Was spielt es für eine Rolle?

Orientalische Spezialitäten steht auf der Tafel. Auf dem Teller oder im Sandwich. Sonntagabend – hungrig und müde, kurz vorm ersehnten Ankommen zu Hause, entscheide ich mich im Moment des Vorbeifahrens an einem kürzlich neu eröffneten Restaurant direkt bei mir um die Ecke, dort noch Falafel zu holen. Grüne und rote Ballons hängen über dem Schaufenster und der Tür. Ich bin die einzige Person, bestelle zum Mitnehmen. Der Mann hinter dem Tresen beginnt Falafel Bällchen zu formen und sie in die Pfanne zu legen. Ich geh kurz in mich – sinnlose Verpackung, zu großer Hunger und die Vorstellung zu Hause allein in der Küche zu sitzen. »Ach, ich würde doch direkt hier essen.« Das Hörbuch über die Kopfhörer weiterlaufend, setze ich mich an einen der Tische, lege meine Maske beiseite. Kurz schaue ich mir nochmal die Speisekarte an und frage mich, aus welchem Land die Inhaber wohl kommen. Am Fenster auf einem Barhocker sitzt ein zweiter Mann, der offensichtlich auch zum Team gehört, er dreht sich leicht zu mir. Vor ihm eine Tasse Tee.

Er fragt, ob ich nicht auch welchen möchte, deutet auf seine Maske, die er kurz zuvor noch trug und bemerkt, dass das Tragen nervt. Ich stimme, mit einem Kopfhörer noch im Ohr, zu. Hinter mir läuft im Fernsehen eine arabische Nachrichtensendung. Der Mann schaut auf sein Handy. »Sie wollen die Maßnahmen wieder verschärfen, ich habe es gerade gelesen.« Ich verspüre den direkten Impuls selbst die Nachrichten zu checken. Das Essen wird gebracht. Für meine Verhältnisse esse ich schnell. Nebenbei immer mal wieder ein Kommentar von dem Mann wahrnehmend. Ich beobachte, wie er sich drei oder vielleicht auch vier gehäufte Teelöffel Zucker in seinen Tee tut und ertappe mich dabei, wie ich ihn und seinen Körper augenblicklich genauer analysiere. Er ist schmal und klein, etwas drahtig. Das Hörbuch schalte ich nun aus. Der Mann wiederum schaltet das Fernsehprogramm um und es ertönt arabischsprachige Musik. Mein Teller leert sich und allmählich stellt sich ein Sättigungsgefühl ein. Mit dem Brot wische ich die letzten Hummus-Reste auf. Ob es gut war, werde ich gefragt. Ich gebe mir einen Ruck, stecke meine Müdigkeit etwas zurück und lasse mich auf eine Unterhaltung ein. Ich erkundige mich, wie das Restaurant läuft. Er erzählt und erzählt, redet viel und schnell, teilweise etwas undeutlich und leicht gebrochen. Schon seit fünfundzwanzig Jahren lebt er hier in der Ecke, es laufe sehr gut, trotz der Eröffnung während Corona-Zeiten. Ein angenehmer Wortwechsel entwickelt sich.

Ich berichte über mein Studium, er kennt den Studiengang nicht. Dafür aber Kinder von Freunden, die Soziale Arbeit studieren. Eigentlich wollte er Zahnarzt werden, doch es war schwierig, damals als er hergekommen ist. ’93 war das. »Da warst du noch gar nicht auf der Welt, oder?«, ein freundliches Lachen im Gesicht. Erneut unterdrücke ich einen Impuls. Vielleicht wäre es bei der Dynamik des Gesprächs auch völlig in Ordnung, doch irgendetwas hält mich davon ab und so stelle ich sie nicht, die ‚Woher kommst du?‘-Frage. Um mir selbst etwas zu beweisen? Oder tatsächlich aus dem Bewusstsein über mein fehlendes Einschätzungsvermögen, was es für den Befragten bedeutet, diese Frage gestellt zu bekommen? Die Worte von Alice Hasters klingen noch in meinem Kopf nach. Ihr Buch »Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten« habe ich heute Mittag in der S-Bahn begonnen zu hören. Sicherlich wirkt sich ihr Geschriebenes auch unmittelbar auf mein Denken und mein Handeln in diesem Moment aus.

Mein Blick wandert nach draußen zu meinem Fahrrad und der noch daran hängenden Fahrradtasche. Der Mann bemerkt es. Ich erwähne, dass ich ursprünglich nur schnell Essen zum Mitnehmen holen wollte. Er bekräftigt meine Entscheidung geblieben zu sein. »Das Auge isst doch mit.« Und frisch wäre es doch auch nicht mehr, bis ich zu Hause gewesen wäre. Ihm wurde bereits ein Fahrrad gestohlen, berichtet er noch. Wir regen uns kurz gemeinsam über Menschen, die so etwas tun, auf. Ich zahle bei dem anderen Mann, bedanke mich und verabschiede mich herzlich von beiden, wünsche ihnen alles Gute. Welcher Küche genau die Orientalischen Spezialitäten jetzt entstammen, weiß ich beim Hinausgehen leider immer noch nicht. Die kleinen, aber feinen Unterschiede machen da doch etwas aus, habe ich mal gelernt. Aber würde diese Info etwas verändern mit meiner Wahrnehmung und der Art, wie ich diese Begegnung in Erinnerung behalte? Was spielt es für eine Rolle? Es hat geschmeckt und ein freundliches Gespräch mit dem Inhaber noch dazu – Gründe genug, um wieder dort Falafel essen zu gehen.