In letzter Zeit denke ich öfter an Mikroplastik. Mein Freund hat mir erzählt, es sei mittlerweile überall, in fast jedem Organismus der gesamten Erde, auch in unseren Herzen und Hirnen. Dass es fast alle Barrieren durchdringen kann. Ironisch, finde ich, da es ja ursprünglich hauptsächlich als Barriere verwendet wurde, das Plastik. Darüber denke ich nach. Und über meinen Freund. Ich dachte nicht, dass ich durch ihn viel lernen würde, aber dieses Gelernte durchdringt langsam, bewegt, es ist schwerer benennbar als das andere Wissen, feinstofflicher.
Auf meinem Weg zur Arbeit liebe ich ihn am meisten, keuchend, auf dem Fahrrad, ich schreibe Liebesbriefe in meinem Kopf, wenn die Sonne kommt, ist das alles greifbar.
Wenn die Sonne scheint, ist es leichter zwischen uns, besonders im Frühjahr oder im Herbst, wenn unsere Körper nicht dazwischenstehen, wenn sie nichts verlangen an diesen Tagen. Dann ist die Zärtlichkeit zwischen uns ein besonderes Geschenk.
»Wie alt warst du, als du keine Angst mehr hattest vor Mitternacht?« Er fragt mich das, nachts, wir sitzen am Meer. Es ist Ebbe, über unseren Köpfen der Mond, er ist voll, der Strand ist leer, und mein Freund hatte noch nie Angst im Dunkeln. Nicht mal als Kind. Nicht mal um Mitternacht. »Ich weiß nicht, ob es jemals aufgehört hat. Es ist weniger die Uhrzeit geworden, als das, was die Gedanken hervorbringen, in der Nacht.« Er antwortet, dass er auch manchmal Albträume hat, aber das verknüpft er weniger mit der Uhrzeit, sondern wenn schon eher mit dem Bett, oder dem Schlaf, aber eigentlich schläft er immer trotzdem ganz beruhigt ein. »In letzter Zeit träume ich zum Beispiel andauernd vom Weltuntergang.«
Ich denke an meine Mutter, wie sie mich Ende 2011 manchmal im Arm halten musste und in den Schlaf wiegen, weil meine Angst vor 2012 so groß war. Und wie sie mich tröstete bei großen Unwettern. »Du brauchst keine Angst zu haben, solche Regentage gab es früher auch schon. Das hört immer wieder auf.« – »Aber, was wenn nicht?« – »Dann gibt es irgendwo im Tal einen See, und dann können wir dort schwimmen gehen.«
Ich erzähle ihm davon nicht. Seine Weltuntergänge sind etwas anderes als meine. Aber wir beide haben bisher alle überlebt. Ich kann spüren, wie mein Angstpegel sinkt, wenn ich seine Hand greife.
Dann gehen wir über zur Mondbeobachtung. Wir tauschen Informationen aus über ihn und wie er Ebbe und Flut macht, von so weit weg denken wir nach darüber.
In der Küstenstadt nämlich, wo wir Wellen und Wolken betrachten, dort gebe ich meinen rechten Kopfhörer in sein Ohr und lege meine rechte Seite an seine linke. So liegen wir Wange an Wange, lassen die Musik unsere beiden Köpfe durchqueren und fangen das Rauschen des Meeres zwischen unseren Ohrmuscheln ein.
Seine Augen glänzen im Licht, wenn ich nah an seiner Brust liege und ihn beobachte. Es haben seine Augen ein bisschen was von dem, was auch Wale in ihren Augen haben, ein Blick so, als hätte er schon einmal eine Welt untergehen sehen, eine andere, größere, und damit Frieden gefunden.
Ich versuche, dort am Meer die Wellen beim Wandel zwischen Ebbe und Flut zu beobachten, und den Mond auf seiner Bahn, den Sternenhimmel in seiner Drehung und die Temperatur meiner Füße beim Sinken und … antworte diesen Unmöglichkeiten immer mit der Hoffnung, dass es irgendwann gelingen könnte. Manchmal kann ich den Regen kommen riechen.
