Fire and Ice – aber Gewitterdonner und Hagelschlag sind irgendwann vorbei. Der Himmel bricht auf, die Morgensonne strahlt – wir müssen jetzt mal raus. Fire and Ice – meine neuen Sneaker strahlen mit: »Hey Digga!, come on!«, trappeln sie ungeduldig. »Unser Auftritt – lass sehn, was sich hier Neues tut !« Wir drei, also meine beiden Sneaker und ich, brechen auf, dahin, wo um diese Zeit viel Volk ist.
Gegenüber der Tankstelle auf der riesigen Reklamewand klebt ein frisches Werbeplakat: Strammer Bursche – lederne Kniebundhose, kariertes Hemd, Trachtenhut mit Gamsbart und ein Huhn auf dem Arm – nebst Riesen-Sprechblase: »Aufbruch jetzt! Zu meinem Bergbauernhof! Hol dir meine frischen Henderl!« Daneben ein Gehöft mit Geranien auf dem Balkon und dicken Steinen auf dem Dach auf satt-grüner Almwiese vor gezackter Bergwelt und Himmel weiß-blau. Unterzeile: »Frische Kräuter in bester Bergluft – volle biologische Kraftnahrung für meine Tiere.« Und dann kleingedruckt: »Sonderangebot! Nur 100.000 Stück bundesweit in ausgewählten Verkaufsstationen unserer Kette verfügbar.«
»Mhm, so’n Hühnerschenkel in meiner Pfanne könnte lecker sein«, denke ich und biege mit meinen Sneakern auf den Parkplatz ein. Die Schrift des Kleingedruckten glotzt mich aus der Nähe groß an: »100.000 Stück.« Nicht Tausend, nicht Zehntausend, sondern Einhunderttausend. Wie passen denn solche Scharen von Hühnern auf die kleinen Bergwiesen? Beim ersten Auftritt dieser Masse von Tieren sind doch all die frischen Kräuter sofort platt getrampelt oder aufgefressen. »Seit wann lebt unser liebes Federvieh nur von Kräutern?«, krittelt Ice, mein rechter Sneaker.
Aber Fire, mein linker Sneaker, hört schon auf anderes: lautes Hupen auf der gegenüberliegenden Tankstelle. »SUPER, 95 ROZ, heute nur 1,189 Euro/Liter«, lockt noch ein großes Werbeplakat. Abgebildet ist ein belegtes Brötchen, dem die drei Buchstaben BIO wie eine Fahne im Herbstwind hinterherflattern. »Was steht da so kleingedruckt drunter?«, will Fire wissen und schleicht näher. »To sneak« heißt nämlich auf Englisch »schleichen«. Wir lesen: »1,189 Euro/Liter, für die ersten 10 Liter Superbenzin, sofern Sie dazu zwei Super-Bio-Burger zu 5,98 Euro pro Stück verzehren.« Und ganz klein rechts unten: »Die schmackhafte Boulette kann Spuren oder Bestandteile von Hühner- oder Pferdefleisch enthalten, das nicht durchgehend biologisch großgezogen worden ist.«
»Sind das etwa die Reste der 100.000 Henderl vom smarten Bergbauern auf der Reklamewand gegenüber?«, fragt Ice sofort. »Ist das Brötchen vielleicht mit einem Schuss Superbenzin geschmacklich verfeinert?«, erfrecht sich Fire. Ich rufe beide zur Ordnung.
Ordnung erfordern auch die zwei Autoschlangen auf der Straße und auf der Tanke. »Was soll dieses Herumgehupe nützen?«, meckern beide Sneaker und führen mich automatisch näher zu den immer wieder aufblökenden Signalhörnern zweier Fahrzeuge: Neben der Säule mit dem großen Super-Werbespruch steht ein gigantischer Geländewagen. Tiefschwarzer Mattlack kontrastiert zu monströsen Rädern in maximalem Chrom-Glanz, wetteifernd mit ebenso strahlend verchromten Rammschutz-Bügeln.
»SUV, natürlich: Ess you wie!«, assoziiert Ice ungefragt. »Kann der Typ aus dem SUV-Auto nicht endlich entscheiden, ob er die beiden Brötchen von der Tankstelle mampfen oder den Gummiadler aus dem Supermarkt fressen möchte oder alle drei hinunter würgt?«, kommt das Echo von Fire.
