs Jahre lagen. Bis es längst keine Stimme mehr hatte.
Die Wahrheit also: Die Wahrheit war, dass es die Wohnung im Dach gab. Diese Wohnung im Dach. Diese Dachgeschosswohnung. Darin ein Kinderzimmer, das keines war, aber so verzweifelt versuchte, eines zu sein:
Dort gab es eine quietschgrüne Wand mit vielen Postern – Ponys, die das Bett umzingelten – und Puppen, denen das Kind die Haare ausgerissen hatte. Ein Doppelbett mit fremdriechender blauer Bettwäsche.
Nichts davon hatte das Kind selbst ausgesucht oder sich gewünscht. Es zerstörte das neu gekaufte Spielzeug und riss die Pony-Poster von der Wand. Doch auch das nützte nichts. Beim nächsten Besuch würden da neue Puppen liegen und er würde neue Poster an die Wand gehängt haben: Vielleicht keine Ponys mehr, stattdessen Bären oder Pinguine. Es war kein Kinderzimmer. Da war ein Zimmer, eingerichtet für ein Kind. Für irgendeins.
Eine Küche, ein Wohnzimmer, ein dunkler Speicher im Dach. Ein weiß gefliestes Bad. Eine Badewanne und ein Plastikhocker vor dem Spiegel. Rasierschaum im Wandschrank und Hundeshampoo auf dem Badewannenrand. Es gab ein Handtuch am Haken. Es gab eine Nagelschere. Ein Handtuch am Haken. Und hier gab es das Kind, jedes zweite Wochenende, immer dann, wenn es sich im Badezimmerspiegel sah. Die Wahrheit war, dass es hier kein Innen und kein Außen gab. Bloß über oder unter Wasser.
Die meiste Zeit war es hier furchtbar still.
Eines Abends, gut ein Jahr nach dem ersten Mal, erschien Frau Wöll vor dem Gartentor. Das Kind sagte der Mutter einmal, dass es Frau Wöll hasse. Wöll, Gewölle – das ist Eulenkotze, erwiderte die Mutter darauf. Das Kind nickte. Das ergab Sinn. Ab jetzt nannte es sie heimlich nur noch so: Frau Eulenkotze. Manchmal sang es den neuen Namen, wenn es auf dem Trampolin sprang, grinste bei jedem Sprung in der Luft und ließ die Silben auf dem Netz aufprallen. Wie die nackten Füße: Wöll. Ge-Wöll Eu-len-kot-ze.
Dabei biss es sich lachend auf die Zunge.
Frau Wöll lachte nie. Sie streckte erst der Mutter, dann dem Kind die starre Hand entgegen. Diese Hand musste das Kind den ganzen Weg lang halten. In der Dachgeschosswohnung angekommen, blieb Frau Wöll länger, als es die ersten Umgangspfleger getan hatten, sagte, sie wolle sich vergewissern, dass das Kind auch rechtzeitig schlafen gehe. Sie stand über dem Bett und sah zum Kind hinab. Es sagte: Ich kann nicht schlafen.
Es sagte: Ich kann hier nicht schlafen.
Frau Wöll kräuselte den Mund. Sie zog dem Kind die blaue Decke bis zum Kinn und legte die kalte Hand über seine Augen. Sie sagte: Jedes Kind kann schlafen lernen, schaltete das Licht aus und schloss die Tür.
TEIL 2: DIE BEFRAGUNG
Herbst. Der Himmel hängt tief. Merkwürdiges Licht. Blau leuchtend. Dunkel, aber man kann die Wolken noch ziehen sehen. Ein großes altes Gebäude. Schwere Türen.
Sicherheitsschleuse. Alles bekannt. Das Kind ist elf, fast zwölf, doppelt so alt wie beim ersten Mal. Es hängt an der Hand der Mutter. Das Kind kennt den Ablauf. Es wird auf Waffen untersucht. Es räumt die Taschen leer: Ein Haargummi, zwei fusselig klebrige TicTacs, eine Haselnuss. Der Mann hinter der Glasscheibe winkt das Kind vor. Es tritt in die Schleuse. Ein metallisches Geräusch, es klickt, dann leuchtet es grün. Der Mann hinter der Glasscheibe nickt. Das Kind tritt in den Bauch des Gebäudes.
Es ist kalt hier. Sehr viele Stufen. Alles aus Stein, alles weiß. Dritte Etage. Von oben kann ich runterschauen auf ein Mosaik ganz unten. Ich kann auch runterspucken. Könnte. Mama lässt mich nicht.