Seine Hand fühlt sich rau an und ein bisschen staubig, besonders hier in dem Sand. Und sie zu halten ist manchmal ein bisschen anders, jetzt zum Beispiel, manchmal nehme ich ihre Maße auf eine andere Art wahr als sonst, ein Verzerren, ein Dimensionsspiel. Dann fühlt es sich so an, als hätten wir zum ersten Mal seit langem unsere Nitrilhandschuhe abgenommen und einander Hände gefunden. Ein ganz neues, echteres Gefühl. Obwohl ich seine Hand doch so gut kenne. In diesen Momenten fühle ich mich ganz besonders klein und geborgen in seiner.
Es geht darum, denke ich dann, egal was ist, immer wieder dahin zurückzukommen. Das, was dazwischenliegt immer wieder abzunehmen, auszuziehen, zu durchdringen, und seine Hand zu halten, seine echte Hand zu halten. Ja, darum geht es, dann wird alles gut.
Nachts denken wir gemeinsam an den Mond, denken nach darüber, ob ich als Frau wohl mehr lebe nach seinem Rhythmus als nach dem Rhythmus der Sonne, oder nach beiden gleichermaßen, ob ich wohl manchmal zerrissen werde zwischen diesen beiden Himmelskörperrhythmen oder gehalten werde von ihnen. In der klaren Nacht finden wir keine Antworten, nur gerade so noch den Weg zu unserem Bungalow, schlaftrunken und ein bisschen ausgekühlt. Wir tragen Sand mit uns hinein, er knirscht unter den Türen.
Stunden später singen Frühmorgensvögel, ich ziehe mich an zu dem Rhythmus seines Atems, ich putze die Küche dazu, (sie ist klein und in einer Ferienwohnung,) sein Schlafgeruch parfümiert den Raum. In der Ferne kreischen Kinder, lachen, ein Hund bellt. Es gibt keine Uhrzeit.
Zum Frühstück essen wir das Innenleben von einander Brötchen, schenken einander Nahrung und Liebe: Ich ihm einen Bissen von meinem, er mir dasselbe, die Worte »ich liebe dich«, danach der Erdbeerkuss extrasüß. Ich höre diese Worte und versuche, sie wirklich aufzunehmen. Ich bitte ihn grinsend, sie nochmal direkt in mein Ohr zu sagen, dann kommt es besser an, dann ist weniger Luft dazwischen und weniger Staub und weniger Zweifel.
Tagsüber achte ich auf die kleineren Dinge, ich breite eine Handvoll Sandkörner in meiner Handfläche aus und versuche, Glas- und Plastikteilchen von echten Steinchen zu unterscheiden. Ich finde drei Teile, die entweder Insekten oder Insektenüberbleibsel sind und drei, die eindeutig menschgemacht sind, der Rest sind Steine, oder Irgendetwas, es ist wirklich schwer, das alles zu unterscheiden, ich verliere die Lust an dem Spiel und werfe am Ende alles wieder zurück ins Meer, auch das Plastik, auch das Glas.
Von ganz nah beobachte ich seine Barthaare beim Wachsen und sein Körperfett beim Schwinden, seine Klamotten, wie sie langsam von dem Zahn der Zeit zerfressen werden – und wenn ich ganz fest daran glaube, spüre ich auch meine Liebe für ihn wabern, mal wird sie kleiner, mal größer. All das in seinem Schoß, dort am Meer, wo er meine Augen vor der Sonne schützt.