»Ruhe!«, kommandiere ich. »Ich will mitbekommen, was an der Säule abläuft.« Dem schwarzen SUV entsteigt ein gestandener Bursch, lederne Kniebundhose, kariertes Hemd und steifer Gamsbart am Trachtenhut. »Ach, fast der Bio-Bergbauer von gegenüber!«, freut sich Fire. »Will der jetzt statt der 100.000 Hühnchen von der Reklamewand die beiden Benzin-Brötchen auf seinen Diätplan setzen?« – »Für sein Doppelkinn und die feiste Wampe wärs das geringere Übel!«, gähnt Ice und will schon wieder umkehren.
Doch es kommt Action auf. Gegen das hoch aufragende, schwarze Auto rummst beinahe ein flaches weißes Fahrzeug. Obercool in vielen Windkanalstunden stromlinienförmig zurechtgeschliffen, kontrastiert es in schillerndem Perlmutt-Metallic- Weiß. Leicht geschwungene, dynamische Kanten der wind-schlüpfrigen Abdeckungen wirken irgendwie erotisch.
Dem weißen Fahrzeug entstöckelt eine Blondine mit halbmeterlangem Pferdeschwanz auf 10 Zentimeter hohen High-Heels lasziv. Unendlich lange Beine sind – trotz der bereits herbstlichen Temperatur – mit einem winzigen Lederrock mehr ent-deckt als be-deckt. »Ich war als erste hier!«, schrillt das blonde Wesen. »Könnten Sie Ihren Karren vielleicht mal einen Meter zurücksetzen, damit ich an die Säule kann? Sie Gamsbart Sie, bekommen Sie das vielleicht fahrerisch zuwege?«
»Das ist ja die schiere Dreistigkeit!«, baut sich die Kniebundhose auf. »SIE müssen mir Platz machen, denn ICH war vor Ihnen da. Gefälligst vorsichtig, damit das glimmerige Make-Up von Ihrer Visage und von ihrem Flachwagen nicht abbröckelt und hier die Umwelt verschmutzt.« Doch Blondchen giftet voll zurück: »Kommen sie mir hier bloß nicht mit Umweltschutz. Mein neues Elektroauto ist das umweltfreundlichste, das es überhaupt gibt. Bei Ihrer fetten Kiste kann man doch zugucken, wie die Gifte in Wolken aus ihrem Auspuff kommen!«
Der SUV-Fahrer pöbelt zurück: »Und ich gucke jetzt nicht mehr lange zu, wie Sie sich vor dem Rückwärtsfahren drücken. Falls es Ihnen noch nicht aufgefallen sein sollte: das Teil ihres Fahrzeugs, an das Sie sich gerade anlehnen, das ist das Vorderteil. Und Sie müssen jetzt in die andere Richtung fahren, nämlich in die Richtung, in die Ihre beiden Hinterbacken zeigen – RÜCKWÄRTS!«. Seine Stimme wird schrill: »Von Umweltverschmutzung, da müssen Sie Modepüppchen mir nichts erzählen. Mein brandneuer Tobota, hat einen so super fortschrittlichen Dieselmotor mit einem so gewaltigen SCR-Filter, dass, wenn die Luft mit diesem Kohlen-Mono, also mit diesem Kohlen-Mono-Dingsda schwer belastet ist, nach der Verbrennung weniger von dem Gift in der Luft ist als vorher.« Die Sneaker werden unruhig. »Ist das so?«, zweifeln sie.
»Sie toller Tobota-Typ«, ätzt die Dame, »dann torkeln Sie jetzt fix in ihren Traumwagen. Ob Sie trotz des Ess-Zeh-Err-Filters in Ihrem dämlichen Donner-Diesel noch etwas von den hier angebotenen Burgern essen können, das ist voll Ihr Problem. Aber sicher ist, dass Ihre gewaltig großen Hinterbacken IHNEN jetzt Ihre Fahrtrichtung weisen.«
Die Wampe des tobenden Tobota-Typen schwabbelt so heftig, wie die aufgetakelte Dame elegant hin und her tänzelt. Fire warnt sehr, mich nicht in die Diskussion einzumischen, aber Ice hat mich schon längst zu besagter Super-Säule schleichen lassen:
»Meine Dame, mein Herr, entschuldigen Sie bitte, wenn ich mal ganz kurz unterbreche. Obwohl es Sie offensichtlich nicht wirklich zu interessieren scheint, aber an dieser Säule gibt es nur Superbenzin, das sie weder für den Dieselmotor ihres Tobotas nutzen noch bei Ihrem Teslala in die Batterien einfüllen können. Ich brauche es übrigens auch nicht, denn mein linker Sneaker Fire – sehen sie die rote Sohle? – hat sozusagen Feuer unterm Hintern.« – » Meine weiß-blaue Sohle löscht, wenn Du mal wieder durchbrennst«, ergänzt Ice souverän.