Die Mutter setzt sich. Das Kind zählt die Schritte bis zur Treppe. Es setzt einen Fuß vor den anderen.
Zwei. Drei. Vier. Heute ist es ein bisschen anders als die letzten Male. Fünf. Sechs. Sieben. Wir sind hierfür in die Großstadt gefahren. Acht. Neun. Zehn. Es ist ein noch größeres Gericht als zuhause. Elf. Zwölf. Ein bisschen wie ein Schloss. Zwölf. Zwölf Schritte.
Ein großer Mann im Anzug kommt auf die Mutter zu. Man gibt sich die Hand. Der Richter heißt Herr –
Schmidt.
Doktor Schmidt.
Er spricht zur Mutter. Das Kind sitzt auf den Treppenstufen, regungslos. Es starrt die weißen Marmorstufen hinab.
Stein schlägt auf Haut, schlägt auf Knochen, nimmt mich fort – Mama sagt, ich muss jetzt mitgehen.
Das Kind steht auf. Kein Widerstand. Es hat längst keine Zähne mehr. Es folgt dem Richter den Gang hinunter und sieht sich nochmal nach der Mutter um. Die wirft ihm einen Kuss zu. Das Kind fängt ihn auf und steckt ihn in die Hosentasche. Der Richter hält dem Kind die Tür zu seinem Büro auf. Es tritt herein, der Richter folgt. Er schließt die Tür:
Vermerk über die Anhörung des Kindes L. D. am 20.08.2013:
Das Kind kam mit seiner Mutter. In einem kurzen gemeinsamen Vorgespräch wurden sie über den Zweck und den Ablauf der Anhörung informiert. Die Anhörung fand in meinem Dienstzimmer in Gegenwart der weiteren Senatsmitglieder Grommes und Fleischhauer sowie der Verfahrensbeiständin, Frau Wendorff, statt.
Fleisch-Hauer. Fleiiiiiisch-HAU-Er. Das klingt fies. Aber er ist viel kleiner als Mama und hat einen lustigen Schnurrbart. Er sieht aus wie ein Hamster.
Das Kind macht – zumindest zunächst – einen entspannten Eindruck.
Sie haben dir gesagt: Du darfst nicht lügen. Du musst die Wahrheit sagen. Die Wahrheit. Schließ die Augen, geh auf die Suche.
Es hat seinen Vater nach dem Termin beim Amtsgericht in B. noch einmal in der Stadt gesehen, aber nicht mit ihm gesprochen. Es vermisse ihn auch nicht, denn –
Ich habe mich nie wohl gefühlt bei ihm.
Es vermisse den Hund, den es früher gehabt habe und der nach der Trennung der Eltern beim Vater zurückgeblieben sei.
Ich weiß aber nicht, was jetzt mit Cisco ist. Weiß nicht, ob er noch lebt.
Als die Eltern noch zusammen lebten, habe sich vorrangig die Mutter um das Kind gekümmert, während der Vater seine Zeit vor dem PC verbracht habe. Es verbinde mit ihm nur unangenehme Erinnerungen.
Einmal, da …
habe der Vater in der Gegenwart des Kindes die Muttergetreten.
Und immer wenn ich da war …
habe er dem Kind die Fingernägel so kurz geschnitten, dass es weh getan habe.
Ich will nicht mehr erzählen.
Jetzt versuche der Vater zwar gelegentlich nett zu sein, respektiere aber nicht die Wünsche des Kindes, nicht geküsst oder umarmt zu werden. Auf den Hinweis, dass dies für einen Vater doch nicht so ungewöhnlich sei, bricht das Kind in Tränen aus.
Das Kind weint lautlos. Es schaut zum Fenster. Draußen nur Dunkelheit.
Ich sitze auf einem Stuhl. Ich atme ein, bis es nicht mehr geht. Ich schaue auf die Uhr und kann sie nicht lesen. Ich bin klein und Uhren sind sinnlos. Ich sitze hier. Ich warte, dass etwas passiert. Ich atme ein, bis es nicht mehr geht und dann noch ein Stück. Das Büro ist kalt. Der Stuhl ist zu groß für meinen Körper. Meine Beine sind zu kurz, um den Boden zu berühren. Mir ist kalt. Ich will nach Hause. Es ist kalt hier. Dunkel. Blau. Ich will hier weg.