Wir essen halb geschmolzene Schokoriegel, die Verpackungen legen wir zwischen uns, damit sie nicht wegwehen. Ein paar Sandkörner kleben am Ende daran, auch überall sonst, der Sand findet überall hin. Auf dem Weg zurück zum Bungalow begegnen wir einer Katze, sie gehört zu dem Grundstück, denken wir, oder vielleicht ist sie weggelaufen. Sie kommt zuerst auf ihn zu, dann auf mich, dann streift sie im Achtergang um unsere Beine. Katzen machen das immer so mit uns. Ich schicke dieser Katze Liebe durch die Luft, und es ist nicht so wichtig, ob sie ankommt oder nicht. So liebe ich ihn auch, denke ich mir. Ich liebe ihn so, wie ein Tier. Bedingungslos in meinem Leben, und auf eine Art, die mit einbezieht, dass er nicht für mich da ist, sondern einfach so, ganz zufällig. Ich denke das mit Hoffnung, vielleicht ist das ja die Lösung, einfach ein bisschen sanfter lieben, leichter, …
Vormittags gehen wir in der kleinen Stadt spazieren. Am Rand finden wir einen Sexshop neben dem Aldi Nord, ein Auto parkt davor. Kurz denke ich an meine letzte Beziehung, dass wir dort auch kurz vor der Trennung in so einem Laden waren, Spielzeuge kauften, ein letzter Versuch, wieder Freude miteinander zu teilen, aber dieses Mal ist anders, ja, wir gehen bloß ohne Ziel umher. Bereits der Parkplatz stellt einen Ort dar, an dem die Welt schon einmal untergegangen ist. Drinnen ist es mehr so. Wir schauen uns die Lack- Korsetts an, und die Zeitschriften, wir staunen gemeinsam über die großen Dildos, dann findet er bei den Kondomen eine Packung Lecktücher, die er mitnimmt. Nur so aus Neugierde, hat er gesagt, aber ich habe die Hoffnung, dass wir darin vielleicht irgendwie etwas entdecken können, etwas das uns neu antreiben könnte, irgendwas …
Wir probieren es zuhause aus, er nimmt ein Tuch aus der Packung und küsst mich damit. Das hat uns die Verkäuferin erzählt, dass man das auch machen könnte, bei Herpes zum Beispiel. Ich hab ihn dann angeschaut, aber er hatte gerade keine Bläschen auf den Lippen, also daran kann es nicht gelegen haben, dass sie es gesagt hat, sie sagt das wahrscheinlich einfach immer dazu.
Abends küsst er meine Füße in der Badewanne, die schon ganz schrumplig geworden sind, ich denke mir da, er würde mich noch lieben mit 80, wenn er so schrumpelige Füße küssen kann, dann kann er mich noch lieben mit 80.
Liege mit ihm im Bett so nah, dass er alle meine grauen Haare sehen kann, wir wussten das beide gar nicht, dass es sie da gibt, ich frage mich, wie lange sie wohl schon dort warten, auf einen Prinzen, der sie entdeckt, in einer Art Rückwärtsdornröschenschlaf.
Er lässt mir die Wahl, ob er sie reißen soll; ich bitte ihn, sie nur zu zählen, und danach mich zu küssen und mich endlich zu sehen, ganz. Danach massiere ich seinen Schädel, er brummt. Ich denke mir, so liebevoll können wir miteinander sein, ja.
Ich spüre eine Veränderung in dem, was zwischen den Dingen liegt, dort, im Kleinen, in dem dazwischen ohne Namen. »Sag mal, dieses Mikroplastik, sind da schon Effekte nachgewiesen worden im menschlichen Körper?« Aber er ist eingeschlafen, er reagiert nur mit einem Raunen und einem Schmatzen und ich schaue sein Gesicht an (sein Schlafgeruch ist sogar schon da, so sehr schläft er schon) und ich schaue jedenfalls sein Gesicht an und denke mir, dass ich glücklich bin.
Seine Wut kommt wie ein Windstoß beim Durchlüften, taucht auf, bringt neues, verwüstet, verschwindet, knallt die Türen oder stößt sie auf und manchmal bin ich ein ganzer Körper in diesen stürmischen Räumen, an dem das alles nicht rüttelt, manchmal aber auch nur ein Stück Papier, und dann fühlt es sich so an, wie ich mir das Gefühl beim Erleben einer Naturkatastrophe vorstelle. So groß, so unbeeinflussbar ist dann alles.
Obwohl ich noch nie die Entstehung eines Kratzers beobachtete (in der Wand, im Parkett), ist klar, wie sie entstehen, und dass es unabsichtlich passiert, und auch dort oben am Meer … da hat etwas einen Kratzer gemacht in irgendeine übersehbare Stelle meiner Haut, die ich später erst spürte, jetzt nämlich, wo es im Salzwasser brennt, vielleicht ist es tief.