»Nix wie weg hier!«, unterbricht Fire panisch, »bevor die ihre Wut an uns auslassen!« – »Wart doch erst mal ab!«, beruhigt Ice. »Hinter dieser grotesken Situation muss irgendwas stecken.« Und tatsächlich kommt es ganz anders als befürchtet. Anstatt auch mich wütend anzukreischen, wendet sich das blonde Gift auf seinen langen Beinen mir zu und lächelt mich freundlich an: »Guten Morgen und herzlich willkommen! Mein Name ist Anja Neugereuther von der Werbeagentur AAA – Avantgardistisch, Alternativ, Attraktiv.« Ehe ich mich noch recht besinnen kann, verpasst mir die Dame ein Bussi links, ein Küsschen rechts und weist mit schwungvoller Geste auf den beleibten Herren: «Darf ich Ihnen jetzt meinen Chef vorstellen? Mr. Cash!«
Der Träger des Gamsbartes streckt mir seine Hand zur Begrüßung hin: »Auch von mir einen schönen guten Morgen! Mein Name ist Cash, Frank Walter Cash von AAA. Sicher werden Sie sich schon gefragt haben, was dieser Auftritt hier eigentlich bezwecken soll.« Vollkommen überrascht von dieser Wendung, fällt mir als Antwort nur mein eigener Name ein: »Steilmeier, wie geil, aber mit Ess-Tee am Anfang.« Und Mr. Cash spricht gleich weiter: »Es ist gut, dass auch ihre Sneaker kein Superbenzin benötigen, ebenso wenig wie der Dieselmotor meines Fahrzeugs oder der Elektromotor des Dienstwagens meiner Assistentin Anja. Denn die Tankstelle öffnet erst in anderthalb Stunden wieder, um Benzin auszuschenken. Bis dahin haben wir sie gemietet und ein paar Statisten engagiert.«
Mr. Cash weist auf die scheinbar wartenden Autos, die immer mal wieder hupen. »Um auf dem derzeit fast restlos leer gefegten Personalmarkt für engagierte Werber die besten Leute zu akquirieren, muss man sich etwas einfallen lassen. Unsere Firma hat den Suchauftrag einer großen Werbeagentur für besonders einsatzfreudige und unkonventionelle Texter, die im Home Office für Großkunden aus den verschiedensten Branchen herausragende werbliche Ideen und dazu passende Texte ersinnen und verfassen sollen, die sich aus dem derzeitigen Main-Stream herausheben und sogar mit selbstironischen Anspielungen Persönlichkeiten gewinnen, die bisher auf konventionelle Weise nicht ansprechbar waren.«
Mein verblüffter Fire muss zugeben, dass er eine derartige Ansprache von der zuerst nicht so ansprechenden Lederhose nicht erwartet hatte. Ehe Fire sich für seinen Irrtum richtig entschuldigen kann, fährt Mr. Cash fort: »Damit die Anwerbung die richtigen Leute anspricht, sind wir mit einem passenden Beispiel vorangegangen, das übrigens auch kaum teurer ist als eine konventionelle Werbeaktion mit Google und Facebook. Sie, Herr Steilmeier, haben auf diese Werbung angesprochen. Ihr Outfit mit den Sneakern Fire and Ice auf verschiedenfarbigen Sohlen gefällt mir. Sie sind unser Mann!«, sagt er und drückt mir seine Visitenkarte in die Hand: »Haben Sie heute Abend zwischen 17.00 und 20:00 Uhr schon etwas Interessantes geplant? Wenn nicht, dann kommen Sie in unser Assessment-Center in der Schillerstraße 27. Der Straßenname passt zu unserem Anspruch: Wir suchen die besten Texter. Übrigens, wir bewirten Sie heute Abend nicht nur mit den hier versprochenen Brötchen und Bouletten, sondern auch mit einem schönen Büffet. Sind Sie dabei?«
Es antwortet wieder Fire: »Zu der Einladung zum Abendessen habe ich soeben deinen Magen intensiv zustimmen gehört.« Derart überstimmt zeige ich meinen Sneakern den Weg in die Schillerstraße. Seither dürfen sie jedes Mal zuhören, wenn ich mit viel Phrasenklang und Wortgebimmel die Tastatur meines PCs werblich klappern lasse.