Die drei Anzugträger Grommes, Fleischhauer und Schmidt sitzen hilflos da. Frau Wendorff legt dem Kind die Hand auf die Schulter. Es wischt sich übers Gesicht, fängt sich. Richter – Doktor – Schmidt fährt fort:
Wir besprechen mit dem Kind die Frage eines Kontaktes per Telefon und/oder Brief. Telefonieren möchte es mit dem Vater nicht, aber es schließt nicht aus, ihm zu schreiben. Es sei dem Kind allerdings egal, ob der Vater ihm antworten würde. Vielleicht würde es später einmal wieder Kontakt zu ihm haben wollen –
Die Befragung ist vorbei. Man bedankt sich bei dem Kind, man gibt ihm die Hände. Man wünscht alles Gute, öffnet die Tür. Und das Kind, das rennt. Es rennt den kalten Gang hinab, wird schneller, immer schneller, rennt auf die Mutter zu. Doch das Kind ist viel leichter als vor ein paar Stunden. Es ist wie aus Papier. Es rennt und rennt und der Wind greift ihm unter die Arme, bis es den Boden unter den Füßen verliert. Das Kind steigt auf, zum Fenster hinaus und in die dunklen Wolken. Der Wind trägt es sanft. Höher, immer höher. Es donnert. Das Kind beginnt dem Wind zu flüstern:
Die Wahrheit also. Ich habe keinen Körper. Es gibt nur einsame Knochen. Es gibt ein Handtuch am Haken. Es gibt Fingernagelsplitter auf dem Boden und wunde Fingerspitzen. Es gibt Küsse. Es gibt Knochen. Das weiß ich, weil ich sie zertrümmern will. Es gibt kein Außen und kein Innen. Es gibt Auftauchen und Abtauchen. Luft anhalten gibt es immer. Es gibt keine Farben, es gibt nur rot. Es gibt eine Buntstiftzeichnung in der Hand meiner Lehrerin. Es gibt eine rote Sonne in der Ecke des Bildes und andere rote Dinge in anderen Ecken. Es gibt ihren Mund, der sagt: »Ich bin verpflichtet dich das Folgende zu fragen:« Es gibt kein Außen, es gibt kein Innen. Es gibt keine Farben, es gibt nur rot. Es gibt etwas Wahres. Es gibt Lügen. Es gibt eine Wohnung im Dach. Es gibt Dinge, die ich nicht erzählen darf. Es gibt Übelkeit, jeden zweiten Montag. Und Schmerz, den gibt es. So lange, wie es Väter gibt. Und Väter gibt es zumindest manchmal. Wenn sie dir rote Mäntel schenken und wenn sie dir sagen: »Du wächst da rein.« Es gibt keine Väter, nur manchmal, nur dann, wenn es keine Mutter gibt. Es gibt kein Kinderzimmer. Es gibt kein Kinderbett. Es gibt zerdrückte Motten an der Wand. Es gibt einen Vater, bis du ihn vergisst.
Der Wind hört zu. Er nimmt das Kind in die Arme, trägt es höher, bis ihm blaue Federn wachsen. Bis der Himmel es verschluckt. Es donnert. Ein Wolkenbruch. Endlich. (Regen.)
TEIL 3: DAS ENDE
Ich bin kein Kind mehr. Ich werde immer eines bleiben. Ich bin eine Frau, manchmal, meistens aber ein Mädchen aus Papier. Etwas Durchsichtiges, Zerknittertes. Etwas Zerrupftes, etwas mit Federn. Etwas mit wackeligen Zähnen. Sommermorgen. Es ist warm. Blauer Himmel, keine Wolken. Der Anruf kommt aus dem Nichts. Ich beeile mich nicht. Ich fahre langsamer als sonst. Während ich mich dem Krankenhaus nähere, überlege ich immer wieder einfach weiterzufahren. Doch etwas scheint mich in seine Richtung zu ziehen, ohne dass ich den Weg kenne. Ich biege an den Kreuzungen richtig ab, fahre um die richtigen Kurven und parke in der richtigen Straße. Wie ein Zugvogel, der einfach zu wissen scheint, wo es im Winter warm ist. Aber je näher ich komme, desto kälter wird mir.
Ein modernes Klinikgebäude. Schiebetüren. Eingangshalle. Es riecht nach Desinfektionsmittel. Ich frage am Empfang nach Station C, Zimmer 315. Ich nicke, ich bedanke mich, ich gehe zum Aufzug. Keine Stufen, drei Etagen. Alles geht viel zu schnell.
Die Aufzugtüren öffnen sich.