In diesem Ozeanmoment, da zwischen den Wellen kann ich das Wetter beim Umschwung beobachten, die Luftfeuchtigkeit steigen riechen und den Regen in der Ferne; den Wind, wie er aufkommt, denke an meine Mutter vor Jahrzehnten, an diesem besonders stürmischen Nachmittag: »Du brauchst keine Angst zu haben, solche Regentage gab es früher auch schon, das hört immer wieder auf.« – »Aber, was wenn nicht?« Wie ich es ihr nie glauben konnte. – Denke: »Dann gibt es irgendwo im Meer einen See, und dann können wir dort schwimmen gehen.«
Als er mir entgegenschwimmt, sind seine Haare länger und ein wenig blonder, was mir erst auffällt, als sie nass sind, nicht mehr ganz lockig und nicht mehr dunkelbraun vom Wasser nur noch hellbraun, fast länger als meine …
Meine Lippen küssen seinen Körper, der langsam
unter ihnen unspürbar wird,
genau wie meine Liebe,
in Mondgeschwindigkeit
wabert das alles davon,
es ist so viel leichter, denke ich da,
eine Katze zu lieben, oder einen Menschen aus sicherer Distanz.
Es ist so staubig in unserer Ferienwohnung, es ist, als läge sich der Staub auf unsere Haut, auf unser Händehalten, auf unsre Blicke unsre Worte unsre Liebe, und überall ist dieser Sand, von dem ich nicht einmal klar sagen kann, woraus er besteht.
Abends ein Gewitter, uns ist vollständig entglitten, dass wir uns lieben und auch, wie sich einander Hände anfühlen. Selbst als ich an seiner Schulter liege (ein Experiment in der aktuellen Spannungslage), liege ich eher an meiner Erinnerung an sie als an ihr.
Wir haben den Sonnenuntergang verpasst. Er wäre eh nicht so schön gewesen an dem Abend, später fliegt eine Motte ins Zimmer, schlägt mit den Flügeln gegen das Glas der Tiffany-Lampe, erst von außen, dann von innen, dann verstummt sie.
Ich habe Angst, dass du gegen mich verlierst, wenn wir streiten.
Wir streiten nachts, schieben es auf den Mond, sagen »Der Vollmond ist dieses Mal wirklich heftig.« – »Es war noch nie so oft Vollmond wie mit dir.« (es endet unentschieden)
War da ein Lecktuch zwischen unseren Lippen beim Trotzdem- Gute-Nacht-Kuss?
Wenn die Sonne aufgeht, wird das alles leichter.
Allein im Bett, der Urlaub ist vorbei, das Glück, allein zuhause …
Die Brötchen, die ich zum Frühstück esse, sind eine Art Stein. Ich suche einen Ort, um meine Füße zu waschen und zu Peitschen und einen Arzt, der mir sagen kann, wie deformiert sie sind und ob noch Hoffnung besteht für eine Heilung.
Nachts halten sie einander, sie streifen sich die Socken ab und halten aneinander fest, was mich überrascht im Halbschlaf, denn dieses Verhalten kenne ich von ihnen nicht.
Halbschlaffluvialgedanken
Greifen nicht mehr möglich
Vielleicht schläfst du (auch) schon
Dort, wo du jetzt … liegst
Ich liege, es entgleitet mir
Lege mich im Kopf auf seine Brust
Heimathautlos
Die Brötchen, die ich zum Frühstück esse, sind eine Art Stein …
Ich denke in letzter Zeit öfter nach über Mikroplastik, und wie die Sache in meinem Gehirn aussieht, ich stelle mir ein mikroskopisch kleines Plastikteilchen vor, das sich irgendwo zwischen meine Synapsen klemmt, und Dinge fehlerhaft weiterleitet. Affekte, Gefühle, Entscheidungen. Ein bisschen wie diese Mikrochips, gab es da nicht mal so eine Sache?
Ich suche einen Ort, um meine Füße zu waschen und zu peitschen und einen Arzt, der mir sagen kann, wie deformiert sie sind und ob noch Hoffnung besteht für eine Heilung.
Nachts halten sie einander, streifen die Socken ab und halten aneinander fest, was mich überrascht im Halbschlaf, denn so kenne ich sie nicht und es gibt mir ein wenig Hoffnung, dass doch noch nicht alles verloren ist mit ihnen, dass ihnen noch etwas Warmes innewohnen kann etc.