Vorwort #8

Sehr geehrter Herr Karl W.
Hallo Karl?
He du.

Ich weiß, es wird Zeit, dass ich dir schreibe, habe mich schon zu lange davor gedrückt. Das Vorwort gibt mir endlich einen Vorwand, der Zug nun die Gelegenheit dazu – „… heute fünfundzwanzig Minuten später von Gleis sechs …“ – Ob ich mir Sorgen machen soll, weil ich schon zum dritten Mal verstehe: „… Grund dafür sind Reparaturen an einer Leiche …“?

Ich zeichne absurde Gedankenbilder und radiere sie wieder weg … zurück zu dir.
Ich weiß, es wird Zeit, dass ich Worte an dich, statt immer nur über dich finde.
Man fragte mich schon voll Eifersucht:
Wer ist denn nur dieser Karl W., über den du immer redest?
Und wieso triffst du dich ständig mit ihm?
Ich versuchte mich zu erklären – wohl eher vor mir selbst – und traf auf Unverständnis:
Was soll denn das jetzt, oooh, literarisches Engagement, Ehrenamt, wir sind ja alle so engagiert, junge interessierte Generation, tolles Projekt und so … – Ich kotz gleich!
Mir scheint:
die Menschen können mein Gekotze nicht mehr ertragen,
und nicht aufhören darüber zu lachen,
und nicht aufhören mitzumachen,
ich danke ihnen für die Nachsicht, und apropos,
ich danke dir für die Nachricht, du weißt, auch wenn sie nicht an mich gerichtet war.
Ich weiß, du fragst immer nach Partizipation, aber ich frage mich, was das ist.
Statt produktiv zu sein, war ich bisher höchstens destruktiv mit meiner Meinungslosigkeit.
Entschuldige mich, ein unabsichtlicher Boykott. Ist die Enthaltung in einer Abstimmung schon Partizipation? Ich boykottiere den Druck, Position beziehen zu müssen. Was mich kalt lässt, lässt mich kalt. G.F. schrieb #7: Wer schweigt, bejaht. Aber ich schweige ja nicht, sondern werfe dir meine Enthaltungen um die Ohren. Wer es braucht, nehme meine Neutralität als Ablehnung. Nichts gegen dich, nur so generell. Ich stoße in letzter Zeit auf viele Probleme mit Sprache, dem Abbild und der Ursache vielen Übels, und zugleich der einzigen Option, die es gibt. Und du, du bestehst doch aus nichts anderem! Mein Beileid. Falls du dir schon Sorgen gemacht hast: ja, es gibt Grund dazu. Bist du nun Freund oder Feind? Und wozu immer diese plakativen Dichotomien? Komplexitätsreduktion ist auch Ursache vielen Übels, und dennoch die einzige Option, die wir haben.
Also wohl weiter so – Mach dir keine Sorgen.
Ach Karl W.
Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Es ist wohl schon fast drei Jahre und einige Sinneswandel her, dass ich deinen Namen das erste Mal hörte von einem vorbeilaufenden Jungmenschen, als ich gerade mit dem Kopf in der Mülltonne steckte. Versuchen wir keine Metaphern zu lesen, wo keine sind. Jetzt bist du acht Einheiten alt und ich gratuliere dir mit diesem Brief zum Namenstag. Der Kuchen ist gebacken und jedes Wesen darf so viele Zeilen kosten, wie es will, kotzen auch erlaubt. Auf den Teller, servierte Kotze zum Kosten für alle, auch gut.
Genug?

Ein pronomenloses V. mit einer Vorliebe für Nullen