Leere Krankenbetten stehen auf dem Gang. Eine Krankenschwester lächelt mir zu. Ich laufe durch die Station, sehe ein Schild, das mich in den richtigen Gang weist. Drei. Vier. Fünf. Ich zähle die Schritte. Sieben. Acht. Neun. Ich setzte einen Fuß vor den anderen. Elf. Zwölf. Dreizehn. Ich sehe auf. Zimmer 315. Ich atme ein, ich atme aus, ich klopfe an. Ganz hinten am Fenster liegt etwas. Es riecht nach aufgeweichter Haut. Nach nassen Wunden. Der Fernseher hängt oben an der Decke. Skispringen lautlos. Da liegt es. Ganz hinten. Weiße Haut und schwarzes Haar, gefärbt. Der graue Ansatz schon weit herausgewachsen. Die Augen vernebelt von Schmerz. Nicht mehr grün, sondern grau. Nicht mehr beißend, sondern müde. Zwei Augen, ein Mund. Der Eckzahn, der immer schon leicht zwischen den Lippen hervorguckte. Es bewegt sich kaum. Es könnte die Zähne nicht mehr fletschen, selbst wenn es wollte. Es ist zu krank. Es ist alt und hat ein Gesicht. Es erinnert mich an etwas. Es flüstert, ich solle näher kommen. Ich trete an das Ding im Bett. Es riecht vertraut. Selbst nach all den Jahren macht sich meine kindliche Biologie über mich lustig. Sie meutert meinen Körper, lässt mich zittern, lässt mich fallen, dem Urbiest, dem Betrüger meiner Kindheit vor die Füße. Mein Leben lang hatte ich versucht, diesen Höhenunterschied zu vergessen. Ich sinke für niemanden auf die Knie und habe die Hornhaut meiner Kindheit über die Jahre weich gecremt. Jetzt falle ich freiwillig.
Ich lege meinen Kopf auf die Matratze und drücke meine pochende Schläfe an sein Bein. Sein Atem über mir, irgendwo, leise, kratzend. Hier, dem Ursprung meiner Ängste so nah, verstehe ich, dass ich in meinem Leben nur zwei Worte kenne. Mein Herz erinnert sich schmerzhaft, verkrampft, schreit heraus: Lieb mich! Lieb mich! Ich hasse ihn. Lieb mich, lieb mich, lieb mich! Herz-Muskelkater. Ich fühle mich fiebrig. Es gibt kein Innen und kein Außen. Ich hasse ihn. Ich drücke meine Stirn noch fester an sein Bein. Er flüstert meinen Namen. Seine Stimme ist gealtert. Er atmet flach. Meinen Namen, noch einmal, meinen Name, leiser.
Dann nicht mehr. Dann nie wieder.
Etwas verändert sich. Etwas scheint die Welt ganz wesentlich zu verändern. Etwas bricht auf.Das ewige Treiben scheint ein Ende zu haben. Es ist vorbei und das ist die Wahrheit, zumindest in diesem Augenblick. Es gibt keine großen und keine kleinen Körper mehr, keine trennenden Häute, keine einsamen Knochen. Nur Härte und Hitze und Pochen. Nur ein Bett und ein sterbendes Wesen und eines, das endlich leben darf.
So bleibe ich knien, an seinem Bett, eine ganze Weile wohl. Ich – hier unten, lebendig, atmend. Er – da oben, reglos, tot, aus Stein.
Es ist das erste Mal, dass ich in seiner Anwesenheit einschlafe.
Irgendwann streicht er mir sachte übers Haar. Ich zucke. Ich hebe den Kopf und spüre die Rillen in meiner Stirn, die seine Cordhose dort hinterlassen hat. Über mich gebeugt steht eine Krankenschwester, ihre Hand noch sanft auf meinem Kopf. Sie sagt irgendetwas.
Mir ist, als sei ich auf einer anderen Seite meines Lebens aufgewacht. Sie sagt irgendetwas. Dieses andere Leben scheint immer schon da gewesen zu sein, scheint auf mich gewartet zu haben.
Ich sehe zum Bett hinauf. Da liegt etwas. Etwas Altbekanntes, Fremdes. Etwas wie aus einem alten Traum. Ich sehe es mir ganz genau an. Ich vergewissere mich, dass es wirklich tot ist.
Es atmet nicht mehr.
Hier, jetzt gerade, ist die Wahrheit so klar wie noch nie. Die Wahrheit also, ein letztes Mal: In diesem Zimmer gibt es keine gute alte Zeit. Hier gibt es keine Vergebung, keine zweite Chance. Hier gibt es einen toten Vater. Und hier gibt es so etwas wie ein Kind.
Ich ziehe mich auf die Füße, ich öffne das Fenster. Der Sommerwind zieht sachte an mir, ich steige hinaus, es ist so hell, ist so warm, ist so blau.