Er schaukelt unaufhörlich, kippt von links nach hinten und danach über rechts nach vorne. Ein kleiner Junge, er kann bereits laufen, bewegt sich jedoch in kurzen Sprüngen fort. Ihn belustigen die Bewegungen der Wellen, die das Boot überträgt: Der schmale Flaschenhals durchbricht die Wogen des Meers; der runde Bauch humpelt hinter ihm her. Der Kleine lacht ein zögerliches, quietschendes Lachen, es dringt zwischen den Körpern der anderen hindurch zu mir. Unsere Haut klebt aneinander. Es ist heiß auf dem Meer und es würde nur mäßige Erleichterung bringen, die Hände über den niedrigen Rand des Boots zu strecken und die Finger durch die Wellen gleiten zu lassen. Wir versuchen alle so gut es geht trocken zu bleiben, schließlich haben wir noch eine lange Strecke vor uns. Die Frau, auf deren Schoß der Junge sich einrollt, sieht müde aus, abgekämpft. Sie lehnt sich an die schmale Reling des Boots, Lackbrösel haften an ihrer Haut. Ich bin auch müde. Bald werden wir alle schlafen, die Sonne steht schon tief. Vielleicht sehen wir noch einen Sonnenuntergang.
So matt wir alle sind, wenn uns die Sonne tags austrocknet, so rastlos werden die anderen in der Dämmerung. Noch sind wir nicht angekommen; mich klebt die Sorge an meinen Platz fest. Das Ziel liegt hinter dem Horizont und er sperrt uns unter dem Himmel ein. Einen anderen Weg haben wir nicht, wir müssen irgendwo ankommen. Wenn wieder Nacht ist, werden die anderen laut werden. Weinen und Schreien begleitet das spärliche Licht der Sterne. In der Dunkelheit bewegen sie sich und geraten in Panik. Dem Nichts kann keiner entkommen. Bei brennender Sonne scheint sich der Horizont etwas zu nähern, aber nachts sind wir ausgeliefert. Wir werden vom Boot bewegt, wie das Boot von den Wellen, und wissen nicht wohin. Das Boot kippt dann unkontrollierter, die kleinen Lecks finden wir nicht und unsere Füße werden nass. Die Kälte kriecht die Beine hinauf und in den Hals, auch wenn wir nicht sinken. Oft kann sich jemand vor Panik nicht halten, springt auf, bringt alles aus dem Gleichgewicht, die Lecks lecken, mehr Wasser läuft in das Boot. Gepfercht sitzen und kauern und hängen wir aneinander und hoffen, dass wir nicht kentern. Nach vorne hin wird das Boot schmaler. Vor ein paar Tagen rannte einer über diesen Flaschenhals hinaus, hielt es nicht länger aus. Das Meer verschluckte den Körper sofort. Die Reling ist die einzige Grenze, alle anderen nehme ich nicht mehr wahr.
Ich will runter von diesem Boot. Das Boot will uns auch nicht haben. Es wackelt und windet sich, wir sind ihm zu schwer. Bleiben können wir so nicht viel länger. Wir werden nicht gesucht, müssen aber gefunden werden, bevor wir von Bord können, sonst treiben wir einfach weiter gen Horizont und werden irgendwann zu Meeresgrund. Meine kribbelnden Beine spüren die Bewegung zuerst. Es knackt und dann ist es nass. Der Himmel über uns birst. Scherben reflektieren das Mondlicht, als alles um uns herum zerbricht. Das Boot schwankt nicht mehr, das Boot ist weg. Oben und unten drehen sich, es zieht meinen Körper in verschiedene Richtungen. Das Wasser hatte ruhig gewirkt, solange ich noch nicht mit den Armen gerudert und beim Strampeln anderer Menschen Köpfe getroffen hatte. Der Bauch der See versucht mich zu verdauen. Ihre Zähne beißen in meine Lungen, in meine Augen. Ich sehe nur noch Umrisse. Wir waren über Tage in der Hitze zu einem Körperklumpen zusammengeschmolzen, jetzt strecken sich meine Gliedmaßen, herausgebrochen aus dem Klumpen, im Kampf hilflos aus. Für einen Augenblick greift meine Hand eine kleine. Ich reiße die Augen auf, um in dem schwarzen Tumult im Wasser etwas zu erkennen, da wischt eine Welle die kleine Hand wieder fort.
Unendliche Stunden, in denen ich Luft suche. Später spüre ich, wie mich manchmal der Meeresboden berührt. Ich komme irgendwo an, werde aus dem Wasser gepflückt wie Müll. Auf mich hat hier wohl niemand gewartet. Ich bin unangenehm, unerwünscht, abstoßend. Wir sind hier hereingebrochen, wir und unsere Schiffsscherben, und sie schneiden sich bereits an uns, ohne einen von uns zu berühren. Wir sind gekommen als Nachricht. Der kleine Junge vom Boot liegt schon an dem Strand, an dem ich abgeladen werde. Er hat eine Menge Wasser in seiner Lunge mitgebracht. Um ihn herum sind triefende Müllreste im Sand verstreut. Seine kurzen Finger strecken sich nach den Scherben aus.